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Brandſtütte von Kuitznit bei Gitſchin
Skizze vou Georg Hiltl.
Zwiſchen Turnau und Gitſchin zieht ſich eine ebenſo an⸗ muthige als pittoreske Gegend hin. Zuweilen bleibt die Land⸗ ſtraße eine halbe Stunde lang von kleinen Gehölzen eingefaßt, dann windet ſie ſich eine Anhöhe hinauf und klettert auf der andern Seite wieder hinunter, läuft zwiſchen anmuthig ge— legenen Dörfern fort, immer begleitet von waldigen Bergrücken und Felspartien, welche oft ſtattliche Burgruinen oder weit⸗ hin ſichtbare Kapellchen krönen. Die ganze Landſchaft theilt ein mächtiger Höhenzug in zwei Theile. Vor Gitſchin ſteigt er terraſſenförmig auf, und es iſt die ganze Umgegend, wenn man ſie aus der Höhe betrachtet, mit einem plötzlich ſtarr ge⸗ wordenen Meere von Hügeln und Felsgruppen zu vergleichen. Daher kam es, daß der Kampf, der hier am 29. Juni 1866 zwiſchen Oeſterreichern und Sachſen einer- und den Preußen andererſeits tobte, von den kämpfenden Heeren nicht überſehen werden konnte, vielmehr ein Doppeltreffen war, welches von den gegen Gitſchin auf der Straße von Turnau, und den gegen Gitſchin auf der Straße von Lototka vordringenden Preußen ganz geſondert geliefert wurde. Ein heißer Tag war es für alle dabei betheiligten Truppen. Die Tapferkeit Aller iſt über jedes Lob erhaben, und wenn es für den Sieger ehrenvoll geweſen iſt, einen blutigen Tag zu gewinnen, ſo dürfen die Beſiegten ſich gleichwol rühmen, als tapfere Männer ihr Beſtes eingeſetzt und dem unvermeidlichen Geſchicke die höchſten Opfer gebracht zu haben. Von ihren friedlichen Bewohnern verlaſſen war die ganze Gegend am Tage nach dem Treffen. Das Leben welches ſich in den öden Ortſchaften an der Landſtraße bewegte, war das des Krieges, der Gewalt, die unabläſſig ihre Mannen, ihre Wagen und Roſſe vorwärts zur großen Entſcheidung trieb, die wenige Tage ſpäter bei Königgrätz ſtattfinden ſollte. Aus den Fenſtern der leerſtehenden Häuſer ſchaukelten ſich die zerbrochenen Läden, und die Dächer waren halb zerſtört von der vernichtenden Granate oder der gefräßigen Flamme. Hie und da flatterte eine weiße Fahne mit dem rothen Kreuze als Zeichen, das Verwundete in den Räumen ein Unterkommen gefunden hatten.
Wo die Straße ſich gegen Gitſchin von Turnan kommend abzweigt, ſah man die Ueberbleibſel eines ſtarken Verhaues. Käppis und Torniſter, halbzerſchlagene Wagen, Pferdeleichen und roſtige Waffenreſte lagen umher. Der umgeſtürzte Pfahl
mit dem Namen des Dorfes an der zertrümmerten Tafel
lag in einer Pfütze, welche durch Ausgießen von lehmfarbigem Waſſer und aufgewühltem Schmuze gebildet worden war.
Hier eröffnete ſich der Eingang zu einem ſtattlichen Dorfe. Aber was hatte die Kriegsfurie daraus gemacht? Die Straße, ehemals durch eine ſaubere Steinfaſſung begrenzt, ſchien drei— mal ſo breit zu ſein. Sie lief bis an die Mauern der Häuſer. Dieſe Mauern waren vom Brande geſchwärzt, Kugelſpuren wie ungeheure Pockennarben zeigten ſich an tauſend Stellen. Eingeſunkene Dächer ließen ihre Sparren gleich fleiſchentblößten Rippen hervorragen, das Stroh des Daches hing wie ſchmuzige Rieſenbärte von den zerſchmetterten Firſten nieder und in weiter Höhe kreiſte das Storchpaar umher, vergeblich nach dem Neſte ſpähend, das es einſt in ruhiger Zeit, mit den friedlichen Bewohnern die Stätte theilend, innegehabt. Es iſt das Dorf Knitznitz, welches ſo traurigen Anblick bot. Die Windung des Weges führt zunächſt an ein ſteineres Gebäude: die Poſthalterei. Vor demſelben be⸗ findet ſich eine noch ſichtbare Barrikade. Junge, noch grüne Erlen ſind hier zwiſchen Zaunpfählen, Wagenrädern, Steinen und Gerümpel zu ſehen, die zerſchoſſene Wand, Uniform⸗ fetzen und Blutflecke bezeugen, daß ein hartes Gefecht an dieſer Stelle ſtattfand.
Die Häuſer des Dorfes bildeten einen Haltepunkt, aus dem die Oeſterreicher ſich gegen die anxückenden Preußen ver⸗ theidigten. Aber als die Stellung unhaltbar geworden, zogen ſie ſich auf die Höhen gegenüber des Dorfes, auf die Höhen
von Brada. Da ſah man von Knitznitz de
Häuſern, in den Gärten überall ſichtbar, und aus den blitzten die Schüſſe der preußiſchen Jäger. Armes, lach„8 Dorf! Du biſt heute ein gefahrbringender Ort für die Soldaten deines Landes, ſie ſchonen dich nicht, denn von Brada her⸗ über ſauſen öſterreichiſche Granaten in deine Dächer. Eine Flamme ſteigt empor, ſie frißt weiter; an drei, vier Stellen beginnt der Brand zu wüthen, der Feind ſoll vertrieben werden aus dem Dorfe, wo er ſich feſtgeſetzt hat. Immer ſchneller wird das Feuer gegen die Gehöfte, die Granaten praſſeln in das Poſtgebäude, Flammen ſprühen hervor, das Dach ſinkt in Trümmer. Die preußiſchen Soldaten geben ſich keine Mühe, den Brand zu löſchen, wüthet doch der Feind gegen ſein eigenes Fleiſch. In wenigen Minuten brennt das ganze Dorf.——
Schutthaufen überall! Gleichgültig raſſeln die Wagen der ſiegreich vordringenden Armee der Preußen durch Knitznitz. Das Poſthaus iſt leergebrannt, von Treppen, Thüren, Fenſtern, keine Spur. Wie ausgeſtoßene Augen ſcheinen die Oeffnungen der Giebelwand herab, eine Aufſchüttung von Kalk, Brettern und Schutt hemmt den Eintritt, aber vorne an der Front hängt, durchſiebt von Kugeln der kaiſerliche Doppeladler im eiſernen Haken. Er hat ehedem feſt und ſtattlich da oben ſeinen Platz gehabt, jetzt ſchwankt er hin und her, nur noch durch einige Nägel gehalten. Der Wind bewegt ihn, er ſcheint klappernd zu rufen und es iſt, als beſitze das ſeltſame Wappenbild Leben und ſträube ſeine Federn im Schmerze. Eine halbverſtümmelte Steinſäule trägt die zierliche Vaſe, in der ein ſchönes Gewächs wucherte. Die Säulen bildeten den Eingang zum Garten. Er iſt zertreten, vernichtet, und eine Feldſchmiede ſtößt hier ihren Qualm empor in die Luft. Weiterhin ſieht man den Boden mit Papierfetzen beſtreut, gedruckte Schemata, Poſtverordnungen— Alle halbverbrannt und verkohlt, mit Stempeln bezeichnet, vom Zugwinde und der Flamme auf das Feld gewirbelt. Die Häuſer umher ſind rings niedergebrannt, der Schutt, die zuſammenbrechenden Dächer haben die Räume ausgefüllt, in den Gärten hört man zuweilen ein ſchwaches Gackern oder Krähen. Es ſind die zurückgebliebenen Hühner, welche im Schutte nach Nahrung ſuchen; ſie haben ſich beim Donner des Gewehr⸗ und Geſchützfeuers verkrochen, ſie flüchten kreiſchend, wenn Menſchen nahen. Nur die Schornſteine, die Röhren, welche bis auf die Herde der zerſtörten Häuſer gehen, recken ſich ſchwarz und unheimlich wie drohende Finger zum Himmel empor. Sie bleiben ihrer Beſtimmung treu, denn noch jetzt quillt ein matter Rauch aus ihren Fängen, Beweis, daß noch unter dem Schutte die Glut ſchwelend ihr Daſein friſtet. Aus dem Haufen von Holzgerümpel oder fauligem Stroh ragt eine Pflugſchaar hervor, der Arbeiter aber iſt fern von dem Werkzeuge, das ihm den Unterhalt er⸗ warb, vielleicht wird eine glücklichere Zeit wieder kommen, vielleicht kann eiſerner Fleiß das Zerſtörte erſetzen. Eine Ausſicht iſt dazu vorhanden: ſein Acker iſt die Grabſtätte vieler Hunderte geworden, die der Kampf niederſtreckte, und die Todten ſind ein trefflicher Dünger.— Schreckliche Be⸗ ſtimmung— und doch ſo ehrenvoll— ſo geſucht von Tauſen⸗ den, die ſich mit Begier in das Feuer des Feindes ſtürzen. — Nur die Bäume hinter der Brandſtätte ſind verſchont geblieben. Zwar haben ſie an vielen Stellen vom Feuer gelitten, ihre Stämme zeigen Kugelmale, aber ſie rauſchen noch heute wie vor dem Kampfe, der ihre Zweige umtobte; in Geſtalt feuriger Kugeln raſte das Verderben zwiſchen ihnen hindurch.
Die Sonne ſinkt am Firmamente. Ihre glutrothen Strahlen werfen goldige Pfeile durch die öden Fenſterhöhlen, und der Nachtwind beginnt klagend über die Schutthaufen des Dorfes zu ſtreichen. Einige menſchliche Geſtalten tauchen
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S Ramming, Conſtantin und das achtzehnte Die Pickelhauben der Preußen aber waren z.
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