hätte, wo alle Rechnungen geſchloſſen werden und wo ich der⸗ einſt auch von dir Verzeihung hoffte. Komm“, fuhr er in biederer, treuherziger Weiſe und in deutſcher Sprache fort, während er ihn in das Haus zog.„Wir haben viel mit einander zu plaudern, und du ſollſt zufrieden ſein, wenn du ſiehſt, wie ich mein Vergehen ſühne. Ich will dir auch erzählen, daß ich weniger ſchuldig bin, als du wol glauben magſt... Das Mädchen da“, ſetzte er, auf Ines zeigend, hinzu,„iſt meine Tochter, oder vielmehr, ſie iſt ein Indianerkind, das ich an der Grenze aufgefangen und mir erzogen habe; ſie iſt ein Mädchen, ſo brav und ſo beherzt, wie es kein zweites gibt; du ſollſt ſie kennen und lieben lernen. Ohne ſie wäre mir die Welt ſchon längſt zum Ueberdruß geworden.“
Ines hatte indeß keine Aufmerkſamkeit mehr, weder für den Vater noch für ihren Gaſt. Ihr Blick war gerade nach der entgegengeſetzten Seite gerichtet, denn von der Pforte her hatte ſich eine Geſtalt genähert, der ſie mit eigenthümlichem Intereſſe und nicht ohne eine höhere Färbung ihres Geſichtes
entgegen blickte. Mr. Stockfield ſah die Unaufmerkſamkeit ſeiner Tochter, als er eben ſeinen Gaſt ins Haus führen wollte; auch Lahrſtein folgte ſeinem Blick und erkannte zu ſeinem Erſtaunen Leopold, der mit verſtörtem Geſicht, unſchlüſſig, was er beginnen ſollte, daſtand, und deſſen leidenſchaftlich glühendes Auge nur auf Ines gerichtet war.
Da ſtand ſie, dieſelbe, der all ſein Sinnen und Fühlen gehörte; ſie, die räthſelhafte nächtliche Erſcheinung, die ihn ſo lange Tage, ſo ruheloſe Nächte hindurch gefoltert!
Und auch ſie ſchien ihn wieder zu erkennen; ſie ſchlug das große, ſeelenvolle Auge nieder und wäre gern geflohen, wenn ihr die andere Gruppe nicht den Rückzug abgeſchnitten hätte.
17. Das Indianerkind.
Lahrſtein's Betroffenheit war keine geringe, als er, wie aus dem Boden hervorgewachſen, ſeinen Sohn daſtehen ſah, und in welcher Verfaſſung!
Leopold's ganzes Weſen war plötzlich wieder verändert, ſeine träge Haltung war verſchwunden, ſein Auge leuchtete, aus ſeinem Antlitz ſprach eine Leidenſchaftlichkeit, die ihm an ſeinem Sohne gänzlich fremd war.
Faſt ſchien es, als habe er von der Anweſenheit ſeines Vaters gar nichts bemerkt, wenigſtens war Leopold dieſelbe vollkommen gleichgültig. Ebenſo wenig Notiz nahm er von Mr. Stockfield, der ihn mit finſterm Blicke maß und Luſt zu haben ſchien, ſeine Abneigung gegen jede Gaſtfreundſchaft auch an dem jungen Fremden geltend zu machen.
Während Stockfield ſeinen alten Freund beim Arm er⸗ faßte und ihn ins Haus ziehen wollte, kam dieſer von ſeinem Erſtaunen zurück, ſchritt auf Leopold zu, erfaßte deſſen Hand und führte ihn zu Mr. Stockfield.
„Mein Sohn!“ ſagte er mit ernſter Stimme und warf zugleich unwillkürlich einen Blick auf das Mädchen, deſſen Auge fortwährend mit einem ſchelmiſchen, ja ſchadenfrohen Blick auf dem jungen Mann ruhte.
Wie ein Blitz hatte Lahrſtein nämlich der Gedanke durch⸗ zuckt, daß hier der Schlüſſel des ganzen Räthſels liege, als welches ihm Leopold's Veränderung immer erſchienen war. Leopold's plötzliches Auftreten hier, der Blick, mit welchem er
das ſchöne Mädchen betrachtete, die Miene des Letzteren,
welche unverkennbar verrieth, daß Beide einander ſchon be⸗
gegnet ſein mußten— Lahrſtein konnte nicht irten, und
dennoch hatte er bisher nur einen Schimmer der erſehnten Aufklärung.
Stocfield empfing den Sohn weniger artig als den Vater; ſein Auge muſterte ihn kalt und ſogar unfreundlich.
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Dann wandte er ihm nach einer knappen Verbeugung den Rücken, zog Lahrſtein in das Haus und ließ Beide unbe⸗ kümmert im Garten ſtehen.
Leopold fühlte ſich in der höchſten Verlegenheit, als er dem ſchönen Mädchen, dem Gegenſtand all ſeiner Gedanken, ſeiner Sehnſucht, ſich ganz allein gegenüber fand, während ſie das Buch zuſammenſchlug, das ſie noch immer in der Hand
hielt, es in die zwiſchen zwei Bäumen angebrachte Hänge⸗
matte warf, in welcher Stockfield den ganzen Tag zu träumen pflegte, dann den zottigen Hund mit einer gebieteriſchen Hand⸗ bewegung ins Haus ſchickte und endlich einen lächelnden Scitenblick auf ihren Geſellſchafter warf.
Dieſer Blick, wie flüchtig er auch war, begegnete dem Leopold's. Dieſer erröthete heftig und fühlte, wie ſein Herz von neuem zu pochen begann. Indeß er fühlte auch die Nothwendigkeit, dieſen peinlichen Minuten ein Ende zu machen.
Der Vater hatte ihn in engliſcher Sprache vorgeſtellt, alſo hielt er es für nothwendig, ſich ebenfalls dieſes ihm geläufigen Idioms zu bedienen, wie gern er auch in einer ſo kritiſchen Lage ſeine Mutterſprache vorgezogen hätte.
„Mein Fräulein“, begann er, ſich ein Herz faſſend und ihr mit ſeiner früheren Offenheit in das ſchöne Antlitz blickend; „ich muß Sie um Verzeihung bitten, da ich ſo unberufen hier eingetreten. Ich ſuchte meinen Vater... oder vielmehr.. warum ſoll ich es verhehlen,— ich ſuchte Sie!“
„Mich?“ rief Ines, während das trotzige Lächeln ihr ganzes Antlitz verklärte und ſie, den Strohhut vom Kopfe nehmend, das dicke ſchwarze Haar in den Nacken zurückſtrich. „Mich, mein Herr?“ ſetzte ſie noch einmal hinzu.„Wie kommen Sie auf dieſen Gedanken, da uns hier doch Niemand kennt, da wir mit Niemand Umgang haben und wir alſo auch Ihnen unbekannt ſein mußten!“
Leopold richtete einen langen, fragenden Blick in das Auge des Mädchens. In ihrem Ton lag etwas ſo Ueber⸗ müthiges und Trotziges, daß er die Nothwendigkeit einſah, ihr entſchloſſener entgegen zu treten, wenn er nicht von vorn herein ſein Spiel verlieren wollte.
Ines begegnete dieſem Blick zwar dreiſt, aber nicht ohne eine plötzliche höhere Färbung ihrer Wangen.
Dies Letztere gab Leopold ſeine ganze Courage zurück. Es jauchzte in ihm; ſie fühlte ſelbſt, daß ſie die Unwahrheit ſprach, denn ſie erröthete; er mußte jetzt Gewißheit haben, und dieſe mußte ihm auch werden, wenn er alle ſeine Vortheile zu benutzen verſtand.
„Sie ſind mir nicht unbekannt, mein Fräulein“, ant⸗ wortete er mit ſicherem Tone.„Ich kenne Sie bereits ſeit länger als acht Tagen, und nur dieſe gänzliche Zurückgezogen⸗ heit, von der Sie ſoeben ſprachen, konnte mich hindern, Ihnen ſeitdem wieder zu begegnen.“
„Sie machen mich erſtaunt!“ antwortete Ines mit unge⸗ ſchickt erheuchelter Verwunderung.
Leopold bemerkte in der Haltung ſowol wie in dem Umgangston des Mädchen etwas Urſprüngliches, ja etwas Wildes, was ihn in der Unterhaltung mit ihr jedenfalls überlegen machte. Er ſah, daß er vor einem Naturkinde ſtehe, das ſich ſchlecht hinter der Maske zu verbergen verſtand und alſo leicht zu entlarven ſein mußte.
Er trat ihr näher und ſuchte ihre Hand.
„Mein Fräulein“, ſagte er, dieſe ergreifend,„geſtatten Sie mir, Sie auf jenen Platz zu führen und Ihnen dann ein Abenteuer zu erzählen, deſſen Erinnerung mich fortwährend beſchäftigt. Ohne Zweifel wurden Sie in Ihrer Lektüre ge⸗ ſtört, es iſt alſo meine Pflicht, Sie zu unterhalten.“
Ines, betroffen durch die plötzlich ſo kühne Sprache des jungen Mannes und ſein unbefangenes Weſen, ließ ſich zu ihrem Wiegeſtuhl zurückführen, während Leopold auf der Bank der Laube, ihr gegenüber, Platz nahm.
e nr(Schluß folgt.)
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