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genügen könne. Vergeblich hatte man auf ihn beim Eſſen gewartet, der dadurch die ganze Ordnung des Hauſes in Störung brachte. Ueberhaupt verſtanden es die verſchloſſenen wortkargen Knaben nicht, durch ſchmeichleriſches Weſen das Herz der Großmutter zu gewinnen, die für deren Lieblings⸗ beſchäftigungen noch dazu gar kein Verſtändniß hatte. Der Botaniker zumal, der ſeine Pflanzen in den Berliner Backöfen täglich zweimal trocknete und ſchwarz berußt nach Hauſe kam, war ihr ganz zuwider. Als nun gar Karl Friedrich Intereſſe an der Anatomie gewann, und nach ſeiner Art ſich durch cigene Anſchauung und Nachbildung volle Kenntniß zu erwerben trachtete, indem er alle möglichen Todtenköpfe, Knochen mit nach Hauſe nahm, da war es um die Knaben geſchehen. Der Weg zur Küche führte die Großmutter durch die Stube der Enkel, mit Grauſen ſah ſie, die durch nichts in ihrer ſorgen— freien Lage an den Tod erinnert ſein wollte, dieſe abſchrecken— den Gegenſtände, und als ſie nun gar einmal entdeckte, daß in einem Topfe heimlich Kindesglieder abgekocht würden, um die Knochen zu erhalten, da brach ein fürchterliches Gewitter los, und der Vater hatte Mühe, die ergrimmte Alte zu be⸗ ſänftigen.
Die ſchwerſten Zeiten ſollten aber jetzt kommen. Im Examen fiel der vierzehnjährige junge Mann durch; er bat den Vater, ihm die Einwilligung zu ertheilen, die Architectur mit der Malerei zu vertauſchen. Er erhielt eine ſchroffe, ab— weiſende Antwort. Der Vater hatte nur verunglückte Subjecte als Maler kennen gelernt, dieſe führte er ihm jetzt als warnende Beiſpiele vor. Des Vaters Brief brachte ſeine Thatkraft in vollſten Fluß, ſie empörte ſich gegen dieſe Abweiſung, er wagte es dem Bater lurz und trotzig zu ſchreiben, daß er ſeinem Lehrer der Mathematik den Austritt aus dem Baufache ange⸗ zeigt habe und ein Maler werden wolle. Drei Monate lang erhielt er keine Antwort, wenn auch die Profeſſoren Dählin und Kollmann zu Gunſten des Sohnes nach Wartenberg geſchrieben hatten und der Onkel Leſſing, bei dem Karl Friedrich wohnte, ſich für das Talent des Neffen zu inter⸗ eſſiren begann. Allein dennoch ſchien der knappe, trotzige Ton des Briefes dem Vater imponirt zu haben; nach drei Monaten kam er nach Berlin zurück, und mit der Frage: Sage ein⸗ mal, was für einen Brief haſt du mir geſchrieben? wollte er doch andeuten, daß der ſelbſt kräftige Mann den Willen des Sohnes innerlich anerkannt hätte.
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Auf der Ausſtellung von 1826 fand das erſte Bild Leſſing's, welches jetzt der Vater bei der Ausführung erblickte, großen Anklang: der Kunſtverein zahlte dem achtzehnjährigen Künſtler für dieſes Bild(das Innere eines verfallenen Kirch⸗ hofs mit den Ruinen einer kleinen Kirche) das Doppelte des gefordeten Preiſes.
Durch dieſes Bild und durch ſeine Bekanntſchaft mit dem Maler Sohn wurde er Schadow näher gebracht, der damals zum Director der Düſſeldorfer Akademie ernannt wurde, und Leſſing aufforderte, ihm dahin zu folgen. Er war es, der ihn hauptſächlich dazu beſtimmte, ſich der Hiſtorienmalerei zu widmen, und Leſſing folgte ihm nach Düſſeldorf.
Auf Schadow's Anregung und Aufmunterung malte er jetzt ſein eigenes Porträt, das noch jetzt im Beſitz ſeines Onkels iſt; dann ging er an ein größeres hiſtoriſches Bild und wählte aus dem Buche Tobias den Moment, wo der Sohn vom Vater Abſchied nimmt. Allein nur der Carton wurde vollendet; für Leſſing trat jetzt eine Periode der Unruhe ein, immer Neues, Anderes auf einmal zu produciren, unſtät von einer Arbeit ſich auf eine andere zu werfen, ohne ſie zu vollenden, und es bedurfte der ganzen Autorität Schadow's, ihm den Abgrund zu zeigen, der ſein Talent verſchlingen würde, wenn er nicht ſtetig und ausdauernd ausbauen lerne.
Dies wirkte. Eine Landſchaft, das Schloß am Meere (im Beſitz der Wagner'ſchen Gallerie in Berlin) zeigte, wie ſich der junge Maler wieder gekräftigt; ſie gehört zu den beſten der Leſſing'ſchen Arbeiten. Die Romantik, als Frucht der Düſſeldorfer Schule, begann jetzt bei ihm ſich voran zu ſtellen, wie einige Entwürfe des Künſtlers zeigen, welche er zwar nicht vollendet hat, die ihn aber dennoch genugſam da— mals beſchäftigten. Die Gedichte Uhland's, die Genoveva Tieck's, die Nähe der Rheiniſchen Burgen, das Studium des Mittelalters, verbunden mit dem Seltſamen und Kräftigkecken ſeines eigenen Weſens ſchufen in ihm eine gewiſſe Vorliebe für die Lebensformen und Geſtalten des Mittelalters und der Romantik. In dieſer Zeit machte ihm Schadow den Antrag, für den Grafen von Spe in Haus Heltorf, dem Ritterſitz des Grafen, einen Saal mit Frescobildern aus dem Leben Kaiſer Friedrich's des Rothbarts zu zieren. Hier bewährte er durch ſeine Darſtellung der Schlacht von Ilonium zum erſten Male ſeinen Beruf als Hiſtorienmaler.
(Schluß folgt.)
Das Meerweib.
Erzählung von Hans Wachenhuſen.
(Fortſetzung.)
Auf Lahrſtein's Stirn lag die größte Entſchloſſenheit. Er fürchtete dieſen Mann nicht, öffnete die Pforte, trat in
den Garten und ſchritt gerades Weges auf das Haus zu,
deſſen Eingang durch eine dichte Laube beſchattet wurde.
Sein erſter Blick fiel auf eine Frauengeſtalt, die mit einem Buch in der Hand in einem Wiegeſtuhl ſaß, während ein großer zottiger Hund zu ihren Füßen ruhte.
Das Knurren des letzteren zog die Aufmerkſamkeit der Dame von ihrer Lectüre ab. Sie blickte auf, rief dem Hunde ein fremdes Wort zu, blickte mit ihren großen ſchwarzen Augen auf Lahrſtein und ſchien über dieſen Beſuch verwundert.
Der Letztere ſeinerſeits, der bei dem geſtrigen Begegnen keinen Blick für die Schönheit des Mädchens gehabt, erkannte ſie natürlich nicht. Seine Schritte mäßigten ſich; mit Be— wunderung betrachtete er die ſeltſame Erſcheinung.
Das Mädchen war in ein helles, graugelbes Morgen⸗ gewand gehüllt, das von einer farbigen Schärpe über den runden Hüften zuſammen gehalten wurde, und deſſen weite Aermel die ſchönſten Arme zeigten. Voll und üppig, aber mit genialer Nachläſſigkeit aufgeheftet umgab das glänzend ſchwarze Haar ein jugendliches, von der Sonnengluth leicht angehauchtes Antlitz; lange ſchwarze Wimpern umſchloſſen
zwei große Hindu⸗Augen, über denen ſich die ſcharf und kühn gezeichneten Brauen wölbten. Das kecke Näschen, die vollen rothen Lippen und der Glanz dieſer Augen gaben dem Antlitz etwas Uebermüthiges, Herausforderndes, und Lahrſtein zuckte
aufſprang, die Hand auf das Halsband des großen Hundes legte und den Unbekannten mit ihren funkelnden Augen muſterte.
So ungefähr hatte ſich Lahrſtein immer ein Indianer⸗ Mädchen vorgeſtellt. Aber die europäiſche Kleidung, dieſes ſo kokette und doch ſo nachläſſig genial getragene Morgengewand mußte eine ſolche Vorſtellung wieder verſcheuchen.
Das Knurren der großen doppelſchnauzigen Dogge, das funkelnde Auge des Mädchens brachten Lahrſtein ein wenig aus der Haltung. Er mußte ſich geſtehen, daß er ſich unheim⸗ lich fühlte, indem er ſich dem Dache dieſes Mannes näherte. Indeß faßte er ſich und ſchritt langſam vor.
Aus ſeiner früheren kaufmänniſchen Carrière des Engliſchen ziemlich mächtig, ſtotterte er, immer mehr überraſcht durch die
Schönheit des Mädchens, einen Gruß und eine Entſchuldigung in dieſer Sprache.
Das Mädchen ſtand noch immer da und maß ihn mis⸗
unwillkührlich zurück, als ſie, einen fremden Mann erblickend,
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