——— —
——
—
———
—
—
—
. S hhinauswarf.
— 490„—
ihrer Aufgabe, den großen Weltplan verwirklichen zu helfen: die Menſchheit zur vollen Höhe ihrer Kraft zu erheben.
Die Familie Leſſing wahrte ſtets den Sinn der Mann⸗ haftigkeit und Wahrheit des Geiſtes als größten Schatz, und wenn der Großvater des berühmten Gotthold Ephraim ſchon im Jahre 1670 über Toleranz der Religion geſchrieben, ſein berühmter Enkel die innere feſte Einheit der Seele mit der tiefſten Ruhe eines klaren Bewußtſeins verband, dem das Suchen nach Wahrheit als höchſtes Ziel vor Augen ſchwebte, ſo ging dieſer Geiſt der Kraft auf ſeines Bruders Enkel, auf den Maler Karl Friedrich Leſſing, als herrlichſtes Familien⸗ erbe über. Auch bei ihm iſt die tiefe Innerlichkeit ſeines Weſens und ſeiner Empfindungen keine trauernde Wehmuth, keine auflöſende Weichheit, die nur Weibiſches und Kindliches zu ſchaffen vermag, ſondern ſie ergießt ſich bei ihm in die Betrachtung der felſigen, ſtrengen Natur, in die energiſche Darſtellung des Männlichen, ohne daß ihm dabei eine ge⸗ wiſſermaßen lyriſche Innerlichkeit, ein muſikaliſches Leben und Weben in Gefühl und Empfindung abgeht.
Karl Friedrich Leſſing iſt am 15. Februar 1808 zu Breslau geboren, wo ſein Vater, ein Brudersſohn Gotthold Ephraim's, als Aſſeſſor bei dem königl. Oberlandesgericht an⸗ geſtellt war. Allein ſchon im Auguſt deſſelben Jahres zog der Aſſeſſor als Juſtizrath nach Polniſch⸗Wartenberg, in der Nähe der polniſchen Grenze, wo die ſandige ebene Gegend, nur durch ſumpſige Waldungen von Nadelholz mit rieſigen Tannen und uralten Eichen unterbrochen, ſich weithin öde und gleichförmig erſtreckt. Der Vater war ein einfacher, ſtrenger Mann, der die Erziehung ſeiner drei Kinder, die aus einer ältern Schweſter und aus einem jüngern Bruder unſers Karl Friedrich beſtanden, ſorgfältig überwachte. Schon in früheſter Zeit lenkte er die Aufmerkſamkeit der Knaben auf die Beob⸗ achtung der Natur hin, und wenn er ihnen einſt ihre Siegel⸗ ſammlung wegnahm, ſie zum Fenſter hinauswarf, weil ſie koſtſpielig und unnütze Spielerei wäre, rief er ihnen dabei zugleich zu, lieber Pflanzen zu ſammeln, Kräuter zu ſuchen, um darauf den Zeitvertreib der herumſchweifenden Kinder hin⸗ zulenken. Dies war aber auch entſcheidend für die Beiden. Der Jüngere wurde unwillkürlich auf die Botanik hingewieſen, der er ſich ſpäter als Lieblingswiſſenſchaft widmete, nachdem er als Arzt in Tomsk in Sibirien ſeinen Beruf ſich geſchaffen, Karl Friedrich eignete ſich aber dabei die aufmerkſamſte Betrachtung der Natur an, wofür er ſich ſchon früh einen regen Sinn erweckte. Erſt im vierten Lebensjahre begann Leſſing zu ſprechen, bis dahin waren die Aeltern in Beſorg⸗ niß, daß irgend ein Fehler der Sprachorgane dieſer Stumm⸗ heit zu Grunde liegen möchte. Allein dem Knaben war dieſes Stummſein aus dem geringen Bedürfniß der äußern Mit⸗ theilung entſtanden, wobei er aber dennoch die Anſchauungs⸗
kraft zu einem ſo bedeutenden Grade erhöhte, daß er zugleich
mit der Sprache auch den Drang voffenbarte, das innerlich Verarbeitete äußerlich zu ſixiren und darzuſtellen. In ſeiner Freude begünſtigte der Vater das Talent ſeines Sohnes, der bei ſeinen Hauslehrern ſo treffliche Fortſchritte im Zeichnen machte, daß er ſchon im achten Jahre ein ihm zum Copiren vorgelegtes Bildniß des Fürſten Blücher bei der Nachbildung erheblich verbeſſert wiedergab. Von ſeinem Vater wurde er dafür reichlich belohnt, er ſchenkte ihm außerdem die Zeichen⸗ bücher von Preußler, und in ſeinem Eifer begann der talent⸗ volle Knabe ſich ſelber ähnliche Zeichenbücher anzufertigen. Dieſe Beſchäftiguug wurde ihm ſo lieb, daß die Aeltern öfter Mühe hatten, ihn von der Arbeit weg zum Eſſen zu zwingen.
Für den übrigen Schulunterricht zeigte der Knabe aber um ſo weniger Fleiß und Neigung; es wurde ſogar ſchwer, ihm durch die Sprache eine Lehre beizübringen, wenn damit nicht eine eigene Anſchauung des Gegenſtanbes verknüpft war. Als ſpäter der heftige Vater den Unterricht ſeiner Söhne übernahm, ſcheiterte ſeine ganze Kunſt bei Karl, dem er ver⸗ geblich z. B. die lateiniſchen Conjugationen beibringen wollte; die Unempfänglichkeit des Knaben reizte den Lehrer gar oft, daß er den Schüler und die Bücher deſſelben zur Thüre Nur wenn der Junge ſich eines Lehrgegenſtandes
durch eigene Beobachtung und Anſchauung bemächtigen konnte, erwies er ſich ebenſo verſtändig wie ſelbſtthätig. Die Sprache blieb ihm eine fremdartige, eine ſeinem innerſten Weſen nicht angemeſſene Weiſe der Mittheilung, und ſelbſt als er ſchon ſprechen konnte, geſchah dies nur mit Mühe, langſam, nie
viel und leicht, außer wenn er in Zorn gerieth. Die Er⸗
ziehung war übrigens eine auf Abhärtung und Selbſtthätigkeit ſtreng hinweiſende: in jeder Jahreszeit mußten die Knaben um 4 Uhr aufſtehen, im ſtrengſten Winter, oft halb ange⸗ kleidet, liefen ſie auf den Hof, um ſich die Zeit bis 7 Uhr Morgens mit Spielen zu vertreiben; dann fing das Arbeiten an, wobei ſtreng bis Mittag ausgehalten werden mußte. Wenn die regelmäßige Gewöhnung der Morgenarbeit
vom Vater für eine ſichere Grundlage der männlichen Fort⸗
bildung betrachtet wurde, ſo hatten die Knaben dagegen Nach⸗ mittags das Recht, frei umher zu ſtreifen, mit den andern Knaben
des Ortes zu ſpielen, ſich herumzuſchlagen, Prügel abzuwehren
und ſich überhaupt abzuhärten.
Es iſt alſo leicht zu erklären, daß Leſſing ſich geſund und kräftig ſelbſtthätig entwickelte. Die angeborene Tüchtig⸗ keit ſeines Charakters zeigte bald eine entſchiedene, ruhige Feſtigkeit in der Führung ſeiner ſelbſt; gehorſam, ordnungs— liebend, ſchlicht, prunklos, machte er den Seinigen viel Freude, allein die Heftigkeit des Vaters prägte ihm eine gewiſſe Scheu ein, die ihn noch in ſpäteren Jahren in größern geſelligen Kreiſen zurückhaltend und ſtill erſcheinen ließ. Erſt in der Zeit, wo ein wohlbegründeter Ruf ihm Würde und Selbſt⸗ vertrauen verſtärkt, konnte er dem Einzelnen, beſonders dem Fremden gegenüber, eine ebenſo ſichere wie ruhige Haltung bewähren.
Ungefähr zwölf Jahre alt, wurden die beiden Brüder nach Breslau aufs Gymnaſium gebracht; bei dem Münz⸗ rendanten Müller, dem Gatten einer Tante, fanden ſie freund⸗ liche Aufnahme und Belehrung, da der Oheim, ein großer Kenner und Freund der Botanik und Naturwiſſenſchaften, an den beiden fähigen Knaben gleiches Intereſſe gewahrte. Die kleinen Leſſing's ſetzten unter der Führung des Oheims ihre botaniſchen Excurſionen fort, und erweiterten ſich ihre Beob⸗ achtungen bald auch auf Studien im Mineralreiche, da Onkel Müller eine bedeutende Mineralienſammlung beſaß, von der er gern etwaige Doubletten den Knaben ſchenkte.
Wenn auch die Uebungen im Zeichnen Nebenſache ſein ſollten, die unter der Leitung des Malers König fortgeſetzt wurden, ſo offenbarte ſich doch immer mehr das Talent des Knaben, der dagegen bei der beſten ſittlichen Führung leider in den Schulwiſſenſchaften geringe Fortſchritte machte. Vater lag es aber ganz fern, ſeinen Sohn zum Maler zu be⸗ ſtimmen, denn damals war für Deutſchland noch nicht die Zeit gekommen, wo die Beſchäftigung mit der Kunſt ein ſicheres oder etwa glänzendes Daſein gewährte. Dazu kam die Ver⸗ ſchloſſenheit und Unbeholfenheit des Knaben, die Schätze ſeines Innern in Wort und Sprache darzulegen, und beſtimmte dies den Vater um ſo mehr, für ſeinen Sohn eine Beſchäftigung zu wählen, wobei ihm ſein Talent zum Zeichnen für ſeine Zukunft nützlich ſein würde. Karl wurde 1822 nach Berlin gebracht und ſollte nach Schinkel's Rath das Baufach ſtudiren, tein Gymnaſium mehr beſuchen, Zeichnen und Malen aber als Nebenſache betrieben. Beim Profeſſor Röſel, einem Land⸗ ſchaftsmaler, der ſein erſter Lehrer in Berlin war, wurde er aber unwillkürlich hingewieſen, ſeiner Neigung zu folgen, die durch eine Reiſe nach Rügen, welche er in ſeinem vierzehnten Lebensjahre antrat, durch den Anblick der dortigen wunder⸗ baren Kreidefelſen noch mehr verſtärkt wurde.
Sein Bruder, der Botaniker, war mit ihm nach Berlin
gezogen, und Beide wohnten bei ihrer Großmutter, der Witwe
des Münzdirectors Leſſing, die nach dem Tode ihres Mannes von Breslau nach Berlin zu ihrem Sohne, dem Juſtiz⸗ Commiſſarius Leſſing, gezogen war. Da gab es aber oft heftige Scenen, wenn Karl ſchon früh Moragens, wenige Groſchen in der Taſche, heimlich echappirte, um„derungen nach den entfernteſten Punkten, oft Meilen weit, zu unter⸗
nehmen, damit er ſeinem Eifer, nach der Natur zu zeichnen,
Dem
—
—————
—*
——
S
———————
————————


