Jahrgang 
1867
Seite
492
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er machen, wenn er mich erkennt, in mir einen Ankläger.

trauiſch. Plötzlich aber ſchien ſie ſich des geſtrigen Begegnens zu erinnern; ein freundliches Lächeln klärte ihre Züge.

Lahrſtein ſprach den Wunſch aus, Mr. Stockfield ſprechen zu dürfen.

Das Mädchen ſchien nicht mit ſich einig zu ſein, was ſie auf dieſen Wunſch antworten ſolle. Endlich gab ſie Beſcheid, daß Mr. Stockfield von Niemand zu ſprechen ſei.

Sie ſprach dies mit einer Entſchiedenheit, mit einer Eigenthümlichkeit ihrer Armbewegung, die Lahrſtein frappirte, denn es lag in ihrem Weſen etwas ſo Decidirtes und doch zugleich ſo viel Anmuth, die einen für Schönheit empfänglichen Mann wohl aus dem Concept bringen konnte.

Indeß Lahrſtein war auch nicht der Mann, ſich abweiſen zu laſſen. Er trat einen Schritt näher, was die Dogge ver anlaßte, ihm die Zähne zu fletſchen.

Das Mädchen packte mit der kleinen, zierlichen Hand das Halsband des Hundes und rüttelte ihn verweiſend.

Lahrſtein bat um Entſchuldigung, wenn er ſich nicht ab⸗ weiſen laſſen könne, da er mit Mr. Stockfield in wichtigen Angelegenheiten zu ſprechen habe.

Aber Mr. Stockfield hat ja gar keine Geſchäfte und liebt es auch nicht, durch ſolche geſtört zu werden! wandte ſie artig, jedoch immer mit derſelben Entſchiedenheit ein.

Im Grunde ſind es auch keine Geſchäfte, die mich her⸗ führen, ſuhr Lahrſtein fort.Mr. Stockfield und ich wir ſind alte Bekannte!

Das Mädchen betrachtete den Fremden forſchend und mistrauiſch, als ſuche ſie, ihn zu erkennen; dann aber ſchüttelte ſie den Kopf.

Nein, Sir, antwortete ſie.Sie kennen Mr. Stock⸗ ſield nicht; Sie müſſen im Irrthum ſein.

Auch dies ward wieder mit einer ſolchen Beſtimmtheit geſprochen, daß Lahrſtein ſich unwillkürlich die Frage auf⸗ warf, ob ſie nicht vielleicht dennoch Recht habe.

Einen Augenblick war er unſchlüffig. Das Mädchen ver⸗ theidigte den Eintritt in dieſes Haus ſo erfolgreich, daß Lahr⸗ ſtein verſucht war, ſeinen Plan aufzugeben..

Da erſchallte plötzlich eine tiefe Baßſtimme aus dem Innern des Hauſes. Er iſt es! murmelte Lahrſtein.Unter tauſend Stimmen würde ich dieſe heraus erkennen! Welche Miene wird

Das Mädchen hatte ſich zurückgewandt. In einer Sprache, die Lahrſtein für ſpaniſch oder portugieſiſch hielt, rief ſie einige Worte in das Haus zurück, während der Hund dieſe Gelegenheit benutzte, um einen vergeblichen Angriff auf den zudringlichen Fremden zu machen, unter dem kräftigen Druck der kleinen Hand aber ſeine feindlichen Abſichten aufgab.

Plötzlich fuhr Lahrſtein zuſammen. In dem von der Laube beſchatteten Eingang des Hauſes erſchien nämlich eine ganz originelle Geſtalt.

Es war Mr. Stockfield mit ſeinem rothbraunen, derben Geſicht, dem grauen Backenbarte und den borſtigen Augen⸗ brauen.

Derſelbe Panama-Hut ſaß auf ſeinem Haupt. Eine dunkelblaue Schiffsjacke mit großen ſchwarzen Hornknöpfen, ein rothes wollenes Hemde, ein paar weite weiße Pantalons, über den Hüften von einem dicken rothen Shawl gehalten, das war der Anzug dieſes Mannes, der, wie er daſtand, einem braſilianiſchen Schiffskapitän glich.

In den muskulöſen Händen hielt er einen dicken Stock, an dem er geſchnitzt, und eine Navaja, das große ſpaniſche Einſchlagmeſſer.

Er ſchien ungern in dieſer, die Gedanken nicht ſehr an⸗ ſtrengenden Beſchäftigung unterbrochen zu ſein, und warf einen unwilligen Blick auf den Störer ſeiner Ruhe.

Was wollen Sie, mein Herr? fragte er, nachdem er dieſen gemuſtert, mit barſcher Stimme, wie Einer, der in der Welt Niemanden kennt, dem er Höflichkeit ſchuldig wäre.

Ich bitte Sie höflichſt um Entſchuldigung, Mr. Stock⸗ field, begann Lahrſtein, wirklich etwas eingeſchüchtert durch

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Erſcheinung des Mannes in Einklang ſtand.Es ſollte mir leid thun, wenn ich Sie ſtöre und noch mehr, wenn ich von Ihnen nicht

Lahrſtein ward hier unterbrochen. Während er nämlich ſprach, hatte Mr. Stockfield den in ſeiner Hand befindlichen Stock zerſtreut fallen laſſen. Mechaniſch ſchlug er das Meſſer zu und ſteckte es in ſeinen Shawl, während ſein Auge ſtarr und fragend auf Lahrſtein gerichtet war und in deſſen Geſichts⸗ zügen ſtudirte.

Dann ſchritt er plötzlich vor, an ſeiner Tochter vorüber, immer das gebieteriſche Auge auf Lahrſtein gerichtet.

Dicht vor dieſem ſtand er ſtill. Lahrſtein hatte ſeine Rede vergeſſen. War es Feindſeliges, was in dieſem Auge lag? Was bedeutete die ſonderbare Haltung des Mannes, der ihm vorkam wie ein Raubthier, das ſich auf ſeinen Gegner ſtürzen will.

Endlich öffnete der ſonderbare Menſch die Lippen, als wolle er ſprechen, aber immer noch ſtarrte er und in der ſeltſamſten Weiſe ſeinem Gaſte ins Geſicht.

Beim Jupiter! rief er endlich mit ſeiner rauhen Stimme.Die Todten ſind aufgeſtanden und da ſteht Philipp Lahrſtein vor mir!

Der Letztere ward natürlich durch dieſe unerklärliche Rede verdutzt. Die Todten? Gehörte er zu den Todten? Er brachte kein Wort hervor.

Jetzt hob Mr. Stockfield einen ſeiner muskulöſen Arme und ließ ihm ſeine ſchwere Hand auf die Schulter fallen.

Herr, rief er,ſtehen Sie nicht ſo da wie eine Bild⸗ ſäule! Sagen Sie mirt ſind Sie Philipp Lahrſtein, oder iſt es ſein Geiſt, für den Sie mir doch zu viel Fleiſch und Bein zu haben ſcheinen!

Und wieder ſtarrte er ihm ins Geſicht.

Ich bin Philipp Lahrſtein! antwortete dieſer, ſich

ſammelnd und ein wenig beleidigt durch dieſe derbe Art und den Ton, in welchem man zu ihm ſprach.

So komm an mein Herz, alter Freund, den ich ſeit zwanzig Jahren ſchon todt geglaubt? rief Mr. Stockfield mit einer Stimme, die allerdings eine aufrichtige Freude ver⸗ rieth, und ihn mit einer Heftigkeit umarmend und an ſich drückend, die mit den Geſetzen unſerer Geſellſchaft wenig ge⸗ mein hatte..

Ines! wandte er ſich in engliſcher Sprache zu dem Mädchen, das ſeiner Freude mit Verwunderung zugeſchaut hatte.Ines! wiederholte er, nachdem er Lahrſtein mehr⸗ mals ſo derb an ſich gepreßt, daß dieſer froh war, aus dem Schraubſtock ſeiner beiden Arme erlöſt zu ſein. dir oft erzählt, daß ich in Europa noch eine große Schuld zu tilgen habe; hier ſteht er ſelbſt und lebendig vor mir, deſſen Grab ich beſuchen wollte, um ſeinen Geiſt um Verzeihung an⸗ zuflehen. Ines, komm und umarme meinen Freund, hörſt du? Umarme ihn!

Das Mädchen ward durch dieſe Aufſorderung verwirrt und ſenkte das ſchöne Auge.

Lahrſtein, den die Worte dieſes Mannes wieder vollſtändig

verſöhnt hatten, trat zu dem Mädchen und nahm die Hand

deſſelben.

Sie blickte zu ihm auf, ſie lächelte ſo treuherzig, ſie preßte ſeine Hand ſo warm, daß Lahrſtein überzeugt war, ſie verſtehe, was ihr Vater zu ihr geſprochen, daß er nicht mehr daran zweifeln konnte, die Miene, das ganze Weſen des Mannes ſei aufrichtig.

Inzwiſchen legte dieſer ſeinen Arm in den Lahrſtein's.

Du biſt nicht todt, und doch ſagte man es mir vor zwanzig Jahren in Amerika, mir ſagte es einer deiner früheren Arbeiter, mit dem ich zufällig an der Frontier, an der Indianer⸗Grenze, zuſammentraf, und der Jahre lang mich auf meinen Jagden begleitet. Der Kerl hat gelogen, und hätte ihn nicht längſt ſchon ein Bär zerriſſen, er ſollte mir

heute noch die Lüge vergelten mit der er mir ſo viel

Schmerz und Gewiſſensbiſſe bereitet... Komm, Lahrſtein, du haſt Urſache mir zu zürnen; ich habe dir Vieles abzubitten, und

dieſen groben Empfang, der allerdings mit der ganzen

hätte es längſt gethan, wenn ich dich nicht drüben geglaubt

3ch habe

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