bieten denn doch unſere deutſchen Theater manchen erfreulichen Gegenſatz,„ſie ſind beſſer als ihr Ruf“. Ein fernerer Uebel⸗ ſtand in den franzöſiſchen und namentlich in den Pariſer Theatern iſt die Claque, die mit einer Ungenirtheit oder, beſſer geſagt, Unverſchämtheit, die ihresgleichen ſucht, ihr freches Handwerk treibt. Da ſitzen inmitten das Parterre, für Jeden ſichtbar und erkennbar, dreißig bis vierzig Perſonen, die nach Commando Beifall ſpenden und die ſich das Recht herausnehmen, das zahlende Publikum während der ganzen Vorſtellung durch wüſtes Beifallsgeheul zu beläſtigen. Das ganze Publikum kennt dieſe Bande, aber Keiner wagt es, ihrem Treiben Einhalt zu gebieten, und ſo wird denn aus dem dem Publikum ausſchließlich zuſtehenden Rechte des Bei⸗ fallsſpendens ein freches und, wie man ſagt, nicht uneinträg⸗ liches Gewerbe gemacht.
Nun nach Italien.
Hier gibt es keine Demi⸗Monde⸗Komödie, keine Schauer⸗ dramen, keine Debuts, keine Claque und dennoch ſieht es im Ganzen um das Theater nicht beſſer aus als in Frankreich. Hier ſind die Gründe ganz anderer Art, aber das Reſultat iſt daſſelbe und das Theater ſteht im Ganzen auf einer meiſt niederern Stufe als in Deutſchland.
Der Italiener liebt bekanntlich die Muſik; es gibt heute noch viele, viele Perſonen, die der Meinung ſind, daß die beſte Muſik in Italien zu Hauſe ſei und daß dort jeder Hirtenknabe ein trefflich gebildeter Sänger ſei. Von dieſer Meinung bis zur Wirklichkeit iſt ein rieſenhafter Abſtand, und wenn ich auch durchaus nicht beſtreiten will, daß Italien ge— wiſſe große Verdienſte in muſikaliſcher Beziehung zuſtehen, ſo will ich ſie doch wenigſtens auf das richtige Maß zurückge⸗ führt wiſſen. Unter dieſen muſikaliſchen Vorzügen ſteht in erſter Reihe die wirklich vortreffliche italieniſche Geſangsſchule, die den Künſtler die richtige Verwerthung ſeiner organiſchen Mittel lehrt, ein Unterrichtszweck, der leider in Deutſchland nicht ernſthaft genug betrieben wird. Die Italiener beſitzen großentheils keine ſehr umfangreichen und wuchtigen Stimmen, ſie ſind häufig auf ein kleines Material beſchränkt, und darum iſt für ſie eine angemeſſene Verwerthung von beſonderer Wichtigkeit. Leider ſind in letzter Zeit die ſchönen Stimmen ſo ſelten geworden, daß man wohl ganz Italien durchreiſen kann, ohne auch nur irgend etwas Bemerkenswerthes zu finden, und die wenigen Sänger und Sängerinnen von Bedeutung, die ſich gegenwärtig in Italien befinden, ſind faſt ſämmtlich Deutſche, die italieniſchen Geſangsunterricht genoſſen und ihre Namen durch Anhängung eines„ini“ italieniſirt haben.
In Italien ſind die Theaterſaiſons von nicht zu langer Dauer; die längſte, die Winterſaiſon, die in allen Theatern am 26. December beginnt, dauert bis Ende März, alſo etwa drei Monate, und in dieſer Zeit ſpielen ſämmtliche Theater mit wenigen Ausnahmen drei Opern und zwei Ballets. Drei Opern auf etwa ſechzig Vorſtellungen vertheilt, macht für jede zwanzig Wiederholungen, und da dieſelben Opern jahraus jahrein immer wieder geſpielt werden, ſo wird ein gutes Enſemble dadurch leicht erreichbar. Es wäre für den Deutſchen wohl eine harte Aufgabe, zwanzig Mal dieſelbe Oper hören zu müſſen; für den Italiener beſteht in dem wiederholten Hören der Hauptgenuß. Er geht in das Theater, um eine beſonders beliebte Arie zu hören, er füllt die Zwiſchenzeit, in der Muſikſtücke, die ſich nicht ſeines Wohlgefallens erfreuen, abgeſpielt werden, mit Unterhaltungen aus und ſingt ſchließ⸗ lich ſeine Lieblingsarie, die er natürlich auswendig weiß, laut mit. Das mag für den Einzelnen recht angenehm und recht unterhaltend ſein, für das ganze Publikum iſt es aber durch⸗ aus ſtörend, und ich glaube nicht, daß meine Leſer für die Einführung dieſer Sitte oder Unſitte beſonders ſchwärmen wer⸗ den. Zwiſchen dem erſten und zweiten Act der Oper wird das Ballet getanzt, eine Einrichtung die, wenn ſie auf deutſchen Bühnen verſucht werden ſollte, wol die energiſchſten Proteſtationen zur Folge haben würde. Man denke ſich z. B. zwiſchen dem erſten und zweiten Act der„Jüdin“ oder der„Afrikanerin“ ein komiſches Ballet eingelegt, wie es in Italien häufig der Fall
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iſt, und ich möchte wol die langen Geſichter ſehen, die unſere Herrn Recenſenten darob machen würden. Der deutſche Theaterdirector, der Derartiges wagen würde, wäre für ewige Zeiten in den Bann gethan, aber in Italien, dem Vaterlande der Muſik kennt man dieſe Hochachtung vor den Herrn Meyerbeer und Halevy nicht und ſtellt den Balletmeiſter Taglioni und„Flick und Flock“ gerade ſo hoch wie den giftigen Manzanillenbaum der„Afrikanerin“ oder den blutdürſtigen Cardinal der„Jüdin“. Den großen Luxus für Decorationen und Coſtüme, wie er in Frankreich und auch in Deutſchland üblich iſt, kennt man in Italien nicht; die Decorativnen ſind ſämmtlich auf gewöhnliches Papier gemalt und ſind dadurch natürlich ſehr wohlfeil. Haben ſie einer Oper gedient, ſo werden ſie zerriſſen oder bei Seite geworfen. Die Coſtüme, namentlich die der Choriſten, zeichnen ſich ganz beſonders durch Unſauberkeit aus und es fällt durchaus nicht auf, wenn der Großinquiſitor von Liſſabon mit einem Hemdkragen nach neueſtem Schnitt erſcheint.
Der Suuffleur ſpielt in Italien eine große Rolle. Er nimmt in den meiſten Theatern die bei uns dem Orcheſter⸗ dirigenten eingeräumte Stelle ein; der Kaſten, der den Souffleur unſern Augen entzieht, exiſtirt nicht, der Souffleur iſt alſo vollkommen ſichtbar, und ſo hat denn das Publikum den ſonderbaren Genuß, außer dem Acteur auf der Bühne noch einen zweiten Acteur im Orcheſter zu hören und zu ſehen. Das iſt auch eine Einrichtung, die in Deutſchland wenig Anhänger finden dürfte, ſowie ich überhaupt weder in den franzöſiſchen noch in den italieniſchen Theatern Ein⸗ richtungen vorgefunden habe, welche die Ehre des Imports in Deutſchland verdienten.
Von den Franzoſen könnten wir zwar hinſichtlich des Decorirungs⸗ und des Maſchinenſyſtems Manches lernen, aber auch bei uns gibt es ja tüchtige Decorateurs und Maſchiniſten, die ihr Fach verſtehen und die, wenn ihnen die nöthigen Geldmittel zur Verfügung geſtellt werden, auch Gutes zu leiſten im Stande ſind.
Das Schauſpiel nimmt in Italien die Stelle des Aſchen⸗ brödels ein. Die Schauſpielgeſellſchaften(es gibt deren nicht viele) leben meiſt in der bitterſten Armuth, und nur die unteren Klaſſen des Volkes nehmen überhaupt an den Vor⸗ ſtellungen Antheil. Die Eintrittspreiſe für das Schauſpiel ſind überaus gering und die Leiſtungen entſprechen auch meiſt dem gezahlten Preiſe. Außer der Riſtori beſitzt Italien nur wenige dramatiſche Künſtler von Bedeutung; der hervor⸗ ragendſte unter ihnen iſt der Tragöde Roſſi, und auch dieſer iſt gezwungen, mit einer Geſellſchaft durch das Land zu ziehen und kümmerlich ſein Brot zu verdienen.
So ſchlimm iſt es denn mit unſeren deutſchen Schau⸗ ſpielern doch nicht beſtellt. Die Sänger und Sängerinnen werden in Italien wahrhaft unſinnig bezahlt. Als Beiſpiel führe ich hier nur an, daß der bekannte Tenor Steger, der in Wien nicht mehr genügte, in der verfloſſenen Winterſaiſon in Turin noch mit 28000 Frs. bezahlt wurde. Für Sängerinnen zahlt man noch höhere Preiſe, Frl. Adelina Patti erhielt in der Pergol in Florenz 5000 Fr. für jede Vorſtellung, und der Director deſſelben Theaters trug durch Schreiber dieſes der Mad. Lucca in Berlin 40000 Fr. für zehn Vor⸗ ſtellungen an. Das ſind Zahlen, bei deren Nennung jeden deutſchen Hoftheater⸗Intendanten oder Director ſchon ein Fröſteln überfällt, geſchweige denn, daß ſie in Wirklichkeit von einem Künſtler verlangt werden ſollten. Unſere Künſtler ſind alſo mit ihrem Einkommen von ſechs⸗ oder achttauſend Thaler per Jahr noch ziemlich beſcheiden in ihren Anſprüchen, und man iſt ungerecht gegen ſie, wenn man ihnen Anmaßung und Selbſtüberſchätzung vorwirft. Ich würde es lebhaft bedauern, wenn ich durch Mittheilung dieſer Thatſachen den Herrn Koſer oder den Herrn Boſt vom Berliner Hoftheater etwa zu einer Arbeitseinſtellung, die jetzt ſo ſehr in der Mode ſind, verleiten ſollte, aber ſelbſt mit Berückſichtigung dieſer Gefahr vermag ich es nicht, die Wahrheit zu verſchweigen.
Jetzt kennen die geehrten Leſer des Hausfreund auch


