Jahrgang 
1867
Seite
484
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bekannt zu machen, ſie in die Reſtaurants, in die Theater, ins Bvis und wo es ſonſt ſchön iſt, zu führen?

Gäbe es eine beſſere Schule für ſie, feine Sitten, pariſer Lebensart zu lernen? Und hhat ſich denn ſchon irgend Einer darüber beklagen können, daß die Pariſerin ihren ruſſiſchen Bären, ihren ſpleenigen Engländer, ihren querköpfigen Deut⸗ ſchen nicht mit ſchweſterlicher Aufopferung, mit unübertreff⸗ licher Hingebung behandelt?

O nein, ſie iſt entzückend, die Pariſerin mit ihrer ſpru⸗ delnden Laune, mit ihrem ewigen Lächeln, ihrer queckſilberigen Luſtigkeit, aber Geld koſtet ſie, Geld und immer wieder Geld! Blickt ſie in Dein Auge, ſie ſucht darin nur Dein Porte⸗ monnaie, forſcht ſie in Deinem Herzen, ſo findet ſie beſtimmt darin nur Deine Brieftaſche!

Die Liebe iſt in Paris nur ein Geſchäft wie jedes andere. Jeder Kuß, jeder Händedruck iſt eine Waare, für die man Toilette eintauſcht. Das ſchönſte Mädchen von der Welt gibt nicht mehr als ſie hat, hier in Paris aber iſt es Mode, noch

mehr dafür zu geben als man hat, und Tauſende ſind dafür

ſchon nach Clichh ins Schuldgefängniß gegangen.

Daß man dieſes letztere jetzt auch demolirt, daß man die Schuldhaft beſeitigt, wird der Liebe in Paris keinen Vortheil ſchaffen. Es wird zwar immer noch leichtſinnige Söhne geben, die ſich um eines trügeriſchen Weibsbildes willen ins Elend ſtürzen, aber nicht mehr ſo viel leichtſinnige Darleiher, die ihre Clienten nach Clichy ins Correctionshaus ſenden.

Und doch iſt es vorgekommen, daß die Pariſerin ihren Geliebten, wenn ſie ihn nach Clichy gebracht, dort noch theil⸗ nehmend beſucht hat zuverläſſig aber hat ſie inzwiſchen ſchon einen Andern gefunden, den ſie ebenfalls dahin zu ſpediren ſchon im Begriff iſt.

Der Abend ſchreitet vor. Die Nacht kommt und immer noch ſchwärmt es auf den Boulevards hin und her, immer noch hüpfen dieſelben Irrlichter zwiſchen dem dunklen Strom dahin. Es gibt ihrer ja ſo viele!

Es wird elf, es wird zwölf Uhr.

Die Theater⸗Vorſtellungen ſind zu Ende, aber die Polizei⸗ ſtunde hat geſchlagen.

Die Reſtaurants löſchen ihre Lichter, die Paſſagen wer⸗ den dunkel und ſchließen ihre ſchweren, eiſernen Gitter. In den Kaffeehäuſern wird es dunkel, nur vereinzelt ſitzen noch einige Gäſte, die allmählich verſchwinden.

Endlich liegt der ganze Boulevard im Halbdunkel da. Nur die Laternen der Straße erhellen die Trottvirs.

Paris geht verhältnißmäßig früh zu Bette. Die Polizei

will es ſo. Um ein Uhr iſt Alles todt; die Zuſchauer der Theater eilen über die Boulevards nach Hauſe.

Paris ſchläft.

Nur in einzelnen Reſtaurants erſter und zweiter Klaſſe, bei Brebant, Deſire, im Café anglais ꝛc. fängt ein neuer Turnus an.

Die Welt des Leichtſinns beginnt ihre kleinen Feſte in den Cabinets und den kleinen Salons. Die Auſtern öffnen ſich, der Champagner ſchäumt ſeine Perlen. Trunkene, luſtige Stimmen ſingen zwiſchen den Tapeten der Cabinets ihre Zigeuner⸗Lieder, denn es iſt die höhere Boheéme, die hier ihre Orgien feiert.

Decken wir den Schleier darüber. Spiegel, Gläſer und Teller werden zerſchlagen, Küſſe gewechſelt; es geht oft wild, ſehr wild zu, und zur Carnevals⸗Zeit kann wol paſſiren, was uns das Journal amusant in einem ſeiner Bilder ſchilderte: Der Gargon kommt mit einem kleinen reizenden, betrunkenen Debardeur in ſeidenen Höschen auf dem Arm zum Wirth und ſagt:Herr Patron, die Herren in Nr. 7 haben ihre Dame vergeſſen; ich habe ſie eben beim Auskehren gefunden.

Gehen auch wir jetzt nach Hauſe.

Die Boulevards ſind ſtill. Nur vereinzelt ziehen Gruppen an uns vorüber, nur vereinzelt noch jagen die Fiaker und Equipagen in der Mitte der Boulevards.

Da plötzlich kommt ein dunkles, rieſiges Ungeheuer mit feurigem Rachen uns entgegen geſchnaubt, das lärmend ſeinen ſchwarzen Athem in die Luft bläſt.

Es iſt die Locomotive, die ſchwere Arbeitsmaſchine, mit welcher man in der Nacht die kleinen Chauſſeeſteine, den ſo⸗ genanntenFuhrmannszucker, zermalmt, welchen man bei Tage auf die breite Mac⸗Adam⸗Straße geſchüttet.

Alles zerquetſchend, fährt ſie die Boulevards hin und zurück, und die Straße, die heute durch Tauſende von Wagen zerfahren, morgen früh iſt ſie wieder glatt wie ein Tanzſaal.

Paris ſchläft. Nur die Chiffonniers, die Lumpenſammler, beginnen mit der Hotte auf dem Nacken, der Laterne in der einen, dem Hacken in der andern Hand ihr einſames nächt⸗ liches Werk.

Die Geſchichte von Paris erzählt uns, daß ſie ſchon zerbrochene Throne und zerriſſene Verfaſſungen unter dem

Kehricht gefunden, aber weder die dramatiſchen Dichter von

Paris, die den Lumpenſammler ſchon ſo oft verherrlicht, noch Ponſon du Terrail, der fruchtbare Romantiker, erzählen uns, daß ſie die ſchiffbrüchigen Reſte von Tugend und Ehr⸗ lichkeit gefunden, die hier ſchon in der Wiege zu Grunde gehen. Hans Wachenhuſen.

Zur Ehrenrettung des deutſchen Theaters.

Die nachſtehenden Zeilen haben den Zweck, dem Leſer

ein vergleichendes Bild der gegenwärtigen Theaterverhältniſſe in Frankreich, Italien und Deutſchland vorzuführen, ihn mit Eigenthümlichkeiten der Theater dieſer Länder bekannt zu machen und für ihn ſo gewiſſermaßen den immer etwas myſtiſchen Vorhang zu entrollen, der die Couliſſen von dem wirklichen Leben trennt. Das Theater ſoll ſeiner eigentlichen Beſtimmung nach die Bildungsſchule der Völker ſein; ſehen wir nun ein wenig nach, wie man in der Gegenwart dieſer edlen Beſtimmung gerecht wird.

Auf welchem Standpunkte das deutſche Theater ſich be⸗ findet, brauche ich hier nicht zu erörtern, jede Theaterkritik enthält immer wiederkehrende Klagen über den Verfall deutſcher Kunſt, und dieſe Klagen finden im großen Publikum ein lautes Echo. Daß dieſe Klagen häufig ungerechtfertigt und über⸗ trieben ſind, möchte ich nach den in andern Ländern ge⸗ ſammelten Erfahrungen wohl behaupten, und ich glaube, der Leſer wird, nachdem er mit mir im Geiſte die franzöſiſchen und italieniſchen Theater beſucht haben wird, wohl meiner

Meinung ſein. Es iſt durchaus nicht meine Abſicht, für die deutſchen Theaterdirectoren und für die deutſchen Künſtler hier den Lobredner zu übernehmen, denn ſie ſind durchaus nicht frei von aller Schuld, aber eine gerechte Vertheidigung haben ſie von einem Volksblatte, wie es derHausfreund iſt, zu erwarten, und dieſe ſoll ihnen dadurch zu Theil wer⸗ den, indem ich die einfachen Thatſachen ſprechen laſſe. Beginnen wir nun unſere theatraliſche Rundſchau mit Paris im Speciellen und mit Frankreich im Allgemeinen. Paris, das moderne Sodom und Gomorrha, beſitzt bekanntlich einige zwanzig Theater, die alle neben dem Beſtreben, die Maſſe zu unterhalten oder zu beluſtigen, den edlen Zweck ver⸗ folgen, möglichſt viel Geld zu verdienen. Von dieſer Abſicht ſind ſelbſt die Verwaltungen der kaiſerlichen Theater nicht frei, denn auch dieſe ſind der Privatſpeculation überlaſſen, die ſie natürlich nach Kräften ausbeutet. Große Einnahmen kann man natürlich nur durch großen Beſuch erzielen, ein großer Beſuch wird dadurch bedingt, daß man dem Geſchmacke des Publikums zu huldigen weiß, und dieſer Geſchmack eben iſt es, der die Theaterzuſtände auf jenen bedauerlichen Stand