Bald jedoch erwuchſen die Gerüchte über ſie zu noch weit ſchwereren Anklagen, denn ſie bezichtigten ſie nicht nur des Ehebruchs, ſondern auch des Uebertritts zur katholiſchen Kirche und des offenbarſten Verrathes an ihrem Gemahl, da ſie mittels eines Anwaltes bei dem vom Herzog Alba zu Brüſſel eingeſetzten Gerichtshofe, Conſeil de Troubles genannt, Klage hinſichtlich des bei ihrer Eheſtiftung ihr ausgeſetzten Leibgedinges führte, das eben ſo wie ihres Gemahls Beſitzungen von den Spaniern eingezogen worden war, in welcher Klage ſie ihr Intereſſe ganz von dem ihres flüchtigen Gemahles trennte, welchen Alba als Rebell für bürgerlich todt er⸗ klärt hatte.
Indem ſie zur Rettung ihres ihr von Rechts wegen zu⸗ ſtehenden Eigenthums dieſen Schritt that, beging ſie nicht nur eine außerordentliche Unvorſichtigkeit, weil ſie durch die Klage beim Conſeil de Troubles Herzog Alba's Spruch als gültig und ihren Gemahl als bürgerlich todt anerkannte, ſondern ſie gab auch ihren Feinden die erwünſchteſte Gelegen⸗ heit, ſie als Verrätherin zu brandmarken. Von wem dieſer unſelige Vorſatz ihr eingegeben worden, blieb ein Geheimniß. Jedenfalls war dieſer Schritt durch ihre hülfloſe Lage ver⸗ anlaßt. Er trug ihr keine Frucht, Alba ließ ſich nicht durch Vorſtellungen erſchüttern, ihm war das Wort Gnade unbe⸗ kannt.
In der mit jedem Tage ſich mehrenden Bedrängniß er⸗ ſchien ihr unerwartet ein Freund, ein Retter— Don Garcia de Rubero. Er fand ſie in einer kleinen Stadt in tiefſter Armuth. Seine Liebe zu ihr hatte ſich nicht nach den Ver⸗ hältniſſen gewandelt. Jetzt erſt erkannte ſie den Werth ſeines edlen Charakters, ſein Herz ward der Armen, vom böſen Schickſal Verfolgten ein ſicherer Hort, und bald vereinte ein Glaube ſie geiſtig mit ihm. Don Garcia vermeinte durch ihren Uebertritt nicht allein ſie von den jenſeitigen Folgen der Ketzerei gerettet zu haben, ſondern er nahm auch an, daß Herzog Alba gegen die nunmehrige Katholikin hinſichtlich ihrer Klage wegen ihres Leibgedinges beſondere Rückſichten nehmen werde, zu welchem Zwecke er ſich perſönlich nach Brüſſel begab.— Anna ſah ihn nicht mehr wieder, nur einer ſeiner Diener brachte ihr die Nachricht, daß er daſelbſt angeklagt, mit ihr, die man ſpaniſcher Seits für eine ſchlaue geheime Agentin ihres Gemahls und ſomit auch der Aufſtändiſchen halte, in Verbindung zu ſtehen und zum Nachtheile der ſpaniſchen Herrſchaft Verrätherei be⸗ gangen zu haben, auf Alba's Befehl verhaftet worden ſei.
Dieſer Schlag war zu ſtark, er vernichtete jede Hoffnung
auf Ruhe bei Anna, abermals ſah ſie ſich genöthigt, zu flüchten, und dieſe Flucht führte ſie unglücklicher Weiſe in die Gewalt ihres Gemahls, der ſie als Gefangene feſtſetzen und eine Botſchaft an Kurfürſt Auguſt nach Dresden abgehen ließ mit dem Geſuche, dieſe gefährliche und in ihren Zornaus⸗ brüchen zu Allem fähige Gemahlin, mit welcher er nicht mehr leben könne, abholen zu laſſen. Dies geſchah, obwol Prinzeß Anna den energiſchſten Widerſtand gegen ſolche ihre perſönliche Freiheit vernichtende Maßregel leiſtete. Aber was konnte ſie, das ſchwache Weib, gegen die Gewalt unternehmen! Ein Opfer der Brutalität, wie ſie es war, fühlte ſie ſich indeß ſchon erleichtert, als man ſie in aller Eile von dem Prinzen ſchied. Dieſem Acte, der ſie wenigſtens von dem Bewußtſein befreite, mit ihm, der Alles gethan hatte, um ſie elend zu machen, noch ferner leben zu müſſen, ſetzte ſie kein Hinderniß entgegen, denn ſie hielt ihn für ein großes Glück.
Nach langer, beſchwerlicher Reiſe langte ſie, wie ſchon erwähnt, im Winter 1575 zu Dresden an, um daſelbſt in einem ſtrengen Gewahrſam ihr von ſo harten Schickſalsſchlägen zerſchmettertes Leben hinzubringen.
halten würde. Aber als die Erkenntniß in der Geſtalt einer vollendeten Thatſache vor ihr ſtand, regte ſich der bitterſte Haß gegen ihn in ihrem Herzen, und ſie klammerte ſich feſt an die ihr einzig bleibende Befriedigung, ſeinen ihr Gewährung einer beſchränkten Freiheit bietenden Bedingungen eine fortge⸗ ſetzte unerſchütterliche Weigerung entgegen zu ſtellen.
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tert Anfänglich glaubte ſie nicht, daß ihr Oheim, Kurfürſt Auguſt, ſie als eine Gefangene
So waren nahe an zwei Jahre vergangen, Zorn und Weh hatten gleich verderbend an ihrem Leben gezehrt, der Gedanke an die Erlöſung von ihrer Geſangenſchaft durch den Tod war ihr ein willkommener, und da ſie das deutliche Gefühl in ſich hatte, der von ihr erſehnten Scheideſtunde aus einem Daſein, deſſen Lichter alle für ſie érloſchen waren, raſch entgegen zu gehen, fand ſie ſich um ſo weniger veranlaßt, vor ihrem Oheim den Haß zu verbergen, den ihr Herz gegen ihn empfand.
Die Bemühungen des kurfürſtlichen Leibarztes Dr. Neefe, die ſo ſichtbar ſinkende Lebenskraft der Gefangenen zu heben, zu ſtärken, erſchienen dieſer als Das, was ſie vielleicht, wenigſtens zum Theil, auch waren, als ein Ausdruck der Gewiſſens⸗Vorwürfe ſeines Gebieters wegen des harten Looſes, das er der Tochter ſeines Bruders bereitete; aber der orthodor⸗ lutheriſche Kurfürſt würde nie dem ſich und ſeiner Kirche er⸗ wachſenden Schimpfe, eine Apoſtatin, eine zum Katholicismus Uebergetretene öffentlich unter ſeine nächſte Verwandtſchaft zu zählen, ſich ausgeſetzt haben. Entzogen den Augen der Oeffent⸗ lichkeit, eingepfercht in einem ſtreng gehüteten Gewahrſam, machte er das ihm ſo übel erſcheinende Beiſpiel, welches Anna dem lutheriſchen Volke in ihrem Religionswechſel geben konnte, zu nichte.
Im nächſten Vormittag wurde Pr. Neefe und der griechiſche Arzt Agathos der Prinzeß gemeldet. Sie fanden ſie auf dem Ruhebett ſitzend, gleichgültig, geiſtig und körperlich abgeſpannt. Sie beachtete die Anrede des kurfürſtlichen Arztes faſt gar nicht, ſondern ließ nur den Blick flüchtig über den ihr Vor⸗ geſtellten ſtreifen, dann ſchlug ſie die Augen wieder nieder und verharrte im Schweigen.
Agathos war eine große, gebietende Geſtalt. Ein hoher rother Fez deckte ſein Haupt und verlängerte ſcheinbar ſeine körperliche Größe. Von ſeinem ſtark gebräunten Geſicht war nur die Oberhälfte zu ſehen, denn die untere wurde durch einen über die Bruſt herabfließenden vollen Bart verdeckt. Ein ſchwarzſeidener offener Talar ließ ſein blaues Unterkleid bemerken, das durch einen breiten ſeidenen Gürtel, der mehrere mit vieler Kunſt eingeſtickte fremdartige Schrift-Charaktere zeigte und von dem eine ähnlich geſtickte Taſche zum Tragen von Medicamenten herab hing, zuſammen gehalten wurde.
Da die Prinzeß weder einen Blick auf, noch ein Wort an die beiden Aerzte richtete, wendete ſich der Grieche zu Dr. Neefe und redete leiſe in lateiniſcher Sprache zu ihm; „Es beſtätigt ſich, was Ihr mir mitgetheilt, Herr, ſie zeigt Euch eine offenbare Abneigung; ob auch gegen mich diz der Fall ſein wird, bleibt zu entſcheiden, weshalb ich Euch erſuche, mich mit ihr allein zu laſſen.“
Dr. Neefe fand ſich um ſo ſchneller dazu, als es ihm zuwider ſein mußte, länger in einer ſo unangenehmen Stellung, wie die ſeine der Prinzeß gegenüber war, zu verweilen. Er entfernte ſich mit ſtummen Kopfnicken. Anna's Blick hob ſich bei dem Geräuſch der von dem Hinausgehenden geöffneten Thüre, dann ſtreifte er erſtaunt auf den Zurückgebliebenen, der, wie es ſchien, geſpannt den Schritten ſeines gelehrten Collegen im Vorzimmer nachlauſchte. Nach einer Weile trat Agathos an den naheſtehenden Tiſch, zog aus ſeiner Gürtel⸗ taſche eine Phiole und ein Beſteck hervor, das er öffnete und einen ſtark vergoldeten Löffel herausnahm.
Die Prinzeß wurde merkbar unruhig; dies ſtille geheim⸗ nißvolle Weſen des Fremdlings trug den Anſtrich des Außer⸗ ordentlichen, als wäre er ſeiner Uebermacht bewußt. Sie hielt die Augen zu Boden geſenkt, da hörte ſie ihn nahen. Sie blickte auf. Er ſtand vor ihr, den Löffel in der Hand. Sein Blick traf mit dem ihren zuſammen, ſie ſchauten ſich wortlos eine Weile einander an, dann neigte der Grieche ſich ihr zu, und über ſeine Lippen ging es im flüſternden Hauche „Anna, erkenne mich... Garcia ſteht vor dir!“
Ein gellender Laut der ſchreckhafteſten Ueberraſchung ent⸗ flog dem Munde der Prinzeß— die Thüre wurde aufge⸗ riſſen, Dr. Neefe trat eilig ein, er glaubte, es ſei ein Unglück geſchehen. 2
„Es iſt nichts zu beſorgen, Herr“, wies ihn Agathos


