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„Fiction.“ Nur das Raſcheln der ſeidenen Kleider und das Kichern und Ziſcheln ſtört die Aufmerkſamkeit der mit Kopf⸗ weh geplagten Reporters und Stenographen der Preſſe, die unter derſelben Galerie ihre mühſame Arbeit im Geſchwind⸗ Tempo auszuführen haben. Bis heute ſind alle Verſuche galanterer Parlamentsmänner, der Schönheit freien Raum zu gönnen, an dem ſtarren Herkommen geſcheitert, namentlich aber an dem Widerwillen mäßig begabter Ehemänner unter den Rednern, die am allerwenigſten von ihrer lieben Frau Gemahlin geſehen werden wollen, falls ſie ſich mit einer Dummheit coram publico einmal oder öfters blamiren ſoll⸗ ten. Wie beneidenswerth müſſen den Abgeſperrten ihre Schwe⸗
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kommen!
Im Oberhauſe iſt man erleuchteter. Dort erſcheinen die Herzoginnen, Marquiſen und Ladies von Rang, ihrer Rechte bewußt, Aller Augen ſichtbar im Glanz der Toiletten auf der„Galerie der Ladies.“ Aber ihre Wißbegierde findet dort weniger Befriedigung. Pairs des Reiches, ſollten ſie auch früher als junge Lords einmal im Unterhauſe ſich einen Namen gemacht haben, ſtellen— wenn zur ererbten Würde gelangt— im Oberhauſe ihr Talent unter den Scheffel der Convenienz. Es leuchtet dort ſelten etwas anders an ihnen als der— kahle Kopf.
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Feuilleton.*
Ein Bild aus dem norddeutſchen Reichstag.
Die„Reichstags⸗Viſiten“ haben die Leſer des„Hausfreund“ mit einer großen Anzahl der intereſſanteſten Abgeordneten bekannt gemacht. Unſere heutige Illuſtration zeigt ihnen ein Stück des Her⸗ renhaus⸗Saales, in welchem der Reichstag ſeine Verhandlungen führte, nämlich das Präſidialbureau mit der Rednertribüne und der Bank der preußiſchen Bundescommiſſare. Unter der Uhr ſitzt der Präſident Simſon, aufmerkſam horchend, ob der eben ſprechende Redner nicht allzu ſehr die Glückſeligkeit der norddeutſchen Bundes⸗ verfaſſungsfreunde ſtöre; denn dieſer Redner iſt der„alte Waldeck“, der friſch von der Leber weg ſeine Meinung ſagt und den Verfaſſungs⸗ Entwurf gern in eine andere Form amendirt hätte. Das ſchreiben denn die Stenographen, welche an dem Tiſch unmittelbar vor der Rednertribüne ſitzen, gewiſſenhaft auf, indeß zur Linken der Chef der Reichstagskanzlei ein beſonderes Protokoll führt. Zu beiden Sei⸗ ten des würdevoll thronenden Präſidenten ſitzen die Schriftführer des Parlaments, und wahrſcheinlich, daß Franz Duncker, welcher ſich an das Bureau gelehnt hat und ſeinem ehrwürdigen Freunde Waldeck zuſtimmend lauſcht, ſich eben hat zum Worte notiren laſſen. Am Tiſch der Bundescommiſſare ſehen wir den Grafen Bismarck, den Schöpfer des Werkes, ſeit Kriegszeiten und ſeiner Generalsernennung gern in Uniform; er ſieht ſich den alten Waldeck an, als dächte er bei ſich: der Mann kann gut reden, aber jetzt handeln wir! Was Baron v. d. Heydt neben ihm ſich denken mag, iſt uns unklarer; vielleicht daß er auf das Glas Waſſer wartet, welches von der anderen Seite her ein Reichstagsdiener herbeiträgt. Und ſtramm, in würdiger Soldatenhaltung, ſteht hinter dem Grafen Bismarck der ſinnend-ernſt dreinſchauende Kriegsminiſter von Rvon. Seine Miene berechtigt zu dem Schluß, daß er die Rede Waldeck's mit dem ſtillen Troſte anhört, der 1848 mit dem Motto aufkam: Gegen Demo⸗ kraten helfen nur Soldaten!— Jetzt iſt das Zeitalter der Soldaten!
Laſtthiere.
In unſerer Illuſtration ſind die verſchiedenen Thiere, welche dem Menſchen in den fünf Welttheilen zu ſeinen Gewerben und Ver⸗ gnügungen ſo unentbehrlich ſind, zuſammengeſtellt.
Hier in dem Lande des ewigen Schnees und Eiſes ſind es das Rennthier und der Hund, welche der Lappländer vor ſeinen Schlitten ſpannt, und die ihn blitzſchnell über die weiße, glatte Fläche führen, dort iſt es das Lama, das die Laſten über die Kette der Anden ſchleppt, deren Gipfel nur durch die Höhen des Himalajagebirges überragt werden, daneben der arabiſche Renner, das„Schiff der Wüſte“: das Kamel, der kräftige Stier, das ſpaniſche Maulthier und der beſcheidene Eſel; endlich der Koloß der Thierwelt, der indiſche Elefant.
Man vergißt leicht, daß nur mit Hülfe dieſer nützlichen Thiere der Menſch ſich zu der Höhe des Ranges, den er auf der Erde ein⸗ nimmt, hat emporſchwingen können, und daß, wenn er die Intelligenz und den Verſtand beſitzt, dieſe untergeordneten Geſchöpfe die Kraft hergeben müſſen, um das auszuführen, was der menſchliche Geiſt er⸗ dacht hat. W. O.
Das Grab Noah's.
Bekanntlich verknüpft die älteſte Volksſage das Gebirge Ararat in Armenien mit der Sündflut, ja man will ſogar durch vielfache Forſchungen zu der Entdeckung gelangt ſein, daß in der Nähe deſſelben
ſich das Paradies befunden haben ſoll. ſtellt ſein laſſen.
Am Fuße des genannten Gebirges liegt die Stadt Nachisſchewan, ein durch fruchtbare Gärten und ehemals auch durch Denkmäler und eine zahlreiche Bevölkerung ausgezeichneter Ort, der gegenwärtig je⸗ doch ganz verfallen iſt und nur noch eine geringe Einwohnerzahl, vor⸗ zugsweiſe Armenier, beſitzt.
Der Name dieſer Stadt bedeutet in der armeniſchen Sprache: „Erſte Wohnung“, und dieſer Umſtand hat zu der Sage Veranlaſſung gegeben, daß Noäh nach dem Ablauf der Sündflut an dieſem Orte ſeine erſte Wohnung aufgeſchlagen haben ſoll, und ihm daher die Gründung dieſer Stadt beigelegt werden müſſe.
Dieſe Sage hat nun die Bewohner Nachisſchewans veranlaßt, nach der Grabſtätte des Vaters der Weinberge zu forſchen, und ihren Bemühungen iſt es nun auch in der That geglückt, dieſe wirklich zu entdecken. Dieſelbe wird heutigestages dem Reiſenden als die höchſte Merkwürdigkeit dortiger Gegend gezeigt, und iſt ein nament⸗ lich von armeniſchen Chriſten viel beſuchter Wallfahrtsort. Das Grab Noah's liegt außerhalb der vben bezeichneten Stadt, in der Nähe einer gegenwärtig gänzlich zerſtörten Feſte, welche der Stadt einſt als S diente, ungefähr eine halbe Stunde von derſelben entfernt.
Das Grabmal ſelbſt beſteht aus einem ſehr niedrigen, thurm⸗ artigen Rundbau, der eben ſo tief in als über der Erde ſteht. Durch eine kleine und ſo niedrige Thür, das man nur gebückt durch dieſelbe ſchreiten kann, tritt man in einen gewölbten, kellerartigen, roh aus⸗ geführten Raum, in deſſen Mitte ſich eine Säule befindet, welche das Gewölbe ſtützt.
In der Nähe derſelben befindet ſich ein nichts weniger als ſauberer Altar, unter welchem ſich in einem gemauerten Gewölbe das Grab des vielbeſungenen Pflanzers der Rebe befinden ſoll.
Das Denkmal iſt zufällig oder abſichtlich in der Nähe eines alt⸗ armeniſchen Kirchhofes errichtet worden, und ein Stein mit unbe⸗ kannten Schriftzügen ſoll genau die Stelle bezeichnet haben, an welcher die Gebeine des Erzvaters ruhen, und der gläubige Armenier glaubt es. B.
Wir wollen das dahin ge⸗
Die engliſchen Zeitungen berichten von einem Begräbniß, das wol einzig in ſeiner Art daſtehen möchte. In der Schlacht an der Alma wurde auf dem Leichnam eines gefallenen ruſſiſchen Offiziers ein Hund von einem Ingenieur-Unteroffizier gefunden und mit⸗ genommen. Dieſer Hund wurde von der Compagnie Snob (Philiſter) getauft und blieb ein treuer Gefährte derſelben in den Schlachten bei Inkerman, Balaklava und bei der Belagerung von Sebaſtopol. Auch an den Auszeichnungen nahm er Theil, denn er erhielt eine Medaille an blauem Vande. Snob kehrte mit nach Eng⸗ land zurück und blieb in der Ingenieur⸗Kaſerne. Er eignete ſich alle militäriſchen Tugenden an, verſtand jedes Hornſignal, nur mit der Subordination konnte er ſich nie recht befreunden, denn er zeigte eine entſchiedene Abneigung gegen alle Offiziere. Snob ſtarb, und ſein Leichnam wurde in einem Sarge, der die Aufſchrift trug:„Hier liegt Snob; er war bei Inkerman, Balaklava, an der Alma und Sebaſtopol“, bei Chatham in der Nähe des Denkmals für die in der Krim gefallenen Offiziere beerdigt. Die Spielleute ſpielten den
Trauermarſch, über dem Grabe wurden drei Piſtolenſalven abge⸗ feuert; außer den Mannſchaften und Offizieren der Compagnie wohnten mehrere hohe Militärs der originellen Ceremonie bei. D
ſtern im Geſchlecht bei ausländiſchen Kammerſitzungen vor⸗
Nr. 31 wird acht Tage ſpäter ausgegeben.
Verlag der Hausfreund⸗Expedition(Lemke und Comp.) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21. Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen.
Haupt⸗Expedition und Druck bei F. A. Vrockhaus in Leipzig.
à hern e von St.⸗
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