———
—==—
Stephens“, damit er ihnen den Thron der Königin, einen nicht nur im Märchenbuch gemalten, zeige, auch wol damit er ſich ſelber eine unbeſtimmte Idee von dem Ausſehen all der„Größen“ unter den Staatsmännern verſchaffe und Derer, die noch größer ſein„könnten“, vielleicht auch, um ſich über die„kunſtloſe“ Einfachheit der Gemälde und Statuen in den Corridoren zu verwundern.
Anders iſt's, wie man in London ihn nennt, mit dem „Cvuſin aus der Provinz“. Nicht, daß man gerade einen leibhaftigen Verwandten darunter verſtände, oder auch vorzugsweiſe ein ländliches Masculinum, denn unter ſolchen „Couſins“ können auch„Couſinen aus der Provinz“ ge⸗ meint ſein. Alle Britten, die nicht zu London gehören, haben den geſchlechtsloſen Sammelnamen„Cvuſins aus der Provinz.“ Dieſe nun bringen noch Andacht mit, wenn ſie ſich einmal nach der Themſeſtadt begeben. Obenan unter Allem, was des Anſtaunens ſich verlohnt, ſteht ihnen das Parlaments⸗ haus. Der Londoner hat eine angeborene Scheu vor Umſtänd⸗ lichkeiten, ſogar vor der kleinen Mühe, ſich um ein Eintritts⸗ billet zu bewerben. Der„Couſin“ übernimmt die Mühe mit Enthuſiasmus. Er hat ſich ſeine unbeſtimmte Ehrfurcht vor
dem großen Hauſe noch nicht durch Partei⸗Broſchüren ab⸗
wendig machen laſſen. In der Galerie des Unterhauſes ſechs Stunden lang ſitzen und dann in die ländliche Heimat zurück— zukehren und erzählen zu können, daß er die Staatsmänner, von denen die Zeitungen ſo viel erzählen, auf dreißig Ellen
Entfernung vor ſich geſehen— das macht ihn zu einem Local— Heros und zu einer Art Parlamentsorakel. Der erſte Gedanke— wenn der„Couſin aus der
Provinz“ nach der„Stadt“ kommt, gilt dem von ihm ja mitgewählten Parlamentsmitgliede für das Städtchen N. Solcher Staatsmann erhält dann eines Morgens ein höfliches Billet, gewöhnlich beginnend:
nehme ich mir die Freiheit u. ſ. w.“ Und ganz ſicher, denn
die kleine Aufmerkſamkeit koſtet nichts, ſchickt,“ eſes M. P. d. h. Member of Parliament, eine„Ordés en Empfänger zum glücklichſten Mann macht, d.! as Unterhaus öffnet. Ohne ſolche Order würde er« ſen
werden. Ohnehin iſt es ein feſtländiſches Misverſtändmß, zu vermeinen, die engliſchen Parlamentsſitzungen ſeien von Geſetzes wegen„öffentlich.“ Durchaus nicht. Eben ſo wenig wie es eine geſchriebene engliſche Conſtitution gibt— ſie iſt nur eine Summe von Herkömmlichkeiten, aber erſter Klaſſe, ſo zu ſagen— eben ſo wenig gibt es eine geſetzlich gewähr⸗ leiſtete Oeffentlichkeit der Parlamentsſitzungen. Sie iſt nichts Anderes als ein„eingeriſſener Gebrauch“, ebenſo wie die „Anweſenheit der Männer von der Preſſe“. Wenn ja ein Mitglied des Hauſes jedoch auf die gewiß im ganzen Lande mit Hohngelächter aufgenommene Idee käme, über ſolche Oeffentlichkeit Beſchwerde zu führeu, ſo würde ſich dieſelbe ſofort in Dunſt auflöſen müſſen, das Publikum nach Hauſe gehen und der Stenograph das Buch zuklappen. Aber ſo Verwegenes hat man ſelten beantragt. Nur O'Connel, der große iriſche Agitator, ſpielte der ihm gerade verfeindeten Preſſe zwei Mal den Poſſen, in einer Rede die Worte fallen zu laſſen:„Es ſind Fremde auf der Galerie“. Und ſofort flüchtete Alles. Er wiederholte es jedoch nicht zum dritten Male, denn die Preſſe ließ ihn den Schabernack gallbitter entgelten. Die Oeffentlichkeit iſt eine Realität für das Publikum, für das Unterhäus eine„geduldete Fiction.“ Eigentlich wiſſen die Parlamentsmänner nichts von den Zuhörern da oben, aber uneigentlich iſt ihnen das genau bekannt, denn ſie haben ja ſelbſthändig die Einlaßordres unterzeichnet.
Iſt jedoch unſer„Couſin aus der Provinz“ nicht nur ein Wähler aus Reih und Glied, ohne weiteren Einfluß als den eines einzelnen Votums, ſondern eine Art von diſtinguirter Perſon unter denſelben, dann iſt es dem Parlamentsmanne noch viel bedeutſamer und wichtiger, den lieben Beſuch ſich zemahls küälle durch Aufmerkſamkeiten zu verbinden. Denn
verloren ſein köalet, von„zu Hauſe iſt vielleicht ein„großes
Wachenhuſen's Hausfreund. 1
iel ein Kirchſpielvorſteher,
— 179„—
„Als Einer Ihrer Wähler⸗
der zur Wahlzeit ſeine Collegen für den betreffenden Wahl— candidaten mit kräftigen Reden bearbeitet; der bei der Armen⸗ verwaltung eintreten kann, über ſtädtiſche Waſſerleitungen Beſcheid weiß und über die zweckmäßigſte Sparſamkeit bei der Anlage von Kirchhöfen— mit einem Worte ein Weſen von Subſtanz. Der aſpirirt auf Beſſeres als einen Sitz auf der Fremdengalerie. So geht er nach dem Hauſe und sans facon bei dem Conſtable vorüber, der im Corridor Wache hält und Jenem wol ſeine Wichtigkeit an der Naſe ableſen muß(wofür Conſtabler einen beſonderen Blick haben), und ſchickt ſeine Viſitenkarte in den Sitzungsſaal für das Parla⸗ mentsmitglied A. Sofort kommt ſein„Mitglied“ heraus, derſelbe Mann, für den er ja mit Selbſtaufopferung im Wahlcomité ſich plagte und zu deſſen Gunſten er ſich unter⸗ ſchiedliche Male heiſer geſprochen. Sein Mitglied, das „honorable Member“, lächelt ſein ſchönſtes Lächeln und ſchüttelt ihm die Hände und lauſcht mit gutverſtelltem Inter— eſſe auf die Einleitungsrede, die heimatliche Kleinigkeiten als Neuigkeiten weitſchweifig behandelt. Er verſteht den würdigen Gaſt ſofort, ohne daß dieſer nur die Bitte auszuſprechen braucht, und fragt leichthin:„Wollen Sie ſich nicht das Haus anſehen?“ Verſteht ſich, der will. Sein„Mitglied“ nimmt ihn cordial unter den Arm mit leichter Schiebung und lavirt ihn ohne Fährlichkeiten durch verſchiedene Paare von Con— ſtablern, die große Portale bewachen und ſetzt ihn ſchließlich ab— o der Ehren!— dicht hinter dem Sitz des Sergeant- at-Arms. Selbiger Gentleman iſt der oberſte Hauspoliziſt des Unterhauſes, trägt einen Galanteriedegen und kann, auf Befehl des präſidirenden„Sprechers“ ſogar widerſpenſtige Parlamentsmänner, ſollte Einer derſelben ſich dem Sprecher nicht fügen wollen,— ins Carcer ſtecken, das ſich irgendwo im Hauſe ſelbſt, unweit der Reſtauration vermuthlich, be⸗ finden ſoll.
Das iſt ohne Zweifel die angenehmſte und reſpectabelſte Manier, wie unſer„Couſin“ dazu gelangt, ſich das Haus anſehen zu dürfen. Hier kann er Alles ſehen und hören und ſich wundern, ſo viel er Luſt hat.
Anders ergeht es der Mater familias, der lieben Ehe— hälfte, ſollte er ja in deren Geſellſchaft nach der Metropole gekommen ſein. Ihr kann ſein Mitglied nicht helfen. Für ſie iſt mit größter Artigkeit wol eine ſogar goldgeränderte Einlaßordre verabfolgt, aber das Ehepaar darf nicht bei⸗ ſammen bleiben.„Bunte Reihe“ wird in dem feierlichen Hauſe nicht geduldet, weder hinter dem Sergeant-at-Arms, noch auf der Fremdengalerie. Der Eheher iſt hier auf alle Fälle„Nummer Eins“, und Madame, gewohnt zu herrſchen und gern geſehen daheim als Herrſcherin— kommt hinter den Schirm! Hinter den Schirm in der That— um wenig zu hören, noch weniger zu ſehen, und, was das Empörendſte, ohne geſehen zu werden!
Hinter den Schirm wird das ſchöne Geſchlecht verbannt, wie Jüdinnen hinter die Gitter der Synagoge. Politiſche Peris ſind dieſe Ladies, ausgeſchloſſen vom Paradieſe. Auf der„Ladies' Gallery“ ſitzen ſie, hinter einem Holzſchirm, der mit tauſend kleinen Oeffnungen zierlich und künſtleriſch aus⸗ geſchnitzt worden. Hier wird ihnen ihr politiſcher Standpunkt am deutlichſten gemacht— nämlich, daß ſie nicht das regierende Geſchlecht ſind. Hat die Abgeſonderte das Glück, wenigſtens auf der erſten Bank zu ſitzen, ſo geſtattet ihr das Schnitzwerk Luglöcher genug, um zu ſehen, was unten vorgeht, und auch hin und wieder etwas zu hören, ſo der Redende hübſch nahe ſteht. Nun iſt jedoch eine Debatte ſelten etwas Unterhalten— des, und außerdem ſind die Members ſtärker in Intelligenz als in phyſiſcher Schönheit. Will man etwa die Frauen ver⸗ hindern, die Wahrheit der Maxime Orenſtierna's zu erkennen, mit wie geringer Weisheit die Welt regiert werde? Und be⸗ handelt man die Damen deshalb ſo ungalant im engliſchen House of Commons, gleich den Negern im abgeſonderten Bet⸗ kaſten in den amerikaniſchen Südſtaaten,— oder wie die Inſaſſen des Harems im Lande der Moslems?
Genug! Es iſt Herkommen! Ihre Anweſenheit iſt eine
*


