gegen das Element gewährt. Gelb leuchten ferner die Pfeffer⸗ kuchen und Brezeln aus den Verkaufsbuden, die den Hinter⸗ grund der Scene bilden. Gelb aber iſt bekanntlich die Farbe der Leidenſchaft, nicht blos der Eiferſucht und des Neides, und die Chronik des Bocks hat in ihre Blätter Thaten ver⸗ zeichnet, die allein durch Leidenſchaft erklärlich ſind. Blutige Auftritte ſind vorgefallen, namentlich iſt oft plaſtiſch und draſtiſch die Frage erörtert worden, ob dem Stuhlbein des Civiliſten oder dem Seitengewehr des Soldaten höhere Achtung in der guten Geſellſchaft gebühre. Doch wir wollen jener Kämpfe um ſo weniger gedenken, als ſie zum Glück keine Ausſicht auf Wiederholung bieten; denn das Jahr 1866 hat den preußiſchen Bürger mit der preußiſchen Uniform tief ver⸗ ſöhnt, und die ſechs Wochen des Bockbiers— das Getränk darf ſich, wie alles Schöne, nur kurzer Dauer rühmen— werden diesmal ohne irgendwelche Reibung des Nährſtandes am Wehrſtande verrinnen, zumal der letztere die meiſten ſeiner
auf der Bruſt hier erſcheinen läßt, die von Gitſchin und Sadowa, von Aſchaffen⸗, Hammel⸗ und Würzburg zeugen.
Die Leidenſchaft gibt ſich„heuer“ in ganz anderer Weiſe kund. Man glaube ja nicht, daß ſie einen politiſchen Charakter trage und ſich gegen das Ausland kehre. Luxemburg exiſtirt auf dem Bock nicht. Auch die beiden würdigen Herren ſprechen nicht davon, die unſern Tiſch ſoeben ſtreifen und in denen wir hervorragende Phyſiognomien aus dem Sitzungsſaal des norddeutſchen Reichstages erkennen. Der Eine von ihnen macht den Andern auf eine Gruppe aufmerkſam, die in dem Moment mehr Augen feſſelt. Dort geht's luſtig zu. Ein junger Mann kann der Verſuchung nicht widerſtehen, zu pro⸗ biren, ob der Cylinderhut ſeines Nachbars wol einen Bock— krug aushält, und ſetzt ihm denſelben auf den Deckel. Jener balancirt die Laſt eine Secunde und fragt dann mit claſſiſcher Ruhe:„Es fängt wol wieder an zu regnen?“ da die Füllung des Krugs ihn überrieſelt.„Krach!“ gibt der Filz dem Geſetz der Schwere nach, und das Gerieſel wird ein Schaumſturz. Ohne im Mindeſten unwirrſch über die Taufe zu werden, be⸗ dauert der Triefende nur„die fürchterliche Stoffvergeudung“ und fordert Schadenerſatz für ſeine demolirte Kopfbedeckung.
.„Hier, mein Junge, haſt du ſie!“ lacht der Erſte und nimmt eine bunte Gypskatze von dem Tragebrett eines kleinen fliegenden Kunſthändlers,„ich verehre dir dieſen anſehnlichen Kater!“
„Hat ihm ſchon!“*) ſcherzt es von einem nahen Tiſch herüber.
Der Verdächtigte blickt auf und erklärt würdevoll:„Das kann nur Jemand ſagen, der mich nicht kennt! Kellner, Sie da, Blechnummer Sieben, friſchen Bock!“
„Meine Herren!“ erhebt ſich ſein Zechgenoſſe, die Umſitzen⸗ den und Umſtehenden anredend,„dieſer Hut“— er hält das beſchädigte Exemplar in die Höhe—„iſt zu vermiethen. Wer will bei dem allgemeinen Wohnungsmangel hinein⸗ ziehen?“
„Wohnungsmangel?“ fragt ein alter Hauswirth, und fährt ſeufzend fort:„ich habe zwei Etagen leer ſtehen!“
„Beſitzen Sie ſchöne Töchter?“ gibt der junge Mann zurück,„dann zieh' ich zu Ihnen!“ Der harmlos heitere Ton, in dem die Unterhaltung geführt wird, lockt zahlreiche Zuhörer herbei. Der Kellner Nummer Sieben muß ſich ge⸗ waltſam Bahn brechen, um das Verlangen des hutlos ge⸗
²) Eine jetzt in Berlin hochbeliebte Phraſe. Anm. d. Red.
Dasjenige, was man alle Tage zu ſehen bekommen kann, wenig Intereſſe für den ſchauluſtigſten Großſtädter, und 6 der Thurm zu Babel ſe* Wend einer Neben⸗ ℳ M 3
— 478„—
—— Pondoner ßrief.
Von Franz Broemel. F 5
Die Conſins ans der Provinz.
wordenen Bockbeſtellers zu befriedigen. Dieſer hat inmittelſt ein unfern ſitzendes junges Mädchen, einen ſchelmiſchen Locken⸗ kopf, ſcharf ins Auge gefaßt und glaubt ironiſches Lächeln um ihren ſchwellenden Mund wahrzunehmen. Er füllt ſein Glas:„Ihr Wohlſein, mein Fräulein!“ Das Lächeln ver⸗ ſchwindet nicht. Der junge Mann verläßt ſeinen Sitz:„Wenn Sie Sich das Recht erwerben wollen, über mich zu lachen, müſſen Sie mich heirathen! Sie nehmen es doch nicht übel?“ wendet er ſich verbindlich an die Aeltern der jungen Dame.
„Bitte ſehr!“ entgegnet der Vater, auf den Spaß ein⸗
gehend,„aber leider iſt meine Tochter bereits Braut.“ „Verehrter Herr“, erwidert der Andere,„es wäre ſehr nett von Ihnen, wenn Sie noch eine Tochter hätten!“ „Haben wir auch““), fällt Mama ein,„iſt aber zu Hauſe geblieben.“ „Wollen Sie mir erlauben, Ihnen morgen meine Auf⸗ wartung zu machen?“ Ohne die Antwort abzuwarten, ruft
Vertreter mit den ſtolzerweckenden, reſpectgebietenden Bändern er rückwäkts:„Fritz, komm her!“ und kehrt ſich wieder gegen
die Mutter:„Ich muß Ihnen meinen Freund vorſtellen!“ Der Papaſcheint zwar nicht ſonderlich angenehm berührt durch die neue Bekanntſchaft, macht jedoch, in ſtillſchweigender Berückſichtigung des Orts, gute Miene, rückt dicht an den Lockenkopf heran, die jungen Männer faſſen Fuß zwiſchen ihm und ſeiner be⸗ häbigen Ehehälfte, und das Ende vom Liede iſt ein Stündchen ſpäter der gemeinſchaftliche Aufbruch der kleinen Geſellſchaft, nachdem es ſich herausgeſtellt hat, daß die ironiſche Kleine noch nicht Braut iſt.
Dies eine Beiſpiel zeigt uns an, welchen Weg die bockentzündete Leidenſchaft Anno 1867 im Allgemeinen ein⸗ ſchlägt: ſie führt, den Wanderungen Tamino's in Mozart's „Zauberflöte“ gleich, zur Freundſchaft und Liebe. Wohin wir ſchauen, nirgends auf dem weiten Plan Ausſchreitungen bedenklicher Art, höchſtens einmal der Scherz auf die Spitze getrieben! Da Civil und Militär ſich jetzt in Harmonie ge⸗ ſetzt, iſt vollends nicht mehr an Zwietracht zwiſchen den ein⸗ zelnen nattungen der Vaterlandsvertheidiger zu denken. Vorn 0 nicht ſelten Fehde der Art aus, daß die Jüf der Cavalerie hieb- und ſchlagfertig gegenüber⸗ ſtellte, die Einen ſich für eine edlere und wichtigere Truppe Relten als die Andern. Die Feldzüge in Böhmen und am Main haben beide Parteien von falſchen Vorurtheilen geheilt, und wir ſehen den Huſaren in Roth, Grün, Schwarz und Blau dem Füſilier herzlich die Hand ſchütteln, der Schütze kommt mit dem Ulanen Arm in Arm daher, der Mann der Garde⸗du⸗Corps läßt ſich mit dem Trainſoldaten traulich an derſelben halbüberſchwemmten Tiſchplatte nieder.
Es begibt ſich auch, daß Menſchen auf dem Bock Brüder werden, was Dieſer oder Jener freilich vielleicht am nächſten Tage bereut. Wenn längſt die Sterne am Himmel glänzen, ſofern die Regenwolken ihnen dies erlauben, bewegen ſich die langen Züge den engen Bergpfad hinab, hier lautet oft unbändiges Jubeln, dort flüſtert, ziſchelt, lispelt und wispert es den miſerabel erleuchteten Weg entlang ſo ſüß und feurig. Glückliche Menſchen das! Droben von der Höhe klingt ihnen das langgezogene Geſchmetter einer Trompete nach, in welches das volle Orcheſter brauſend einfällt:
So leben wir, ſo leben wir, ſo leben wir alle Tage!
Wir wünſchen von Herzen, der Text der Melodie be⸗
wahrheite ſich an dem jungen Volk; denn wer den Frühling
in der eigenen Bruſt trägt, wird ihn minder ſchmerzlich in der Natur vermiſſen. Otto Girndt.
ſtraße verlegt, und nicht nur ein Parlaments⸗Palaſt. So er⸗ geht's auch dem Londoner. Er geht wol mit ſeinen Kindern einmal nach dem Parlamentshauſe, nach der„Halle von St.⸗
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