Jahrgang 
1867
Seite
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Das Diner geht mit der Karbatſche; man hat kaum müthlichkeit. Mit ſeiner Torte oder einer Frucht in der Hand

Zeit zu kauen und zu ſchlucken, denn es müſſen bei dieſer

Schlangenfütterung ſo Viele als möglich abgeſpeiſt werden. Als Fremder muß man dies Diner einmal mitmachen; man ſpeiſt vortrefflich und billig, aber ohne Ruhe und Ge⸗

gibt man ſeinen Platz auf, um den Uebrigen Platz zu machen, die ſich ſchon heißhungrig um dem Tiſch geſammelt haben, und verſpeiſt ſein Deſſert auf der Treppe.

Hans Wachenhuſen.

Die Preußen in Corſica.

Obgleich man vielfach das Gegentheil behauptet und die Franzoſen uns ſogar eine ehrgeizige Nation ſchelten, da wir ihnen in ihr Monopol greifen und auch wieder einmal eine kleine Rolle in der Weltgeſchichte ſpielen wollen, haben wir Preußen doch immer zu beſcheiden von uns gedacht. Nicht nur, daß wir bisher uns gewöhnlich ſelbſt über unſere fünfte Großmachtsehre und unſeren Großmachtskitzel ironiſirten, wir hielten uns auch immer ein wenig für nicht recht paſſend zum Deutſchen und brauchbar für ſo ein weſenloſes Ding wie die Freiheit iſt. Und beſcheiden ſind wir noch immer. Sehen wir nicht all den großen Wunderdingen ſeit dem Prager Frieden, die ſich um Preußen drehen, zu, als paſſirten ſie in Amerika? Wir ſind es wahrlich nicht, die große Roſinen in der Taſche zu haben glauben; wir denken auch jetzt noch beſcheidener von uns, als es die Polizei erlaubt.

Sagt uns Einer, die Preußen, richtiger preußiſche Sol⸗ daten, wären auch ſchon in Corſica geweſen, ſo ſchütteln wir verwundert mit dem Kopf und glauben es kaum. Gegen Polen und Schweden, Türken und Sarazenen, Franzoſen und Ruſſen, Ungarn und Oeſterreicher, Dänen und allerhand gute Deutſche haben die Preußen wol ihren Flamberg ge⸗ ſchwungen; aber daß ſie über's Meer geſchwommen ſeien, da⸗ von berichtet uns nur einmal die Geſchichte unter dem großen Kurfürſten, der am Senegal eine Colonie von Brandenburg anlegte.

Und dennoch es iſt juſt hundert Jahre her haben die Preußen auch auf der wilden, gebirgigen Inſel des Mittel⸗ meeres gekämpft, wohin einſt die Römer den weiſen Seneca in die Verbannung ſchickten, wo Phokäer und Griechen, Mauren und Italiener gehauſt, wo die gemtkeſiſche Republik der Doria's ſo lange mit dem tapfern Corſenvolke kämpfte, bis ſie daſſelbe an Frankreich verſchacherte. Die Preußen in Corſica wir erzählen die kleine Geſchichte zu ihrer Säcular⸗ feier, damit wir wieder ein wenig ſelbſtbewußter von uns denken. 5

Im vorigen Jahrhundert war es bekanntlich ſo deutſcher Fürſtenſtil, die lieben Unterthanen wie eine willenloſe Heerde an allerhand Kriegsherren zu verkaufen. Die Lebensgeſchichte unſers braven Seume iſt ja deswegen von beſonderem Reiz. Heſſen und Hannoveraner wurden für einen guten Preis von chren edlen Landesvätern nach Amerika, Batavia, Spanien und Sicilien geſchickt, als fremde Truppen, um da womög⸗ lich ſchnell todtgeſchlagen zu werden. Denn was ſtarb, war bezahlt, und für jeden neuen Verkauften bekam Sereniſſimus neues Geld.

Auch Kaiſer Karl VI., der Vater Maria Thereſia's, war nicht blöde, in dieſer Weiſe zu ſchachern, und dies muß der Geſchichte von den Preußen in Corſica vorausgeſchickt werden. Er hatte der Republik Genua, die ſich mit den freiheits⸗ liebenden Corſen ſeit Jahrzehnten vergeblich herumſchlug, ein ganzes deutſches Hülfscorps verkauft. Am 2. Februar 1732 fochten dieſe deutſchen Landsknechte unter Camill Doria's Befehl auf der Inſel gegen die Corſen bei Calenzana, und da fielen im heißen Kampfe ihrer fünfhundert, und die Anderen flohen. Noch heute ſteht ein Denkmal auf dieſem Schlachtfeld, ein blutigdunkler Porphyrſtein, und noch heute heißt es der Kirchhof der Deutſchen, und am heiligen Samſtag alljähr⸗ lich kemmen die Geiſtlichen von Calenzana auf dieſe Gräber⸗ ſtätte ihrer Feinde und beſprengen ſie mit Weihwaſſer.

Als die Preußen nach Corſica kamen, da waren es deutſche Landsknechte nicht minder, aber ſie waren doch nicht

von ihrem Fürſten für Blutgeld verkauft. Die Könige von Preußen brauchten immer allein genug Soldaten und ließen es ſich ſchweres Geld koſten, deren zu haben. Damals, wo ſo mancher deutſche Landesvater ſeine Unterthanen aufgreifen und in die militäriſche Sklaverei des Auslandes verſchachern ließ, war der Preußenkönig nur zu beſorgt, daß ihm kein Mann aus dem Lande verloren ging. Was alſo von Preußen ſich um die Zeit des ſiebenjährigen Krieges in die Dienſte der Republik Genua begab, war angeworben und freiwillig gekommen. Es waren zumeiſt trotzige Kumpane, die unter Friedrich die beiden erſten ſchleſiſchen Kriege mitgemacht hatten und die zu bürgerlicher Arbeit nicht mehr recht Geſchick und Luſt beſaßen. Die genueſiſchen Werber, die auch bei dem allezeit dingluſtigem Volk der Schweizer gute Geſchäfte machten, ſchnappten nun ganz beſonders in den preußiſchen Grenzorten nach jenen Soldaten Friedrich's, die von der Welt als leibhaftige Satans angeſehen wurden. Da war man in Genua, der altersſchwachen Republik, nicht wenig ſtolz, als etwa zwei Compagnien geworbener Preußen ankamen und ein beſonderes Corps der genueſiſchen Streit⸗ macht bildeten. Nun war man ſicher, den corſiſchen Rebellen den Garaus zu machen ein paar hundert Preußen aus Fried⸗ rich's Schule, die galten wol für eine unbeſiegliche Armee.

Alſo ging's zu Schiff hinüber nach Corſica, wo ſeit der Niederlage bei Calanzana die Genueſen nichts weiter beſaßen als die feſten Küſtenſtädte, indeß im Innern die Corſen ſich als unabhängiges Volk bewegten. Im Jahre 1736 hatte hier auch einmal ein anderes preußiſches Abenteuer geſpielt, welches wir nicht vergeſſen wollen. Ein Baron Theodor von Neuhof aus Münſter war nach allerlei abenteuerlichen Fahrten in Spanien und Algier mit Truppen und Kriegs⸗ ausrüſtung nach Corſica gekommen, um ſich hier ein König⸗ reich zu errichten. Die Corſen, denen er ihre Unabhänigkeit verſprach, gingen auch auf den Handel ein und erwählten ihn zu ihrem König Theodorus I. Darauf hatten die Genueſen Frankreich um Hülfe gebeten, welches auch Truppen nach der Inſel ſchickte, und angeſichts dieſer ſchlechten Ausſichten be⸗ gab ſich Se. corſiſche Majeſtät auf Reiſen, nachdem er noch nach Möglichkeit Grafen und Barone gemacht hatte. Der preußiſche Baron hatte es beſſer gemeint, als er auszuführen vermochte er ſtürzte ſich für ſein imaginaires Königreich, um es zu befreien, in Schulden und mußte in Holland ein paar Jahre in der dortigenMöſersruh verbringen. Erſt die brittiſche Regierung löſte ihn 1756 aus und gleich darauf ſtarb er in England. Ein Denkmal haben ihm die Engländer geſetzt, auf dem geſchrieben iſt:Das Glück gab dem Manne ein Königreich und verſagte ihm im Alter Brot.

Die Corſen hatten aber ſeitdem unter einer republikani⸗ ſchen Nationalregierung ihre-Unabhängigkeit gegen Genua wie Frankreich zu behaupten gewußt. Seit 1755 ſtand an ihrer Spitze der edle Pasquale Paoli, der Mann, welcher die Lehren Montesquieu's, Vico's, Filangieri's vom conſtitu⸗ tionellen Staat zuerſt verwirklichte, der in Corſica das Muſter einer freien Verfaſſung nach modernen Begriffen zuerſt auf⸗ ſtellte und den noch heute ſein Vaterland, trotz des Corſen Napoleon, als den edelſten, größten und beſten ſeiner Söhne in jeder Hirtenhütte verehrt.

Den wollte Genua nun vor Allem als ſeinen gefähr⸗ lichſten Feind vernichten, denn unterihm blühte Corſica kraft⸗ voll zu einem Staat empor, auf den ſich bereits die Augen der gebildeten Welt wie auf ein Phänomen richteten. Aber