Jahrgang 
1867
Seite
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ment heraus, nachdem er den Figaro verkauft hatte. Als das Evénement unterdrückt wurde, kaufte er den inzwiſchen ſehr herabgekommenen Figaro wieder zurück und verkauft von demſelben jetzt täglich ſeine 50,000 Exemplare à 2 Sous.

Henri Rochefort und Albert Wolff ſind ſeine beiden Haupt⸗Feuilletoniſten, von denen Villemeſſant auf Grund ſeiner guten Geſchäfte Jedem alljährlich ein Honorar von 25,000 Francs zahlen kann. Sie ſchreiben über Alles, was nicht politiſch iſt, d. h. was nicht unter den Stempel gehört, heute über die Todesſtrafe, über Enthauptungen von Verbrechern und die Unſterblichkeit der Seele, morgen über die Wettrennen in Vincennes und über die Speiſezettel des Figaro⸗Diners, welche Villemeſſant veranſtaltet, und zwar mit einer Genauig⸗ keit, einem Saucen Verſtändniß, die ſelbſt Girardin, dem literariſchen Gaſtroſophen, imponirt.

An Rochefort hangen Paris und die Provinzen; ein ein⸗ ziger Witz in ſeinem Feuilleton verſetzt Alles in Schwärmerei. Ihn lieben die Millionäre, die Ariſtokratie, die Künſtlerinnen und die Loretten. Es iſt unglaublich, wie wohlfeil hier die Popularität, wie zündend ein einziges bon mot, das vielleicht ſchon im Meidinger ſteht, denn man muß wiſſen, daß dieſer ehrwürdige, bei uns längſt nicht mehr gewürdigte Veteran die Quelle vieler ſehr geiſtreicher Einfälle iſt, welche Paris noch täglich bewundert.

Causerie und Blague iſt hier die Hauptſache. Wer mit Esprit zu blaguiren weiß, der hat unfehlbar ſein Publikum.

Wüßteſt Du, lieber Leſer, wie vergeblich ich ſchon ſeit Wochen auf der Jagd nach irgend einem leſenswerthen neuen franzöſiſchen Buche bin! Täglich ſtopfe ich mir in den Buch⸗ läden die Taſche voll neuer Literatur, ſetze mich zu Hauſe hin, ſchneide mit Anſtrengung die Bogen des dicken, papp⸗ ähnlichen Papiers auf und finde immer dieſelbe Blague.

Man kann ſich darauf verlaſſen, daß hier ſtets die leichte⸗ ſten Bücher auf dem dickſten Papier gedruckt werden. Jedes neue Buch flößte mir ſtets die höchſte Achtung für die franzö⸗ ſiſchen Papierfabriken ein.

Es iſt ſechs Uhr, die Stunde des Diners. Ganz Paris hat Hunger. In den Kaffeehäuſern ſelbſt wird ein Tiſch für die Gargons und die ganze Bedienung gedeckt. Die Frau des Hauſes ſteht an der Suppenſchüſſel und theilt die Aſſietten aus. Das Kaffeehaus iſt leer.

Es iſt Zeit, daß auch wir gehen.

Wohin? Drüben in der Passage des Princes iſt der Peter'ſche amerikaniſche Reſtaurant. Es iſt eine große, in halb mauriſchem Stil erbaute Halle. Die Beleuchtung iſt eine gedämpfte; Blumenvaſen und Palmen ſchmücken den Saal, der boeuf salé wird auf einem beweglichen Geſtell hin⸗ und hergefahren und den Beſtellenden vor ihren Augen aus der großen Schüſſel ſervirt. Er hat es gut, der boeut salé; er läßt ſich da gemüthlich ſpazieren fahren und uns bleibt er zwiſchen den Zähnen hängen.

Anſtatt des Weines wird auch Bier ſervirt, je nach dem Belieben der Gäſte, die beiderlei Geſchlechts überall in den heimlichen Niſchen oder an den Tiſchen in der Mitte ſitzen. Die Loretten lieben das Local.

Man ſpeiſt à la carte und nicht allzu theuer, aber nicht immer gut. In Paris kann es Einem leicht paſſiren, daß man ſich vollſtändig geſättigt und in der nächſten Stunde ſchon wieder den erſtaunlichſten Appetit verſpürt.

Gewöhnlich tritt dies ein, wenn man ſich verleiten läßt, bei den Reſtaurants prix fixe von 2 bis 5 Francs zu ſpeiſen, die den Wein mit in den feſten Preis rechnen. Iſt man zu Zweien, ſo ſoll man ſtets einen Reſtaurant à la carte auf⸗ ſuchen, bei dem man ebenfalls im Couvert beſtellen kann. Man läßt ſich zu jeder Schüſſel zwei Aſſietten geben, theilt dieſelbe und ſpeiſt ſo à volonté. Man wird dabei immer beſſer als bei den pris fixes fahren, ſelbſt wenn man allein ſpeiſt. Biſt Du fertig mit Deinem Diner, ſo verlange die Addition und Du wirſt ſie kaum theurer finden als bei jenen gaſtronomiſchen Zauberern, die Dir auf einer öffentlich an den

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Säulen oder vor den Häuſern ausgehängten carte du jour das Unglaublichſte für 2 bis 5 Franes verſprechen. Vergiu aber ja nicht, 20 Centimes Douceur zu zahlen, wenn Dr auf Reputation hältſt. Für 3 ½ bis 4 Francs kann Jede⸗ bei jedem Reſtaurant à la carte ein vortreffliches Diner ein nehmen.

Einer der beſten unter dieſen iſt Deſiree Beaurain am Boulevard St.⸗Denis. In ſeiner Nähe Brebant(früher Va⸗ chette) iſt ebenfalls zu empfehlen, doch verdient das erſtere für Fremde den Vorzug. Beide Häuſer ſind vom Parterre bis zum Dache mit hübſchen Salons und Cabinets als Reſtaurant eingerichtet.

Eine recht ſolide, halb franzöſiſche, halb deutſche Küche bietet der unter dem Namen«Mére Morel» bekannte Reſtau⸗ rant an der Place Favart, hinter der Komiſchen Oper. Derſelbe wurde namentlich früher ſtark von Deutſchen beſucht. Die Bedienung iſt in weiblichen Händen.

Noch eine andere echt deutſche Küche iſt die des Reſtau⸗ rant Zöhls, eines Wieners, in der Rue de Rougemont, dicht am Boulevard Poiſſoniere. Hier trifft man faſt ausſchließlich Deutſche und, was beſſer iſt, ein Glas Wiener Bier. Die Preiſe ſind gerade ebenſo, wie in jedem mittleren franzöſiſchen Reſtaurant, denn Geld zu nehmen, verſtehen die Deutſchen ebenſo gut wie die Pariſer.

Bei Zöhls findet man die ganze deutſche Muſterkarte, alle Dialekte des ganzen römiſchen Reiches. Ein Franzoſe, der hierher ginge, um ſich in der deutſchen Sprache zu üben, würde ganz confus und niemals mit ſeinem Studium fertig werden, weil er ſich auf der einen Seite mit einem Schweizer oder Schwarzwälder, auf der anderen Seite mit einem Ham⸗ burger, Mecklenburger oder Sachſen unterhalten muß, die einander bekanntlich ſelbſt kaum verſtehen.

Die Zahl der Reſtaurants an den Boulevards und in deren Nähe iſt natürlich Legion, doch rathe ich nur zu den genannten und warne namentlich vor den prix fixes des Palais Royal, wie verlockend auch ihre billigen Preiſe ſind.

Wer in Paris nur einmal des Tages zu ſpeiſen beab⸗ ſichtigt, der ſuche ſich auch eine ſolide Küche. Zu allen andern Zeiten kommt es hier ſchon nicht darauf an, Katzen und Kaninchen als Haſenbraten zu ſerviren, und das Pferde⸗ fleiſch iſt auch als boeuf ſchon auf manche Tafel getragen. Zu allen Zeiten macht der Pariſer ſchon die Milch ohne die Kuh und den Wein ohne die Traube; jetzt, zur Zeit der Expoſition aber wird man in allen Vergiftungsarten auch die letzten Scrupel noch vergeſſen.

Willſt Du nur im Reſtaurant erſter Klaſſe ſpeiſen, ſo geh ins Maison dorée, ins Caké de Foy, ins Café Riche oder ins Café Anglais am Boulevard des Italiens, oder zu den Froères Provencanx in Palais Royal. Man ſervirt Dir daſſelbe in den obengenannten ſehr eleganten Reſtaurants, es iſt aber nicht mehr als billig, daß Du dieſen vornehmen Häuſern alle die Bronzen, Spiegel und Gasflammen bezahlſt, die ſie um Deines Comfort willen angeſchafft. Willſt Du durchaus à prix fixe ſpeiſen, ſo geh zum Diner de Paris vder dem Piner du Rocher in der Passage Jouffroy oder zum Piner de Com- merce in der Passage des Panoramas, die ſich nur drei Francs bezahlen laſſen. Willſt Du endlich eine ganz originelle Table d'höte ſehen, ſo geh zur Madame Sophie in der Rue du Mail, wo Du ohne Damen ein steeple-chase-Diner, aber der vorzüglichſten Art zu dem enorm wohlfeilen Preis von 1 Fr. 80 Cent. einnehmen konnſt.

Du trittſt dort in einen großen Saal; darin ſteht eine Reihe langer Tiſche, wenn mir recht iſt, für je 16 Perſonen eingerichtet. So bald ſich dieſe Zahl um den Tiſch geſammelt hat, wird die Suppe aufgetragen und herum gereicht. Dann kommt ein großer Ochſenbraten, der Vorſchneider ſteht mit weißer Schürze und langem Meſſer inmitten der Tafel, ſchnei⸗ det die Stücke herunter und reicht ſie umher. Dann kommt der Braten, das Gemüſe, das Deſſert, und blickſt Du hinter Deinen Stuhl, ſo ſteht ſchon Einer da, der darauf wartet, daß Du gehſt, und mit einer Miene, die beweiſt, daß er ſeinen Platz zu behaupten die Abſicht hat.