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ſarde geſtanden, oder daß ſie als Kind in irgend einer un⸗ geſunden Fabrik um elende kupferne Sous gearbeitet. Sie ſelbſt corrigirten daher die Ungerechtigkeit des Schickſals. Der Geiſt adelt den Menſchen wahrhaftiger als alle papierne Diplome; ſie depenſirten des Jahrs mehr als manche Fürſtin des Faubourg St. Germain; ſie ſtreuten das Gold mit vollen Händen aus, gaben ihren Bonnen Douceurs in Tauſend⸗Francs⸗ Noten und thaten es jeder Nobleſſe zuvor.
Die Polizei hat niemals Sinn für Poeſie und Romantik. Sie zerriß die Phantaſie⸗Diplome und nöthigte die Gräfinnen, wieder einen obſcuren Namen anzulegen.
Die Entrüſtung über eine ſolche Gewaltthat war groß; die beſtehende Regierung ward aber dadurch nicht gefährdet.
Viele von dieſen Männern mit dem rothen Bändchen, die da an uns vorüberſtreifen, ſind franzöſiſche Offiziere. Sie gehen ſtets in Civil, ſobald ſie nicht im Dienſt ſind. Es kann Dir paſſiren, daß Du mit einem Colonel Billard ſpielſt, ohne zu ahnen, daß der Mann, der die Elfenbeinkugel ſo ge⸗ ſchickt zu dirigiren weiß, mit derſelben ruhigen Miene im Kugelregen von Sebaſtopol, Magenta und Solferino geſtan⸗ den hat.
Jene kleine Bande, die Du da mit Miniatur⸗Harfen vor⸗ überziehen ſiehſt, jener kleine Murillo mit dem braunen ſchmuzi⸗ gen Geſicht und den kleinen ſchwarzen Spitzbubenaugen, der zu Dir herantritt und Dir auf ſeiner Geige den„Baccio, vorſpielt, es ſind lauter Savoyarden, eine Landplage, die ſich Paris annectirt hat.
Früher brachte man ſie gern auf den Schub, wenn ſie läſtig wurden; ſeit der Annexion Savoyens ſind ſie Franzoſen geworden und vollberechtigt wie jeder franzöſiſche Bürger.
Es gibt ihrer ſeit dieſer Annexion Hunderte, ja wol Tau⸗ ſende in Paris; man ſieht ſie Abends in allen Straßen mit ihren Harfen und Geigen umher ziehen, Knaben und Mädchen, und Plätze wie der der Opéra comique u. a. ſind ihr ſtän⸗ diges Hauptquartier..
In einer ſo ſpeculationsfähigen Zeit iſt es nichts Auf⸗ fallendes, daß ſelbſt dieſe kleinen ſavoyiſchen Heuſchrecken der Gegenſtand der Gewinnſucht geworden ſind.
Eine Actiengeſellſchaft hat dieſes Ungeziefer in Entrepriſe
genommen; die kleinen Savoyarden haben ihre Impreſarien ſo
gut wie die Patti, die Riſtori und andere große Künſtlerinnen. In der Rue Mouffelard oder in ſonſt einem obſcuren Winkel der Stadt iſt der Sitz dieſer Actiengeſellſchaft, deren Mitglie⸗ der natürlich nicht gern in die Heffentlichkeit treten, aber jähr⸗ lich doch ihre 40% einſtecken ſollen.
Die unglücklichen Kleinen mit ihrer ſorgloſen Weltbürger⸗ Phyſiognomie, die frühzeitig ihr Hungerland, die Heimat der Meerſchweinchen, verlaſſen, man ſieht es ihnen nicht an und ſie ſelbſt fühlen es kaum, wie elend ihre Exiſtenz. Unbeküm⸗ mert um eine Zukunft, die ſie nicht haben, ziehen ſie umher, bettelnd und muſicirend. Da ſie immer in Geſellſchaft ſind, treiben ſie ihre Spiele, die Harfe auf der Schulter.
Kehren ſie Abends nach Hauſe, ſo muß Jeder von ihnen eine beſtimmte Anzahl von Svus abliefern. Bringt er ſie nicht, ſo hat er ſie vernaſcht und bekommt Schläge. Hat er keinen Appetit, ſo iſt das ein Beweis, daß er ſeine Mehr⸗ Einnahme vernaſcht, und bekommt wieder Schläge, aber Schläge auf alle Fälle.
Ein richtiger Savoyarde macht ſich indeß daraus nichts; die Gewohnheit kann ihm ſelbſt eine Tracht Prügel lieb machen. Er iſt glücklich, wenn er Morgens ſeine Harfe auf den Nacken nehmen kann, denn ihm gehört ganz Paris.
Enger wird es um uns her vor und in dem Cafe. Alles kommt, um ein Glas Abſynth zu trinken und zum Diner ſeinen Apetit zu reizen.
Dort kommen die Arbeiter mit ganzen Zeitungsſtößen auf der Schulter. Sie gehen von einer Zeitungsſäule zur andern und deponiren vor jeder eine beſtimmte Anzahl von Exemplaren.
Das Journal du soir iſt erſchienen. Vor und in den Säulen beginnt das Falzen der Zeitungen; Alles was Hände
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hat, geht an die Arbeit. Alles was Zeitungen leſen will, tritt an die Säulen.
(La Liberté! La Pressel» tönt es von allen Seiten. Unter zehn Vorübergehenden ſiehſt Du acht die Naſe in ihre S ſtecken. Im Cafe greift Alles nach dem Abend⸗
latt.
Beneidenswerthes Land, in welchem die Zeitungspreſſe eine ſolche Gewalt auf das Volk übt!
Dank unſerer genialen StempelErfindung muß in Preußen ein Jeder ſich zu Anfang des Quartals mit Zeitungslectüre für drei Monate verſorgen, wenn er nicht in die Bierhäuſer gehen will, um zu erfahren, was in der Welt vorgeht. Das Volk hat man mit Abſicht gleichgültig gegen die Preſſe ge⸗ macht und kümmert ſich wenig darum, wie viel Tauſende man mehr beſchäftigen und ernähren könnte, wenn man die Preſſe aus ihren Banden befreien wollte.
Es iſt nichts leichter zu controliren als was auf der Straße paſſirt. Druckerſchwärze iſt kein Gift; man ſoll den Zeitungsverkauf auf den Straßen freigeben, und die Regie⸗ rungen mögen dann auch ihre eigenen Organe öffentlich debitiren laſſen.
Allgemeines Stimmrecht und kein öffentlicher Zeitungs⸗
handel! Graf Bismarck hat ſich überzeugt, daß mit dem erſteren am beſten regieren iſt, warum ferner das andere ver⸗ gönnen? Die Kleinſtaaterei ſoll ein Ende haben, mag man auch einen Strich durch die gouvernementale Kleinſtädterei iehen! Jenes Haus am Boulevard drüben, wo ſich eben das Volk zuſammendrängt, gibt uns einen Beweis von dem koloſſalen Vertriebe, den eine Zeitung gewinnen kann, wenn ſie auf der Straße verkauft wird.
An dem offenen Fenſter einer Buchhandlung, ähnlich dem eines ſüddeutſchen Bäckerladens, entrollt ſich eben ein großes Stück Leinwand. Mit großen Buchſtaben ſteht darauf ge⸗ ſchrieben:(Le journal d'aujourdhui vient de paraitre.
Es iſt das Petit Journal mit einer Auflage von 250,000 Exemplaren!
Das Petit Journal hat der großen Preſſe vor einigen Jahren einen empfindlichen Stoß gegeben. Die Politik aus⸗
ſchließend, war es vom Stempel befreit(jenem Stempel von
6 Centimes für jede Nummer, der beiſpielsweiſe dem Fiscus von einem einzigen Pariſer Journal jährlich eine Einnahme von anderthalb Millionen Franes bringt!), das Petit Journal verkauft ſich alſo für einen Sou täglich und wird verſchlungen. Die Politik, die zumeiſt ſehr nüchtern, gleichgültig und abge⸗ ſtanden, wird von dem Volke, das nur Unterhaltung ſucht, gern entbehrt. Das Petit Journal bringt täglich einen amu⸗ ſanten Leitartikel über tauſenderlei nicht politiſche Dinge von Timothie Trimm, dann eine Menge von faits divers und endlich, o die Hauptſache! einen Roman von Ponſon du Terrail oder ähnlichen Autoren, welche die franzöſiſche Belle⸗ triſtik ungefähr dahin gebracht haben, wo die deutſche Literatur vor 30 bis 40 Jahren mit ihrer berühmten Räuberroman⸗ Fabrik in Nordhauſen und Quedlinburg war.
Der Rocambole dieſes berüchtigten Romanſchreibers brachte das Journal auf dreimalhunderttauſend Abonnenten! Unglaublich iſt die Geſchicklichkeit, mit welcher Autoren wie Ponſon du Terrail das Publikum an der Naſe herumführen, es in athemloſe Spannung zu verſetzen wiſſen und zugleich die ganze franzöſiſche Belletriſtik dahin gebracht haben, daß ſelbſt der deutſche Magen ſie nicht mehr verdauen mag.
Timothee Trimm, der Feuilletoniſt des Petit Journal, der täglich ſo luſtig und witzig zu plaudern verſteht, iſt der Abgott des Volkes, und er bezieht natürlich ungeheure Honorare für ſeine Mitwirkung an dem Blatt; das Volk hängt an dem Namen ſeiner literariſchen Idole, und ſo iſt denn ein Blatt dieſer Art gewöhnlich mit dem Augenblick vollſtändig ruinirt, in welchem einer dieſer populären Schrift⸗ ſteller demſelben den Rücken wendet.
Ein anderes, nichtpolitiſches Blatt iſt der Figaro unter der Leitung des geſchickteſten literariſchen Faiſeur, des Herrn v. Villemeſſant. Bis zum vorigen Jahre gab er das Evéne-


