Weltausſtellungs-Pilder.
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Das sauve qui peut der Pariſer vor der Ausſtellung.— Die rothen Bändchen und die Jagd nach den Millionen.— Die Savoyarden.—
Die Pariſer Zeitungspreſſe.— Petit Journal und Figaro.— Die journaliſtiſchen Götter des Volks.— Causerie und Blague.— Paris
geht zum Diner.— Die Reſtaurants.
In Paris, lieber Leſer, iſt Plauderei eine Hauptſache, und nirgendwo plaudert es ſich beſſer, als bei heiterem Wetter vor den rſe
Du ſiehſt ſo ziemlich die ganze Welt an Dir vorüber⸗ ziehen, Du mußt ſie nur zu erkennen wiſſen.
Es lebt in Paris eine Unzahl von geſchäftsloſen, ver⸗ mögenden Menſchen, welche die beneidenswerthe Aufgabe haben, ihr Daſein ſo angenehm wie möglich zu verbringen, und wer die nöthigen Mittel dazu hat, wird dieſen Lebens⸗ zweck ſelbſt bei der größten Talentloſigkeit kaum verfehlen. Es iſt ſchwer, ſich hier zu langweilen; beim erſten Schritt auf die Boulevards vergißt ſelbſt der Miſanthrop ſeinen Lebens⸗ überdruß.
Nirgendwo wird uns das Geld ſcheinbar ſo ſchmerzkos, mit ſo viel bonté und obligeance abgenommen wie hier. Es geſchieht das immer mit ſo viel Höflichkeit, daß man nicht umhin kann, ſelbſt in der größten Prellerei noch eine Gefällig⸗ keit zu ſehen. Du wirſt innerlich den Beſitzer des Magazins, bei welchem Du kaufſt, einen unverſchämten Menſchen nennen, aber böſe kannſt Du ihm nicht ſein, denn er hat Dir mit ſo viel Liebenswürdigkeit die Börſe geleert.
Ich erinnere mich der Zeit vor der Induſtrie⸗Ausſtellung von 1855. Damals war Paris ſo übermäßig theuer noch nicht; mit Beginn der Expoſition aber erſtiegen die Preiſe aller Bedürfniſſe eine unglaubliche Höhe. Man polirte, ver⸗ goldete Alles, und das koſtete Geld; man erwartete Tauſende von Fremden, welche ernährt werden mußten, und das koſtet wiederum Geld.
Die Preiſe, die einmal normirt worden, ſinken in Frie— denszeiten niemals auf ihre frühere beſcheidende Stufe herab; ſie ſteigen nur noch mehr, und zwei Induſtrie⸗Ausſtellungen in einem Zeitraum von kaum mehr als zehn Jahren mußten alſo nothwendig die Theuerung aufs Höchſte treiben.
So ſteht es jetzt. Nicht nur die Fremden, auch der Pariſer ſelbſt leidet während der Erpoſition und vielleicht am meiſten durch dieſe Steigerung. Nicht Alle ſind in der Lage, ſich revanchiren zu können; es gibt eine Menge von bürgerlichen Exiſtenzen, welche nicht im Stande ſind, eine Er— höhung ihrer Einnahmen zu forciren; dieſe Unglücklichen ſind alſo dem Fremden gegenüber, der wieder ſeines Weges gehen kann, im größten Nachtheil.
Was jetzt bei Beginn der Expoſition Paris verlaſſen konnte, zog aufs Land; ganze Familien gaben ihre Wohnungen auf und zogen auf die Dörfer. Kaum aber ſahen die biedern Landbewohner dieſes sauve qui peut, als auch ſie ihre Preiſe unverſchämt in die Höhe ſchroben, und wenn man ſich alſo nicht verrechnet hat, wenn der Strom der Fremden wirklich
ſo bedeutend werden ſollte, dürfte noch um Paris ein groß⸗
artiges Barackenlager zur Beherbergung der obdachloſen Familien errichtet werden.
Ich kenne verſchiedene Garcons, achtbare Leute in günſtig⸗ ſter Lebensſtellung, die entrüſtet über die Habſucht der Haus⸗ wirthe ihre Wohnungen bereits aufgegeben haben, um bis zum Monat Juli, wo man in die Bäder reiſen kann, bei ihren ſtabilen Freunden umher zu zigeunern.
Iſt's doch ſchon bei Beginn der Ausſtellung ſo weit ge⸗ kommen, daß man den kleinſten Dachraum zum Zimmer um⸗ gewandelt, daß man 2 Raum für einen Kanarienvogel mit Geld erkaufen muß! Die berechnen ſich jeden Qua⸗ dratzoll ihres Hauſes, reſp. ihrer Wohnung. Einſtweilen wird derſelbe noch mit Fehe belegt, ſobald aber die Ex⸗ poſition mehr im Schwung iſt, wird man ihn mit Silber be⸗ legen und vermuthlich noch in den Zimmern Couchetten über einander, wie in den Dampfſchiffen, anlegen. Ich kenne ja die Pariſer!
In meinem Hauſe wohnt ein Kranker, der ſich jeden Morgen in einer Portechaiſe ins Bad tragen läßt. Wenn es ſchlimm kommen ſollte, reflectire ich für die Nächte auf die Sänfte und bin überzeugt, daß es Leute gibt, die noch viel ſchlechter untergebracht werden als ich in dieſem Falle.
Doch ſprechen wir weiter vom Boulevard, da wir noch immer vor dem Cafe ſitzen.
Man muß die Welk, die hier vorüber jagt, kennen, ſie zu unterſcheiden wiſſen. Wer in den Paſſirenden eben nur chen ſieht, wird wenig Nutzen von ſeiner Beobachtung haben.
Du fragſt, Leſer: Warum muß jeder Vorübergehende, der einigermaßen anſtändig gekleidet, ein rothes Bändchen im Knopfloch tragen?
Warum trägt das Kameel einen Höcker, warum trägt das Maulthier lange Ohren? Weil ſie eben Kameel oder Maul⸗ thier ſind.
In Preußen trägt Jeder, der ein gewiſſes Alter noch nicht erreicht, das Band der Feldzugsmedaille auf der Bruſt, weil er ſo lange genöthigt iſt, ein Krieger zu ſein. In Frank⸗ reich muß jeder anſtändige Menſch, wenn er eine gewiſſe Poſe, eine Attitude in der Geſellſchaft einnehmen will, bis zu einem gewiſſen Alter— etwa vierzig Jahre— den Orden der Ehrenlegion attrapirt haben, und ſelten mislingt ihm das.
Hier iſt Jeder auf der Jagd, entweder nach Orden oder nach Reichthümern, gewöhnlich nach Beidem. Der Himmel hat den Pariſer mit dem Inſtinet eines Jagdhundes ausge⸗ rüſtet; er verſteht das Apportiren aus angeborenem Talent.
Iſt man hier vierzig Jahre alt geworden, ſo darf man anfangen grau zu werden, wenn nicht ſchon im dreißigſten Jahre das Kopfhaar davon gegangen, was keine Schande iſt, denn für Leute von Geiſt iſt es ſchwer, das Haar zu conſer⸗ viren. Mit vierzig Jahren muß man eine beſtimmte Anzahl von Francs als Rente erbeutet haben, einen Salon eröffnen können und eine politiſche oder geſellſchaftliche Rolle ſpielen. Epiciers und dergleichen ziehen ſich lieber aufs Land zurück, weil es ihnen an Geiſt und Bildung zu einer ſolchen Rolle fehlt.
Früher waren dieſe rothen Bänder noch viel mehr über Paris ausgeſtreut. Wenn man ein Knopfloch ohne daſſelbe ſah, ſo war nur Vergeßlichkeit die Urſache. Jeder ſchmückte ſich die Bruſt mit dieſem Bändchen oder er ſteckte wenigſtens eine rothe Nelke in dieſelbe, wenn gerade die Saiſon der Nelken war.
Dem Gouvernement erſchien es endlich, als trieben ſich mehr Ritter der Ehrenlegion in Paris umher, als in dem großen Buche derſelben verzeichnet ſtanden. Man begann eine Treibjagd auf die falſchen Bänder und legitimirte die Ritter ohne Furcht und Tadel. Indeß blieben ihrer noch immer ſehr, ſehr viele, und täglich wurden neue ernannt.
Gleichzeitig ſtellte man auch ein Keſſeltreiben auf die falſchen Barone und Barvneſſen an, welche Paris über⸗ ſchwemmten.
Das ganze Quartier Breda war von Vicomteſſen, Grä⸗ finnen und Baroninnen bewohnt; an jeder Thür las man Baronne de— oder Vicomtesse de—. Sie hatten keinen Ahnen, aber ihre Liebhaber reichten bis an den napoleoniſchen Thron. Auch das Adelsdiplom dieſer Herren war oft neu oder fraglich, es erſchien ihnen daher angemeſſen, ſich eben⸗ falls mit einem ſolchen zu ſchmücken und ein ſtolzes Wappen auf die Thür ihrer Equipage malen zu laſſen.
So kam es, daß eine Unzahl von Baroninnen und Gri⸗ finnen aus der Portierloge hervorgegangen waren.
Aber die Geburt iſt oft ſehr ungerecht. Wer ſie ſah, hätte nimmer geglaubt, daß ihre Wiege in irgend in Man⸗
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