Jahrgang 
1867
Seite
467
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richten zwiſchen Euch und mir, ich würde meine Stimme laut erheben zu meiner Vertheidigung, und ſein Urtheil über mich würde jedenfalls anders lauten, als Ihr es zu fällen für löb⸗ lich erachtet. Was that ich denn einer Fürſtin Unwürdiges? Daß ich die Treuloſigkeiten meines Gemahls nicht dulden wollte, daß mich der Zorn, meine Frauen⸗ und Mutterehre

von ihm in den Armen feiler Weiber verlacht zu ſehen, bis

zur Verzweiflung trieb und ich mit dem Dolche bewaffnet ihm entgegentrat? Das erwarb mir den ſchönen Beinamen eines bös⸗ artigen Weibes. Geſteht es, mein gnädiger Herr Oheim, nur wenn anderes Blut in meinen Adern rollte als das meines glorreichen Vaters, hätte ich anders handeln können; eine ſüchſiſche Fürſtin verficht ihr gutes Recht mit Wort und Waffe.

Der Kurfürſt antwortete nicht, und nach einer Pauſe redete die Prinzeſſin mit immer ſteigendem Eifer weiter:

Wie? Kann man mich der Unverſöhnlichkeit beſchuldigen? Hielt ich nicht, als mein Gemahl bei des Herzogs Alba An⸗ kunft am Hofe zu Brüſſel von da entweichen mußte, um ſeinen als eines geheimen Aufrührers dem Henkerbeil ver⸗ fallenen Kopf zu retten, trotz ſeiner Vergehungen gegen mich, weil er mir einen theuern Eid leiſtete, nie mehr von mir zu laſſen, zu ihm mit der Treue eines ehrenhaften Weibes? Mein Schmuck, meine Kleinodien wanderten in die Hände von Händlern, damit er mit dem Erlöſe Kriegsvölker werben konnte ich warf rückſichtslos die Freundſchaft hin, die mir die Herzogin⸗Statthalterin erzeigt hatte, und

Behüte uns Gott vor derlei Freundſchaft, die das un⸗ ſterbliche Seelenheil zum Opfer fordert! fiel der Kurfürſt mit allen Zeichen religiöſen Eifers ihr ins Wort.

Die Prinzeſſin lächelte und erwiderte faſt ſpöttiſch:Ich

möchte meinen gnädigen Herrn Oheim doch inſtändigſt gebeten

haben, mir Brief und Siegel vorzuzeigen, daß nur die Luthe⸗ riſchen ſelig werden. Wenn mein hochſeliger Herr Vater für das Lutherthum ein Held und Vertheidiger geworden, ſo waren jedenfalls auch noch andere Intereſſen dabei wirkſam, ein ſo erleuchteter Herr wie er wog die ihm als Fürſten durch das Lutherthum zufallenden Vortheile ſcharf ab, und ich zweifle, daß Ihr, mein gnädigſter Herr Oheim, wenn dieſe Vortheile, wie Einziehung der Kirchen- und Kloſtergüter und andere

Dinge mehr, nicht ſo durchſchlagend auf Euere Weisheit wirkten,

der Verfechter eines ſo ſtarren

Der Kurfüſt erhob ſich raſch, die Falte zwiſchen ſeinen ſtarken Brauen zog ſich wie eine hochaufgeſchwollene Ader bis zur Naſenwurzel herab. Er war gewaltig erregt, und mit der Fauſt in der Aufwallung des Zornes auf den Tiſch ſchlagend, rief er mit donnernder Stimme:

Schweig, Abtrünnige! Muß denn jedes Wort aus deinem Munde eine Läſterung ſein? So wahr mir Gott gnädig ſei hier und jenſeits! nie weiche ich von der gereinigten Lutherlehre! nie! Sie würde auch meine Wahl ſein, wenn ich nicht Fürſt wäre, kein Menſch ſollte mich in der Freiheit meines Glaubens hindern!

Ueber der Prinzeſſin Geſicht lief wieder ein leichtes Lächeln und ſie bemerkte faſt ſcherzend:Ich glaube das dem gnädigen Herrn Oheim aufs Wort und möchte eben deshalb unterthänigſt gebeten haben, auch mir als einer Fürſtin wenig⸗ ſtens einen Theil dieſer Freiheit zuzuerkennen.

Eine Pauſe folgte.

Der Kurfüſt ging anfänglich mit großen, heftigen Schritten, die indeß allmählich langſamer, gemäßigter wur⸗ den, im Gemache auf und nieder, nach einer Weile blieb er ſtehen und ſprach finſter, mehr zu ſich, als daß Anna es hören ſolle:Dieſer mir entgegengeſetzte Trotz entſpringt, wie

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Doctor Neefe ſagt, weniger einer kernhaften Ueberzeugung als aus fehlerhaftem Blute, er iſt eine Krankheit, die dem Körper entſtammt und ſich erſt dann mindern wird, wenn dieſer geſundet.

Ich fürchte, mein gnädiger Herr Oheim, daß es mit meinem Geſundwerden eine ſo üble Sache ſein dürfte, an der der beſte Eurer Leibärzte ſich nur Schande ancurirt, äußerte Anna.Nein, nein, gebt den Gedanken auf, daß es mit mir jemals anders wird ich bin darüber im Klarem, und es iſt mir lieb, daß ich zu der Erkenntniß gelangt bin.

Zu welcher?

Prinzeſſin Anna ließ den Blick ſo feſt auf ihm haften, als wolle ſie den verborgenſten Gedanken in ſeinem Geiſte aufſuchen, dann antwortete ſie in einem gleichgültigen Tone: Daß ich Eurer Gnaden nicht mehr lange zur Laſt fallen werde. Nach dieſen Worten ließ ſie ihre Finger über die Saiten der Zither ſtreifen und lehnte ſich erſchöpft in die Rückenkiſſen.

Der Kurfürſt ſtand eine lange Weile vor ihr und be⸗ trachtete die weißgelbe Todtenfarbe ihres Geſichtes. Es war unmöglich, daß der ihre Geſtalt beherrſchende Ausdruck großer Hinfälligkeit und Lebensermüdung ihm entgehen konnte. Milder als von ihm bei dem heftigen Widerpart von Seiten Annas zu erwarten war, ſagte er zu ihr:Es iſt Schlimmes ge⸗ ſchehen zwiſchen uns, aber doch noch nicht ſo Schlimmes, daß ich vergeſſen könnte, wer du biſt. Ich wünſche nichts weiter, als was du bereits weißt: deinen Rücktritt von der römiſchen Kirche zu unſerem Lutherthume und einen Eid von dir, daß du ohne meine Genehmigung dich nicht aus dem Bereiche des Schloſſes, welches ich dir zum Wohnſitz anweiſen werde, und in welchem du freie Herrin ſein ſollſt, entferneſt. Du verweigerſt Beides, wie ſoll da zwiſchen uns eine Verſtändi⸗ gung kommen? Mein Leibarzt, Pr. Neefe, behauptet, daß ſo⸗ wie die körperlichen Krankheitsverſtimmungen bei dir gehoben ſein würden, auch ein anderer Geiſt in dir erwachen werde. Es iſt nicht unverſtändig, was er da ſagt iſt das Gefäß verdorben, kann deſſen Inhalt nicht friſch und unverdorben ſich erhalten. Dr. Neefe iſt dir zuwider nun gut, ein anderer Arzt, fremd hier im Lande, ein hochgelehrter Mann aus Griechenland, Dr. Agathos mit Namen, vor wenigen Tagen erſt hier in der Stadt angekommen und mir von dem weltberühmten Dr. Francesco Forenſe, dem weitberufenſten Alchemiſten Italiens, aufs Beſte empfohlen, ſoll ſeinen Aus⸗ ſpruch über deinen Zuſtand abgeben. Ich wünſche, daß du ihn ohne Spott empfängſt und dich ſeiner ärztlichen Einſicht vertraueſt.

Der einzige Arzt, der mich vielleicht noch für einige Lebensjahre länger erhalten könnte, iſt unbeſchränkte Frei⸗ heit, entgegnete die Prinzeſſin gleichgültig.Wenn Ihr, mein gnädiger Herr Oheim, Euch zufrieden geſtellt ſehen wolltet mit dem Eide, daß ich ſo ſchnell als nur möglich Sachſen, mein Vaterland, verlaſſe, den gebe ich mit Freuden zu jeder Stunde; aber nie werde ich einen Schwur ablegen, in dieſem

meinem Geburtslande mich auf Gnade in einem Schloſſe ein⸗

pferchen zu laſſen, wie ein eingefangenes Stück Wild in einem Gehege, lieber ſterben in der engſten Gefangenſchaft, wie Eure verwandtſchaftliche Freundſchaft für mich ja bereits heraus⸗ gefunden hat. Was den griechiſchen Arzt anlangt, ei nun, wenn's Ew. kurfürſtlichen Gnaden zur Herzenserleichterung dient, ſo laßt ihn kommen. Ich hoffe, er wird des Gedankens, mich zu curiren, bald überdrüſſig werden.

Morgen ſoll Dr. Neefe ihn zu dir führen. dieſen Worten verließ der Kurfürſt ſie.

(FFortſetzung folgt.)

Mit