Jahrgang 
1867
Seite
466
Einzelbild herunterladen

2

166

faſt dem Ausbruche nahe war, und gaben ihm einen ſehr günſtigen Vorwand, tage, ja wochenlang von ſeiner über ſein Benehmen empörten Gemahlin ſich fern zu halten.

Im Umgange mit der Herzogin⸗ Statthalterin, deren hochgebildeter Geiſt auf ſie eine große Anziehungskraft übte, ſuchte ſie die ſchweren, ihrem Herzen zugefügten Kränkungen zu überwinden. Eines Tages erſchien bei der Herzogin ein junger ſpaniſcher Grand, Don Garcia de Rubero, vom Car⸗ dinal Granvella eingeführt und ganz beſonders empfohlen, deſſen Aeußeres ſowol als ſeine Art, ſich zu geben, einen ungemein iſtigen Eindruck auf Anna bewirkten, um ſo mehr, als dieſer junge Don bald unverhohlen zeigte, daß der Um⸗ gang mit ihr ihm ein angenehmer und von ihm geſuchter ſei

Indem ſie jetzt in ihrer Gefangenſchaft an ihn zurück dachte, ſchien der böſe Geiſt des Unmuths ſchnell ſeine Macht über ſie zu verlieren, der düſtere Ernſt verſchwand gleich den Nachtnebeln vor den ſiegenden Strahlen der Frühſonne aus ihrem tief markirten Antlitz und es verſchönte ſich unter dem milden Leuchten ihrer Augen, die von der ihr Herz mit Wohlgefallen füllenden Erinnerung Kunde gaben.

Wo mag Garcia weilen! rief ſie leiſe vor hin, und der feine Ton einer Zitherſaite, über die ihr Finger hinſtreifte, ſchien anzudeuten, wie der Gedanke an den Don zu den ſanften Tönen ihres innerſten Weſens gehörte.

Er ahnt nicht, wie elend man mich gemacht hat! Nein, er kann es nicht ahnen, es iſt undenkbar!

So ſchmerzhaft auch das Denken an ihr für ſie ſein mußte, ſo war doch die Erinnerung an den Ab weſenden eine zu ſchöne und zu glückliche, als daß ſie nicht ſiegreich das traurige Gefühl in ſich unterdrückt hätte, da aber erſcholl plötzlich die Meldung der eintretenden Kammerfrau: Se. kurfürſtlichen Gnaden, Hochdero gnädiger Herr Oheim kommt, und die Lichter des ihre Seele wohlthuend erfüllen⸗ den Rückblickes erloſchen augenblicklich im Antlitz der Prinzeß

M

Kurfürſt Auguſt jotsieger meldenden Kammerfrau faſt

unmittelbar auf dem Fuße, ufdeein Wink des an der Schwelle ſtehen bleibenden Herrit belehrte dieſ ſe, ſich ſofort aus dem Vorzimmer zu entfernen, deſſen Thüre, als die Dienerin eilig der Weiſung nachßekoninen war, derſelbe eigenhändig verriegelte und dann erſt der Prinzeſſin Zimer betrat. Dieſe Vorſicht deutete an, daß der Kurfürſt eine Erklärung oder ſonſt eine Anſprache vor habe, für die er dM Siegel Kmiſes in Anſpruch nähm.

Die Prinzeß hatti ſich⸗Bom Ruhobeet erhoben und er wartete, alle Faſſung 3 ammenraffend, das Weitere.

Der Kurſürſt ginz auf ſie zu, und eine Handbewegung von ihm lud die Gefangene ein, ſich niederzulaſſen, welcher Weiſung ſie auch Folge leiſtete. För Oheim blieb eine Weile, ſich mit der Rechten auf einen in der Pähe des, Ruhebettes befindlichen Stuhl ſtützend, von ihr ſtehen, als wolle et den Verfall ihrer Geſundheit in den in ihrem Antlitz ſich aus⸗ drückenden Spuren deſſelben beobachten. Sein tn Ernſt ſchien nachgerade jedenfalls dütch die Erkenntniß, e ſehr leidend die Prinzeß ſei, einen milderen Ausdruck zu ge⸗ winnen, der ſtrenge Blick ſeiner Augen wurde ſanfter.

Kurfürſt Auguſt, der beſte Turnierer ſeiner Zeit, zeigte keine rieſige Athletengeſtalt, wie ſein Sohn und Nachfolger auf dem Throne, der erſte Chriſtian, eine ſolche als eine be ſondere Auszeichnung der Natur empfangen hatte, die ihn auf ſo ſichtbare Weiſe für den kleinen Geiſt, der ihm zu Theil geworden war, entſchädigen zu wollen ſchien. Auguſt war ein Mann von Mittelſtatur, aber vollen gedrungenen Körpers, robuſten Gliedern, und die einundfunfzig Jahre ſeines Lebens hatten noch kein Härchen ſeines Hauptes ergraut, weil die ſtrenge und durch keine überreizenden Genüſſe geſtörte Lebens⸗ weiſe, die er führte, und welche er zur Norm für ſeinen Hof gemacht hatte, ſeine Geſundheit unterſtützte.

Obwol er einen außerordentlichen ſpeculativen Geiſt be⸗ ſaß und ſeine Bildung eine ungewöhnliche unter ſeinen fürſt⸗

ende.

lichen Zeitgenoſſen genannt werden mußte und auch ſelbſt von ſeinen Feinden als ſolche anerkannt wurde, ſo prägte dies ausgezeichnete geiſtige Theil ſich doch nicht beſonders hervor⸗ tretend in ſeinem von braunem Haar und Bart umrahmten offenen, ehrlichen, ja gutmüthigen Geſichte aus. Und doch erzitterte der Hof, wenn auf der gewöhnlich glatten Stirne dieſes hohen Herren zwiſchen ſeinen ſtarken Brauen eine Falte ſichtbar wurde und der ſonſt ſo ruhige, ja faſt gemüth⸗ liche Blick den Ausdruck einer durch nichts zu erſchütternden Strenge annahm, weil dann ſtets ſich etwas ereignete, das für den betreffenden Theil zum Unheil ausſchlug. In ſolchen Momenten trat auch das gewichtige Bewußtſein ſeiner fürſt⸗ lichen Würde ſo vollgültig bei ihm zur Anſchauung, daß es eben nur eines Blickes bedurfte, um in ihm, wenn hundert Andere zugegen geweſen wären, ſogleich den Herrn zu erkennen.

Wie er jetzt vor der Prinzeß, ſeiner Nichte, ſtand, i dem einfachen grünen Jagdkleide, glich er eher einem bietem, wohlmeinenden Waidmann, der ſeiner Gebieterin Antwort auf ſeinen Jagdrapport lauſcht, als einem mächtigen Kur⸗ fürſten.

Die Prinzeß, der ſein Schweigen peinlich zu werden be⸗ gann, unterbrach die Stille zwiſchen ihr und ihm mit der Bemerkung:Ich fürchte faſt, daß meines Herrn Oheims Gnaden hier eine traurige Langweile finden werde.

Ich glaube es ſelbſt, ſtimmte der Kurfürſt bei.Es iſt hier nichts, was an eine Kurzweil erinnern könnte.

Gewiß nicht, mein gnädiger Herr Oheim. Ihr habt redlich dafür geſorgt, daß ich durch keine Zerſtreuung in meinen Betrachtungen über Recht und Unrecht geſtört werde.

Der bittere Ton, in dem Anna dies ausſprach, verrieth ohne Hehl ihre empörte Stimmung; der Kurfürſt nahm dieſe Rede als einen Anknüpfungspunkt zu dem, was mit ihr zu verhandeln er hergekommen war.

Anna, hob er an,du kennſt die Bedingungen, unter welchen du dieſer nothivendigen Haft enthoben ſein. ſollſt. Sie betreffen nur Rückſichten, die ich als Haupt unſeres Hauſes zu fordern berechtigt bin. Es würde eine Lächerlich⸗ keit, ja Vernunftwidrigkeit ſein, wollte ich dulden, daß in der eigenen Familie eine Apoſtatie gegen unſer reines, lichtvolles Lutherthum frei und öffentlich exiſtiren und dem Volke zum üblen Beiſpiele werden dürfe. Da der Kurfürſt ſah, daß eine dunkle Zornwelluüber der Prinzeſſin Wangen ſchlug, hob er zur Abwehr die Hand ünd ſprach gebietend:Ich habe jetzt das Wort. Dann fuhwer fort zu erklären:Die zweite und nicht geringer in die Wagſchale fallende Rückſicht betrifft die Ehre meines Häüſes. Deine Vergangenheit iſt keine ſolche, wie ſie der Tochter eines berühmten Fürſten deutſcher Nation und meiner Verwandtin wurdig weachtet werden könne.

Es freut mich, daß ich des Herrn Oheims kurfürſtliche Gnaden hierin volltommen beiſtimmen muß, denke aber, bei einigem Nachſinnen dürfte es kurfürſtliche Gnaden doch vor⸗ kommen, als ſei mit mir etwas Aehnliches geſchehen, wie mit dem Knaben Joſeph, den ſeine Brüder, um nicht die Schuld eines offenbaren Brudermordes auf ſich zu laden, ägyptiſchen

Handelsleuten zum Sklaven verkauften.

Schweig! rief der Kurfürſt mit ſtarker StimmeDeine böſe Zunge iſt es, die jedes Mitleid, welches man mit dir fühlen könnte, in Abſcheu verwandelt.

Nein, mein gnädiger Herr Oheim, nicht meine böſe Zunge, ſondern Euer Gewiſſen iſt es, welches Euch vorhält, daß Ihr mit mir eine Art Handel getrieben, um Euren ver⸗ ſteckten Speculationen eine freie Bahn zu verſchaffen. O, er⸗ laubt doch, daß ich auch einmal das Wort habe, oder wollt Ihr das Unrecht, das an mir geſchieht, etwa noch vermehren durch die Feſſel des Schweigens, welche Ihr mir, einer ge⸗ borenen Fürſten, aufzulegen für gut findet, damit ja kein un⸗ angenehmes Wort Euch beläſtige? Ich ſage Euch ein für allemal, mein gnädiger Herr Oheim, daß ich nie des einzig mir noch gelaſſenen Rechtes, der Redefreiheit, weder auf Euren noch auf Jemanbes Anderem Befehl mich entäußern werde

Und käme der allmächtige Gott ſelbſt vom Bimmel,