Jahrgang 
1867
Seite
465
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X. Jahrguug. 1867.

Iluſtrirtes Volksblatt. Herausgeber: Hans Wachenhuſen.

Anna von Granien (Kurfürſt Moritz Tochter)

und ihr Schickſal.

Hiſtoriſche Erzählung von Franz Lubojatzky.

(Fortſetzung.)

rinzeß Anna, die ſechzehnjährige, wurde ſomit das Band, welches die Projecte der beiden Fürſten zuſammenhielt, und es gab manchen deutſchen Fürſten, welcher den Ora nier im Stillen beneidete, denn die Tochter des proteſtantiſchen Helden Kurfürſten war eine der reichſten Prinzeſſinen ihrer Zeit, und die im Auguſt 1561 zu Leipzig gefeierte und von ihrem Oheim abſichtlich überreich ausgeſtattete Hochzeit bot den Zeitgenoſſen einen außergewöhnlichen Stoff zur Unter⸗ haltung.*) Dem bei dieſer Gelegenheit entfalteten Glanze und der bis zur Verſchwendung freigebigen Gaſtfreundſchaft des ſächſiſchen Kurfürſten zufolge mußte Jeder, der die Ver hältniſſe am Dresdner Hofe nicht genau kannte, zu der An⸗ nahme einer ſehr zärtlichen Zuneigung des Oheims zu ſeiner Nichte gedrängt werden; Eingeweihte jedoch folgerten aus dieſer großartigen Hochzeitsfeier den ſehr treffenden Schluß, daß dieſelbe eine verhüllte politiſche Demonſtration ſei. Der Glanz dieſer ſplendiden Hochzeit hatte indeß eine nur ſehr kurz aushaltende Nachſtrahlungskraft und erloſch dieſer blen⸗ dende Schimmer in der Ehe Anna's ganz und gar, denn ſie erkannte bald, daß ſie eigentlich nur als Bindemittel einer Politik diene, welche nichts von dem einzigen naturgerechten Erforderniß eines glücklichen ehelichen Zuſammenlebens, nichts von Liebe wiſſe. Ihr Gemahl, chevaleresk in Allem, was die Bildung eines Prinzen erforderte, übertrug dieſe Ritter⸗ lichkeit auch auf ſeine Leidenſchaften für den Lebensgenuß in den Armen ſchönerer Frauen und ſo lange dieſe Tändeleien, ſeiner jungen, mit einem ſehr lebhaften Temperamente begabten Gemahlin unbekannt blieben, ſo lange war auch ihre Ehe

*) Die Menge der zu dieſer Hochheit geladenen Gäſte war ſo be⸗ deutend, daß die Zahl ihrer mitgebrachten Pferde allein 6000 aus⸗ machte, welche während des Aufenthalts(die Hochzeitswoche über) zu Leipzig 13000 Scheffel Hafer verbrauchten. Der Oranier⸗Bräuti⸗ gam allein zog mit 1100 Roſſen in die Pleißeſtadt ein. Da natür⸗ lich Alles aus Kurfürſt Auguſt's Kaſſen ging, ſo findet ſich auch die Zuſammenſtellung des von den Gäſten und ihrem Gefolge geſchehenen Verbrauches im ſächſiſchen Archiv aufgezeichnet, und außer den enormen Summen von Delicateſſen und gewöhnlichem Tafelbedarf, lieſt man da, daß in dieſer Woche allein aufgingen: 8000 Scheffel Korn, 4000 Scheffel Weizen, 3600 Eimer Wein und 1600 Fäſſer Bier.

Wachenhuſen's Hausfreund. X. 10.

von Widerwärtigkeiten ungetrübt; aber mit der erſten Ent⸗ deckung der genannten Ausſchweifungen ihres Gemahls, der bald mehrere Beweiſe ſich anreihten, begann auch eine Reihe von Zerwürfniſſen zwiſchen ihr und ihm, die bei ihrem ſo leicht zur Empörung gereizten Charakter zu Scenen führten, die den Schein fürſtlicher Erhabenheit über gewöhnliche Leiden⸗ ſchaftlichkeit, wie ſolche in den ungebildeten unteren Volks⸗ klaſſen üblich iſt, gänzlich bei Seite ſtießen.

Anna von Hranien ſah ſich nicht nur als Tochter des größten Helden ſeiner Zeit, ſondern auch als Mutter der Kin⸗

der des Prinzen ſchwer in ihrem Stolze gekränkt. Jetzt erſt

erkannte ſie, wie alles Thun ihres Gemahls eng verwebt mit einer Heuchelei ohnegleichen war. Mit ihm am Hofe der Herzogin⸗Statthalterin Margarthe von Parma zu Brüſſel lebend, hatte ſie ſich die Zuneigung dieſer hinſichtlich ihrer Regierungsweiſe die Niederländer durch Milde und weiſe Vorſicht mit den blutgierig-inquiſitoriſchen Maßregeln ihres Bruders, des ſpaniſchen Philipp II., zu verſöhnen ſuchenden hohen Frau gewonnen. Es ſtellte ſich bald zwiſchen ihnen ein ſchweſterlich⸗vertrauliches Verhältniß ein, Anna begleitete die Frau Statthalterin zur Meſſe, und die Ceremonien des katholiſchen Gottesdienſtes wirkten angenehm auf das lebhafte Gemüth der ſächſiſchen Prinzeß ein, ſie fand nichts Anſtößiges darin, daß ihre Kinder katholiſch getauft wurden, und dachte nicht mehr an die durch ihren Oheim ihr bekannt gewordene Verſicherung ihres Gemahls, den Katholicismus wie ein läſtiges Gewand abzuwerfen.

Der katholiſche Ritus hatte für ſie etwas ſüß Ein⸗ ſchmeichelndes und erſchien ihr gegen die ſtarre lutheriſche Orthodoxie, wie ſie ſie am Hofe ihres Oheims hatte kennen lernen, als eine eben ſo ſchöne wie wohlſchmeckende gegen eine harte, ungenießbare Frucht. Dieſelbe Anſicht glaubte ſie bei ihrem Gemahl vorausſetzen zu dürfen; ſie wußte nicht, daß er die Anhänglichkeit an den Katholicismus eben ſo ſchlau heuchle wie die Treue für Spanien, die er der Herzogin⸗ Statthalterin und dem Cardinal Granvella faſt täglich mit heiligen Eiden betheuerte. Die Zerwürfniſſe, welche die Ent⸗ deckung ſeiner Untreue herbeiführte, ſielen gerade in einen Zeitpunkt, wo die insgeheim von ihm vorbereitete Revolution

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