Jahrgang 
1867
Seite
472
Einzelbild herunterladen

172 S

Genua mit ſeiner Macht wurde von Paoli's Corſen geſchlagen, und auch die Schweizer- und Preußencompagnien mußten bei Furiani, obgleich ſie hier 56 Tage lang das feſte Lager von Paoli's Bruder ſtürmten und es in einen Schutthaufen ver⸗ wandelten, ihr Heil endlich in der Flucht ſuchen.

Nun war Genua dieſer Schmach und dieſer imaginairen Herrſchaft müde und verkaufte die Inſel Corſica an Frank⸗ reich im Vertrage zu Verſailles 1768. Franzöſiſche Truppen landeten in großer Zahl und rückten gegen das Innere vor. Aber die Corſen wollten in verzweiflungsvollem Kampfe auch mit ihren neuen Unterdrückern ringen, und Pasquale Paoli bot alles Volk auf, für ſeine Unabhängigkeit und Freiheit zu kämpfen. Er hatte, als die Genueſen ihre Söldnerſchaaren entließen, die Preußen in ſeinen Dienſt genommen, und preußiſche Offiziere erboten ſich freiwillig, dieſe Truppen zu ſchulen und zu führen. Es war doch ein beſſerer, edlerer Zweck, für den ſich dieſe Söhne des Nordens nun ſchlagen ſollten, und wenn dieſe Landsknechtsnaturen auch mit der größten Ge⸗ müths uud Geſinnungsruhe aus Feinden zu Freunden der Corſen wurden, ſo muß es doch bei der Erinnerung an ſie für den Patrioten etwas Tröſtliches haben, dieſe Preußen in Corſica ſchließlich für eines Volkes Recht und Freiheit gegen wälſche Raubſucht mit ihrem Blut einſtehen zu ſehen. Und dem alten König Fritz, dem Philoſophen von Sansſvuci, welcher auf den Lorbeeren des ſiebenjährigen Krieges aus⸗ ruhte, war es auch ſehr lieb, daß alte Soldaten von ihm unter der Fahne der Freiheit im fremden Lande kämpften. Denn wie lebhaften Antheil der alte Fritz an dieſem Unab⸗

hängigkeitskampf der Corſen nahm, an ihrer ſtaatlichen Ein

richtung, ihrer weiſen Geſetzgebung, das hatte er dadurch be⸗

wieſen, daß er dem General der Corſen, Pasquale Paoli,

einen prächtigen Ehrendegen geſandt mit der Aufſchrift: Libertas, Patria. Im fernen Preußen hielt der große König Pasquale für einen ungewöhnlichen Soldaten. Er war kein Soldat, ſondern ſein Bruder Clemens war ſein Schwert; Pasquale war der denkende Kopf, ein Bürger und ein ſtar⸗ ker, edler Menſch, Timoleon.

Freiheit! Vaterland! wie es auf dem Ehrendegen ſtand, den der Preußenkönig nach Corſica geſchickt hatte, dies war nun auch die Parole, mit welcher die Preußen-Compagnien gegen die Franzoſen in den Kampf zogen. Sie nahmen Theil an der glänzendſten und letzten Waffen⸗that der Corſen bei Borgo, wo mit ungeheuren Anſtrengungen dreimal die fran⸗ zöſiſchen Heere geworfen wurden und nur an Zahl weit ge⸗

ringere Milizen die geſchloſſenen Reihen einer Armee zerrüm⸗ merten, welche ſeit Ludwig XIV. in dem Ruſe ſtand, die beſt⸗ organiſirte zu ſein.

Doch Corſica's Stern ſollte unter gehen und die Preußen ſollten unſchuldig die letzte Kataſtrophe ihrer letzten Schlacht herbeiführen.

Frankreich ſandte eine neue Armee aus zur Eroberung der wichtigen Inſel im Mittelmeere. Ganz Europa folgte mit Sympathie dem unzweifelhaften Schickſal der Corſen, aber eine mächtige Hand zu ihrer Hülfe erhob ſich nicht. In England ſprach die öffentliche Meinung laut für das unter⸗ drückte Volk und forderte die Regierung auf, gegen den Des⸗ potismus einzuſchreiten, deſſen Grundſätze Frankreich ſo ſcham⸗ los in Anwendung brachte. Aber die brittiſche Regierung hielt es bezüglich bedrohter Nationen ſchon damals mehr mit Worten denn mit Thaten und begriff nicht einmal die politiſche Thorheit, die ſie beging, indem ſie ruhig der Be⸗ ſitzergreifung Coſica's durch die Franzoſen zuſah. England ſollte dafür mit dem Corſen, der ſchon als Franzoſe geboren wurde, mit Napoleon, Jahre lang einen Krieg bis aufs Meſſer führen! Die Cabinette mochten ſchon damals denken, daß es gut ſei, wenn mit einem Heldenvolke auch ein ge⸗ fährlicher Keim demokratiſcher Freiheit erſtickt würde.

So nahm denn dieſes unter Paoli ſeinen letzten Kampf auf. Lord Pembroke, der Admiral Smittoy, andere' Eng⸗ länder, Deutſche und Italiener, Freunde der corſiſchen Sache,

welche zugegen waren, erſtaunten über den Kampfmuth der

herzuſtrömenden Corſen. Viele Fremde ſtellten ſich unter die Reihen der Corſen und natürlich, auch die Preußencom⸗ pagnie war dabei.

Am Golofluß fand nun am 9. Mai 1769 die Unglücks⸗ ſchlacht ſtatt. Die Franzoſen kamen, durch Verrath geführt, plötzlich von den Bergen herab und warfen die überraſchten corſiſchen Schaaren gegen die Brücke, Ponte nuovo, die über den Golofluß führt. Die Preußencompagnie und mehr als tauſend Corſen hielten die Brücke. Angeſichts der heran⸗ ſtürzenden Flüchtlinge, bekamen die Preußen Befehl, dieſe aufzuhalten, und ſo gaben ſie in der Verwirrung Feuer auf

die eigenen Freunde, während zugleich die Franzoſen von der

andern Seite ſchießend vordrangen. Das ſchreckliche Wort Verrath! ließ ſich hören die Auflöſung wurde allge⸗ mein, in wilder Flucht zerſtreuten ſich die Corſen; die Schlacht bei Ponte nuovo entſchied Corſica's Schickſal. Es war fortan unter der Herrſchaft Frankreichs.

Das Meerweib.

Erzählung von Hans Wachenhuſen.

(Fortſetzung.)

Der Fremde konnte erſt ſeit Kurzem hier eingetroffen ſein. Das Weſen deſſelben war ſo auffallend, daß es im Dorfe Senſation erregen mußte, und dennoch hatte er bis jetzt nichts von ihm gehört. Ein ſolches Hol's der Teufel⸗ Geſicht mußte Jedermann, um wie viel mehr den ſchlichten Dorfbewohnern, auffallen.

Gravitätiſch ſchritt der Nanking⸗Mann, dick, maſtig und

breitſchulterig wie er war, vorüber, an ſeiner Seite ein weib⸗ liches Weſen, dem Lahrſtein keinen Blick ſchenken konnte, da er ganz mit dieſem Einen beſchäftigt war.

Jetzt waren ſich Beide für eine halbe Seeunde Schulter an Schulter.

Beide tauſchten einen Seitenblick, wie man ihn wirft, wenn man an einander vorüber geht. Die breite Krämpe des Strohhutes beſchattete das dunkle Geſicht des Unbekann⸗ ten, aber ſein Blick war feurig, eindrucksvoll, einem Blitz ähnlich.

Und von welcher Gewalt war dieſer Blick auf Lahr⸗ ſtein. Wie von einem kalten Schlag gelähmt, ſtand er da, mechaniſch wandte er ſich, um dem Fremden nachzublicken.

Lahrſtein war keiner Bewegung fähig. Er war zur Bildſäule geworden.

Aber von nicht geringerer elektriſcher Gewalt war auch Leopold getroffen. Gleichzeitig mit ſeinem Vater waren auch ſeine Bewegungen ganz plötzlich erſtarrt. Sein Antlitz hatte ſich im erſten Moment bis zur Leichenbläſſe entfärbt, dann plötzlich ſtrömte das Blut wieder in daſſelbe zurück. Es war ihm einen Augenblick, als drehe ſich die ganze Welt mit ihm herum. Ein Ausruf wollte ſeinen Lippen entſchlüpfen, erſtarrte aber auf denſelben...

So ſtanden ſie Beide da, und Beide wandten ſich ſprach⸗

los zurück, um mit dem Auge den beiden Unbekannten zu

folgen. Nicht der Nanking⸗Mann war es, der Leopold wie ſeinen Vater in eine Statue verwandelt.

Dieſes junge bildſchöne Weib, das da neben ihm wan⸗ delte, dieſes wunderbar ſchöne Mädchen⸗Antlitz mi großen, leidenſchaftlichen, geheimnißvollen, von feinen überwölbten Auge, dieſes von einer ſüdlichen Sonne Duft der Pfirſiche angehauchte, fremdartige Mädchen