Jahrgang 
1867
Seite
462
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empfohlen worden. Es wurde gekauft und gebraucht; in acht Tagen wurden mehr als 8000 Pfund an den Mann ge⸗ bracht; ſchließlich hat die genaue Unterſuchung ergeben, daß ſich das geprieſene Holz vom Fichtenholze nicht viel unter⸗ ſcheide. Die Welt war wieder einmal auf dem Holzwege. Es iſt gar nichts daran; es war eine Myſtification, eine Wette oder eine Speculation, die in kurzer Zeit ein Kapital von über 50000 Thalern gebracht hat.

Nur die Geſammtheit der Aerzte könnte etwas gegen ſolche Misbräuche und Beutelſchneidereien thun. Sie müßten (indem ſie alle ärztlichen Atteſte verpönen) offen und unum wunden erklären: Derartige Dinge, wenn ſie nicht mit Be⸗ willigung und unter den Augen des Arztes gebraucht werden, können Geſundheit und Leben ſchädigen und beeinträchtigen.

Auch die zunehmende Bildung, die ſo hoch erfreulich in allen Schichten der Geſellſchaft hervortritt, hat bis jetzt nicht vermocht, gegen dieſen Wunderglauben anzukämpfen, und es wird wol noch lange dauern, ehe ſie dagegen etwas aus⸗ richtet. Ich bilde mir auch nicht ein, daß ich mit meinem Vortrage viel erreiche, aber ich habe doch den Gegenſtand für intereſſant genug gehalten, um Sie zum Denken zu veranlaſſen, damit Sie, ehe Sie das Geld für dergleichen Mittel aus

geben, ehe⸗Sie Ihre Geſundheit, das höchſte Kapital, das Sie beſitzen, einem nichtswiſſenden Charlatan zur Dispoſition ſtellen, doch noch einmal mit ſich zu Rathe gehen und er wägen, ob Sie nicht gegen Ihr eigenes Intereſſe handeln. Und wenn es mir gelungen, daß Sie darüber nachdenken, und wenn ſich dieſes Nachdenken weiter und weiter verbreitet, ſo iſt damit ſchon etwas Weſentliches erreicht. Sollte mir dies aber nicht gelungen ſein, ſo möchte ich Ihnen einen anderen Nutzen verſchaffen. Legen Sie ſich ſelbſt auf einen ſolchen Schwindel. Es iſt noch mit vielen Dingen Gliück zu machen. Ich will Ihnen gleich einmal etwas vorſchlagen. Miſchen Sie einen Theelöffel voll Revalenta arabica zu einem kleinen Spitzgläschen Apfelwein, fügen Sie ein Glas Hoff⸗ ſches Malzextract und drei Priſen Bullrich ſches Salz hinzu, verbinden damit zwei Eßlöffel Daubitz und verſetzen Sie das Ganze mit drei Loth Chauſſeeſtaub, und Sie haben ein Nittel, durch welches unbedingt die ganze kranke Menſchheit geneſen muß. Glauben Sie mir, Sie machen ein großes Glück damit, Sie gewinnen Geld und Ruhm und Achtung, Sie werden reich und groß und Commiſſionsrath und Ritter hoher Orden. Aber, wenn ich bitten darf, ſagen Sie es nicht, daß ich dazu den Rath gegeben.

e C end

Gewiß erinnern ſich viele unſerer Leſer noch aus ihren Knabenjahren der Geſänge, welche oft an Sommer⸗ und Winterabenden aus den Höfen der Häuſer oder von der Straße herüberſchallten. Es waren fromme, choralartige Weiſen, die meiſt in einer ganz abſcheulichen Verunſtaltung wiedergegeben wurden. Zuweilen konnte man wol eine oder die andere Stimme heraushören, welche recht artig klang und ſich bemühte, den zerfallenden Tonverband zuſammen zu halten, aber umſonſt ihr Beſtes einſetzte. Zwiſchen alle dieſe Knabenſtimmen hin⸗ durch brauſte der volltönende Baß des Führers dieſer Sänger⸗ ſchaar, den die Knaben gewöhnlich denChorvater nannten. Ging man dem ſingenden Haufen näher, ſo gewahrte man acht bis zehn, oft auch weniger Knaben. Sie trugen graue oder ſchwarze, einförmig geſchnittene Mäntel mit kurzem Kragen, und den Kopf bedeckte ein großer, plumper, aufgeſchlagener Hut, wie ihn heutzutage nur noch die Kutſcher der Leichenfuhrwerke zu tragen pflegen, d. h. derjenigen Leichenfuhrwerke, welche im

Verſchwinden begriffen ſind, um bald beſſeren, einer Reſidenz

würdigeren Beſtattungswagen und Requiſiten Platz zu machen, die aber nun einmal ihre vorhandenen Ausſchmückungsgegen⸗ ſtände bis zum letzten Knopf auftragen müſſen. Die mit ähn⸗ lichen Hüten dereinſt geſchmückten Knaben waren die bekannten Currendeſchüler, Currentſchüler oder in Berliniſcher Weiſe Currendejungens genannt. Die urſprüngliche Beſtimmung jener Singchöre war, fleißigen und bedürftigen Knaben Aus⸗ bildung im Geſange, zugleich durch Singen vor den Häuſern der Einwohner die Mittel zur Beſtreitung ihrer Schulſtudien zu verſchaffen. Das iſt der Zweck der Currende nicht allein in Berlin, ſondern in jeder großen Stadt geweſen, welche der⸗ gleichen Inſtitute pflegte oder noch pflegt. Die Currendeſchüler haben uns Allen oft genug einen wehmüthigen Eindruck her⸗ vorgebracht. Wenn namentlich im Winter der Decemberſturm recht eiſig durch die Gaſſen brauſte, wenn der naßkalte Hauch über die weiten, öden Plätze wirbelte, Flocken und Regentropfen mit ſich führend, wenn die Leute ſchnell und frierend an einander vorübereilten, dann hatte es in der That etwas Wehmüthiges, die Schaar armer Jungen durch den Lärm der Straßen hindurch, oft mit zitternden, von der Kälte in ein Tremulando verwandelten Stimmen die Lieder vor den Häuſern ſingen zu hören, aus deren Fenſtern die Lichtmaſſe behaglich erwärmter Zimmer ihre Strahlen auf die naſſe, ſchmuzige, kalte Straße warf. Die kleinen Buben mit den caricaturartigen Hüten und den Faltenmänteln erregten ein

mitleidiges Lächeln. Arme Kinder die um Das zu er⸗

reichen, was oft genug von faulen Burſchen begüterter Aeltern leichtfertig vertrödelt wird um den Schulunterricht, ſtunden⸗ lang frierend durch die Gaſſen ziehen müſſen, hin und wieder ein Lied ableiernd, das ſie ganz mechaniſch, ohne ſich irgend Etwas dabei zu denken, wiedergeben, denn ſie haben es ſchon wer weiß wie oft geſungen oder gekräht. Oft genug iſt nicht ein⸗ mal der Takt vorhanden, denn wenn der in der Mitte ſeiner Schaar ſtehende Chorvater auch mit der Hand den Takt an⸗ gibt, ſo beeilt er häufig wider alles Recht denſelben, denn auch der Chorvater friert und will gern bald nach Hauſe, doch hat er noch ſechs oder ſieben Häuſer mitzunehmen, in denen ſogenannte Gönner der Currende wohnen, dort kann man auf einige Groſchen rechnen. Wenn hier der Choral oder das bekannte Schullied:Lobt froh den Herrn, ihr jugendlichen Chöre(was ſich beiläufig recht ſeltſam in Wind und Wetter anhört) geſungen worden iſt, dann zieht einer der armen Jungen unter dem Mantel eine Blendlaterne hervor. Er trennt ſich von ſeinen Genoſſen und ſteigt die ſchmalen Treppen eines Hauſes hinan, welches oft genug ganz finſter iſt. Nament⸗ lich war ehemals eine ſolche Hausbeſteigung faſt gefährlich, als noch kein Gasarm die wohlthätigen Flammen ſpielen ließ. Der Currendeſchüler klingelt oder klopft.Wer iſt das fragt eine Stimme.Die Currende bittet um eine kleine Gabe. Oft genug ertönt ein barſchesNein des bei ſeiner Abendzeitung geſtörten Rentiers oder des Chambregarniſten, der ganz anderen Beſuch erwartet. Oft kreiſcht die Stimme eines zänkiſchen, geizigen Weibes dem Bittenden noch ein Paar Schimpfreden nach, und ſelbſt wenn ſich eine milde Hand auf⸗ thut, ſo öffnet ſie ſich doch nur um in den meiſten Fällen einige Groſchen dem Schüler zu reichen. Freilich gab es Leute, die für die Currende jährlich ein Beſtimmtes ausgeſetzt hatten, auch erhielten die Schüler einige Male Legate verſtorbener Wohlthäter. Im Ganzen aber friſteten die Inſtitute der Currenden doch nur ihr Daſein, und die armen Burſchen konnten ſich nicht groß thun mit ihrem Erwerb. Mancher tüchtige Sänger iſt indeſſen aus dieſer Schaar von Straßenſängern hervorgegangen, denn die Stimmen wurden in frühern Jahren beſonders gewählt, weil ſie kraftvoll ſein mußten. Mancher hat auch freilich durch Wind und Wetter, Zugluft und Erkäl⸗ tung ein Organ verloren, welches ihm bei ſorgfältiger Pflege vielleicht eine brillante Exiſtenz geſichert hätte. ſind aber Leute von Bedeutung genug einſt unter den Singe⸗ ſchülern geweſen. Manchem lächelte ein günſtiges Geſchick, ſeine Stimme erwarb ihm Freunde, er ward in ein Haus

Außerdem