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ſich ½ Lunge wieder her, ſo daß er nach Verlauf von 5 Wochen im vollen Beſitz ſeiner% Lunge war.
Alle die genannten Herrn aber waren uneigennützig genug, ihr Mittel nicht für ſich zu behalten. Von edler Menſchlichkeit, von tiefem Mitgefühl für die Leiden ihrer Mit⸗ menſchen ergriffen, haben ſie keinen Weg, keine Mühe geſpart, ihre Mittel zur größtmöglichen Verbreitung zu bringen. Was irgend von Seiten der Preſſe geſchehen konnte, die darnieder⸗ liegende Menſchheit von dem neuen Meſſias in Pulver oder tropfbarer Flüſſigkeit in Kenntniß zu ſetzen, das wurde in Anwendung gebracht, und die Herren, die ein ſolches Wag⸗ ſtück unternahmen— ein Wagſtück darum, weil ſie nicht wußten, wie es ausſchlagen, ob es bei Anderen dieſelbe Wirkung her⸗ vorbringen würde wie bei ihrer eigenen Perſon— die Herren, ſage ich, haben mit ihrem Thun große Achtung und eben ſo viel Geld verdient.
Es muß aber, ſagen Sie, doch ein gewaltiger, tüchtiger Kern in all den Dingen liegen. Wir leſen alle Tage in den Zeitungen Hunderte von Dankadreſſen, alle Zeitſchriften ſind voll von Hoffſchen Malzpräparaten, ſo daß die Hoffſche Malz— frage zu einer faſt eben ſo wichtigen Tagesfrage geworden wie die Orientaliſche. Es muß doch wol etwas Wahres daran ſein, denken Sie, und dieſe, wie es ſcheint, ganz logiſche Schlußfolgerung:„Es muß doch wol etwas Wahres daran ſein“, bewegt den Einen und den Andern, ſich auch ein Fläſchchen Malzertract holen zu laſſen; koſtet ja nur 6 Silber⸗ groſchen, dafür iſt's gefunden; und weil Müller ſich ein Fläſchchen kauft, deßhalb kauft ſich Schulze auch eins, und ſo
wirkt das Contagium weiter, und der Abſatz wird alle Tage größer und wächſt lawinenartig.
Was nun die Erfolge betrifft, ſo werden Sie, wenn Sie ſich auch nicht zu den Leichtgläubigen zählen, doch ein Bis⸗ chen ſtutzig. Von all den Dankſagungen, ſagen Sie, die wir bereits geleſen, und die in die Tauſende hineingehen, wird doch wol ein großer Theil wahr ſein; es muß doch wol bei gewiſſen Leuten das Gebräu von weſentlichem Erfolge ge— weſen ſein. Eigenthümlich mag es Ihnen vorkommen, daß bei den Dankſagungen ein gewiſſes Syſtem befolgt, daß zuerſt eine beſtimmte Reihe von Krankheiten vorgenommen wird, z. B. die Unterleibskrankheiten. Haben dieſe eine Zeit lang in den Zeitungen geſpukt, dann kommen einmal die Bruſt— leiden zur Parade. Das iſt ein ſehr großes Feld, Bruſt⸗ kranke ſind mehr oder weniger in großer Lebensgefahr, und wenn ſie hören und ſchwarz auf weiß leſen, daß es A. und B. und C. geholfen hat, ſo riskiren ſie auch ein paar Fläſch⸗ chen. So tritt man in das Stadium der Nervenkrankheiten, und ſo geht es durch die wichtigſten Gebiete des pathologi⸗ ſchen Particularismus. Dankſagungen folgen auf Dank ſagungen, Anerkennungsſchreiben auf Dankſagungsſchreiben. Rittergutsbeſitzer, Privatgelehrte, Beamte a. D., Mädchen für Alles, alle Klaſſen der bürgerlichen Geſellſchaft werden herangezogen, Alle ſprechen mit möglichſt genauer Detail— malerei ihre dankbaren Gefühle aus, aber ſie bezahlen ihre Annoncen nicht; die Koſten trägt in uneigennützigſter Weiſe der Erfinder.
Sie ſehen, meine Herren, wie weit die Rächſtenliebe die Menſchen treiben kann. Sie fragen mich nun aufs Gewiſſen: Nützt denn das Mittel etwas? Schafft es denn irgend einen Vortheil? Und ich muß die Frage entſchieden bejahen. Es gibt kein Mittel der Art, heiße es nun Hoff ſches Malzbier, oder Petſch's Apfelwein, oder Bullrich's Salz, oder Revalenta arabica, oder wie die Namen ſonſt ſein mögen, es⸗ gibt kein Mittel, das nicht geeignet wäre, der Geſundheit förderlich zu ſein. Fragen Sie mich weiter: Schadet denn das Rittel, ſind Nachtheile möglich(denn Viele nehmen dergleichen Dinge in dem guten Glauben: Hilft es nichts, ſo ſchadet's auch nichts!), ſo muß ich auch dieſe Frage bejahen. Es ſchadet allerdings! Mittel der Art ſchaden auf vierfache Weiſe. Sie ſchaden, wenn ſie nicht im rechten Verhältniß genommen wer— den. Trinkt beiſpielsweiſe Jemand, dem vielleicht bei ſeiner Schwäche, bei ſeinem leichten Huſten oder ſeiner Magenver⸗ ſchleimung ein Gläschen Malzbier gut bekommen würde, täg⸗
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lich eine oder zwei Flaſchen, dann ſchadet es— durch Ueber⸗ maß. Zweitens ſchaden dieſe Mittel dadurch, daß ſie dort gebraucht werden, wo ſie nicht hinpaſſen, nicht zur rechten Zeit und nicht am rechten Ort. Was heute paßt, paßt nicht immer morgen, was einen katarrhaliſchen Huſten beſſert, kann einen Schwindſuchtshuſten verſchlimmern. Ja, der Charakter eines katarrhaliſchen Huſtens iſt etwas ganz Anderes bei einer kräftigen, vollſaftigen, als bei einer ſchwächlichen, reizbaren, blutarmen Perſon, und gar oft beſtätigt ſich der alte platt⸗ deutſche Satz:
Wat gut iſt vor den Grofſchmiedsknecht, Is vor den Schnhyder juſt nit recht!
Der dritte Schaden beſteht darin, daß durch den wochen⸗ und monatelangen Gebrauch derartiger Univerſalmittel die rechte Zeit der rechte Hülfe verſäumt wird. Das iſt gar nicht gering anzuſchlagen. Denn wenn Jemand drei Monate hindurch mit Hoffſchem Biere an ſich herumexperimentirt hat, ohne einen Erfolg zu ſehen, und ſich das ſagt:„Ja, zum Doctor zu gehen haſt du ja immer noch Zeit“, ſo gleicht er jenem Boten, der einen frankirten Brief zur Poſt trägt, ihn aber wieder ruhig in die Taſche ſteckt, weil ſich der Poſt⸗ ſecretär nichts abhandeln laſſen will. Nach einigen Wochen, um den Verbleib des Briefes befragt, antwortet er ſeinem Herrn:„Er habe den Brief noch bei ſich, das gebotene Geld zu geben, habe er ja immer Zeit.“ So geht es mit der ärztlichen Hülfe. Wenn drei Monate nutzlos vorüberge⸗ gangen, dann iſt nicht immer noch Zeit, ſich an den Arzt zu wenden und die legitime Hülfe in Anſpruch zu nehmen. Es gibt auch in der Medicin Unterlaſſungsſünden, wie es ſolche im großen Staatsleben gibt, Sünden, für die man oft ſchwer büßen muß.
Endlich gibt es noch einen vierten Nachtheil, den mora—
liſchen. Auch der Arzt iſt nicht immer im Stande, Hülfe zu ſchaffen. Die Krankheit hat oft den Körper zu tief ergriffen,
ganze Organe, die zum Leben nothwendig ſind, zerſtört; der
Arzt hat nicht die Macht, ihren Zuſammenhang wieder herzu⸗
ſtellen, das Verlorengegangene zu erſetzen. Und ſo traurig das Geſtändniß ſein mag, es iſt doch einmal Thatſache, daß der Arzt oft wenig ausrichtet, daß leider ſehr viele Krank⸗ heiten ungeheilt bleiben. Nun könnten Sie allerdings ſagen: Wenn der Arzt mir nicht helfen kann, warum ſoll ich mich nicht an ein derartiges Mittel halten, das hier und dort ge⸗ holfen haben ſoll? Sie wenden ſich an ein ſolches Mittel, und— es verſagt ebenfalls die Wirkung, ja, ſie wenden ſich an ein ſolches Mittel, ohne überhaupt die Dienſte des Arztes herangezogen zu haben. Da wird der moraliſche Katzen⸗ jammer nicht ausbleiben. Haben Sie ſich einem tüchtigen Arzte zugewendet, der Ihr Vertrauen verdient, und es ſchlägt Alles fehl, was er zu Ihrem Heile anwendet, nun ſo ſagen Sie ſich, oder die Umgebung ſagt es: Wir haben unſere Schuldigkeit gethan, wir ſind beruhigt! Haben Sie aber das Gebräu eines Mannes geſchluckt, der von Ihrem Körper nichts weiß, der von Ihrem Uebel nichts verſteht, ſo dürfte es doch wol Einem oder dem Andern in den Sinn kommen, zu geſtehen: Ich habe nicht meine Schuldigkeit gethan, ich bleibe mir verantwortlich; die ärztliche Hülfe, zur rechten Zeit in Anſpruch genommen, hätte doch am Ende den rechten Er⸗ folg haben können!
Drängt ſich Ihnen nun aber die Frage auf: Wie iſt es möglich, daß Mittel, Medicamente, die gewiſſermaßen als nicht legal, als nicht berechtigt auftreten, einen ſo ungeheuren Er⸗ folg erzielen in Bezug auf Abſatz, und, wenn nicht den Kranken, ſo doch ihrem Urheber und Verbreiter weſentlich nützen. Ja, meine Herren, das ſind die Geheimniſſe unſerer Zeit, unſerer Induſtrie, Geheimniſſe, die doch keine Geheimniſſe mehr ſind. Es ſind die Wunderwirkungen der„Reclame“. Die Preſſe wird auf alle erdenkliche Weiſe in Bewegung geſetzt. Broſchüren werden geſchrieben und verſandt bis ans Ende der Welt, alle Zeitungen ſind voll von den Wundermitteln. Artikel werden fabrieirt, Dankſagungen über Dankſagungen geſchmiedet, ärzt⸗ liche Atteſte herangezogen, die Panacee zu preiſen, zu erheben,


