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Von den Abhängen der Berge ertönte das melancholiſche Geläute der Kuhglocken, da der Hirte ſeine Heerde langſam zum Dorfe zurücktrieb. Die Bewohner deſſelben kehrten von den Feldern zurück und zogen achtungsvoll den Hut vor der imponirenden Geſtalt des ihnen wohl bekannten Herrn Lahrſtein.
Leopold ließ den Blick ohne jedes Intereſſe über Alles hinſchweifen. Selbſt die Gäſte der benachbarten kleinen Villen, die nach Sonnen Untergang ihre Promenaden in den dunklen und kühlen Stegen zu machen pflegten, welche zu den nächſten ſchönen Waldpartien hinauf führten, ſie intereſſirten ihn wenig. Man unterhielt keine Freundſchaft gegenſeitig; man kannte ſich kaum, man grüßte ſich gleichgültig und ſah ſich überhaupt nur, wenn man zufällig an irgend einem hübſchen Punkte der pächſten Umgebung zuſammentraf.
Schweigend ſetzten Vater und Sohn ihre Promenade fort.
Lahrſtein überlegte ſeit einigen Tagen ſchon, ob es nicht gerathen ſei, in die Heimat zurück zu kehren und den Jungen unter ſeinen luſtigen Bekannten der Stadt den früheren Humor wiederfinden zu laſſen. Der Arzt ſelbſt war damit einver⸗ ſtanden, daß Leopold wieder in ſeine gewohnten Zerſtreuungen zurückgeführt werden müſſe, da die Einſamkeit hier nur ſeine Laune noch mehr verdüſtern werde.
Sonderbar genug hatte aber Leopold, als der Vater hierüber ein Wort fallen ließ, eine merkbare Unruhe gezeigt; er war noch bläſſer geworden und hatte dadurch noch deut⸗ licher verrathen, daß irgend ein geheimnißvolles Weſen dieſer Gegend ihn feßle.
Und doch— wer war dieſes Weſen?
Leopold hatte von einem Meeweib⸗ phantaſirt. Als er kaum ſo weit geneſen, daß er das Bett verlaſſen konnte, hatte er wieder die nächtliche Einſamkeit geſucht, hatte ſich, wie der Vater, im Laube verſteckt, genau beobachtet, den Kahn vom
ufer gelöſt, war ſtundenlang auf dem See herumgefahren und endlich in ſein Zimmer zurückgekehrt.
So trieb er es jeden Abend. Der See war es ohne allen Zweifel, der ihn hier feſthielt, aber welcher vernünftige Menſch
konnte die Albernheit ſo weit treiben, an unnatürliche Erſchein⸗
ungen auf oder in einem See zu glauben! Ja, zeigte nicht
Leopold durch ſein ganzes Weſen, daß außer ſeinem Tiefſinn „„ 0.... in ſeinem Gehirn Alles ganz richtig geblieben! Lahrſtein
hätte auf den entſetzlichen Gedanken kommen müſſen, daß ſein Sohn in Folge der Kopfwunde den Verſtand verloren.
Aber auch hierüber hatte ihn der Arzt vollſtändig beruhigt. Es blieb ſonach nur die Frage, wie man Leopold hier fort— bringen und durch Zerſtreuungen von ſeinem Tiefſinn zu hei— len vermöge.
Und hierüber grübelte Lahrſtein eben auf der Promenade, wie er täglich darüber grübelte, ohne zu einem Reſultat zu kommen.
Beide ſprachen nicht mit einander, als ſie die ſchattige Dorfſtraße hinabſchritten, an deren Bäumen die ſchönſten Früchte reiften. Sie ſahen nicht die prachtvollen Farben, in denen die Sonne unterging, ſahen nicht die herrlichen Lichter, mit welchen die Berge umher ſich ſchmückten, ſahen nicht die luſtigen Sprünge einiger kleinen gezähmten Gemſen, mit welchen die Kinder des Dorfes an der Straße ſpielten.
Lahrſtein und Leopold blickten beide grübelnd vor ſich hin, als plötzlich ein fremder Schatten vor ihre Füße fiel.
Beide ſchauten gleichzeitig auf. Ihr Auge ward von dem röthlichen Lichtſtrahl getroffen, welchen der Sonnen Reflex auf einem Dorffenſter hervorbrachte.
Trotzdem ſahen ſie zwei Geſtalten an ſich vorbeiſtreichen, die ihnen hier noch nicht aufgefallen waren.
Es war ein ziemlich corpulenter, robuſter alter Herr von kräftiger, gedrungener Geſtalt, ganz in Nanking gekleidet, mit einem breitkrämpigen Panama⸗Strohhut auf dem Kopf.
Sein Geſicht war tief gebräunt; ſein dunkles ſtrenges Auge blickte unter ergrauten dicken Brauen hervor; ein grauer ſtarker Backenbart umrahmte das Geſicht. In der Hand hielt er einen dicken Spazierſtock, und ſeine Füße ſetzte er mit dem Bewußtſein eines Mannes, der ſeinen eigenen Werth kennt.
Wiewol die blendende Sonne es ihm unmöglich machte, das Geſicht genau zu erkennen, erinnerte doch das ganze Aufß⸗ treten dieſes Fremden an einen ſüdamerikaniſchen Pflanzer. Dieſes braunrothe Geſicht konnte nur in einer heißen Zone gefärbt ſein, dieſer Aplomb in dem ganzen Weſen kennzeichnete einen Mann, der zu befehlen und zu ſtrafen gewohnt, vor Allem aber ſprach das kühne, herausfordernde Geſicht dieſes Mannes von einem Charakter, der gewohnt, ſich mit Gefahren und Strapazen ungewöhnlicher Art herum zu ſchlagen.
Nothwendig mußte eine ſolche Erſcheinung Lahrſtein's ganze Aufmerkſamkeit erregen.
(Fortſetzung folgt.)
Medicinalpfuſcherei.
Nach einem freien Vortrag, gehalten im Berliner Handwerkerverein von Pr. A. Löwenſtein.
Meine Herren! Wie verſchieden auch Ihre Neigungen und Wünſche ſein mögen, in einem Wunſche ſtimmen Sie Alle überein, in dem Wunſche, geſund zu ſein und immer geſund zu bleiben. Nun, ich will Ihnen das Recept dazu geben. Des Morgens, wenn Sie aufſtehen, trinken Sie ein Brunnenglas Hoff ſches Malzbier. Zum zweiten Frühſtück nehmen Sie einen herzhaften Daubitz. Des Mittags eröffnen Sie die Mahlzeit mit einem Gläschen Apfelwein von Petſch, und nehmen zum Schluß eine gute Priſe Bullrich'ſches Salz. Nach⸗ mittags, zur Veſperzeit, trinken Sie eine Taſſe Hoff'ſche Malz⸗ chocolade, nehmen zum Abendbrot einen ſtarken Eßlöffel voll Revalenta arabica und vor dem Schlafengehen noch eine kleine Bullerich'ſche Priſe. Ehe Sie ins Bett ſteigen, ziehen Sie noch(damit auch die Nacht nicht unbenutzt bleibe) ein Hemde von Geſundheitsflanell auf den Leib und legen um den Hals eine echte Kette von Goldberger.
Lachen Sie nicht, meine Herren. Die Sache hat ihre ſehr ernſte Seite. Die Männer, die ſolche Mittel erfunden oder entdeckt haben, ſind überaus achtungswerthe Leute. Die Herren Hoff, Daubitz, Bullrich, Petſch, Barry du Barry, der Vater der Arabica, dieſe Herren haben ſich Jahr aus Jahr ein mit dem Wohle der Menſchheit beſchäftigt, ſie haben ſich
in der Welt umgeſehen und überall Klagen gehört über
Waſſerſucht, Skrophelſucht, Bleichſucht, Gelbſucht und Schwind⸗ ſucht. Das hat ihre Seele tief betrübt. Sie gingen in ſich und dachten, wie denn wol die arme, leidende Menſchheit wieder auf den Strumpf gebracht werden könnte. Und nach— dem ſie Stunden und Tage lang geſonnen und geforſcht, in den Büchern der Geſchichte und im Buche der Natur geleſen, da wurde es hell vor ihren Augen; da iſt ihnen eine wahr⸗ hafte Begeiſterung von oben gekommen und hat ihnen einge⸗ geben das Mittel, das geeignet iſt, das ſchwache Menſchen⸗ geſchlecht völlig umzukrempeln. Um ihrer Sache vollſtändig gewiß zu ſein, haben die Herren ihre Mittel immer erſt an ſich probirt und ſich von ihrer wunderthätigen Wirkſamkeit den unzweideutigſten Beweis verſchafft.
Herr Petſch war bekanntlich, ehe er den Apfelwein er⸗ funden hat, bis auf die Knochen abgezehrt; er war ſo herunter, daß er kaum gehen konnte. Er trank von ſeinem eben er⸗ fundenen Apfelwein 14 Tage lang, und konnte nach dieſen 14 Tagen ſchon wieder tanzen. Herr Hoff, der früher in Breslau lebte, hat dort bekanntlich an der Schwindſucht ge⸗ litten; ½ der rechten Lunge waren bereits verzehrt. Da kam er auf die glückliche Idee, ſein Malzextract zu erfinden; er machte an ſich ſelbſt den erſten Verſuch; er brauchte das Ex⸗
tract 5 Wochen lang, und ſiehe da, mit jeder Woche ſtellte
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