Beide zu haben! Sollte ein Zwiſt?.. Aber welchen jungen Mann würdeein Zank mit einem Mädchen heutzutage in einen ſolchen Zuſtand verſetzen können!... Ich muß doch den Herrn Lahrſtein einmal ins Gebet nehmen.
Der Monolog des Arztes ward durch den Kranken ge⸗ ſtört. Er trat leiſe an das Bett.
„Er ſelber wird mir die beſte Auskunft geben!“ dachte er.„Jetzt fängt er an zu phantaſiren!“
Aufmerkſam lauſchend ſaß der Arzt da. Aber die Fieber⸗ Phantaſien des Kranken waren nur geeignet, den Doctor noch confuſer zu machen. Kopfſchüttelnd hörte er eine Zeit lang zu, dann ſprang er plötzlich auf und ſchritt ärgerlich zur Thür hinaus, die Treppe hinab.
Hier unten empfing ihn Lahrſtein, der ihn mit ängſtlicher Spannung erfaßte.
„Wie iſt es, liebſter Dvetor? Glauben Sie, daß Gefahr vorhanden?“
„Herr Lahrſtein“, antwortete der Arzt,„die Veran⸗ laſſung dieſer Krankheit iſt entſchieden eine Gemüthsbewegung und über dieſe werden Sie wohl am ſicherſten Auskunft geben können.“
„Eine Gemüthsbewegung?“ rief Lahrſtein betroffen. „Unmöglich! Wir Alle ſuchen ihn ja vor jeder Aufregung aufs ängſtlichſte zu bewahren!“
„So? Alſo es iſt gar nichts vorgefallen?“
„Nichts, ſoviel mir und uns Allen bekannt! Er klagte nur geſtern Abend über Kopfſchmerz.“
„Und Sie haben keine Ahnung, was ihn in Erregung ge⸗ ſetzt haben kann? Wiſſen nicht, woher eine ſolche Affection?“. „Keine Ahnung!“ beſtätigte Lahrſtein.„Er fühlte ſich wohl und glücklich; ich ſpkach noch geſtern Abend ſpät über Geſchäftsangelegenheiten mit ihm und fand ſeine Gedanken klar, ſogar auffallend ſcharf!“
„So ſteht mir der Verſtand ſtill, Herr Lahrſtein“, ſagte der Arzt, die Hände auf dem Rücken faltend.„Daß etwas in ihm vorgegangen, etwas Ungewöhnliches, das ſteht feſt, aber dieſes Ungewöhnliche ſcheint mir hier ins Märchen⸗ hafte hinüber zu ſtreifen.“
Lahrſtein's Blick hing beſtürzt an des Arztes Lippen.
„Herr Lahrſtein“, fuhr dieſer mit Betonung fort,„daß ein junger Krieger, der eben aus dem Felde zurückgekehrt und vor dem Feinde ſeine Schuldigkeit gethan, wie es die Wunde an ſeinem Kopf und der Schwerterorden auf ſeiner Bruſt beweiſen, daß ein junger Krieger von Trommelwirbel und Trompetengeſchmetter, Schlachtgetöſe und Kanonendonner träumt, würde ich begreiflich finden, aber wenn dieſer junge Krieger mit vom Fieber erhitztem Gehirn von Meerweibern und Seejungfern phantaſirt, ſo iſt mir das allerdings ein Räthſel, das ich nicht zu löſen verſtehe!“
Lahrſtein ſtand verblüfft da. Auch ihm war ein Räthſel, was der Arzt da mit einem gewiſſen Unwillen ſprach.
„Aber, lieber Herr Doctor“... wollte er einwenden.
„Wie geſagt“, unterbrach ihn dieſer,„der junge Mann phantaſirt von nichts als Waſſerniren und Meerungeheuern! Ich kenne Böhmen und Mähren genug, um zu wiſſen, daß in den dortigen Gewäſſern ſeit der Sündflut nichts der Art vorgefunden worden iſt, und kenne auch dieſe Gegend gründ⸗ lich genug, um zu wiſſen, daß es auch in unſerm See hier keine Meerweiber gibt! Hat Ihr Herr Sohn jemals eine be⸗ ſondere Vorliebe für die Mythologie oder für die Märchen⸗ welt verrathen?“
„Niemals!“ antwortete Lahrſtein ganz verwirrt.
„Nun, ſo ſtehen wir vor einem Räthſel, daß nur er ſelbſt uns zu löſen im Stande ſein wird. Beruhigen Sie ſich und warten wir, bis ſein Gehirn ſich abgekühlt, wofür zu ſorgen meine nächſte Aufgabe iſt.“
15. Der Uanking-Mann.
Acht Tage waren verſtrichen. Leopold war geneſen, ſeine Stimmung jedoch nach wie vor eine krankhafte. Sein Gemüth mußte mit irgend etwas Ungewöhnlichem
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beſchäftigt ſein, denn ſein Auge hatte einen unheimlichen Glanz. Sein ganzes Weſen war verändert, unruhig, ſcheu und einſilbig. Seine Wangen waren bleich und eingefallen, ſein heiteres Lächeln war verſchwunden, ſeine Unbefangenheit hatte ſich in ein düſteres Brüten verwandelt, dem er ſich immer gern hingab, wenn er allein ſein konnte.
Vergeblich hatte Lahrſtein ihn ins Gebet genommen, vergeblich hatte die Mutter ihn beſchworen, ſie zur Vertrauten des unſeligen Geheimniſſes zu machen, das er in ſich ver⸗ graben, vergeblich nahm die Schweſter ſeinen Arm und drang in ihn, doch mittheilſam zu werden, vergeblich endlich hatte Marie es gewagt, Anſpielungen auf dieſe unbegreifliche Ver⸗ änderung zu machen— Leopold war verſchwiegen wie ein Erbbegräbniß, und alle Bemühungen der Seinigen, ihn zu zerſtreuen, waren ihm nur läſtig, ja unerträglich.
Auf Marie hatte dieſe Veränderung des jungen Mannes einen merkwürdigen Einfluß geübt.
War ſie bisher träumeriſch und melancholiſch geweſen, ſo glaubte ſie jetzt eine Pflicht darin zu erkennen, die Familie aufzuheitern. Sie zeigte Allen ein lächelndes Geſicht, war geſprächiger als ſonſt, zeigte ſich überall, wo ſie nur nutzen konnte, und ſprach am meiſten über Leopold's unerklärliches Weſen.
Lahrſtein war der Ueberzeugung, daß ſein Sohn verliebt ſein müſſe, denn er zeigte, ſo weit er das beurtheilen konnte, alle Symptome einer tiefen Leidenſchaft.
Auch der Arzt hatte ihn in dieſer Anſicht beſtätigt und anfangs auch ſeinen Verdacht gegen die ſchöne Marie ge— äußert Lahrſtein aber hatte dieſen entſchieden zurückgewieſen, denn des Mädchens ganzes Benehmen zeigte zu deutlich, daß ſie keinerlei Schuld an dieſer Umwandlung Leopold's trage.
Der richtige Inſtincet hatte Marien alſo auch hier ge⸗ leitet. Sie dachte nicht mehr an ihr eigenes Herz; ſie hatte mit demſelben abgeſchloſſen. Es that ihr nur wehe, daß Leopold jetzt ſo unglücklich, daß ſie die Rollen gewechſelt; aber ſie ſah auch in ſeinem Benehmen, wie viel Dank ſie der Familie ſchuldig geweſen, als dieſelbe mit ihrer eigenen Kopfhängerei ſo große Schonung gehabt.
Was aber in aller Welt konnte mit Leopold jetzt vor⸗ gegangen ſein?
Daß er wirklich verliebt ſei, hatten ſeine Fieberphantaſien zur Evidenz verrathen; der Gegenſtand ſeiner Liebe mußte alſo wol ein ſehr unwürdiger ſein, da er, der doch ſeiner Aeltern unendliche Zärtlichkeit für ihn kannte, ein ſo tiefes Geheimniß aus ſeiner Leidenſchaft machte.
Lahrſtein hatte ſchon im ganzen Dorf Erkundigungen eingezogen, dieſelben hatten ihn aber belehrt, daß fünf Meilen in der Runde kein Mädchen exiſtire, welche im Stande ſein könne, nach menſchlicher Berechnung eine ſo heftige Paſſion in einem jungen Manne zu erregen.
Die Sache ward alſo immer unergründlicher. Und er, der allein ſie hätte aufklären können, er wgrd mit jedem Tage ſchweigſamer, verſchloſſener, und endlich war ſein Benehmen derart, daß Niemand mehr wagte, auch nur die geringſte Hindeutung auf ſein Geheimniß zu machen.
Indeß auch Lahrſtein ſelbſt ſollte erfahren, daß er ſich
im Thale der Räthſel befand.
Es war am achten Tage nach Leopold's Erkrankung, als er dieſen überredet hatte, mit ihm gegen Abend einen Spaziergang durch das Dorf und hinauf nach jener hoch ge⸗ legenen Lichtung zu machen, an welcher gegen Abend das Wild auszutreten pflegte.
Gleichgültig ließ Leopold das Buch ſinken, in welches er das Auge verſenkt hatte, ohne zu wiſſen, was er las.
Er blickte den Vater an, der ihn erwartend vor ihm ſtand, erhob ſich, griff nach ſeinem Hut und folgte dem Erſteren zum Hauſe hinaus, über den kleinen Vorhof, von welchem man durch eine Staketenthür in die mit Frucht⸗ bäumen bepflanzte, ſchattige Landſtraße trat.
Die Sonne war eben im Begriff, hinter den Felſen⸗ gipfeln im Weſten nieder zu gehen und warf ihre letzten ſchrägen Strahlen auf die Fenſter der kleinen Bauerhäuſer.


