Jahrgang 
1867
Seite
455
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Man denke ſich die Wuth eines Volkes, das während ſechzig Jahren nur mit Parfümerien, pommade sucrée, Ma⸗ caſſar⸗Oel und poudre de riz à la vanille geſpeiſt worden? Wenn ein ſolches Volk plötzlich eine Heerde fetter Ochſen an ſich vorbei paſſiren ſieht, wird es dieſelben nicht gierig in Stücke zerreißen und ſeinen Hunger mit rohem Fleiſche ſtillen?

Freilich, ſo war's: Die Pariſer waren überſättigt von Parfümerien und Süßigkeiten, die poetiſchen Kuchenbäcker und Rogſolio⸗Fabrikanten hatten ihnen den Appetit verdorben. Da kam Thereſa.

Sie ſang ihnen die Wahrheit, aus dem Volk heraus, rohes Fleiſch ſo zu ſagen. Sie ward der Attila der Muſikalienhändler, die Geißel der Sentimentalität.

Paris jubelte ihr entgegen, der Kaiſer, der Hof ſchwärmte für Thereſa. Die Fürſtin Metternich ſang ihr:Rien n'est sacré pour un sapeur am Hofe, ſie ward die Patti des Bierkrugs, die Feuilletons feierten ſie, die pikanteſten Autoren ſchrieben ihre Memoiren.

So ging es eine Zeit lang. Eines Abends war ſie krank. Ihr Vortrag war matt und befriedigte das Publikum nicht. Das Auditorium ward unwillig.

Thereſa ſang ihrenSapeur. Die Zuhörer ziſchten. Man wollte den Sapeur nicht mehr hören; man war ſeiner überdrüſſig. Tobend verlangte manLa femme à barbe.

Und Théreſa ſang, das Publikum aber ziſchte ſie aus und zerſchlug die Biergläſer. Thérèſa ſammt ihrem Sapeur wurden in die Rumpelkammer geworfen.

Paris verlangt immer was Neues.

Soll ich noch von all den Anderen erzählen, die alle daſſelbe Libellen⸗Leben geführt bis zur Cora, die ſich den Hals am Theater brach, als ſie den Cupido ſpielen wollte? Von allen Denen, die da heute erſcheinen, blenden und verſchwinden und von denen das alte Lied ſagt:

Sa meère était une prihcesse, Et son pèére un prince Charmant, Partis sans laisser leur adresse, Comme deux héros de roman.

Dort drüben in jener Straße iſt ein Tabacksladen, der mich geſtern an ein Märchen aus meinem eigenen Leben er⸗ innerte und mir ganze Tage des Kopfzerbrechens verurſachte. Jetzt habe ich den Schlüſſel gefunden, und wenn ich in Paris wäre, um traurige Betrachtungen anzuſtellen, ſo würde das geſchehen ſein.

Es werden jetzt wol an die zehn Jahre her ſein, als ich in Paris mir Mühe gab, die ſchönſten Dummheiten zu treiben, was bei einigem Talent und gutem Willen wol Jedem ge⸗ lingen mag.

Ich wohnte damals in einem Hotel der Rue⸗Bergere, machte gleich am erſten Tage die Entdeckung, daß ich eine ſchöne Nachbarin habe, und da ſie mir nicht gleich geſtatten wollte, ihr meine Honneurs zu machen, ſo ſandte ich ihr meine Karte durch das Schlüſſelloch, weil der gerade Weg immer der beſte iſt.

Am andern Morgen machte ich ihr en habit habillé meine Viſite, ſuchte ihr mit allen Gründen der Liebenswürdigkeit auseinander zu ſetzen, wie intereſſant es ſei, wenn wir in gewiſſen ſchönen Stunden des Tages die unſere beiden Zimmer trennende Thür öffneten, z. B. den Kaffee gemeinſchaftlich zu uns nähmen, etwa in meinem, dem größeren Zimmer, das dann als Salon dienen könne.

Dies erſchien meiner Nachbarin einleuchtend, obgleich ſie anfangs Verſchiedenes dagegen einzuwenden hatte. Sie pflichtete meiner Behauptung bei, daß ſie ſehr hübſch ſei, ſagte mir, ſie ſei aus Namur, ſei erſt ſeit drei Wochen in Paris und heiße Eleonore, was Alles ich ebenfalls ſehr hübſch fand.

Am Abend kehrte ich mit meinem Freunde zurück, die Thür wurde geöffnet, Eleonore ſervirte den Kaffee. So ging dies etwa vier Tage, ich befand mich in dieſer Häuslichkeit vorzüglich; mein Freund, der ebenfalls in dieſem Hotel wohnte, ſchwieg ganz von der Abſicht, ſich außerhalb ein größeres

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Zimmer als das ſeinige zu miethen, und ich benutzte natürlich die Gelegenheit, ihr dann und wann ſcherzweiſe einige Liebes⸗ erklärungen mit den nöthigen Sprachfehlern zu machen, die ſie dann berichtigte.

Nannte ich z. B. in der ſprachlichen Uebereilung meines Herzens ihre Hand beau, ſo ſagte ſie, das heiße belle, nannte ich in derſelben Flüchtigkeit ihren Fuß belle, ſo war dieſer wieder beau und ſo fort. Kurz es war nicht möglich, ihr gegenüber richtig franzöſiſch zu ſprechen. Ebenſo fing ich an, meiner Nachbarin zu ſchildern, wie ſchön es ſei, wenn der Frühling komme und wir zuſammen Ausflüge in das Bois und Gott wohin ſonſt machen könnten, wenn wir den Kaffee anſtatt im Zimmer auf dem Balcon genießen könnten u. ſ. w.

Die Nachbarin aber war mir ſeit einigen Tagen ſchwer⸗ müthiger als ſonſt erſchienen, ſie wollte von meiner Frühlings⸗ ſchwärmerei nicht recht hören, und meinte endlich, wenn dies meine Abſicht ſei, ſo müſſe ſie mir bemerken, daß dies ſehr koſtſpielig ſein würde.

O ganz und gar nicht! warf ich ein.Doch, meinte ſie,wenn ſie hier wohnen ſolle, ſo werde ſie viele und theuere Bedürfniſſe haben; eine Freundin in Paris ſei ſehr koſtſpielig.

Ich unterbrach ſie, indem ich einen langen Blick auf ihre elegante Toilette warf. Die Concierge des Hotels trat ein und übergab mir ein Schreiben das der Briefträger ge⸗ bracht, und das einen Sou Beſtellgeld koſten ſollte. Während ich nach dem Sou ſuchte, verſchwand meine Nachbarin Eleonore.

Ich hörte, ſie ſei ausgegangen. Aber ſie war und blieb ausgegangen, denn acht Tage lang war es ſtill im anſtoßen⸗ den Zimmer. Die Thür war verſchloſſen. Ich fragte, ob ſie ausgezogen ſei. Nein. Was ſollte ich von meiner Nach⸗ barin Eleonore denken?

Endlich nach acht Tagen hörte ich frühmorgens im Nebenzimmer Geräuſch und Stimmen; ich glaubte die meiner Nachbarin zu erkennen. Bald aber ward es wieder ſtill. Ich klopfte an die Thür, es war Niemand drinnen.Schonwieder fort! dachte ich ärgerlich. Inzwiſchen kam mein Freund herein, hinter ihm der Garcon, der den Kaffee trug.

Wo iſt meine Nachbarin? fragte ich dieſen.

Déménagée!(d. h. ausgezogen).Heute Morgen um 8 Uhr hat ein Diener in Livree ihre Sachen abgeholt.

Und wohin iſt ſie gezogen?

Das wiſſen wir nicht; ſie hat der Concierge unten einen freundlichen Gruß an Sie, Monſieur, aufgetragen.

Leonore fuhr ums Morgenroth, brummte mein Freund, ſathriſch lachend, vor ſich hin.

Sie haben gut lachen, denn Sie haben nichts ver⸗ loren! rief ich, ebenfalls brummend.

Es wird wol die höchſte Zeit ſein, daß ich zu arbeiten anfange, fuhr er fort,helfen Sie mir heute ein Zimmer ſuchen.

Vergebens ſuchte ich ſeitdem auf allen Promenaden nach meiner Nachbarin, vergebens bin ich auf die Vendömeſäule geſtiegen, um nach einem ſtrohgelben Hut auszuſchauen; Leonore war verſchwunden, ich verlor ſie, während ich nach einem Sou ſuchte, könnte aber dafür dem Leſer eine kleine Geſchichte von großer Moral erzählen, wie ſie in Paris, und zwar viel intereſſanter, die vier Wände jedes Zimmers erzählen könnten.

Manon Lescaut lebt noch immer, und jetzt mehr als je; wer weiß, welchen Chevalier meine Nachbarin gefunden, der ihregroßen Bedürfniſſe beſtreitet, und wo ſie noch einen Abbe finden wird, der ihre Geſchichte ſchreibt.

Drei Monate waren verſtrichen, als ich eines Abends kurz vor Schluß des Theaters meine Loge verließ. Auf der zur Vorhalle des Theaters führenden Treppe eilte ich an einer in eine ſchwarze Kappe gehüllten Dame vorbei, die hier, ſich vor dem Zuge des Portals ſchützend, auf die Rückkehr ihres Cavaliers zu warten ſchien. Flüchtig warf ich einen Blick unter die ſchwarze Atlas⸗Kapuze.EBléonore, c'est vous?

rief ich, mich in einem kühnen Satze die letzten Stufen hinab

unterbrechend. Es war meine verlorene Nachbarin.