Jahrgang 
1867
Seite
454
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ſieht man es am Boulevard zu jeder Minute. Nur ſchub⸗ weiſe geſchieht der Uebergang, wenn die Omnibuſſe und Fiaker eine Pauſe gewähren.

Jetzt iſt der Moment gekommen. Wie ein Volk von Tauben geht die Flucht der weißen, ſe geſchürzten Jupons über den vom Regen der Nacht aufgeweichten Mac⸗Adam. Ein ganzes Ballet von zierlichen ſchwarzen Füßen und runden weißen Waden ſpringt über das ſchwarze Meer des Mac⸗Adam. Aber wie groß die Gefahr, wie tief der Koth auch ſein mag, nichts wird die Pariſerin veranlaſſen können, auch nur einen Augenblick ihre natürliche Grazie zu vergeſſen oder ihre weißen Strümpfe durch einen einzigen Schmuzfleck zu ver⸗ unglimpfen.

In Paris kann man viel eher einen Fleck auf ſeinem Gewiſſen als auf ſeiner Wäſche haben. Den erſteren ver⸗ zeiht ein Jeder, den letzteren Niemand. Die gewöhnlichſte Cocotte, und wäre ihr Herz eine Mördergrube, wird untadel⸗ haft in ihrer Wäſche ſein.

Du fragſt: was iſt denn eine Cocotte? Woher der Name Cocotte?

Was ſie iſt? Nicht mehr oder nicht weniger als eine Franzöſin; Pariſerinnen ſind die wenigſten.

Woher der Name? Er datirt von den kleinen Hähnchen, die man als Knabe in der Schule aus Faulheit und aus Papier fabricirt und die der Pariſer mit cocotte bezeichnet.

Die Legende iſt leicht verſtändlich. In Paris ſind die Frauen das theuerſte Spielzeug der Männer, oder vielmehr die Männer das unglücklichſte Spielzeug der Frauen. Spielend ruiniren ſie ſich gegenſeitig ſo gut oder ſo ſchlimm es an⸗ geht. Die Einen gehen dann in eine Veſtiaire und bewahren gegen ein Douceur von zehn Sous Deinen Pardeſſus oder Deinen Spazierſtock am Entrée des Theaters oder des Concert⸗ ſaals auf und es paſſirt dabei wol ſehr oft, daß er, der inzwiſchen Carriere gemacht hat, ſie erkennt, die einſt ſeine Freude war, und ihr zuruft:Tiens, c'est toi, Paméla!

Die Anderen, wenn ſie alt und runzelich geworden und kein Poudre, keine Schminke mehr die Falten verſtecken will, welche die Zeit als Vorhang über eine ruinirte Jugend ge zogen, dieſe Anderen verkaufen die Veilchen auf der Straße und flüſtern wol, an den Mann herantretend, der ſie einſt ſo heiß geliebt:Alfrèd, donnezemoi vingt sous, je meure de faim!

Noch Andere gehen in die Tabacksläden, wenn ſie ſo glücklich ſind, eine vornehme und einflußreiche Bekanntſchaft gehabt zu haben, die eine Verkaufsſtelle bei der kaiſerlichen Tabacks⸗Regie erwirkt und ſo für ihr Alter geſorgt hat.

Sie ſind wie die Libellen, die ein paar ſchöne Sommer tage im Sonnenglanz und Roſenduft geſchwelgt und dann verſchwinden, Niemand fragt wohin.

Sie verfliegen wie die Champagnerperlen. Ihre Diamanten hat der Bijoutier für ein Butterbrot gekauft, ihre Atlasroben hat der Trödler, und ſie ſelbſt hat der Schmerz, die Schwind⸗ ſucht, das Unglück dahingerafft.

Wie war's doch mit den Schönſten, den Gefeiertſten aus den mille et une nuits des Pariſer Lebens?

Was ward aus Marie Dupleſſis oder Marguerite Gau thier, der Pame au Camélias, dieſem ſeltenen Wachsbild mit dem ſo wunderbar bleichen Antlitz, den großen dunklen Augen und der Feengeſtalt, die ganz Paris vergötterte? Sie lebte, ſie ſchwelgte in Champagner und nichts ſtand ihrer ſchwind⸗ ſüchtigen Bläſſe ſo ſchön wie die weißen Camelien, die ſie ſo ſehr liebte.

Sie war als Bauernkind in kurzem ſchmuzigem Röckchen nach Paris gekommen. Als ſie am Theater des Palais Royal erſchien, war ſie kein Bauernkind mehr, ſie liebte ſchon die weißen Camelien. Jules Janin und die übrigen Feuille⸗ toniſten ſchwärmten von ihr, und Paris legte Alles zu ihren Füßen, was es Schönes und Koſtbares hatte.

Marie Dupleſſis oder Marguerite Gauthier, wie ſie Dumas nannte, lebte wie die Königin von Saba und ruinirte Alles, was ſie liebte, ſich ſelbſt ſogar, die ſie doch mehr als Alles liebte.

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Marie Dupleſſis kam nach Ems und begegnete dort einem alten ruſſiſchen Diplomaten, der in dieſem marmor⸗ bleichen, ſchwindſüchtigen, ſchönen Geſicht das Ebenbild einer ihm theuren Todten, ſeiner Tochter, erkannte. Der alte Ruſſe weinte, als er Marie ſah, denn er dachte an ſein Kind.

Marie, ſagte er zu ihr,zeigen Sie ſich meiner Tochter würdig und ich will Ihnen ein würdiger Vater ſein. Es wird Ihnen nicht ſchwer werden, denn ich bin alt, ſehr alt! Nach meinem Tode ſollen Sie meine einzige Erbin ſein, und mögen thun, was Ihnen gut dünkt.

Aber der greiſe Vater überlebte auch dieſe Tochter. Marie ließ ſich eines Tages von zwei Lakaien in

ihre Theater⸗Loge tragen, in der man ein todtbleiches, ſchönes

Antlitz mit den bekannten weißen Camelien ſah. Dieſelben Lakaien trugen ſie an demſelben Abend als Leiche aus der Loge.

Als ihr greiſer Pflege⸗Vater nach Paris eilte, um ſie noch einmal zu ſehen, lag ſie als ein bleiches Wachsbild auf dem Paradebett, geſchmückt mit weißen Camelien, die ja immer ihre Freude geweſen.

Ganz Paris drängte ſich herbei, als man ihre Hinter⸗ laſſenſchaft verkaufte. Ein Handſchuh von ihr ward mit ſchwerem Golde bezahlt, eine Herzogin kaufte den Kamm, mit welchem ſie ihr ſchönes Haar gepflegt. Die Damen der Ariſtokratie kauften die Schuhe, in welchen Mariens reizende Füße gewohnt.

Marie Depleſſis ward von den Männern ſehr geliebt, noch mehr aber von den Göttern, die ſie ſo früh ſchon zu ſich riefen. So ſchrieb damals ein Pariſer Feuilletoniſt. Als ſie aber zu Grabe getragen wurde, da hatten von dieſen Männern nur zwei den Muth, ihr durch die Straßen von Paris zum Kirchhof zu folgen. Die ſo lärmend gelebt, ſterben gewöhnlich in der Stille. Königinnen der Straße wie der Könige der Tuilerien.

Als Dumas fils Maguerite Gauthier nach ihrem Tode auf die Bühne brachte, da weinte ganz Paris.

Wie gings ferner mit der Königin Pomaré, dem reizen⸗ den Mädchen, das eines Abends bei Mabille erſchien, und alle die Königinnen dieſes Balles, Louiſe la Blonde, Carabine, Mousqueton und wie ſie heißen, um Thron und Scepter brachte?

Man wußte nicht, woher ſie kam; aber kaum erſchien ſie in der Quadrille, als ſie Alle bewundernd umringten, als die Souveräninnen des Cancan erblaſſend bekennen mußten, daß ſie ihre Meiſterin gefunden.

Wer war die Fee, die Niemand früher geſehen? War ſie aus einem der Blumenkelche, aus einer der Fontänen im Garten herausgeſtiegen? War ſie ein Engel, der dem lieben Gott entflohen, um einmal Quadrille zu tanzen, wo hatte ſie ihre Flügel; war ſie eine Sterbliche, wie konnte dieſe Schön⸗ heit bis dahin unentdeckt geblieben ſein?

Als Eliſe Sergent war die Unbekannte bei Mabille er⸗ ſchienen, alsReine Pomaré verließ ſie den Saal.

Eliſe war alſo Königin und ihr Reich nannte ſich Mabille. Die Feuilletoniſten bewunderten, die Dichter beſangen ihre Schönheit. Die ganze Welt hörte von der Königin Pomaré in Paris und die Bojaren im tiefſten Rußland ſetzten ſich in Bewegung ſie aufzuſuchen. Die Nabob's von Indien, die ſpleenigen Lords von jenſeits des Kanals kamen angereiſt um Eliſe zu ſehen. Man legte ihr Rubel, Guineen und Rupien zu Füßen.

Aber das undankbare Paris duldet keine lange Regierung. König Pomaré badete in Champagner und ſpiegelte ſich in Brillanten, bis alle Welt ſie wieder vergaß, und Eliſe Sergent

ſtarb ſchon im einundzwanzigſten Jahre, vergeſſen, ſchwind⸗ ſüchtig, verloren im tiefſten Elend. Wie ergings der Rigolboche, derFanny Elsler ca-

naille? Man bejubelte ſie, bis ſie dick ward wie ein Fleiſch⸗ klumpen und Niemand ſie mehr ſehr ſehen wollte.

Wie ergings der gefeierten Therkſa, der Diva des Alcazar, der Patti de la chope?

Alfred Delvau erklärt die Möglichkeit, wie man bis zur Verehrung des genre canaille ſich verirren konnte, mit fol⸗ genden Zeilen:

Das iſt die Lehre der