Jahrgang 
1867
Seite
453
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Ausfeld, erklärte ich dem Eiſenbahn⸗Vauunternehmer, iſt der Abgeordnete für Gotha, Juſtizamtmann in Walters⸗ hauſen bei Gotha, wohin die bekannte Wurſtbahn führt. In den gothaiſchen Landtagen ſtand er oft ſeinen Mann, und hier im Reichstage gibt er ſich viel Mühe, mit Amendements natürlich zum Verdruß des Grafen Bismarck, der über jedes Amendement in nervöſe Stimmung geräth der Verfaſſung mehr liberales Blut einzuimpfen. Er fällt mit ſeinem Amen dement, wie Sie ſehen, eben wieder durch, freilich nur gegen das ziemlich ähnliche von Lette.

Herr von Thünen? fragte er nun, auf den neuen Redner deutend;er iſt wol ein Mecklenburger?

Ja, und zwar einer von den liberalen. doch, wie lebhaft er für die Diäten ſpricht!

Es ſprachen dann Herr Wagener in ſeiner gurgelnden Manier, Dr. Ree aus Hamburg, Graf Bismarck mit dem kategoriſchen Imperatif. Dann friſch, frei und fröhlich, ſo

Hören Sie

recht in urwüchſigem Tone, wie der reußiſche Abgeordnete Salzmann, Herr Hering. Er hatte prächtige Fronie, eine vis comica dabei und das ganze Haus ſchließlich als Lacher auf ſeiner Seite, wie er die Nützlichkeit von Diäten gegen den Präſidenten aller Bundescommiſſare nachwies.

Wer iſt Herr Hering? fragte mein ergötzter Freund.

Ich glaube, er ſpricht hier zum erſten Male. Er iſt Rechtsanwalt in Eiſenach und dort ein angeſehener Mann, Vorſteher des Gemeinderaths und ſeit Jahren ſchon Mitglied des weimariſchen Landtags. Er gehörte mit zu den Gründern des Nationalvereins, indem er das Eiſenacher Programm von 1859 unterzeichnete, und machte ſich beſonders auch durch ſeine öffentliche Bekämpfung der Todesſtrafe bemerklich.

Die übrigen Redner boten uns kein beſonderes Intereſſe dar. Wir warteten noch das Reſultat der namentlichen Ab⸗ ſtimmung über die Diätenfrage ab und gingen getröſtet für⸗ baß, daß ſechs Stimmen den Sieg der Taggelder herbeigeführt.

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Weltausſtellungs-Bilder.

Die Eſtaminets und die Pariſer beim Bierkrug. Der Mac⸗Adam und die weißen Strümpfe. Die Cocottes. Von Marguerite Gauthier, der Königin Pomars, Therdſa, bis zur Cora. Eleonore, das Märchen aus alten Zeiten.

Wir ſtehen noch immer auf dem Boulevard.

Es iſt bald 5 Uhr, noch eine Stunde bis Mittag alſo, denn vor 6 Uhr ſpeiſt kein anſtändiger Menſch in Paris.

Setzen wir uns vor eines der Café's der Rue Vivienne gegenüber, wo die Circulation immer am lebendigſten zu ſein pflegt. Beſtellen wir einen Abſynth, eine Aniſette, um den Appetit zu reizen, oder einenBock, der hier ſo zahm iſt, daß er Dir keinen Schaden thut.

Der Abſynth iſt eine Krankheit in Frankreich, nament⸗ lich in der franzöſiſchen Armee; das Bier, das ſeit zehn Jahren in Frankreich um ſich gegriffen, iſt ganz dem franzöſiſchen Gaumen angepaßt. Die Pottaſche iſt die Hauptſache darin.

Der Franzoſe nennt Alles, was wie Bier ausſieht, Bock, auch wohl gar Bog; was das bedeutet weiß er nicht, es ſchmeckt ihm, und Du kannſt zu jeder Tageszeit die Tiſche der Kaffeehäuſer mit dieſen Bockgläſern garnirt ſehen.

Der Bock iſt in Paris Mode geworden, ſeit die Pariſerinnen in Erfahrung brachten, daß er pikanter lals Orgeade und Kaffee, weniger boshaft als der Abſynth und wohlſchmeckender als der gewöhnliche Macon.

Wenn die Cocottes etwas in Affection nehmen, ſo iſt ihm jedenfalls die Carriere in Paris und in ganz Frankreich geöffnet. DerBock ward das Symbol der Libertinage. Wenn die Cocotte einenBock begehrte, ſo erſchien ihr dies als äußerſt comme il faut, wie eine Bravour, und ſo ward denn daſſelbe Frankreich, das ſonſt die Deutſchen wegen ihres Bieres und Sauerkrautes verhöhnte, alsbald eine einzige Bierſtube.

Anfangs ſchenkte man bière de. Strasbourg, bière de 1yon, freilich meiſt von deutſchen Brauern in Paris nach Pariſer Geſchmack gebraut; dann kamen die übrigen deutſchen Biere, ſogar das Wiener ward eingeführt, und zahllos ſind jetzt die deutſchen Bierhäuſer, in welchen Culmbacher, Erlanger und andere bairiſche Biere geſchänkt werden.

Freilich iſt es theuer, aber nicht theurer als eine Taſſe Kaffee. In Paris nämlich, lieber Leſer, kannſt Du nichts genießen, was nicht mindeſtens einen halben Franc koſtete. Schandehalber fordert man für einedemi-tasse nur achtund⸗ dreißig Centimes. Der Gargon bringt Dir auf Deinen halben Franc gewiſſenhaft zwei Sous zurück; aber rühre ſie nicht an, denn ſie gehören ihm unweigerlich als Trinkgeld.

Kommſt Du zum zweiten, zum dritten Mal in ein Kaffee⸗ haus mit der Unverſchämtheit, dem Gargon ſeine zwei Sous

vorzuenthalten, es würde Dich keiner mehr bedienen.

Während der zwölf Jahre meiner Bekanntſchaft mit

Paris hat das Bier eine ganze Revolution in der Lebens⸗ weiſe der Leute hier hervorgerufen.

Ich erinnere mich wohl noch der Neugier, mit welcher zu Anfang die Griſette am Arm ihres Geliebten in die Braſſerie trat, um das Bier zu probiren; ich erinnere mich namentlich eines komiſchen Momentes in dem Bierhauſe der Rue des Martyres.

Hier nämlich ſah ich den Kellner mit einer glühenden Eiſenſtange bewaffnet auf den Tiſch meiner Nachbarn zu⸗ ſchreiten, ſah, wie er dieſe glühende Stange ziſchend in die Cannette meiner Nachbarn tauchte, daß das Bier empört herausſchäumte, und dann ſeines Weges ging.

Ein Bier, daß auf ſolche Weiſe malträtirt worden, nannte man damals de la pière chaude, Warmbier.

Seitdem iſt mir dieſe Operation nicht mehr vorgekommen.

Doch, wenden wir unſere Blicke nach außen. Lebhafter wird die Circulation auf den Trottvirs, heftiger das Jagen der Equipagen auf dem Mac⸗Adam, und doch iſt eigentlich hier nicht der point de vue, von welchem aus wir die faſhionable Welt beobachten könnten, die jetzt ins Bois fährt, um ſich in der friſchen Luft Appetit zu holen.

Man fährt an dieſer Geſchäftsgegend nicht vorüber, wenn man zur vornehmen Welt gehört, höchſtens verirrt ſich das Quartier Breda hier vorbei. Was da nobel iſt, ſchöne Equipagen hält und zur üne Hleur der Geſellſchaft gehört, das wohnt dort unten in der Gegend der Chauſſée dAntin oder drüben in St.⸗Germain; hier ſehen wir höchſtens die Wagen der Agents de Change, der Aerzte, der Beamten und Geſchäftsleute. Später fahren auch wir ins Bois, wo wir ſie Alle treffen werden.

Da eilen ſie ſo geſchäftig an uns vorüber; jeder Einzelne hat die größte Eile, ſeine Angelegenheiten vor dem Diner zu ordnen, denn die Stunde des Mittagsmahles iſt eine ge⸗ heiligte, in welcher der Pariſer ſeiner ganzen Sammlung bedarf.

Da hüpfen auch ſie an uns vorüber auf den zierlichen Stelzen, die kleinen reizenden Mignon⸗Füße, von denen ich vorhin erzählte. Sieh, wie ſie vor Dir alle aufmarſchiren, am Rande des Trottoirs, um den Moment zu erwarten, wo der Knäuel der Wagen ſich entwirren, wo in der Jagd der⸗ ſelben eine Pauſe eintreten wird, die all' den Wartenden ge⸗ ſtattet, von der einen Seite der Boulevards zur andern hin⸗ über zu ſpringen.

Wie an der Meerenge von Gibraltar ſich eine ganze Flotte von Schiffen zu ſammeln pflegt, um mit dem nächſten Weſtwind alle auf einmal die Waſſerſtraße zu paſſiren, ſo

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