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verſuchen doch dabei etwas auch für die Freiheit zu ſichern — eine Grundſätzlichkeit, vor der ſich die Altliberalen, die alten Gothaer und Doctrinärs ſo entrüſtet heute abwenden, wie die edlen Herrn von der conſervativen Seite.“
„Nun, und die Linke? Was will denn die; z. B. Waldeck, Schulze, die Sie anführten, Franz Duncker, Schaffrath, Rée und ſo weiter?“
„Sehr einfach, Verehrteſter. Die Linke will die Einheit nur unter der Bedingung, daß auch die Freiheit dabei nicht zu kurz komme, und wahrhaftig, allzu frei ſind wir ja nicht. Man will nur ſein Bischen conſtitutionelles Bedürf⸗ niß befriedigt ſehen. Aber faſt darf man davon heute nicht reden. Einheit, Einheit! heißt die Loſung, wie ſie auch ſei.“
„Sie ſprachen vorhin von Lasker. Wo ſitzt der?“
Ich zeigte ihm denſelben und ſagte dabei:„Er iſt noch ein junger Mann, wie Sie ſehen; klein, agil, ſchwarzköpfig und mit dem unverkennbaren Zug des Orientaliſchen. Er iſt Gerichtsaſſeſſor in Berlin und ſeit einigen Jahren durch eine oft angebrachte Beredſamkeit eine politiſche Figur Berlins ge⸗ worden, welches ihm auch ſowol zum Abgeordnetenhauſe wie zum Reichstag ein Mandat gegeben. Talentvoll iſt Lasker ohne Zweifel und politiſch ehrgeizig.“
„Und Franz Duncker?“ fragte er.
„Da ſehen Sie eine echte Demokratenerſcheinung, dort — dicht neben Waldeck; eine ſchlanke Figur, einen trotzigen Kopf mit etwas wildem, ſchon grau gewordenem, langem Haar und einem prächtigen, flachsgrauen, ſtruppigen Voll— bart, der einſtmals roth geweſen! Conſequenz, treue Ueber⸗ zeugung haben ihm in der Partei des demokratiſchen Princips eine Führerſchaft geſichert. Mit der(Volkszeitung“, die er trotz aller Hinckeldey'ſchen Chikanen auf die Beine brachte, ge⸗ wann er zuerſt Terrain, die Arbeiter belohnten ſeine Be— ſtrebungen durch Anhänglichkeit, und ein großer Theil, nament⸗ lich der im Handwerker Verein vertretene, blieb auch im Lauf der Jahre zu ihm wie zu Schulze⸗Delitzſch treu ſtehen. Vom Jahre 1859 an, mit der Bildung des Nationalvereins, betrat Franz Duncker mehr die öffentliche Bühne; er wurde ein ſehr rühriges Mitglied des Nationalvereins und der Fortſchritts⸗ partei, und mit ſeinen Zwecken wuchs auch ſeine Kraft. Er wurde Abgeordneter, Parlamentsmann, dann auch ein recht guter, klarer Redner, und jetzt zum Reichstag hatte er ſogar die Ehre, daß ihm ſeine Vaterſtadt Berlin zum erſten Mal ein Mandat gab. Ich will hier gleich von ſeinem Bruder Max ſprechen, jenem geiſtvollen Kopf, den Sie hier gerade vor ſich, zu Profeſſor Zachariae's ſcharf geſchnittenem, höchſt intereſſantem Geſicht hinübergeneigt ſehen. Max Duncker iſt ein Altliberaler und ſaß auch, wenn Sie ſich deſſen noch erinnern können, 1848 im deutſchen Parlament, dann im Erfurter, und mehrfach im preußiſchen Abgeordnetenhauſe. Seine(Geſchichte des Alterthums iſt berühmt. Jetzt iſt er Profeſſor an der Berliner Univerſität und zum Aerger der (Kreuzzeitung“ noch immer vortragender Rath des Kron⸗ prinzen.“
„Dr. Ree, nicht wahr, er iſt Hamburger Abgeordneter?“
„Jawohl, einer von den Hamburgern, der ſich bisher noch am meiſten als entſchiedener Linker hervorgethan hat, ein Schulmann ſeinem Stande nach. Die anderen Hamburger heißen Chapeaurouge, der einmal eine Bemerkung machte, und Sloman. Gott weiß, warum alle Drei zuſammen keinen deutſchen Namen haben!“
Unterdeß hatte die Präſidentenwahl begonnen, deren Er⸗ gebniß, Wiederwahl, keinem Zweifel unterliegen konnte. Nicht unintereſſant iſt das Bild, welches eine parlamentariſche Verſammlung während der Wahlſcene abgibt. Sie iſt ge⸗ wiſſermaßen, freilich nur im harmloſen Sinne, aufgelöſt. Faſt Keiner ſitzt auf ſeinem Platze, oder doch nicht auf ſeinem richtigen; hier rücken ein paar gute Freunde zuſammen und plaudern, dort im Gange haben ſich Gruppen gebildet; Kommen und Gehen von rechts nach links, von links nach rechts, nach der Reſtauration, wo die Buffethebe die Stöpſel knallen läßt— von guten Erlangern, und aus derſelben. Vor dem Präſidentenbureau hat ſich ein Hauptknäuel gebildet,
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der ſich durch Fortgehen Einzelner immer abhaspelt, durch
Zukommen Anderer gleichwol ſich nicht verkleinert. Durch ihn drängt ſich der aufgerufene Abgeordnete, um ſeinen Stimmzettel in die Urne zu legen. Hat Jeder dann ſeinen Gang nach der Urne gemacht, ſo wird dieſelbe auf das Bureau getragen. Einer der Schriftführer zählt die Zettel in der Urne, dann ruft er den Namen auf denſelben laut durch den Saal; ein Anderer ſammelt die gleichen zu den gleichen, ein Dritter verkündet jedesmal, wie viel Stimmen bereits auf den Gerufenen gefallen ſind. Die Linke war gutmüthig— ſit wählte auch wieder Walewski⸗Simſon.
Man hatte Muße, dies unruhige Bild da unten während des dreimaligen Wahlactes zu betrachten, einzelne Perſön⸗ lichkeiten behaglich ins Auge zu faſſen.
„Wen“, fragte mich der Eiſenbahn-Bauunternehmer, „halten Sie eigentlich für den Bedeutendſten auf der Rechten dieſes Reichstags?“
„Die Frage iſt kitzlich, mein Lieber; es ſitzen viel ge⸗ ſcheidte und tüchtige Männer hier, die aber in der Rolle des Zuhörens und Zuſehens ſich gefallen— eine vornehme Ge⸗ wohnheit, die in Parlamenten nicht ſelten iſt. Die Heiß⸗ ſporne und Redner dieſer Partei ſind doch in hervorragen⸗ dem Maße nur die bekannten Herren Wagener und von Blanckenburg.“
„Ich habe Beide noch nicht geſehen, oder nur ober⸗ flächlich.“
„Gut, ſo ſehen Sie einmal nach der Ecke des linken Bundescommiſſarien⸗Tiſches; da ſteht ein dürrer, langer Herr mit einem verhältnißmäßig kleinen Kopfe, das dunkle Haar in ſtolzer Tolle über die Stirn geſtrichen; ſein Geſicht ſcheint immer lächend zu ſein; es hat ſonſt nichts Anziehendes und Bemerkenswerthes, iſt nüchtern und ausdruckslos. Dies iſt der zum Geheimen Regierungsrath im Miniſterum avancirte Kreuz⸗ zeitungs⸗Wagener, ein Mann von Routine, auch als Redner, aber als ſolcher ohne überzeugende Wirkung, ohne Wärme, ohne Natürlichkeit und geradezu troſtlos, wenn er humoriſtiſch ſein will. Ganz anders Herr von Blanckenburg, jener ſtatt⸗ liche Herr dort auf der vorderſten Bank an der Ecke des zweiten Querganges mit dem urvergnügten, ſportsmänniſch ſich charakterſirendem Geſicht. Er iſt ſeit funfzehn Jahren ein Hauptführer der conſervativen Partei im Abgeordneten⸗ hauſe, ein ſchlagfertiger Redner von natürlichen Anlagen, heiß⸗ blütig, mit kräftigem Organ, ſtreitfertig, voller Jronie und oft auch voller Witz, der ihm freilich gewöhnlich an den eigenen Kopf fliegt. Aber man hört ihn gern, wenn er ſo recht von der reactionären Leber weg ſpricht. Er iſt bis⸗ marckiſch durch und durch, freut ſich über die Maßen, daß die Junkerpolitik nun wirklich, wie ſein ehemaliger Genoſſe Bis⸗ marck prophezeit, zu Ehren kommt und all dies Herrliche vollbringt.“
„Ei“, rief pötzlich der alte Freund aus den Zeiten des Frankfurter Parlaments,„da erkenne ich ja noch einen alten Frankfurter! Aber iſt der alt und klapprig geworden! Nicht wahr, jener lange Herr, deſſen grauer Kopf ſo weit nach vorn neigt, dort am Tiſch der Bundescommiſſarien, iſt Herr von Watzdorf aus Weimar?“
„Sehr richtig, mein Beſter— der Miniſter Weimars, der er übrigens ſchon 1848 und etliche Jahre zuvor war. Damals, wiſſen Sie noch, wie«roth» er war?“
„Ach Gott!“ erwiderte er,„wir ſind ja Alle nicht mehr ſo roth wie damals; Herr von Watzdorf wahrſcheinlich auch nicht mehr.“
„Gewiß nicht. Er iſt übrigens auch zum Abgeordneten gewählt und im Uebrigen ein guter Mann.“
Inzwiſchen hatte die Debatte nach der Präſidentenwahl wieder begonnen. Es handelte ſich um die Rechte und die Diäten des Reichstags. Zunächſt kämpften Herr Lette, der kleine, joviale, beſcheidene, immer gut liberal geſinnte Präſi⸗ dent des Reviſionscollegiums, der auch ſchon in Frankfurt „Alles mit durchgemacht“, und Herr Ausfeld um ihre Amendements, die den Reichstagsmitgliedern Staatsanwalt und Gefängniß vom Leibe halten ſollten.


