können! Gute Leute, ſehr gute Leute; aber könnte man nicht
bilden, ſie auszeichnete, ſo auch anderntheils die Oppoſition, welche ſie, ſo jung ſie noch war, mancherlei Anordnungen ihres Oheims entgegenſetzte, wobei ihr leidenſchaftlich heftiges Gemüth ſie oft zu Ausſchreitungen veranlaßte, die zwiſchen ihr und ihrem Oheim eine immer ſtärker hervortretende Ab— neigung begründeten.
Der Aufenthalt an des Oheims Hofe war kein freuden⸗ reicher für Anna. Ihr ſchnell zur Empörung geneigtes Naturell war für ſie die Urſache manches ſehr unangenehmen Zwie— ſpaltes, und um dieſen ihren Stolz als Tochter eines glor⸗ reichen, berühmten Heldenfürſten tief verletzenden Reibungen, die ihr den Dresdener Hof ſehr verleiteten, ſich zu entziehen, ging ſie ohne irgend welche Weigerung auf das Project des Oheims ein, ſie mit dem verwitweten Prinzen Wilhelm von Dranien zu vermählen.
Die Politik hatte das Project geboren, und die pro— teſtantiſche Welt erſtaunte nicht wenig, als es kund wurde, daß die Tochter Deſſen, der für die Proteſtanten den Paſſauer Vergleich mittels der Waffengewalt erzwungen, und die Nichte des Fürſten, deſſen orthodoxes Lutherthum weltkundig war, des ſpaniſchen Statthalters von Burgund, Holland, See— land und Utrecht Gemahlin werden ſolle. Freilich lag zwiſchen dem Kurfürſten Auguſt und dem oraniſchen Prinzen ein ge— heimer Vertrag zu Grunde, demzufolge die Prinzeß ungekränkt bei ihrer lutheriſchen Religion verbleiben ſolle, was indeß
immer nur ein problematiſcher Verſuch ſein konnte, denn man erfuhr, wenn auch erſt nachträglich, daß der Prinz, welcher als Katholik und Vertreter der ſpaniſchen Intoleranz, wie
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der berüchtigte Philipp II. ſie im Sinne der blutgierigſten Inquiſition übte und üben ließ, doch keine Ketzerin ehelichen durfte, die Beſorgniß des ſpaniſchen Cardinals Granvella, welcher am Hofe der Herzogin Margarethe von Parma (Philipp's II. natürliche Schweſter), der Statthalterin der Niederlande, die Regierungsgeſchäfte leitete, wegen dieſer dem katholiſchen Sinne ſo ganz zuwider laufenden Ehe durch die Verſicherung zerſtreute, daß ſeine Gemahlin ſogleich nach ihrer Ankunft in den Niederlanden öffentlich zur römiſch⸗katholiſchen Religion übertreten werde.
Dieſe ganze Angelegenheit war nichts als eine nach ver— ſchiedenen Seiten hin ihre Fäden ausſpinnende politiſche Täuſchung, ein Betrug gegen Spanien, denn der Prinz ge— hörte zu den geheimen Feinden dieſer Macht, die ſo viel Un— glück und Verzweiflung über ſein Vaterland gebracht hatte, und wenngleich er Katholik war und als Statthalter fungirte, ſo hatte doch die katholiſche Partei in ihm einen verkappten Abtrünnigen und die Herrſchaft Spaniens einen rebelliſchen Gegner, der mit bewunderungswürdiger Schlauheit und Ver— ſtellungskunſt den Abfall des Volkes im Stillen vorbereitete.
Von Seite des ſächſiſchen Kurfürſten war dies Heiraths⸗ project ein insgeheim ausgeführter Streich gegen den Katho⸗ licismus; er rechnete auf den Ausbruch des allmälich vorbereiteten Aufruhrs und wollte im geheimen durch Trup⸗ penwerbungen für den Prinzen thätig ſein zur Niederwerfung der ſpaniſchen Herrſchaft in den Niederlanden.
(Fortſetzung folgt.)
Reichstags-Viſiten. Von Schmidt⸗Weißenfels. III.
„Verehrteſter“, ſagte der Eiſenbahn⸗Bauunternehmer zu mir, als wir zum dritten Male dem Reichstag unſeren Be⸗ ſuch gemacht hatten,„lange wird die Geſchichte wol nicht mehr dauern?“
„Gott bewahre“, antwortete ich,„wie können Sie ſo etwas denken, bei dieſer Rechten, bei dieſem Centrum, bei dieſem Präſidenten des Reichstags, bei dieſer fliegenden En ploc— Sile.
„A propos— heute iſt ja Präſidentenwahl. Wird man Simſon wiederwählen, oder Forckenbeck?“
„O, Simſon war ja ſo gut! Könnte Forckenbeck wol beſſer ſein?— Uebrigens haben wir heute Muße, einige neue Geiſter kennen zu lernen, und auch der Vorgang der Wahl iſt nicht ohne Intereſſe. Sagen Sie mir nur, alter Unitarier, welche neuen Menſchen in dieſem Norddeutſchen Parlament Ihnen bisher beſonders groß erſchienen ſind.“
„Nun, Braun aus Wiesbaden, weil er ein Redner iſt; dann Herr Miquèl aus Osnabrück...“
„Ah, der ſchlanke Mann dort auf der letzten Bank mit dem intereſſanten Kopf; eins von den dunklen Bartgeſichtern dieſes Hauſes. Rarität genug. Wer noch?“
„Herr von Sybel, der Hiſtoriker, weil er ſich ſo ſchön bekehrt hat und duftenden Weihrauch um das olympiſche Haupt des Grafen Bismarck, der all dies Herrliche vollbracht, wirbelte.“
„O ja, Herr von Sybel— ein Profeſſor, das ſagt an ſich ſchon Vieles. Sie kennen ja die Profeſſoren aus dem Parlament von Frankfurt her. Ach, was die ſchön reden
wild in dieſer zahmen Zeit werden, wenn man einen Profeſſor vor zwei Jahren Flüche gegen den Mann der Machtpolitik, rhetoriſche Kartätſchen gegen ſeine Grundſätze loslaſſen hörte, und heute aus demſelben ſalbungsvollen Munde vernehmen muß, wie leid ihm der Irrthum thue, wie er ſo groß und ſtolz von dieſem einſt Verketzerten denke, daß er nicht einmal mehr
eine Miniſterverantwortlichkeit für nöthig halte. Es iſt doch
etwas Schönes, in der Politik— kein Profeſſor zu ſein. Da ſehen Sie ihn, dieſen reuigen Fortſchrittsmann, dort neben dem grauköpfigen Vincke, der ein Bein über die Tiſchecke ge⸗ hangen hat und deſſen Geplauder Sie bis hier oben ver⸗ nehmen können, eine große, kräftige Geſtalt mit einem recht ſelbſtgefälligen Geſicht, kokett die braunen Haare nach vorn gekämmt, mit einer natürlichen Bewegung, die, ſobald der Profeſſor ſich geltend macht, ihr Pathos annimmt und ſich in die Würde wirft. Sybel, Vincke, alle dieſe altliberalen und überhaupt liberalen Geiſter machen von ihren politiſchen Grund⸗ ſätzen je nach Umſtänden Gebrauch; einmal benutzen ſie ſie, um ideale Ballons ſteigen zu laſſen; dann wieder legen ſie ſie auf den Rechtsboden und fühlen ſich ſo praktiſche Männer wie jener franzöſirte Zeitgenoſſe von Schiller's Tell, der er⸗ klärte, er ſtehe auf dem„Meinigen.“
„Sie ſind boshaft“, ſagte der Eiſenbahn⸗Bauunternehmer, „Sie ärgern ſich, daß die Reichstags⸗Majorität praktiſch denkt und einſieht, Graf Bismarck, der Alles gemacht, werde wol am beſten wiſſen, was er mit dem Verfaſſungsentwurf will. Der Mann hat ganz Recht, wenn er ſich darüber beſchwert, daß hier Hans und Kunz an ſeinem Werke mäkeln und beſſern wollen, ohne daß ſie ſelber mit ihrer Weisheit nur einen Geſetzartikel in Kraft ſetzen könnten.“
„Ja, ja, gewiß, Graf Bismarck hat ganz Recht; aber Waldeck auch, wenn er, ebenſo wie Schulze⸗Delitzſch, darauf fragt, wozu man dann erſt die Volksvertreter zu Rathe zieht. Sehen Sie, ein Mann wie der greiſe Waldeck, wie der wackere Schulze, die ſind mir als conſequente Leute von Werth, ebenſo wie Männer der entgegengeſetzten Meinung, die nicht heute (praktiſch“ ſind und morgen(idealiſch?, blos weil ſie nicht recht klar über das ſind, was ihre Grundſätze bildet. Man hält oft Meinungen für Grundſätze, und Meinungen wechſeln. Es iſt ganz natürlich, daß man nach 1866 ſeine Meinungen verändert haben muß; aber die Grundſätze? Die National⸗ liberalen z. B., Leute wie Bennigſen, Braun, Lasker— die nehmen die deutſche Einheit jetzt, wie ſie ſie finden; aber ſie
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