Jahrgang 
1867
Seite
450
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Strenge bewacht wurde und jede Hoffnung für ſie verſchwand, ihrem Gefängniß zu entfliehen.

Die Fürſtenſchlöſſer in alter und neuerer Zeit haben ge⸗ wiß ſchon manches Geheimniß vor den Augen der Welt ver⸗ borgen, Geheimniſſe, die nie ans Tageslicht gekommen ſind; die Gefangenſchaft der Prinzeß Anna von Oranien blieb zwar den Bewohnern der kurfürſtlichen Reſidenzſtadt kein Geheimniß, man wußte, daß ſie im Schloſſe in Gewahrſam gehalten wurde, aber was der Grund, die Urſache deſſelben war, welcher ſchweren Schuld man ſie bezichtigte, davon ver⸗ lautete nichts, und obwol das, was in Dunkel gehüllt bleibt, deſto mehr die Neugier, es in ſeiner wahren Geſtalt zu ſehen, erweckt, ſo kam doch das Gerücht von Anna's Gefangenſchaft bald in Vergeſſenheit, weil es ſo zu ſagen in ſich ſelbſt zer⸗ fiel, indem es jeder neuen Anregung entbehrte. Zudem war auch der Indifferentismus damals zu vorherrſchend, um irgend einen Zweifel hinſichtlich des Rechtes des Kurfürſten über die Freiheit ſeiner Nichte bei Jemand aufkommen zu laſſen. Die Hofluft äußerte damals ſchon ihre zerſetzende Wirkung ziem⸗ lich ſtark, und ſo war es nur folgerecht, daß über eine ſo delicate Angelegenheit, wie dies Gerücht eine ſolche enthielt, ſich bald ein tiefes Schweigen breitete, bis endlich Ereigniſſe eintraten, welche es wieder neu ins Leben riefen.

Am Nachmittag eines der erſten Octobertage 1577 ſcholl aus einem der Fenſter der Gemächer der Prinzeß Anna ein greller Schrei nach dem vorerwähnten Zwinger hin und brach ſich an dem denſelben weit überragenden Wall. Es war ein Aufſchrei des heftigſten Zornes, der verzweiflungsvollſten Empörung einer Seele, deren Leidenſchaftlichkeit in die engſten Banden gefeſſelt lag und ſich gegen das Schickſal auflehnte.

Der Nordſturm, welcher von der Elbe her über die Baſtion Luna ſtrich und brauſend längs des Walles hinfegte, hatte den gellenden Angſtſchrei eben ſo ſchnell verweht, als er dem Munde der unglücklichen Prinzeß entfloh, welche die ausgebreiteten Arme nach den Wolken ausſtreckte, die pfeil geſchwind wie gehetzt von dem ſauſenden Sturme vorüber getrieben wurden. Wohin nur die Augen Anna's ſich wendeten, überall ſtarrte ihr eine traurige Oede entgegen, nirgends bekundete ſich geſchäftiges rühriges Menſchentreiben, kein anderer Laut als das eintönige Geheul des Sturmes war hier vernehmbar.

Prinzeß Anna hatte ſich einem Ausbruch zornigen Schmerzes hingegeben, wie dergleichen Aufwallungen ganz in Ueberein⸗ ſtimmung mit ihrem leidenſchaftlichen, leicht gereizten Naturell ſie öfters ſo ſehr beherrſchten, daß ſie Alles um ſich vergaß. Die in einander verſchlungenen Hände hielt ſie noch lange Zeit über dem Haupte gerungen und ſchaute nach den flüch⸗ tig zichenden Wolken mit der Sehnſucht eines Vogels, der, ſeine verlorene Freiheit beklagend, am Gitter ſeines Käfigs hin⸗ und herirrend, den Blick hinaus richtet nach dem ihm entzogenen Leben im unbegrenzten Luftmeere. Schwere Thränen des Unmuths rannen über die Wangen der Unglücklichen, ſie ließ die Hände aus einander und nieder auf das Fenſterſims gleiten.

So ſtand ſie eine lange Zeit und blickte unverwandt hinauf nach den jagenden Wolkenheer, das wie ein flüchtiger Feind vor ſeinem verfolgenden Sieger, dem pfeifenden Nord ſturme, voraustrieb; dann ſchritt ſie, das Fenſter ſchließend, zurück in die Tiefe des Gemaches und warf ſich auf ein Ruhebett, mit den Fingern der herabhängenden Rechten in die Saiten der neben dem Lager auf einem Tabvurg den Zither fahrend, deren feine klirrende T durch das große weite Gemach ſchwirrten.

Prinzeß Anna war eine Figur von M wegs von ſchönen Formen, im Gegentheil genehmen Eindruck auf das Auge bewirker Schulter wies ſich höher als die linke, u litt an einer ziemlich ſichtbar vortretenden Geſicht war tief markirt, wie dies oft merken iſt, die heftigen Temperamentes Bläſſe ihres Geſichtes, ſtark ins Gelbli auf einen ſehr krankhaften Zuſtand,

den Gefangenſchaft die Urſachen eines langſamen Hinſchwindens

Zorn und wie eine unverlöſchliche Flamme immer fortdauernde Empörung ihres Herzens gegen ihr trauriges Verhängniß im Verein mit der ihr ſo wenig körperliche Bewegung geſtatten⸗

ihrer Kraft und ſomit auch ihres Lebens ſeien, drängte ſich gewiß Jedem auf, welcher ihr nahte.

Von einer unvergleichlichen Schönheit jedoch wies ſich ihr Auge, jetzt freilich in Aufregung funkelnd, aber in Stun⸗ den ruhigen Gemüthes von einem herzgewinnenden milden Ausdruck beſeelt. In ſolchen Momenten des Sonnenſcheins in ihrem Innern, der durch das Auge nach außen ſtrahlte, machte dieſer Vorzug ihre körperlichen Mängel ſchnell ver⸗ geſſen, ſie erſchien liebenswürdig und die Macht des Seeliſchen trug ſichtbar einen unabweisbaren Sieg davon.

Niemandem mehr als einer Gefangenen drängt ſich un gerufen die oft ſich erneuende Schau in ihre Vergangenheit ins Gedächtniß, und Prinzeß Anna überließ ſich jetzt einer ſolchen mit der vollen Hingebung einer jeden paſſiven Wider⸗ ſtand aufgebenden Kranken. Ausgeſtreckt auf dem Ruhebette, lag ihre rechte Hand auf den Saiten der Zither auf dem Tabouret, die Finger der Linken ruhten, indem dieſe Hand faſt ihre Augen und den größten Theil ihres Geſichtes be⸗ deckte, auf der Stirne. Man hätte meinen ſollen, dieſe Ab⸗ wehr aller durch die Augen einwirkenden Störungen werde von ihr nur deshalb beliebt, um ſich nicht in angenehmen Rückerinnerungen geſtört zu ſehen, und doch war dies kaum zum Theil bei ihr zutreffend, im Gegentheile bot ihre Schau in die Vergangenheit viel Trauriges.

Prinzeß Anna von Oranien ſtand jetzt im einunddreißigſten Lebensjahre, in ihrem Daſein hatte ſich eine faſt ununter⸗ brochene Kette von Widerwärtigkeiten theils aus Anderer, theils aus eigener Schuld für ſie abgewickelt, von welcher, wie ſie faſt mit Beſtimmtheit vorausſehen konnte, der Tod als Schlußglied derſelben ihr entgegen ſtarrte.

Die Erinnerung an ihre Kinderjahre glichen den freund⸗ lichen Lichtern der jungen Morgenſonne, wenn ſie durch reichen, von milden Luftwehen leiſe bewegten Blätterſchmuck auf ſaftig grünen, von Myriaden Thautropfen feucht ſchim⸗ mernden Matten gaukelnd hin und her hüpfen. Es waren liebliche Rückblicke, verſöhnend zu dem aufgeregten Gemüthe der Gefangenen ſprechend. Ihres Vaters männlich,ſchöne Geſtalt mit dem blauen Augenpaare, dem weinfarbenen, im Nacken ſich wiegenden lockigen Haupthaar, dem in zwei Spitzen auf der Bruſt ruhenden Barte von höherer blonder Färbung und dem wohlgepflegten Oberbart, mit dem gewinnenden Lächeln in dem edel geſchnittenen Antlitz, und dann ihrer Mutter zärtliche Liebe und engelsgutes ſanftes Weſen waren die Lichtbilder aus jener Zeit, deren Glanz nicht erloſch in ihrem Gedächtniſſe.

Damals war Anna glücklich geweſen in der Kinderluſt, welcher ſchmerzliche Erfahrungen noch fern liegen. Und doch glimmte die Erinnerung in ihrer Seele, daß Herzog Auguſt, des Vaters Bruder, ſich damals gegen ihren Vater ſtets in einer Unterwürfigkeit gezeigt habe, wie man ſie gewaltig hervor⸗ ragenden Geiſtern widmet. Und all dies Glück war mit einem Male zerſtört, als ihr kurfürſtlicher Vater in der Sievernhauſener Schlacht fiel, der heitere Glanz der Morgen⸗ ſonnenlichter ihrer Kindheit ſie war damals neun Jahre alt verblich raſch, der neue Herr entäußerte ſich über⸗ raſchend ſchnell der ehemals gezeigten Unterwürfigkeit, und etwete Mutter fand, um Manchem zu entgehen, was digen mußte, es für gerathen, die ſich ihr des Herzogmann Friedrich Il. von