Jahrgang 
1867
Seite
449
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Slluſtrirtes Volksblatt. Herausgeber: Hans Wachenhuſen.

X. Jahrgang. 1867. N 29.

Anna von Granien (Kurfürſt Moritz' Tochter) und ihr Schickſal.

Hiſtoriſche Erzählung von Franz Lubojatzky.

S.

as kurfürſtliche Schloß zu Dresden barg in den Jahren

1575 bis 1577 ein Geheimniß ganz eigenthümlicher Art. Die Gemahlin des Prinzen Wilhelm von Oranien, Anna, die Tochter des Kurfürſten Moritz, der ſeiner Zeit das wunderbare Beiſpiel der Vereinigung des Heldenmuthes mit der diplomatiſchen Schlauheit eines in der beſten Schule auf⸗ gezogenen Jeſuiten dargeſtellt und dem Kaiſer und der katho⸗ liſchen Partei ein Feind geweſen, den nur eben der Tod in der Schlacht bei Sievershauſen aus dem Felde geſchlagen hatte, war in den angegebenen Jahren die Gefangene ihres Oheims, des Bruders ihres ruhmreichen Vaters, des Kurfürſten Auguſt, eines Fürſten, welcher das Muſter eines Staatshaus⸗ halters war, und dem das Sachſenland den Aufſchwung ſeines Wohlſtandes dankte.

Das Dresdener Schloß, welches heutigen Tages eine Königsreſidenz, aber in ſeinem Aeußeren wohl die Spur des Alterthümlichen, jedoch durchaus nichts aufweiſt, was einer ſo hohen Beſtimmung entſpricht, war damals, faſt vor drei⸗ hundert Jahren, ein wunderliches Gemiſch des Bauſtils ver ſchiedener Jahrhunderte. Es beſtand aus zwei Haupttheilen und einigen Ueberbleibſeln längſt verklungener Zeiten. Die beiden Haupttheile ſchieden ſich in das Georgenſchloß, von dem eifrigen Luther⸗Feind, Herzog Georg dem Bärtigen, erbaut und mit dem weltberühmten Reliefder Todtentanz in ſeiner Fronte geſchmückt, das noch jetzt auf dem Dresden⸗ Neuſtädter Kirchhofe aſs ein Andenken verwahrt wigd und den beſten Beweis gibt) wie klein der Sprung L9 einer ſtolzen Fürſtenreſidenz bis zu dem ſtilhez gegangener iſt, und Pgenayz welches die abendwärz baus

und welches vom Nachfolger ſeines Umwandlers, dem Kur⸗ fürſten Auguſt und ſeiner Familie, nicht bewohnt wurde, deſſen große Räumlichkeiten vielmehr den Kanzleien der Hof⸗ und Landesämter zur Aufnahme und den höchſten Hoſchargen zu Wohnungen dienten, befand ſich auch der Gewahrſam der Prinzeß Anna von Hranien, einige Zimmer, deren Fenſter die Ausſicht auf einen vom Kurfürſt Moritz zu Fuchshetzen angelegten Zwinger und den an dieſer Seite die Stadt um⸗ ſchließenden Wall boten, nach der linken Seite hin jedoch den trübſeligen Anblick einiger altersgrauen Gebäude gewährten. Gewiß ſprach ſich eine recht hämiſche Ironie in dem Umſtande aus, daß der Vater der hier gefangen und von allem Verkehr mit dem Hof⸗ und Welttreiben abgeſchieden ge⸗ haltenen Prinzeß der Erbauer dieſes Schloßtheils geweſen war, und in der That war auch das Verhältniß der Gefangenen zu ihrem Oheim, dem Kurfürſten Auguſt, ein ſehr feindſeliges, welches ſeinen widerwärtigen und unnatürlichen Charakter oft in von Seiten der Prinzeß erfolgenden Zornausbrüchen nicht nur gegen alle die hochgeſtellten Hofbeamten, welche mit ihr im Namen des Kurfürſten zu verkehren hatten, ſondern auch gegen dieſen durchlauchtigen Verwandten ſelbſt offenbarte, der ſich zum Herrn ihres Schickſals gemacht und das Amt eines Zwingherrn ihr gegenüber mit der ruhigen, kaltherzigen Ueberlegung verwaltete, als ob er ein Finanzexempel vor ſich habe, deſſen Löſung einen klaren, von keinem ärgerlichen oder leidenſchaftlich aufgeregten Weſen beirrten Geiſt bean⸗ ſprucht. In den letzten Wochen des Jahres 1575 war Prinzeß Qrgien bei Nachtzeit unter ſicherer Escorte einer irſtlicher Trabanten hierher gebracht worden, giſch gegen den ihr auf Schloß Rochlitz be⸗ proteſtirthatte. Jedenfalls hatte ſie bei dieſer ung einen beſonderen Grund, vielleicht die eher zu bewerkſtelligende Möglichkeit, ihre eine oder die andere Weiſe zu erringen; n, jede denkbare Möglichkeit einer Flucht Aufſicht, welche der kurfürſtliche Oheim n bald ihre Verſuche, ſich frei zu machen, tungen, ſich ſelbſt helfen zu wollen, ten nur die Folge, daß ſie mit mehr 57