Jahrgang 
1867
Seite
456
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Ah, mon Allemand! antwortete ſie mit einem ver⸗ legenen Lächeln und reichte mir den kleinen gelben Glackhand⸗ ſchuh mit der Hand, die in demſelben ſteckte.

Ich wollte mit ihr eine umſtändliche Converſation be⸗ ginnen, denn außer dem in der Halle ſpazierenden Sergeant de Ville war Niemand zugegen, ſie aber blickte ängſtlich um die Ecke der Treppe.lnüidèle, vous m'avez quitté sans adien! rief ich in einer tragiſchen Anwandlung.

Sie wollte antworten. Da erſchien ihr Cavalier mit ſorgfältig gepflegtem Schnurrbart, reichte ihr den Arm, rückte vornehm den Hut, als Eleonore mir ein flüchtiges Adieu zu⸗ rief, und verſchwand.

Leonore verließ mich ums Morgenroth, ich ſah ſie wieder ums Abendroth und

Zehn Jahre waren jetzt verſtrichen, als mich mein Weg in den erwähnten Tabacksladen führte. Dieſes bleiche, müde und traurige Geſicht, das mir Cigarren verkaufte, ich mußte

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es kennen. Ich trat hinaus und durchblätterte alle die ver⸗ gilbten Seiten der Erinnerung.

Tiens! Tiens! Es war Eleonore, die ſtolze, ſchöne Eleonore!

Am andern Tage trat ich wieder zu ihr. Ich ſprach mit ihr; es koſtete ſie erſichtlich Mühe, ſich zu erinnern. Dann flog ein trübes Lächeln über ihre Züge. Sie reichte mir die abgezehrte Hand.De grace! ſagte ſie traurig.N'en parlons plus!

Sie hatte Recht. Wer wird auch von ſo alten Geſchichten noch ſprechen.

Eins der reizendſten Gavarni'ſchen Bilder ſtellt einen Mann in den beſten Jahren dar, der vor dem Bildniß ſeiner einſtigen Geliebten, ſeiner Laure(ſprich l'or) daſteht. Es er⸗ innert ihn an die ſchöne Zeit, da er noch Ftudiaut und ſie ſeine Etudiante war.

Laure est une chimaire! ſeufzt er vor ſich hin. Ja, ſie iſt eine Chimäre und er iſt ein Mann von Amt und Würde. In Paris iſt die Liebe immer nur eine Chimäre.

Das Meerweib.

Erzählung von Hans Wachenhuſen.

(Fortſetzung.)

14. Die Merweiber.

Am nächſten Morgen erſtaunte Lahrſtein, daß Leopold nicht zum Frühſtück erſchien.

Die Mutter ward beſorgt, denn ſie dachte an die Zeichen des Unwohlſeins, welche ſie ſchon geſtern Abend an Leopold bemerkt.

Man wartete. Leopold kam nicht, er, der ſonſt ſtets der Erſte am Morgen zu ſein pflegte.

Brummend ſchritt Lahrſtein ins Haus zurück, ſtieg die Treppe hinan, welche zu Leopold's Zimmer führte, und ſah zu ſeinem Erſtaunen den Sohn im Bette liegen.

Und in welchem Zuſtande! Das Fieber ſtand auf ſeinem erhitzten Antlitz, ſeine Hände glühten, ſeine Pulſe fieberten, ſeine Auge war wild und unſtät.

Um des Himmels willen, was iſt? rief Lahrſtein in höchſter Beſorgniß.Du biſt krank! Ich ſchicke ſofort zum Arzte! Was haſt du begonnen in der Nacht?

Leopold's Blick fiel auf den Vater, aber ohne Ruhe, ohne Zeichen der Theilnahme. Er ſchwieg auf die Frage des Vaters, bedeckte die glühende Stirn mit beiden Händen und war zu keiner Antwort zu vermögen.

Die Mutter kam auf die Nachricht von Leopold's Un wohlſein herein geſtürzt. Erſchreckt trat ſie zurück, ein Angſt⸗ laut entfuhr ihr, als ſie die glühende Hand, die brennende Stirn berührte.

Das Fieber! Das Fieber! ſchrie ſie auf.Laß ſchnell zum Arzte ſenden, Lahrſtein! Der Bote muß eiligſt zur Stadt!... Großer Gott, welch ein Unglück!

Auch auf die ſtürmiſchen Fragen der Mutter gab Levpold keine Antwort; er ſchüttelte immer nur verneinend den Kopf, und während Lahrſtein ſich hinſetzte, um einen Brief an den eine Meile entfernt in der Stadt wohnenden Arzt zu ſchreiben, der ſich ſonſt nur alle zwei oder drei Tage nach dem Befinden ſeinerSee⸗Gäſte erkundigte, währenddeß ſaß die Mutter in Todesangſt am Bette Leopold's und bemühte ſich vergeblich, irgend eine Auskunft über ſein Befinden oder über die Ver⸗ anlaſſung ſeiner Krankheit zu erhalten.

Alles, was ſie herbei zu ſchaffen vermochte, war ein kühlender Trank, der Leopold wohl zu thun ſchien, dann aber wandte er ſich wieder auf ſeinem Lager, verrieth durch ſein Weſen, daß er ſich ſelbſt Mühe gab, ſein erhitztes Gehirn zur Ruhe, zur Klarheit zu bringen, und ſtieß zuweilen einen Ton der Verzweiflung aus, der viel mehr auf eine Krank⸗ heit des Gemüthes als des Leibes deutete.

Allgemeine Beſtürzung herrſchte im Hauſe. Stunden

vergingen, mußten vergehen, ehe im glücklichſten Falle der Arzt da ſein konnte. Marie ſaß einſam in ihrem Zimmerchen.

Endlich rollte ein Wagen die Dorfſtraße herauf und hielt vor der Villa.

Lahrſtein eilte dem Arzt entgegen, der in der Familie ſchon ſehr bekannt war, ſchleppte ihn zum Hauſe und erzählte ihm unterwegs von dem ſeltſamen und beunruhigenden Zu⸗ ſtande des Sohnes.

Aerzte ſind nicht leicht außer Faſſung zu bringen, und der Doctor hörte Lahrſtein's Schilderung mit der größten Seelenruhe an.

Wird wol ein kleines Fieberchen ſein, ſagte der ſtets ſehr humoriſtiſche Mann.Ich habe ſchon an Medicamenten mitgebracht, was mir nach Ihrem Schreiben nothwendig erſchien.

Der Arzt fand Leopold, wie ihn ſeine Aeltern gefunden, doch ſchien er wenig von dem ihm ſonſt ſtets ſehr willkommenen Doctor wiſſen zu wollen.

Erſichtlich um die Mutter zu beruhigen, nahm er die ihm dargereichten Mittel, war dem Arzte gegenüber ebenſo wortkarg mit ſeiner Auskunft, nannte ſeinen Zuſtand durch⸗ aus ungefährlich, da es nur ein leichter Fieberanfall, die Folge einer Erhitzung, ſein könne, und ſchien es am liebſten zu ſehen, wenn man ihn allein laſſe.

Auf den Wunſch des Arztes entfernten ſich die Aeltern. Der Doctor blieb bei dem Kranken, nahm ein Buch, ſetzte ſich ans Fenſter und las, ohne ſich ſcheinbar um den Patienten zu kümmern.

Eine halbe Stunde war verſtrichen, als die dem Kranken gereichten Mittel ihre Wirkung thaten.

Leopold war eingeſchlummert.

Leiſe erhob ſich der Arzt am Fenſter, trat an das Bett und beobachtete das Antlitz des Kranken.

Die Wunde kann nicht die Urſache ſein, murmelte er vor ſich hin.Auch körperliche Ueberanſtrengung iſt nicht vorauszuſetzen! Muß ſeine ganz eigenthümlichen Bewandtniſſe haben.

Er trat ans Fenſter zurück und ſah Lahrſtein mit unruhigen Schritten im Garten auf und ab ſchreiten.

Ich begreife nur nicht, wie ein junger Mann in dieſer Stille und Abgeſchiedenheit zu einer ungewöhnlichen Gemüths⸗ bewegung gekommen ſein kann, ſprach der Arzt vor ſich hin. Innerhalb der Familie können keine heftigen Scenen vorgefal⸗ len ſein, denn hier herrſcht die größte Eintracht.. Sollte etwa zwiſchen ihm und dem hübſchen jungen Mädchen mit den ſchwar⸗ zen Augen, dem Fräulein Marie... Hm, gern ſcheinen ſie ſich