Jahrgang 
1867
Seite
443
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Unglück muß ſchon groß ſein, wenn ſie nicht dieſem oder jenem ihrer Freunde aus dem Caſino oder irgend einem der vielen Ballſäle begegnen ſollten, der ihnen ein paar Sous borgt oder ihnen einen Gloria ſpendirt.

Sei auf der Hut, wenn ſie, der Cocotte des Boulevard, an Dir vorüberſtreicht oder wenn ſie im Caft Dir gegenüber ſitzt und Dir ein harmloſes Lächeln zuwirft, das der Eitelkeit des Fremden ſo ſchmeichelnd iſt; wirf Meſſer und Gabel hin und verlange eiligſt die Addition, wenn ſie ſich Dir im Reſtaurant gegenüber ſetzt und Dich in ein Geſpräch zu ver⸗ wickeln ſucht, das auf nichts Geringeres berechnet iſt, als daß Du ihre Zeche bezahlſt, denn ſelbſt nachdem ſie mit ihrem Diner bis zur Apfeltorte gekommen iſt, weiß ſie noch nicht, wer daſſelbe für ſie bezählen ſoll. Der Zufall iſt ihre Vor⸗ ſehung, und unter allen Umſtänden iſt es klüger, erſt zu ſpeiſen und dann über die Zeche nachzudenken, als umgekehrt zu handeln.

Ergreife die Flucht, noch ehe der letzte Act des Theaters zu Ende iſt, wenn der Kuppler, der Zufall, Dir einen Fauteuil neben ihr angewieſen hat, wenn ſie Dich im Verlaufe der Vorſtellung mit ihrem ſchönſten Blickeu angefunkelt und Dir mit der Zunge eines Engels die Namen der Schauſpieler oder Sänger auf der Bühne hergezählt oder ſonſt Dir mit liebens⸗ würdigen Fingerzeigen gedient hat, die alle, ohne daß Du es merkteſt, auf Dein Portemonnaie hindeuteten.

Ziehe aus, wie ich es eben gethan, wenn Du ein Zimmer gemiethet und Du, kaum im Begriff, Dich einzurichten, nebenan eine Mädchenſtimme ſich räuſpern hörſt, die Dir, ſobald ſie Deine Anweſenheit gemerkt, ein luſtiges Liedchen ſummt. Ver ſtopfe das Schlüſſelloch der Thür, wenn Du hinter derſelben in der Waſchſchüſſel plätſchern hörſt, denn es iſt Tauſend gegen Eias zu wetten, daß Dir dieſes Schlüſſelloch in der abſichts loſeſten Weiſe einen blendenden Nacken, ein Paar weiße, runde Arme zeigen wird, die mit kindlichem Vertrauen ganz Deiner nachbarlichen Discretion überlaſſen ſind.

Ziehe aus oder wechsle das Zimmer, denn in der nächſten halben Stunde ſchon weiß ſie von dem Gargon des Hauſes, daß Du einfremder Engländer biſt(Engländer ſind wir nämlich alle hier, wenn wir mangelhaft franzöſiſch ſprechen), ehe der Abend da iſt, wird ſie Dir in der Loge des Concierge begegnet ſein, allwo keine Rettung iſt, und ehe der Monat zu Ende, wirſt Du ihre Miethe bezahlt haben, die ſie ſchon ſeit mehreren Terminen dem Concierge zu zahlen ver ſprochen hat.

Es iſt nichts ſchneller geſchehen als ein Unglück, und der Fremde hat keine Ahnung von all den Fallſtricken, welche ihm zur Expoſition auf Schritt und Tritt gelegt werden.

Wir ſtehen alſo auf dem Boulevard Montmartre, des Italiens oder des Capucines, dem Mittelpunkt des ſtädtiſchen und geſchäftlichen Lebens.

Ein Cafe klebt an dem andern wie die Vogelneſter. Der Frühling ſpendet ſeine ſchönſten Sonnenblicke, die Trottoirs ſind bedeckt mit geſchäftigen Leuten, über die Straßen jagen die Omnibuſſe, die Equipagen, die Fiaker. Mit ernſten Amts⸗ geſichtern ſchreiten die Sergeants de ville zwiſchen der athem⸗ loſen Menge dahin, und während Du daſtehſt, ſtecken Dir ein paar Commiſſionäre von allen Seiten gedruckte Zettel in die Hände, welche Dir allerlei Gegenſtände, an welche Du niemals gedacht, als die unentbehrlichſten Bedürfniſſe an⸗ preiſen. 3

Hin und her jagt es vor Deinen Augen, hin und her drängt ſich die Maſſe der Geſchäftigen um Dich, denn die Boulevards kennen nur eine Tageszeit, die Stunde von 6 bis 7 Uhr, die Zeit des Diners, um welche es ſtiller wird, wenn nicht das um 5 Uhr ausgegebene Journal du soir irgend welche ganz merkwürdige und wichtige politiſche Nach⸗

richt gebracht hat, die Alles in Bewegung erhält.

Es iſt Morgen, d. h. Mittag. Vor den Cafes ſtreuen die Garcons den gelben Sand um die Stühle, der in Paris ſo unentbehrlich, da es Sitte iſt, einander vor die Füße zu ſpucken. Es iſt die Zeit der Börſe; die Kaffeehäuſer ſind noch leer, die Flaneurs kommen vor Mittag nicht an die Sonne,

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denn es iſt Sitte bei ihnen, vor 10 oder 11 Uhr nicht auf⸗ zuſtehen, und der Geſchäftsmann hat die Hände voll Arbeit, der Speculant iſt an der Börſe beſchäftigt. Der Mittag iſt alſo eine Zeit, um welche der Fremde am meiſten ſich ſelbſt überlaſſen bleibt.

Auch das Gedränge in den Paſſagen iſt weniger läſtig; in den Kaffeehäuſern liegen die Zeitungen ungeleſen da, und nur vereinzelt ſitzen die Gäſte vor der Thüre.

Jetzt iſt die Börſe aus. Von der Place de la Bourse drängt ſich wieder Alles auf die Boulevards zurück. Die Geſchäftsleute eilen in ihre Comptoire, die Agenten jagen in ihren Fiakern oder ihren Demi⸗Fortunes hin und her zu ihren Mandanten, die Telegegraphen⸗Bureaux ſind überfüllt, die Kaffeehäuſer beleben ſich wieder und mit Einem Schlage ſind alle Stühle beſetzt.

Der Blutumlauf des Pariſer Lebens beginnt. Alle Ge⸗ ſichter ſind animirt, der Austauſch iſt lebendig; vielleicht hat die Börſe ganz beſondere Fluctuationen gezeigt. Die Cor⸗ reſpondenten der Zeitungen jagen nach Neuigkeiten, die Zeitungsredacteure eilen, die letzten Nachrichten unter die Preſſe zu geben.

des Tages. Alles iſt auf den Beinen, die Geſchäftsleute, die Beamten und die Diener der Bankiers, der Bureaux, der Miniſterien, die Advocaten, die Aerzte, die Journaliſten, die Offiziere, die Fremden und die Damen der Caſinos, die eben ihre Morgentvilette beendet und das von ſchlafloſen Nächten fatiguirte Geſicht in die friſche Luft hineintragen.

Nichts iſt reizender, graziöſer als die Biche, wenn ſie den erſten Fuß auf das Trottvir ſetzt, dieſen ſo zierlich be ſchuhten Fuß mit den ſchmalen und hohen Abſätzen, auf denen ſie über die Trottoirs balancirt, während die kurze, kaum an den Rand des bunten Jupon reichende und enge Robe dem fein geformten Fußgelenk den vollen Spielraum gewährt und den vor dem Kaffeehauſe Sitzenden eins der ſchönſten Meiſterwerke der Schöpfung, ein claſſiſch modellirtes Bein zeigt, an deſſen zierlichem, hoch hinauf reichenden Stiefelſchaft gedankenlos ein kleiner Troddel ſeine beneidenswerthen Spie⸗ lereien treibt.

Die Pariſerin, wenn ſie gar nichts Schönes beſitzt, wird immer einen ſchönen Fuß haben, und ſelbſt, wenn dieſer fehlen ſollte, wird ſie einen zierlichen Stiefel tragen, denn wir leben hier in dem Lande, in welchem Champfort ſeine berühmte Abhandlung ſchrieb»Sur la beauté d'une pelle jambe et de la vertue qu'elle a.«

Der Fuß iſt hier der Menſch. Das Herz trägt ſeine Maske, das Geſicht ſeine Schminke, das Auge ſeine Lüge, die Art und Weiſe aber, wie die Pariſerin ihren Fuß auf das Pflaſter ſetzt, kennzeichnet ſie in allen ihren Eigenthüm⸗ lichkeiten und Gewohnheiten.

Hier iſt nichts von dem innigen und ſinnigen Weſen unſrer deutſchen Frauen, nichts von jenem frommen und treuen Beruf unſrer Frauen; in Paris iſt jedes Weib ein geſellſchaftliches Individuum, das auf ſeinen eignen Füßen ſteht, ſeiner Individualität Raum und Geltung zu ſchaffen von früh an gewohnt iſt.

Hier hat Verzeihung, Leſer, für den Ausdruck, aber ich muß die Sache beim rechten Namen nennen hier hat jedes Weib ſeinen beſtimmten Werth, ſteht an ſeiner be⸗ ſtimmten Stelle, lebt nach ſeinen beſtimmten Geſetzen und ſtrebt nach beſtimmten Principien, die freilich alle in gewiſſe geſchäftliche Normen zu bringen ſind.

Auf dem Geſichte jedes Weibes kannſt Du leſen: Ich bin ſo ſchön, meine Toilette koſtet ſo und ſo viel, und wer mich beſitzen will, muß ſo und ſo viel Vermögen haben, damit ich ihn in ſo und ſo langer oder kurzer Zeit ruiniren kann. Dieſe Hand, ſchön wie die einer Fee, dieſer Fuß, zierlich wie der eines Elfen, dieſes Auge, unergründlich wie der Ab⸗ grund, in den ich ſchon ſo viel Unvorſichtige geſtürzt, dieſes Auge lügt die ſchönſten und ſüßeſten Mährchen. Gnade Dem, der daran glaubt! Dieſer Mund, ſüß wie die Waldbeere,

ſammen; dieſer Nacken, friſch wie

trägt ſo wonnige Genüſſe zuſ

Dieſe Zeit bis um 5 Uhr iſt unſtreitig die intereſſanteſte