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mit den großen Blumen, da hangen dieſelben Spinngewebe, liegt noch derſelbe Staub in den Ecken; nur die Habſucht Derer, denen ich meine Perſon anvertraue, wird immer größer, und heute glauben ſie ſchon ein Werk der Barmherzigkeit zu üben, wenn ſie mit den täglichen hundert Sous zufrieden ſind, mit welchem ſie ſich das Obdach bezahlen laſſen.
Paris iſt immer das alte, mag der Kaiſer noch ſo viel thun, um es neu zu machen. Die Boulevards behalten ihre ewige, unveränderliche Phyſiognomie. Die Bourbonen, die Orleans, die Republik wie die Napoleoniden haben keine Gewalt über die Boulevards. Jene ſäulenartigen Zeitungs⸗ läden handeln mit jeder Regierungsform; ſie verkaufen heute den 2. December, morgen den 20. März, ſie erklären ſich für die Legitimiſten und für die Republikaner, je nachdem die Stunde den Einen oder den Andern geſchlagen hat. In den Kaffeehäuſern ſchwört man heute für dieſe, morgen für jene Regierungsform, je nachdem die„Majorität“ ſie verlangt hat.
Es iſt immer daſſelbe Paris mit dem ſchnellen und hef⸗ tigen Herzſchlag, es iſt immer derſelbe Pariſer, der da vor den Kaffeehäuſern ſitzt und immer auf das ſchwört, was ihm ſein Jvurnal plauſibel gemacht hat; nur die Pariſerinnen, die da zwiſchen den Tagespolitikern ſitzen und ihren Bock, ihren Mazagran oder ihren Gloria trinken, nur ſie ſind nicht imwer dieſelben, wie unerſchrocken ſie auch mit Poudre und Schminke ſich gegen die Jahre und das Alter wehren. Sie treten ab und gehen in die Veſtiären oder in die Tabacks⸗ handlungen und räumen den Jüngeren den Platz, dieſe Biches, dieſe Cocottes, die ſo reſolut und herausfordernd das zier⸗ liche Füßchen auf die kleine Holzbank ſtrecken und dem Vor⸗ übergehenden ein paar untadelhaft weiße Strümpfe, ein paar volle und runde Beine zeigen, die der Pariſerin immer eigen, ſelbſt wenn die Zeit ihr Alles genommen.
So bleibt Paris für mich ſtets das alte, und das mag
wol daher kommen, daß ich auf der Grenze ſchon meine deutſchen ſchwerfälligen Gedanken zurücklaſſe, franzöſiſch denke und träume, huſte und nieſe. Mein erſter Schritt auf die Boulevards an den Café's vorüber läßt mich unter den Da⸗ ſitzenden die alten Bekannten ſuchen, die regelmäßig und mit unermüdlicher Ausdauer ſeit Jahren die Stammgäſte deſſelben Kaffeehauſes bleiben. Sucht man ſich doch in Paris niemals zu Hduſe, in der Wohnung. Das Kaffeehaus iſt dem Pariſer, was dem Nomaden ſein Zelt iſt. Man lebt hier nicht in der Wohnung; man kehrt nur mit einer gewiſſen Regelmäßigkeit(nach Maßgabe des Lebenswandels natürlich) in dieſelbe zurück, nicht um zu wohnen, ſondern um eine Pauſe zu machen, um vom Concierge zu erfahren, ob vielleicht Briefe angekommen, die übrigens das Kaffeehaus ebenſo ſicher empfängt; um die Wäſche zu wechſeln, um das Geſellſchafts⸗Coſtüm anzulegen, wenn man etwa Abends in die kaiſerliche Oper zu gehen beabſichtigt, oder aus hundert anderen Gründen, die überhaupt einen Menſchen von ſeiner Wohnung abhängig machen können.
Der Pariſer lebt auf den Boulevards, in den Kaffee⸗ häuſern; hier findet er ſeine Bekannte und ſeine Geſchäfts⸗ freunde, hier führt er ſeine Correſpondenz, hält er ſeine Rendezvvus, ſchreibt und empfängt er ſeine Liebesbriefe, trifft er ſeine Freundin, ordnet er ſeine geſchäftlichen Angelegen⸗ heiten und verdient er ſeinen Lebensunterhalt.
Es iſt wol möglich, daß man einen Pariſer einmal in ſeiner Wohnung finde, unmöglich aber iſt es, daß man ihn im Kaffeehauſe vergeblich ſuche. Sitzt er nicht vor der Thür in eifriger Unterhaltung mit einem Geſchäftsfreund oder in politiſchem Disput über den Grafen Bismarck und die Lurem⸗ burger Frage, ſo findeſt Du ihn beſtimmt hinter irgend einem Zeitungsblatt; oder wenn auch da nicht, ſo unvermeidlich drinnen an den Spieltiſchen, auf welchen die knöchernen Würfel, die knöchernen Dominoſteine klappern, und wenn er auch dort nicht iſt, nun ſo hat er mit der größten Beſtimmt⸗ heit beim Gargon die Nachricht zurückgelaſſen, daß er in einer Viertelſtunde zurück ſein werde.
Eine Viertelſtunde iſt nun in Paris bei einem Rendezvous ſtets eine halbe bis eine ganze Stunde. Wenn der Pariſer
ein Rendezvous beſtimmt, ſo verlangt er ſtillſchweigend eine quart d'heure de gräce, die er nach Umſtänden auf eine halbe Stunde ausdehnt.
In Paris kann man, wenn man zu einem Rendezvous geht, niemals wiſſen, wer und was uns auf dem Wege be⸗ gegnet. Alle Geſchäfte werden auf der Straße abgemacht, Niemand hat alſo die Berechtigung, um eines Rendezvous willen die Intereſſen des Andern zu ſtören. Vielleicht erfährt er auf dem Wege die wichtigſte politiſche Nachricht, er ſtürzt alſo zu ſeinem Bankier und läßt Dich ruhig warten; oder er ſtürzt ſich in das nächſte Kaffeehaus und ſchreibt eine Correſpondenz an eine deutſche, engliſche oder italieniſche Zeitung, und Du ſitzeſt ruhig da und lieſt eine Zeitung nach der anderen, trinkſt einen Bock nach dem anderen, und er kommt noch immer nicht; oder er ſieht ſeine Geliebte in ver— trautem Geſpräch mit ſeinem Rivalen und ſtürzt in das nächſte Kaffeehaus, um ihr einen enragirten Scheidebrief zu ſchreiben, während Du kopfſchüttelnd nach der Uhr blickſt; oder er hat geſtern Abend im Cerele zweitauſend Franes verloren und iſt auf der Jagd nach ſeinem Bankier, damit er am Abend den Verluſt wieder einholen kann, und Du haſt er⸗
wartend ſchon ſämmtliche Zeitungen durchgeleſen, blickſt be⸗
wundernd den reizenden hochgeſchürzten Füßchen nach, die an Dir auf dem Perron vorüber tanzen, widerſtehſt ſogar den ermuthigenden ſchwarzen Blicken, die Dir, dem Fremden, für den ja Alles jetzt ſervirt wird, die ſchönſten Verheißungen zuſenden, denn Du mußt ja warten, und er kommt noch immer nicht!
Im Kaffeehauſe alſo iſt Alles: Geſchäft, Unterhaltung, Politik, Bürgerglück, Familienwohl. Haſt Du Freunde in Paris, lieber Leſer, ſo unternimm es nicht, ſie in ihrer Wohnung aufſuchen zu wollen, denn es wird Dir unter zehn Fällen neun Mal paſſiren, daß Du dem Fiaker zurufſt: Rue X, Nr. v. Du kommſt in die beſtimmte Straße und da, wo die bewußte Nummer lag, ſiehſt Du eine leere Bau⸗ ſtelle, auf der man eine ganze Häuſerreihe niedergeriſſen. Niemand ſagt Dir, wo Dein Freund geblieben, der vor Kurzem hier noch gewohnt. Wiſſe alſo, wenn Du in Paris ankommſt, in welchem Kaffeehauſe Dein Freund wohnt, und Du wirſt beſtimmt ihn finden und zu gewiſſen Tageszeiten mit Sicherheit auf ſeine Geſellſchaft rechnen können.
Man wohnt nicht in Paris, man hat nur gewiſſe Ruheſtätten, vorausgeſetzt, daß man nicht verheirathet iſt, und dies iſt immer vorauszuſetzen, denn wer wird heirathen in Paris, wo Jeder von dem Tage ab, da er das Collège ver⸗ läßt, zwar mehr oder minder, aber niemals ganz ver⸗ heirathet iſt.
Stelle Dich mit mir auf die Boulevards, lieber Leſer, der Du Paris noch nicht kennſt, denn nur für ſolche ſchreibe ich diesmal, die Uebrigen werden ſich ſchon ſelbſt zurecht finden.
Ich will Dich orientiren, denn wir ſind hier im richtigen Fahrwaſſer. Später zeige ich Dir auch die Klippen und Untiefen deſſelben. Vor Allem aber vertraue Dich keinem dieſer mandeläugigen Piloten an, die an Dir vorüberſtreichen, dieſen hoch und graziös chauſſirten Möven der Boulevards, die zwiſchen Morgen und Abend, d. h. zwiſchen Dejeuner und Souper, fortwährend hin- und herziehen, obdachlos und ebenſo ruhelos, den Kamm und das Häubchen, ihr einziges Mobiliar, in der Taſche, während ihre Wäſche bei allen Wäſcherinnen der verſchiedenen Stadtviertel vertheilt iſt, um ſie erreichen zu können, wohin ſie auch der Wind des Tages oder der Sturm des Cancan verſchlagen mag.
Du kannſt ſie für Gräfinnen und Herzoginnen halten, ſo bewußt und doch ſo zierlich ſetzen ſie das Füßchen auf das Pflaſter, ſo anmuthig ſitzt das Hütchen auf dem braunen Haar, das ſie ſelber gern chataigne nennen; aber Fuß und Kopf haben keine Schnalle und kein Kiſſen, die ſie ihr eigen nennen könnten, und ihre Toilette machen ſie vor hundert Spiegeln, nur nicht vor dem eigenen.
Ihr Hauptquartier iſt das Café des Mousquetaires, und wie ſie da über die Boulevards ziehen, gleichen ſie der Schwalbe, die im Fluge ihre Nahrung haſcht, denn das
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