präge, wie ich es oft auf den Geſichtern der Idioten geſehen
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Die Idioten waren mir immer unter allen Blöd⸗ ſinnigen am widerwärtigſten. Ich wandte mich ab und ſchaute auf das andere Bett. Da lag eine ſonderbare Ge⸗ ſtalt. Der obere 2 Körpers ſteckte in einer Zwangs⸗ jacke, welche ſeine beide Arme über die Bruſt zuſammenhielt. Aber um den Hals trug er einé ſteifleinene Cravatte in de Form einer hohen Halsbinde. An die hohe Halsbinde ſchloſſen ſich zwei hohe Vatermörder von demſelbe Stoff, welche ſein Geſicht ſo feſt einrahmten, daß er daſſelbe nur mit großer Mühe nach rechts und nach links drehen konnte. Das Ge⸗ ſicht war das eines ſtarken, kräftigen Mannes in den dreißiger Jahren. Kurze, ſchwarze Haare bedeckten ſeinen Kopf, unter der hohen Stirn blickten zwei ſchwarze, feurige Augen. Der Mann ſchwatzte vollkommen unverſtändliches Zeug, als er uns erblickte, obſchon der Ton ſeiner Stimme ein ruhiger war. Die ganze Geſtalt mit den ſteifleinenen, hohen Vatermördern, mit der hohen Halsbinde und in die leinene Zwangsjacke gekleidet, machte einen mehr komiſchen als ſchreck⸗ lichen Eindruck.
Fragend ſah ich den Wärter.„Der Mann iſt einer unſerer gefährlichſten Kranken“, ſagte er,„er zertrümmert Alles, was in ſeine Nähe kommt, und beſitzt eine rieſenhafte Stärke.
habe.
Er hat die ſtärkſten Gurte mit einem Rucke zerriſſen, wie
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ein Anderer einen Bindfaden zerreißt. Er iſt deßhalb auch an beiden Füßen mit zwei Gurten an die Bettpfoſten gefeſſelt.“ Während dem ſchlug der Wärter die Bettdecke zurück, die die unteren Theil des Körpers des Unglücklichen verhüllte. Ich ſah, wie jedes ſeiner Beine mit einem Ledergurt an den Bettpfoſten gefeſſelt war. „Aber die Halsbinde, die ſteifleinenen Vatermörder?“ „Er zerbeißt Alles, was in die Nähe ſeiner Zähne kommt. Ohne die Halsbinde und ohne die Batermörder, welche ihn hindern, den Kopf zu bewegen, würde er auf der Stelle das Kopfkiſſen zerreißen. So liegt er ſchon ein ganzes Jahr. Noch hat ſich ſein Zuſtand um nichts geündert. Unſere drei Aerzte erklären ihn für vollſtändig unheilbar.“ Da bekam der Epileptiſche einen Anfall. Beide Wärter ſprangen hinzu, um ihn feſtzuhalten, daß er nicht aus dem Bette ſtürzte. Der Schaum trat ihm vor den Mund. Der Knabe lachte mit dem heiſeren, widrigen Lachen eines Blödſinnigen. Und der ſtarke Mann in der ſteifleinenen Halsbinde verſuchte mit den Beinen die Gurte zu zerreißen und ſtieß ſchreckliche unarticulirte Töne aus, welche lauteten wie das Geſchrei des Schakals. Es war das letzte Bild. des Schreckens, was ich im Narrenthurm zu Wien ſah, und welches ſich lange nicht aus meinem Gedächtniß verloren hat. Mit eiligen Schritten verließ ich die entſetzliche Zelle.
—— Adah Menken,
die Tänzerin, Tragödin, Schriftſtellerin und Abenteurerin.
Erzühlen wir heute die Lebensgeſchichte eines der origi⸗ nellſten und ſchönſten Weiber; ſie iſt intereſſanter als die von hundert gelehrten und großen Männern, und doch iſt ihre Heldin erſt im Alter von ſechsundzwanzig Jahren, alſo ihre
Biographie noch lange nicht geſchloſſen.
Die Zeitungen Englands haben uns von Miß Adah Iſaaks Menken in enthuſiaſtiſcher Weiſe berichtet; ſeit einiger Zeit ſchwärmen auch die franzöſiſchen Journale von ihr, und es iſt anzunehmen, daß demnächſt auch unſere deutſchen an die Reihe kommen werden.
Sprechen wir alſo von Miß Adah Menken; einem der ſchönſten Weiber, das die letzten Monate hindurch den Pariſern die Köpfe verdrehte.
Miß Adah ward 1841 in Amerika, in New⸗Orleans, geboren. Ihre Mutter war Franzöſin, ihr Vater Amerikaner, Beide jüdiſcher Confeſſion, der auch unſere Heldin ſtets mit
unwandelbarer Treue angehangen.
Nach dem Tode ihres Vaters, ein Jahr nach ihrer Geburt, verheirathete ſich ihre Mutter wiederum und zwar mit einem Dr. Campbell, einem in Baton⸗Rouge in Louiſiana ſtationirten Militärarzt, der, Adah's ungewöhnliche Anlagen erkennend, ihr eine vorzügliche Erziehung angedeihen ließ.
Adah zeigte ſchon früh eine ungewöhnliche geiſtige Begabung; anſtatt mit der Puppe zu ſpielen, machte ſie Verſe, ſtudirte die Claſſiker und überſetzte ſchon mit zwölf Jahren den Homer.
Als der Tod ihres Vaters ſie ſammt der Mutter in einer dürftigen Lage zurückließ, fühlte Adah die Pflicht, für ihre Mutter zu arbeiten. Wir wiſſen nicht, wie es zuge⸗ gangen, daß ie, die geiſtig ſo Bevorzugte, gerade eine ſolche Carriere einſchlug; vielleicht war's eben das dringende Bedürf⸗ niß, Geld zu verdienen, kurz Adah Menken ging zum Theater und'ward eine der vorzüglichſten Tänzerinnen.
Als ſie zum erſten Mal in New Orleans vor das Publikum trat, war ſie vierzehn Jahre alt. Ihr Erſcheinen machte Furore, ſie ward der Liebling der franzöſiſchen Colonie, gefeiert von Jung und Alt, und als ſie dieſes Theater ver⸗ ließ, brachte ihr die Abſchiedsvorſtellung eine Einnahme von zweitauſend Dollars.
Adah trat in die Geſellſchaft des Director Monplaiſir und erſchien im Fagon⸗Theater in Cuba, wo ſie bejubelt
wurde. Man nannte ſie in der Havana nur die Reina de la Plaza, und die Ariſtokratie veranſtaltete ihr allnächtlich die ſchönſten Serenaden. Nach Mexico gerufen, bot man ihr hier eines der glänzendſten Engagements. Sie feierte Triumphe über Triumphe und ging nach Beendigung der Saiſon nach Texas.
Hier widerfuhr ihr ein tragiſches Schickſal, das nicht wenig dazu beitrug, ſie noch bei weitem intereſſanter zu machen.
Adah beſaß eine große Leidenſchaft für die Jagd; von ihren Piqueuren und Hunden begleitet, durchſtreifte ſie die Savanne und fiel bei dieſer Gelegenheit in einen Hinterhalt der Indianer.
Die ſchöne, an Huldigungen gewohnte Künſtlerin ſah ſich umgeben von Halb⸗Barbaren, allen Entbehrungen Preis gegeben, verlor aber trotzdem nicht den Muth und ertrug mit Faſſung ihre Gefangenſchaft, die etwa drei Wochen dauerte, und von deren originellen Momenten ſie gern erzählt. Ihre Befreiung aus den Händen der Indianer verdankte ſie einer Patroville von Teras⸗Jägern, welche mit den Letzteren hand⸗ gemein wurden und ſie in die Flucht ſchlugen.
Unſere Heldin ward von ihnen in das Hauptquartier des Generals der Conföderirten, Sir Harney, abgeliefert, der damals in Auſtin ſtand. Mit offenen Armen von ihren Landsleuten empfangen, bewohnte ſie drei Monate hindurch ein Zimmer in der Kaſerne, welches ihr der General ange⸗ wieſen. Dieſer empfing ſie mit ſeiner Familie täglich an ſeiner Tafel; ſie mußte ihm ſpaniſche Documente ins Engliſche überſetzen, ihm als Dolmetſch dienen; ja Miß Adah begleitete den General zu Pferde bei Revuen, ertheilte militäriſche Befehle und commandirte eine Compagnie wie der beſte Hauptmann.
Von Auſtin kehrte Adah nach der Havana und von da nach New⸗Orlnans zurück.
Bald darauf entſchloß ſie ſich, das Theater zu verlaſſen und ſich den literariſchen Studien zu widmen, für die ſie ſtets die größte Neigung gezeigt, auch zugleich Muſik und
Malerei zu treiben, durch welche ſie gern ihre Mußeſtunden
auszufüllen pflegte. Unter dem Titel„Indigina“ veröffentlichte ſie alsbald eine Sammlung von Poeſien, die großen Anklang fanden;
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