Da hatte ich das düſtere Geheimniß des Thurmes. Der Narrenthum iſt eine„Pflegeanſtalt.“ Was lag in dieſen Worten für eine ſchreckliche Bedeutung? Sie wollten ſagen: Um die Heilung dieſer Unglücklichen bekümmert ſich kein Menſch mehr; ſie ſind ja für unheilbar erklärt. Sie vegetiren, bis ſie todt ſind; ſie werden gefüttert, bis man ſie hinaus trägt zur einſamen Beſtattung, der Thurm iſt ihr Detentionshaus während ihres Lebens. Die Inſchrift über dem Höllenthor in Dante's Göttlicher Komödie würde auch über der kleinen Eingangspforte paſſen, durch welche ich eingetreten war. „Lasciate ogni speranza, ch'entrate!“ Laſſet die Hoffnung draußen, Ihr, die Ihr hier eintretet. Aber das Aeußere dieſer Pflegeanſtalt trägt jedenfalls das Gewand eines Kerkers, der Name„Pflegeanſtalt“ paßt nur auf die Ernährung der Kranken. Und doch hatten hier in dieſem kalten, düſteren Thurme Kranke dreißig Jahre zugebracht, wie mir der n ſagte. Das erinnert an die Gewölbe des Schloſſes If, denen Edmond Dantes, der„Graf von Monte⸗ Chriſto“ der Abbeé Faria Jahrzehnte zubrachten, welche ich bei meinem letzten Aufenthalte in Marſeille beſuchte, liegen Re— miniſcenzen an die„Tollhäuſer“ des vorigen Jahrhunderts, an die Blätter der Chronik des Irrenhauſes„Bedlam“ in London vor den zwanziger Jahren. Die prächtigen Räume des neuen Militärſpitals, die großen luftigen Säle des all— gemeinen Krankenhauſes, welche hart an die düſteren Mauern des Narrenthurmes ſtoßen, ſtehen zu ſeinen engen, kalten Zellen, zu ſeinen kerkerartigen Gängen in keinem Verhältniß. In Wien geſchieht viel für die öffentliche Wohlthätigkeit; die neue Irrenanſtalt hat faſt drei Millionen gekoſtet. Aber der „Narrenthurm“ in der Alſervorſtadt paßt nicht mehr in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, nachdem die Irrenheil— kunſt zur Wiſſenſchaft geworden iſt. Schon oft und ſchon lange hat die Wiener Preſſe verlangt, daß er unter den prächtigen Neubauten der Stadt verſchwinde. Ich ſpreche nur die einmüthigen Wünſche der Wiener Preſſe aus, wenn ich ebenfalls dieſen Wunſch wiederhole.
„Der dritte Stock iſt gerade wie die beiden oberen ein— gerichtet“, ſagte der Wärter;„er beherbergt männliche Kranke ruhiger Natur, wie Sie oben ſahen. Soll ich die Thüre aufſchließen laſſen?“
Mich gelüſtete nicht nach der Wiederholung der oben geſehenen Bilder und Geſtalten, um ſo weniger, da ich nichts Neues ſah.„Nein“, erwiderte ich,„ſteigen wir weiter hinab. Laſſen Sie mich das ſchrecklichſte Stadium der Geiſteskrankheiten ſehen, den tobenden Wahnſinn, die epileptiſchen Krämpfe, die Raſerei, welche um ſich ſchlägt und vernichtet! Man wendet doch keine Zwangswerkzeuge mehr gegen die Unglücklichen im Narrenthurm an? Noch bis zu den zwanziger Jahren des jetzigen Jahrhunderts legte man ſie in Bedlam in Ketten. Nackt lagen ſie auf Stroh, nur mit einigen Lumpen be⸗ kleidet, wie wilde Thiere anzuſchauen.
„Nein“, ſagte der Mann,„dieſe Schreckniſſe kennt der Narrenthurm nicht mehr. Wir haben nicht einmal mehr den Zwangsſtuhl. Nur mit dem Gurt wird der Tobſüchtige auf dem Bette feſtgeſchnallt. Der Gurt iſt unſer einziges Zwangs⸗ mittel. Aber Sie werden ja ſogleich ſelbſt ſehen.“
Der Wärter des vierten Stockes ſchloß die Thüre auf, welche wieder auf den kreisrunden Gang führte. Der Gang bot ganz das Bild der oberen Gänge; nur befanden ſich an der inneren Seite lauter Einzelzellen, jede mit einem, aus⸗ nahmsweiſe nur mit zwei Betten belegt. Die Kranken be— fanden ſich auf dem Gange; Einzelne ſaßen in ihren Zellen, theilnahmlos und finſter aufſchauend. Die Kranken— atmoſphäre war hier drückender wie oben; die Geſichtszüge der meiſten Wahnſinnigen hatten einen drohenden und gefähr— lichen Ausdruck, die Augen blickten wild um ſich, die Männer waren lauter und heftiger; mit drohender Mine trat ein ſtarker und kräftiger Mann zu mir heran und verlangte augenblicklich entlaſſen zu werden, da er gar nicht krank ſei, ſon— dern aus Intriguen ſeiner Verwandten hier gefangen ge⸗ halten werde, welche nach ſeinem Vermögen ſtrebten. Ich ſprach ihm gütig zu und fragte ihn nach ſeinen näheren Ver⸗
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hältniſſen. Da verwirrten ſich ſeine Worte zuſehends zu einem ſinnloſen Durcheinander, welches dann in ein lautes, tobendes Geſchrei und in wilde Drohungen überging. Nur mit Mühe konnten ihn die Wärter von mir abhalten, und bald ver⸗ breitete ſich das Toben und das Geſchrei lawinenartig durch den kreisrunden Gang und drang in die einzelnen Zellen, wo es die Kranken aufſchreckte Und hinaustrieb, uUm ſich mit wilden Drohungen daran zu etheiligen. Ich hatte einmal eine ähnliche Scene unter deh Frauen in der Salpetrière in Paris erlebt, wo mir die Wüthenden den leichten Sommer⸗ rock ſtückweis herunterriſſen, und hatte zu der Wiederholung des Schauſpiels gar keine Luſt. Als wir der Thüre nahe waren, welche aus dem Gange hinausführte, beeilte ich mich hinauszukommen. Die Riegel fielen hinter mir zu; die ſchreck⸗ lichen Geſtalten waren verſchwunden. Die dicke Mauer dämpfte das Geſchrei vollkommen; ich hörte nur noch ein unverſtänd⸗ liches Brauſen, welches ebenfalls nach und nach ſchwieg. Die Urſache der Aufregung hatte ſich durch meine Senß gelegt.
Im unterſten Stock war es ſtiller und ruhiger, obſchon ſimmliche dort detinirte Kranken ebenfalls der Klaſſe der unruhigen Kranken angehörten. Der Wärter führte mich in die Zelle eines Kranken, welcher äußerſt zierliche Stroharbeiten anfertigte. Er war gerade mit einem Bilde beſchäftigt, welches den Berliner Dom darſtellte. Als Original diente ihm eine Lithographie, welche vor ihm an der Wand hing. Er hatte ſeine ganze geiſtige Denkkraft auf die Anfertigung des Bildes concentrirt, und dieſe Concentration hielt den Wahnſinn voll⸗ kommen in Schranken.„Er iſt immer ſo, wenn er arbeitet“, flüſterte der Wärter;„man ſollte glauben, es ſei ein ver⸗ nünftiger und denkender Menſch; er iſt es auch in dieſem Augenblicke. Sehen Sie, wie ſorgſam er die Kuppel aus⸗ legt.“
Nun blickte uns der Kranke an. Sein Auge hatte den Ausdruck der Ruhe und des Nachdenkens. Da fragte ich ihn, ob er in Berlin geweſen ſei und den Dom ſelbſt geſehen habe. Er antwortete mit ruhiger Beſtimmtheit:„Nein“; dann ſchienen ſich ſeine Gedanken ganz plötzlich zu verwirren, erſt ſprach er ſchneller und heftiger, dann wurde ſeine Rebe zu einem wirren Durcheinander von Worten, denen jeder ver⸗ nünftige Zuſammenhang fehlte. Die lichten Momente, welche ſich bei ihm nur in der Arbeit fanden, waren auf einmal verſchwunden; wilde Bilder ſchienen ſie verſchlungen zu haben. Der Wärter zog mich hinaus, um nicht eine Wiederholung der tobenden Scene im vierten Stock hervorzurufen. Draußen auf dem Gange ſchlich ein Knabe mit halblangem, halbblon⸗ dem Haar an uns vorüber; er ſah mich wehmüthig an, ohne ein weiteres Zeichen der Theilnahme von ſich zu geben.„Und was iſt's mit dem Kinde?“ fragte ich erſtaunt,„das Kind ſieht ſo ſanft aus. Gehört es auch zu den Tobſüchtigen?“
„Sie haben die Jacke wol nicht bemerkt, welche das Kind trägt, und welche ſeine beiden Arme übereinander hält? Gewiß! Der Knabe iſt ſogar ſehr gefährlich. Er wurde im ſechsten Jahre plötzlich wahnſinnig, wahrſcheinlich in Folge eines acuten Hirnleidens. Er verſuchte ſeine Geſchwiſter mit einem Meſſer zu tödten. Das Hirnleiden iſt chroniſch gewor⸗ den; wahrſcheinlich wird der Knabe es wol nicht mehr lange machen.“
Armes Kind! Für dich iſt der Tod auch der lächelnde Knabe, wie ihn die Griechen abbildeten, nicht der grauſe Senſenmann mit dem Knochengebein, wie ihn Holbein ge⸗ zeihne
In einer Zelle ſtanden drei Betten, eines an der Thüre, zwei an der Mauerwand, in die das vergitterte Fenſter ge⸗ brochen war. In dem Bette an der Thüre, lag, mit einem weißleinenen Hemde bekleidet, ein mit dunklem Auge und ſchönem braunem Haar. Er lächelte mich ſo heiter an; aber das Lächeln trug das Stigma des Blödſinns.„Voll⸗ kommen unheilbar“, ſagte der Wärter,„das Kind iſt blöd⸗ ſinnig auf die Welt gekommen.“
Auf der einen Seite des Fenſters lag ein Epileptiſcher. Sein Geſicht hatte den widrigen Ausdruck, das thieriſche Ge⸗


