Jahrgang 
1867
Seite
437
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denen bunte Kopfkiſſen und Decken lagen; jede Zelle empfing durch ein oder mehrere Fenſter hinreichend Licht; aber das Ganze machte trotz alledem den düſtern Eindruck eines Ge⸗ fängniſſes; die gewölbten Decken, die dicken Mauern, die tiefen, kleinen, eiſenvergitterten Fenſter, die ſchweren eiſenbe⸗ ſchlagenen Thüren, der runde, kreisförmige Gang, Alles rief mir unaufhörlich die Kerker pergangener Jahrhunderte ins Gedächtniß.Sie ſehen, diehöume ſind nicht klein, ſagte der Wärter, als er mit mirfden Rundgang machte und ich in die verſchiedenen Zellen blikte;/dort die Zelle wird von zehn Kranken bewohnt, jene dor von fünf Kranken, dort ſehen Sie auch ein Billard, gegeſſen wird gemeinſchaftlich, theils auf dem Gange, theils in den größeren Stuben; dort iſt eine Arbeitsſtube, wo das Schuhwerk des Hauſes angefertigt wird, daneben eine Schneiderwerkſtatt aber trotz alledem ver ließ mich der Eindruck eines Gefängniſſes keinen Moment. Und auf dem halbdunkeln Gange ſtanden und ſchlichen die Irrſinnigen umher, ſie nahmen die Mütze ab, wenn ich an ihnen vorüberging, und ſtarrten mich aus den irren Augen an, in denen der göttliche Funke des Geiſtes erloſchen war, oder ſie murmelten unverſtändliche Worte, oder ſie lehnten ganz theilnahmlos an der Mauer und blickten gleichgültig in die Höhe zu der gewölbten Decke. Sie waren reinlich ge⸗ kleidet, die Kleidung beſtand aus dunkelfarbigen Jacken und Beinkleidern aus wollenem Stoffe, Manche trugen auch die Kleidung, welche ſie mit in den Thurm gebracht hatten. Auch mehrere Knaben ſah ich, Kinder von acht bis zehn Jahren; die Unglücklichen waren blödſinnig auf die Welt gekommen und für unheilbar erklärt. Sie ſollten bis zu ihrem Ende im Narrenthurm zubringen, und vielleicht ließ der Tod noch dreißig, vielleicht vierzig und funfzig Jahre auf ſeine Er⸗ löſung warten. Vergebens verſuchte ich mit zwei von den Kindern zu ſprechen, ſie nach ihrer Heimat und nach ihren Aeltern zu fragen; ihre Antworten beſtanden in einer Reihe von Worten, denen jeder Sinn und Zuſammenhang fehlte. Arme Unglückliche! Welch' grauſames Schickſal, in dieſem Zuſtande das Licht der Welt zu erblicken und in das Dunkel des Grabes hinabzuſteigen. Da ſtanden wir an der Thüre, welche aus dem kreisförmigen Gange wieder in die Wärter⸗ wohnung führte. Die ſchwere Thür fiel hinter mir, der Wärter ſchob die großen Riegel vor, und das entſetzliche Bild war hinter mir verſchwunden, wie das Truggeſpenſt eines Traumes beim Erwachen. Aber die Geſtalten des Elends und des Jammers waren wirklich, welche dort hinter der ſchweren, eichenen Thür auf dem kreisförmigen Kerkergange umherſchlichen, oder träumend an den Wänden lehnten. Es war leider kein Traumbild, was ich geſehen hatte!

Wir ſtiegen die Wendeltreppe des Narrenthurmes wieder hinab und ſtanden wieder vor der Thür, welche, wie oben, in die Wärterwohnung führte.

Und was ſehe ich hier im vierten Stock? fragte ich den Wärter, als er die Thüre aufzuriegeln im Begriff ſtand, welche in das Innere des Thurmes führte;in welcher Ge⸗ ſtalt ſollen nun die Bilder des Wahnſinns vor mich hin⸗ treten?

Es iſt dieſelbe Klaſſe von Kranken, wie oben, erwiderte der Wärter,lauter ruhige Kranke, welche an Trübſinn, an Verwirrtheit, an Blödſinn, an Wahnſinn leiden; die unruhigen Kranken, die Tobſüchtigen und die Epileptiſchen, ebenſo die unreinlichen Kranken befinden ſich in den beiden unteren Stock⸗ werken; aber es ſind die weiblichen Kranken, welche Sie in dieſer Abtheilung ſehen werden.

Der Thürriegel wurde aufgeſchoben, die ſchwere Thüre öffnete ſich, ich ſtand wieder in dem kreisrunden Gange mit den kleinen Fenſtern X der einen und mit den Thüren auf

der anderen Seite, e in die einzelnen, von den Kranken bewohnten Zellen fühkten; die Oertlichkeit bot ganz daſſelbe Bild, wie oben, die Einrtchtung der Zellen war dieſelbe, nur die Staffage war eine andere. Der Blödſinn und der Wahn⸗

tünchten Wänden umher, in dr Geſtalt des Mädchens von

ſiebzig Jahre gebleicht hatten. Ich ließ mir von dem Wärter verſchiedene Kranke vorſtellen und fragte ihn nach den Grün⸗ den ihrer Geiſtesſtörung. Erbliche Anlagen, angeborene Hirn⸗ leiden, deprimirende und exaltirende Gemüthsaffecte, unnatür⸗ liche und übermäßige Befriedigung des Geſchlechtstriebes, Rückenmarcksſtörungen und chroniſche Hirnleiden gab er als die Urſachen an; Alle, meinte er, ſeien unheilbar. Wenigſtens waren ſie unter der Kategorie unheilbarer Kranken in den Thurm gebracht worden. Ich ſah kein ſchönes, auch nicht ein an⸗ genehmes Geſicht unter ihnen. Es iſt auffallend, wie Geiſtes⸗ ſtörungen die Züge entſtellen. Am andern Tage erzählte mir ein Arzt in der neuen Irrenanſtalt, daß ſich dort während vier bis fünf Monaten die beiden Töchter eines Oberſtlieute⸗ nants zur Heilung aufgehalten hätten.Sie waren ſchöne Mädchen, fügte er hinzu,aber der Wahnſinn hatte während der fünf Monate ihrer Krankheit ihre Züge ſo entſtellt, daß der Vater ſie nach ihrer Heilung kaum wieder erkannte. Später nahmen die Züge allerdings wieder allmälich ihren früheren Ausdruck an. Wol deshalb habe ich niemals in einem Irrenhauſe eine ſchöne Frau geſehen. Auch im vierten Stocke des Narrenthurmes ſah ich, obſchon viele junge Mädchen dort waren, kein einziges Geſicht mit auch nur angenehmen Zügen.

Und wieder ſchloß ſich die ſchwere Eichenthüre, welche in das Innere des ſchrecklichen Thurmes führte, hinter mir, und wieder ſtiegen wir die ſchmale Wendeltreppe zu dem unteren Stockwerke des Schreckens hinab. Es fing mir an kalt zu werden in dem Thurme. Draußen war ein warmer Früh⸗ lingstag, das Thermometer zeigte ſchon um neun Uhr auf zweiundzwanzig Grad Riaumur. Und jetzt war es bei⸗ nahe Mittag. Mich fröſtelte es in dem Thurme. Seine Mauern waren ſo dick, alle Decken waren gewölbt; der warme Sonnenſchein konnte durch die kleinen, tiefliegenden Fenſter nicht in den Thurm dringen. Der Wärter erinnerte mich, den Hut aufzuſetzen, da es ohne Hut zu kalt im Thurme ſei. Aber Mann, ich bin jetzt eine Stunde hier, und mich fröſtelt's bereits, wie müſſen dann die Kranken in dieſer Kellertemperatur leiden?

Der Wärter zuckte die Achſeln.Es iſt auch lange ſchon die Rede davon, daß der Thurm als Pflegeanſtalt abgeſchafft werden ſoll, ſagte er,aber es kommt immer nicht dazu; indeß können ſich die Kranken von Morgens neun Uhr bis Abends ſechs Uhr auch unten im Garten aufhalten; Sie haben ſie nur zufällig ſämmtlich oben gefunden, weil gleich zu Mittag gegeſſen wird.

Und wie iſt denn die Ernährung, da Sie gerade vom Mittageſſen ſprechen?

H, die Ernährung iſt gut. Manche haben vielleicht während der Zeit, wo ſie noch geſund waren, nicht ſo gut gegeſſen, wie hier im Thurme, auch nicht ſo reinliche Betten und Kleider gehabt, wie hier. Sie müſſen in Erwägung ziehen, daß es lauter Leute geringen Standes ſind, welche ſich im Narrenthurm befinden, meiſtens Handarbeiter und Handarbeitekinnen, Taglöhner, Bauern und der dienenden Klaſſe angehörige Perſonen. Aus öffentlichen Fonds wird täglich für die Perſon ſechszig Kreuzer gezahlt. Außer Kleidung und Wäſche erhalten ſie dafür Morgens und Abends eine Suppe, Mittags Suppe, Fleiſch und⸗ Gemüſe und Abends außerdem noch eine Zuſpeiſe. Das Brot verſteht ſich von ſelbſt. Wein und Bier wird nur auf ärztliche Verordnung gegeben. Sie ſehen, an der Ernährung iſt wol nichts auszuſetzen.

O nein, wenigſtens iſt ſie in der Berliner Heilanſtalt nicht beſſer.

Und die ärztliche Behandlung?

Nun, die Kranken werden in den Werkſtätten beſchäftigt, die Sie ja ſehen, oder Jeder beſchäftigt ſich, wie er will. Sie ſpielen Billard oder Karten, leſen auch, oder gehen in den Garten.

Aber ich meine ja, wie es mit der ärztlichen Behand⸗ lung, mit der Heilmethode iſt, unterbrach ich den Mann.

Der Wärter blickte mich an, als wenn er mich nicht recht verſtanden hätte.Der Narrenthurm iſt ja keine Heil⸗

ſinn ſchlich hier in der 28 der Frau an den weißge⸗ A

ſechzehn Jahren bis zu dem Alter der Greiſin, deren Haar

anſtalt, ſagte er,er iſt blos eine Pflegeanſtalt.