ſtreckte ſich am Ufer hin, ſchwelgte in der milden, wohl⸗ thuenden Nachtluft und fand das größte Behagen in der Ein⸗ ſamkeit.
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vogels aus den Wäldern oder das ferne Gekläffe der Dorf⸗ hunde. Der Mond trat an den Himmel und die Sterne blitzten
Ringsum war Alles will. Kein Laut ſtörte die Ruhe mit dem Feuer der Diamanten in der durchſichtigen Nachtluft. der Natur; nur dann und wann tönte der Ruf eines Nacht⸗
(Fortſetzung folgt.)
— Im Wiener Uarrenthurm.
Von Guſtav Raſch.
In der Alſervorſtadt von Wien, in der Nähe des großen öffentlichen Krankenhauſes, erhebt ſich mitten zwiſchen den modernen Häuſergruppen ein hoher, grauer Thurm. Der Thurm hat eine runde Form, iſt fünf Stockwerke hoch und hat koloſſale Dimenſionen. Oben abgeplattet, ohne Spitze, iſt ſein oberer Rand von einem Zinnenkranz umgeben. Der fremde Beſucher der öſterreichiſchen Hauptſtadt weiß, wenn er durch die Alſervorſtadt geht, offenbar nicht, was er aus dem Thurme machen ſoll. Halb ſieht die koloſſale Maſſe aus wie eine rieſige Baſtei, halb auch wieder wie ein Gefängniß⸗ thurm; denn jedes Stockwerk hat kleine, eiſenvergitterte Fenſter. Jedenfalls flößt der graue, runde Thurm ein Gefühl des Grauens und der Furcht ein. Man denkt unwillkürlich an ſchwere, eiſerne Ketten und Riegel, an dicke Eichenthüren, an halbdunkle Kerkerzellen, wenn man dieſe koloſſale, altersge⸗ ſchwärzte Steinmaſſe erblickt, welche ſo gar nicht in den heitern und modernen Charakter der ſchönen Vorſtadt paſſen will. Am ſonderbarſten erſcheint es, das man nirgends einen Zu⸗ gang zu dieſem Thurme zu entdecken vermag. Rundumher nach allen Seiten hohe, dicke Mauern. Was iſt der Zweck und die Beſtimmung dieſes Thurmes, der in ſeiner Form ſowie in ſeiner Bauart in ein ganz anderes Jahrhundert zu gehören ſcheint?— Der Thurm iſt der Narrenthurm von Wien. So nennt ihn der Vorübergehende, den man um Aus⸗ kunft erſucht. Unter dieſen Namen kennt den Thurm die ganze Wiener Bevölkerung. Der Narrenthurm? Das Haus der Blödſinnigen, der Tobſüchtigen, der unheilbar Geiſtes⸗ kranken— ein wirklich dunkles Haus in dem fröhlichen, leicht⸗ ſinnigen und leichtlebigen Wien, in der heiterſten und fröh⸗ lichſten deutſchen Stadt! Ueber ſeine unglücklichen Bewohner hat die dunkle Geiſtesnacht für immer ihre ſchwarzen Fittige ausgebreitet, während ihr Körper noch dem Leben angehört. Der Erlöſer aus dieſem ſteinernen Gefängniß iſt mit ſeltenen Ausnahmen einzig und allein der Tod, der Tod der irdiſchen Hülle, uachdem der Geiſt ſchon vor Jahren oder vor Jahr⸗ zehnten geſtorben iſt. Ich fand Irrſinnige im Narrenthurm, welche ſeine dunkeln Zellen ſchon ſeit dreißig Jahre bewohnt hatten, ohne ſterben zu können. Auch Kinder fand ich im Narrenthurm, Kinder im zarten Alter von zehn bis ſechszehn Jahren; ſie hatten vielleicht noch ein Leben von dreißig Jahren vor ſich.
Wol eine Stunde lang ſuchte ich vergeblich umher, um einen Eingang in den Thurm zu finden. Hohe Mauern, moderne Gebäude, vorgeſchobene Häuſergruppen ſetzten immer wieder von Neuen meinen Verſuchen Hinterniſſe entgegen. Endlich trat ich in den Thorweg eines prächtigen Hauſes. Ein Portier in bunter Livree, einen großen Stock mit ver⸗ goldetem, dickem Knopf in der Hand, den Kopf mit einem betreßten Hute bekleidet, ſtand mitten im Thor.„Portier“, ſagte ich,„wie komme ich denn in den Narrenthurm? Ich kann mich nicht hineinfinden.“—„Schauens“, erwiderte der Rieſe mit dem betreßten Hute und mit dem vergoldetem Stocke, „Euer Gnaden ſind hier im allgemeinen Krankenhaus“.— „Aber ich will in den Narrenthurm, Portier, nicht in das Krankenhaus.“—„Da gehens in den dritten Hof, Euer Gnaden“, fuhr er fort,„und dort iſt die Thür zu dem Thurme?“ Ich hatte den Mann nur nicht ausſprechen laſſen; nun wußte ich den Weg. Der Weg ging durch drei mit Raſen bedeckte und mit ſchönen Baumgruppen bepflanzte Höfe, auf denen ſich die armen Kranken im warmen Frühlings⸗
ſonnenſchein ergingen; im dritten Hofe zeigte man mir eine kleine, in der Umfaſſungsmauer angebrachte Thüre, welche zu einem mit Kies bedeckten Platze führte. Da ſah ich den Narrenthurm, der mir zwiſchen den Bäumen und der Ge⸗ bäudegruppe gänzlich aus dem Geſichte geſchwunden war, plötzlich ganz nahe vor mir. Jenſeits einer weißgeſtrichenen, hohen Mauer erhob er ſich wie ein grauer Rieſe, der wie durch einen Zauber auf einmal aus der Erde geſtiegen war. Wieder führte eine Thüre durch die weißgeſtrichene Mauer. Noch drei Schritte, und ich war in dem geheimnißvollen Thurme.
Ein Wiener Freund, der vor funfzehn Jahren einmal den Thurm beſucht hatte, hatte mir ſchreckliche und wunder⸗ bare Dinge erzählt von dem, was er darin geſehen hatte. Er war durch die fünf Stockwerke hinaufgeſtiegen und hatte im Hinaufſteigen eine Reiſe durch alle Phaſen und Stadien der Geiſtesnacht gemacht. Immer ſchrecklicher und ſchrecklicher war's geworden, deſto höher er ſtieg; immer tobender und heftiger wurde der Lärm, der ihn umbrauſte; immer finſterer und verzerrter erſchienen ihm die Züge der Geſtalten, welche ihn umringten, ſich an ihn herandrängten und nach ſeinen Kleidern griffen; im fünften Stock endlich waren alle Tobſüchtige des ganzen Thurmes verſammelt geweſen. Dann erzählte er mir von dem Schmutz, den er gefunden, und der Zugluft, welche durch die fenſterloſen Heffnungen gebrauſt wäre, von halbdunkeln Zellen, von Ketten und Zwangsſtühlen und anderen ſchrecklichen Dingen. Die verfloſſenen funfzehn Jahre haben in Europa auch auf dem Gebiete der Behandlung der Geiſtes⸗ tranken mächtig aufgeräumt; ſie haben auch im Innern des Narrenthums Manches umgewandelt.
Ein Wärter führte mich im dritten Stock des Thurmes, zu dem man auf ziemlich bequem gelegter Wendeltreppe emporſteigt, zu einem von den drei Aerzten, welche für die Behandlung der Kranken angeſtellt ſind. Der Arzt bedauerte, da er Amtsgeſchäfte habe, mich nicht ſelbſt auf meiner Wande⸗ rung durch den Thurm begleiten zu können, und beſtellte mir einen von den anweſenden Wärtern als Führer.„Es iſt eine andere Einrichtung getroffen, wie früher“, ſagte er, „Sie werden die ruhigeren Kranken jetzt im oberen Stocke finden, da der obere Stock die meiſten gemeinſchaftlichen Räum⸗ lichkeiten hat; die unruhigen Kranken ſind dagegen alle im unteren Stocke, welcher mit Zelleneinrichtungen verſehen iſt.“ Ich beſchloß nun, von oben, ſtatt von unten meine Wanderung zu beginnen, um von den minder ſchrecklichen allmälich zu den düſterſten Geſtalten des Schreckens hinabzuͤſteigen. Wiederum ſtiegen wir die ſchmale Wendeltreppe, welche nach oben führte, hinan. In zwei Abſätzen geleitete ſie zu der Wohnung des Wärters des fünften Stockes, welche ich durch⸗ ſchreiten mußte, um in das Innere des Thurmes zu gelangen.
Der Wärter ſchloß die letzte ſchwere, mit eiſernen Riegeln verſehene Thüre auf; nun ſtand ich im Innern des Thurmes. Es war ein ſonderbares und recht düſteres Bild, was ſich plötzlich vor mir aufrollte. Ich blickte in einen kreisförmigen, gewölbten Gang, der von der einen Seite ſein Licht durch kleine, vergitterte Fenſter empfing; nach der anderen Seite öffneten ſich die Thüren, welche in die größeren und kleineren Zellen führten, die von den Geiſteskranken bewohnt wurden. Alle Thüren waren gesöffnet, die Zellen waren gewölbt und weiß geſtrichen, die in denſelben aufgeſtellten Betten waren höchſt reinlich ſie waren mit weißen Bezügen verſehen, auf
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