Jahrgang 
1867
Seite
435
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Geisblatt⸗Lauben verbringen. Nur aus den hier verſammel ten Familien erſchallt zuweilen ein freudiges Gelächter, eine luſtige Mädchenſtimme, ein Lied; im Uebrigen geht Alles ruhig und bedächtig zu, denn man iſt ja hier, um die Geſund⸗ heit zu pflegen, und dieſe verlangt höchſtens eine Partie auf die Berge und Felſen hoch oben hinauf, wo das Edelweiß wächſt, ein kühles Bad im See, und was ſonſt dem Wohl⸗ ſein zuträglich iſt.

Drei Wochen war die Lahrſteinſche Familie bereits hier. Alle waren glücklich. Marie ſchien in der That mit ihrem Herzen fertig geworden zu ſein, denn ſie konnte in Leopold's Nähe verweilen, ohne daß daſſelbe ſeine unruhigen Schläge that, konnte mit ihm plaudern, lange, ernſt und vernünftig, ohne daß ihre Wangen ſich färbten, überhaupt lag mehr Gleichmaß in ihrem ganzen Weſen.

Gewiß trug auch das Benehmen Leopold's mit hierzu bei. Nicht wie ſonſt war es ihm ein Bedürfniß, mit dem Mädchen zu ſcherzen, ſie nicht nur zum Gegenſtand ſeiner Zärtlichkeit, ſondern auch ſeiner ausgelaſſenen Laune zu machen. Er be ſchäftigte ſich weniger mit ihr, ohne es deshalb an der freund⸗ ſchaftlichſten Aufmerkſamkeit fehlen zu laſſen.

Er ruderte ſie und Eugenie Abends auf den See hin⸗ aus, brachte ihnen Blumen von ſeinen Gebirgspartien mit, die er regelmäßig unternahm, las ihnen aus Büchern vor und erzählte Anekdoten aus der Campagne, denen die Familie ſtets mit dem höchſten Intereſſe zuhörte.

Und Marie ſollte auch die Probe beſtehen.

An demſelben Abend, an welchem wir die Familie in ihrer Zurückgezogenheit aufſuchen, trat Lahrſtein mit einem Brief in der Hand in den Garten und blickte nach der Laube am Ufer, als ſuche er Jemand.

Die Mutter war im Hauſe mit dem Ordnen des Soupers beſchäftigt, Eugenie las in einem Buche, während Marie mit einem großen Strohhut auf dem Kopf am Ufer ſtand und Leopold's Angel ausgeworfen hatte.

Lahrſtein ſchritt geradesweges zum Ufer und trat, neben Marie, die ſich über die Erfolgloſigkeit ihrer Beſchäftigung beklagte.

Laß die armen Fiſche, ſagte Lahrſtein, indem er ihren Arm nahm.Ich habe mit dir etwas Wichtiges zu be⸗ ſprechen.

Marie blickte ihn fragend an und ließ die Angel ſinken. Lahrſtein ſprach in einem ſo feierlichen Ton, den er lange nicht angeſchlagen.

Komm, machen wir einen Spaziergang in den Garten, fuhr er fort, indem er Mariens runden Arm in den ſeinigen legte.Wir können unterwegs plaudern.

Beide vertieften ſich in einen von dichtem Gebüſch be⸗ wachſenen Gartenſteig. Marie fühlte ſich ein wenig unbe haglich und wagte kaum den Blick zu Lahrſtein zu erheben.

Marie, fuhr dieſer fort,du weißt, wie ſehr mir dein Wohl am Herzen liegt und daß es mir eine unendliche Freude machen würde, dich glücklich zu wiſſen.

Ich weiß es und bin Ihnen ſo unendlich vielen Dank ſchuldig, Herr Lahrſtein, ſprach Marie mit unſicherer Stimme, denn es beſchlich ſie eine Ahnung, die ihr freilich ſelbſt noch ſehr undeutlich war.

Das iſt nicht nöthig, fuhr Lahrſtein fort.Wir glauben oft, eines Andern Glück durch Dinge gründen zu können, in denen er ſelbſt keineswegs ſein Glück ſieht. Höre mich alſo an und antworte mir ganz, wie es dein Herz dietirt.

Lahrſtein warf einen Blick auf ſeine kleine Gefährtin und ſah ihr Antlitz bleich und in ſonderbarer Spannung.

Ich erhielt heute einen Brief von Münter, ſprach er weiter.

Jetzt fühlte er ein leichtes Zucken auf ſeinem Arm; er wußte alſo, daß er ohne weitere Vorbereitungen ſprechen könne.

Münter ſchreibt mir heute ausnahmsweiſe einmal nicht von Geſchäften; er überträgt mir eine Angelegenheit, die er in meinen Händen am beſten aufgehoben glaubt. Was er

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mir ſchreibt, habe ich längſt vorausgeſehen, es überraſcht mich alſo, und wie ich glaube, auch dich nicht. Er wünſcht dich zur Frau zu haben, lund da ich nichts dagegen einzuwenden weiß, ſo bleibt dir die Entſcheidung.

Marie blickte vor ſich nieder; ihr Gang ward unſicher.

Du kennſt Münter, und ich, ich achte ihn als einen braven und ehrenwerthen Mann, der eine Frau wohl zu er nähren im Stande iſt. Nimmſt du ihn an? Sprich offen und ehrlich!

Marie blieb ſtehen. Sie wagte noch immer nicht auf⸗ zublicken.

Herr Lahrſtein, ſprach ſie endlich mit leiſer, bewegter Stimme.Sagen Sie mir zuerſt offen und ehrlich: Sie wünſchen dieſe Verbindung?

Die Wahrheit bekennend, ja! Zu deinem eigenen Wohl!

Sie glauben, es liege hierin mein Wohl?

So glaube ich!

Herr Lahrſtein, ich folge Ihrem Wunſch! flüſterte des Mädchens bebende Stimme.

Brav, mein Kind! rief Lahrſtein, ihre beiden Hände erfaſſend.Du machſt mir eine unendliche Freude!

Lahrſtein ſah nicht die Thräne, welche Marie in dem großen, ſchönen Auge zerdrückte. Er ahnte auch nicht, was in dem Mädchen vorging, als ſich Marie losmachte, ihn bat, allein ſein zu dürfen und mit wankendem Schritt ſich zum Hauſe bewegte.

Ein braves, vernünftiges Kind, murmelte Lahrſtein ihr nachblickend vor ſich hin.Münter iſt zwar kein Mann, der ein Mädchen ihres Schlages ſehr glücklich machen kann, auf keinen Fall aber wird er ſie elend machen!... Aber irre ich nicht, ſo waren ihr die Thränen näher als das Lachen! ſetzte er plötzlich hinzu, als er überlegte, welchen Eindruck Münter's Antrag auf ſie gemacht.Sie iſt ein weiches, ge⸗ fühlvolles Kind und Münter eigentlich nicht der Mann, der mit dieſen Naturen umzugehen weiß; indeß ich bin ja immer in ihrer Nähe und werde ſchon nach dem Rechten ſehen.

Lahrſtein tröſtete ſich damit über den Gedanken, daß dieſe beiden Charaktere wol nicht allzu großen Einklang her⸗ vorbringen würden. Seiner Meinung nach mußte Marie an ſtändig verſorgt werden, und dieſer Hauptſache hatte er jetzt genügt.

Leopold hatte am heutigen Morgen wieder eine ſeiner gewöhnlichen Gebirgspartien unternommen und kehrte mit dem Stutzen auf dem Rücken erſt nach Sonnenuntergang zurück.

Seine Ausflüge galten meiſt dem benachbarten Förſter, mit welchem er die Berge zu durchſtreifen pflegte, und die ihn zuweilen auch wol Tage lang von den Seinigen fern hielten.

Heute war er ziemlich misgeſtimmt, als er zurückkehrte. Er klagte über Schmerzen im Kopf, war einſilbig beim Abend⸗ mahl, fragte nicht einmal, warum Marie, ſein Liebling, heute ſo bleich und ſcheu ſei, und ſuchte, als es dunkel ward, den Garten wieder auf, in welchem er oft die Mitternacht er⸗ wartete, die Sterne beobachtend, oder im Kahn auf den ſtillen See hinaus rudernd, welche nächtliche Fahrten für ihn ſtets einen beſonderen Reiz zu haben pflegten.

Der Vater, der früher niemals beſondere Neigung zu Naturſchwärmereien an Leopold bemerkt hatte, ſah dieſe ernſtere Richtung ſeines Geiſtes natürlich gern; er erblickte darin das Erwachen des Wunſches nach ruhiger Beſchäftigung, einer verſtändigeren Denkweiſe und ermuthigte ihn in dieſen Zer⸗ ſtreuungen, gratulirte ſich auch, daß der Ort zu keinen anderen Veranlaſſung geben konnte.

Er begleitete Leopold in den Garten, machte mit ihm einen Spaziergang am Ufer, ſprach mit ihm über die Pläne, welche er nach ſeiner Rückkehr ins Werk zu ſetzen beabſichtige, und fand den Sohn für Alles aufmerkſam, obgleich dieſer mehrmals mit der Hand nach ſeiner Kopfnarbe fuhr, als ſchmerze ihn dieſe.

Vergeblich rieth er Leopold, die Ruhe zu ſuchen; dieſer fühlte ſich noch nicht aufgelegt, iu ſein Zimmer zu gehen.

Endlich verließ ihn Lahrſtein, da er müde war. Leopold

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