Am ſechsten Tage ward ihm die Thür zu dem langen Krankenſaal geöffnet.
Lahrſtein trat zwiſchen die Reihen der Betten und an das Lager, auf welchem er unter dem Verbande das bleiche, abgezehrte Antlitz des Sohnes erkannte.
Dieſer ſaß aufrecht im Bette; ſeine Hände glichen denen eines Skeletts, ſeine Wangen waren leichenblaß, ſeine Augen tief zurückgeſunken und blickten geiſterhaft unter dem Verbande hervor.
Neben ihm ſtand der Arzt, mit ihm ſprechend, den Puls des Verwundeten in der Hand.
Levpold wußte ſeit drei Tagen, daß ſein Vater kommen werde; er wußte ſeit geſtern, daß er in der Nähe ſei; er wußte ſeit dem Morgen, daß er den Vater heute um— armen ſolle.
Wehmüthig blickten die müden Augen der umherliegen— den Verwundeten auf eine rührende Scene, die ihnen, ſo fern von den Ihrigen, nicht vergönnt war.
Es war ein unbeſchreibliches Wiederſehen, und doch war es tauſendmal inniger gefühlt, als es die Ueberwachung des Arztes ſich zu äußern geſtattete.
Stundenlang ſaß der Vater an dem Bette Leopold's, die Hand des Sohnes in der ſeinigen, ihm plaudernd von der Heimat, von der Mutter, der Schweſter und Marie und der Freude, die Alle erleben würden beim Wiederſehen.
Leopold horchte mit ſtillem Lächeln. Dann ſank er er⸗ mattet zurück und verfiel in einen wohlthuenden Schlummer.
Glücklicher iſt nie ein Vater geweſen als Lahrſtein während der folgenden Tage, wenn er ſich Abends auf ſeine Streu hinſtreckte und an die Stunde dachte, in welcher man ihm geſtatten werde, den Sohn mit ſich fort zu nehmen.
14. Mariens Prüfnng.
Vier Wochen waren verſtrichen. Der Sommer ging ſeinem Ende zu und ſandte ſeine letzten warmen Grüße, um die Regengüſſe vergeſſen zu machen, mit welchen er in den ſchönſten Wonnemonaten die Erde überſchüttet.
Die Völker athmeten wieder auf ſeit der Friede ge⸗ ſchloſſen; die Truppen kehrten heim und über die Gräber der Braven, die man im Böhmerland in die kühle Erde gebettet, breitete der Spätſommer noch ſeinen grünen Teppich.
Fern von dem unruhigen Treiben der Städte, in welchen ſelbſt nach dem Waffengeräuſch die politiſchen Leidenſchaften ihre Drachenzähne ſäeten, am Ufer eines der reizendſten deutſchen Seen, finden wir die Lahrſtein ſche Familie wieder.
Der glückliche Vater hatte den Sohn der Mutter zurück— gebracht, der Arzt aber verlangte ein dem Geneſenden zu— ſagendes Klima, und ſo hatte denn Lahrſtein ſie Alle in den Wagen gepackt, hatte an dieſem Gebirgsſee eine kleine, aber comfortable Villa gemiethet, deren Garten unmittelbar an dem Seeufer lag, und hier war denn in Aller Herzen jene Ruhe wieder eingezogen, deren ſie nach allen den Stürmen ſo ſehr bedurften.
Lahrſtein hatte das glückliche Bewußtſein, den Sohn voll— ſtändig wiederhergeſtellt zu ſehen, und war nicht wenig ſtolz auf ſeine Verdienſte um dieſe Geneſung. Die Mutter lebte wie⸗ der auf und vergaß bereits die nervöſen Zuckungen, welche ihr alle die Gemüthserſchütterungen des Sommers bereitet; Eugenie fühlte ſich kräftiger als je, und ſelbſt in Mariens Herz ſchien wirklich die Ruhe eingezogen zu ſein, um die ſie ſo lange gerungen.
Leopold hatte ſeine frühere gute Laune wieder gewonnen und fühlte ſich ganz wiederhergeſtellt, wenn auch zuweilen wohl noch ein kleiner ſtechender Schmerz ihn an die Vorſicht gemahnte, welche der Arzt als dringend nothwendig empfohlen hatte.
Sein Antlitz gewann allmählich die frühere Friſche wieder; ſein Auge ſtrahlte in dem alten Glanz, doch ſchien in ſeinem Weſen in ſo fern eine Veränderung vorgegangen
— 431„—
zu ſein, als daſſelbe jenen kindlichen Muthwillen verloren hatte, der ſonſt alle ſeine Handlungen charakteriſirte.
Er konnte ſtundenlang ſehr ernſt ſein, konnte die größte Ausdauer beiruhigen, contemplativen Beſchäftigungen entwickeln, ſprach mit einer Sicherheit und Ueberlegung, die ihm ſonſt ganz fremd geweſen, und verrieth in Allem den Mann, der ſich ſeines Werthes bewußt.
Mit innerem Vergnügen ſah Lahrſtein dieſe Veränderung in Leopold's Auftreten. Oft genug hatte er Urſach gehabt, vor Leopold's Anlagen zum Leichtſinn zu erſchrecken und ſich zu fragen, was aus dem von ihm mit ſo viel Sorgen und Mühſal erworbenen Reichthum werden möge, wenn er dereinſt gezwungen ſei, ihn in des Sohnes Hand zu geben.
„Es war Alles zum Guten!“ murmelte er bei ſolchen Betrachtungen vor ſich hin.„Die Kugel hat ihm den Brauſe⸗ kopf zurecht geſetzt; es war eine ſchwere und gefährliche Cur, danken wir Gott, daß ſie ſo abgelaufen.“
Wenn ich dem, Leſer den See beſchreibe, wird er ihn erkennen. Sein Waſſer iſt von wunderbarer Bläue und Durchſichtigkeit, ſeine Ufer ſind auf allen Seiten von hohen Felſen umſchloſſen, auf deren Scheitel um Sonnenuntergang wohl zuweilen eine Gemſe erſcheint, um in den ſtillen Keſſel neugierig hinab zu ſchauen.
Dichter Wald bewächſt die hoch anſteigenden Felſen, aus deren einer Wand eine klare Gebirgsquelle in den See hinab⸗ ſtürzt, um in dem ſonſt ſo ſtillen Waſſerſpiegel weite, unruhige Kreiſe zu ziehen, die, ſich langſam vergrößernd und weitend, endlich in der Ruhe des Spiegels verſchwimmen.
Allſtündlich zieht der Fährmann in ſeinem Boot, den Gemsbart und den Spielhahnſtoß am Hut, von einem Ufer zum andern, und trägt den Jäger mit ſeinem Stutzen, die Bewohner der Gebirgsdörfer umher hinüber und herüber, ſeit undenklichen Jahren dieſelbe feuchte Bahn zu denſelben Stunden zurücklegend.
Die Ziegen weiden an den ſchroffen Abhängen der Ufer⸗ felſen, das melancholiſche Geläute der Rinder Glocken ertönt von Morgens bis Abends wie das eines Bergwerks, zuweilen wohl miſcht ſich der Jodler der Hirtenknaben in dieſe Muſik oder der Schuß des Jägers ruft das Echo aus hundert Bergestiefen wach.
Es iſt ein ſtilles, wunderbar ſchönes Plätzchen auf der weiten herrlichen Gotteserde, nur geſtört durch die Züge von Reiſenden, die zu gewiſſen Stunden des Tages geräuſchvoll hier eintreffen und befangen von der ergreifenden Poeſie der Stätte, bewundernd in ſtiller Andacht ans Ufer treten und kaum durch ein lautes Wort die heilige Poeſie des Thales zu unterbrechen wagen.
Auf der einen Seite der Ufer, dicht unter einer ſteilen waldbewachſenen Felſenwand, auf deren Höhe ſich ein tempel- förmiges Belvedere erhebt, liegt das Dorf, ſo heimlich, ſo romantiſch, als könnten nur Friede und Frömmigkeit unter ſeinen Dächern wohnen.
Hart am Ufer erheben ſich die Gärten mit idylliſchen kleinen Pavillons oder Schweizerhäuschen; im Dickicht des Schilfes, zwiſchen den Weiden, die ihre Zweige aus dem Waſſer ſtecken oder zwiſchen den dichten Büſchen der Waſſer⸗ pflanzen liegen die Gondeln, kleine, zierliche Nußſchalen, mit welchen die hier wohnenden Fremden auf den See hinaus zu ſteuern pflegen, wenn die Sonne ſich hinter der weſtlichen Felſenwand geborgen, die Bläue des Sees ſich tiefer und geheimnißvoller färbt und die Berge umher ihre Schatten auf die Waſſerfläche werfen.
Es ſind ihrer wohl ein Dutzend kleiner Landhäuſer, die vereinzelt, von Gärten umgeben, ſich am Ufer hinziehen und deren Bewohner, ſtille Leute, welche hier die Zurückgezogen⸗ heit ſuchen, in geringem Verkehr mit einander zu ſtehen pflegen. Stimmt hier doch Alles zu frommer Beſchaulichkeit, und die laute Freude klingt wie ein Miston in den heiligen Frieden hinein.
Die Villen liegen mit ihrer Front alle in einer Reihe nach der Dorfſtraße zu, doch ſind die Fremden nur ſelten in denſelben zu ſehen, da ſie den Tag im Garten, in den dichten


