Jahrgang 
1867
Seite
433
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Das Meerweib.

Erzählung von Hans Wachenhuſen. (Fortſetzung.)

ls er das Haus erreichte, das unfehlbar das ihm be⸗

zeichnete ſein mußte, waren die Krankenträger, die er

mit ihrer Laſt aus demſelben hatte treten ſehen, ver⸗ ſchwunden. Vergeblich blickte ſein trübes Auge nach ihnen aus.

Während er verzweifelt daſtand, trat ein junger Offizier, auf einen Stab geſtützt, an die Thür. Er trug den Arm in der Binde und ſchien eine Wunde im Bein zu haben.

Lahrſtein griff wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm. Sich an den Thürpfoſten klammernd, legte er die andere Hand auf die Schulter des Offiziers.

Mein Herr, ſagte er mit faſt athemloſer Stimme. Verzeihen Sie es einem unglücklichen Vater, der hierher ge⸗ kommen, um ſeinen einzigen Sohn unter den Verwundeten zu ſuchen, wenn.. er noch am Leben iſt... Kennen Sie den Lieutenant Lahrſtein? Man ſagte mir, er ſei in dieſem Hauſe!

Der Offizier blickte mit innigem Wohlwollen auf den von Mühſal und Seelenqual erſchöpften Mann. Niemand weiß ja beſſer die Theilnahme Anderer zu würdigen als der Verwundete ſelbſt.

Lahrſtein muß noch drinnen liegen! antwortete er. Freilich habe ich nichts mehr von ihm gehört. Wenden Sie ſich an jenen Lazarethgehülfen dort; er wird Sie führen! 6 er, auf einen durch den Flur gehenden Soldaten zeigend,

inzu.

Ohne ein Wort des Dankes wankte Lahrſtein zu dieſem und erfaßte den Eiligen.

Lieutenant Lahrſtein liegt hier! antwortete der Lazareth⸗ gehülfe auf die ſo ängſtlich an ihn gerichtete Frage.Aber Sie werden nicht zu ihm können!

Eine Centnerlaſt fiel von dem Herzen des ſchwergeprüften Vaters.

Gott im Himmel, ſei geprieſen! drang es über ſeine Lippen, während er die Hände faltete.

Er war alſo nicht zu ſpät gekommen, wenn auch die letzten Worte des Mannes wenig Troſtreiches hatten.

Auf einen Stuhl im Flur total entkräftet hingeſunken, verſuchte Lahrſtein, ſich wieder die nothwendigſte. Kraft zu ſammeln, um zu ſeinem Sohne zu dringen.

Hier erwartete er die Antwort des dirigirenden Arztes, dem er ſich hatte melden laſſen. Von dem Ausſpruch dieſes Mannes hing ja Alles ab!

Wachenhuſen's Hausfreund. K. 10.

Der Arzt kam nach einer dem armen Lahrſtein unter namenloſer Qual verſtreichenden Viertelſtunde. Nur mit Mühe richtete ſich der Letztere auf.

Sie wünſchen Ihren Herrn Sohn zu ſehen, Herr Lahrſtein? fragte der Arzt.

Ich bin Tag und Nacht gereiſt, antwortete die faſt tonloſe Stimme,Sagen Sie mir vor Allem, ich beſchwöre Sie: iſt für ſein Leben zu fürchten?

Bei dieſen Worten hatte Lahrſtein krampfhaft den Arm des Arztes erfaßt.

Wie ich hoffe, wird er davon kommen! lautete die Antwort.Doch nur bei Beobachtung der äußerſten Vorſicht!

O, haben Sie Dank, Herr Doctor! rief Lahrſtein, während ihm die Thränen über die Wangen liefen.Ihre Worte ſind mir Himmelsbalſam!... Wird es mir vergönnt ſein, ihn zu ſehen?

Unmöglich!... Nicht heute! Auch nicht morgen! Viel leicht in wenigen Tagen! Ich bürge für nichts, wenn ihn die geringſte Gemüthsbewegung trifft!

Lahrſtein's Muth ſank abermals. So viel Tage und Nächte war er gereiſt, und jetzt, da er ganz in ſeiner Nähe, ſollte ihm der Anblick des armen Sohnes verſagt ſein.

Der Arzt fühlte, was in ihm vorging. Er ergriff theil⸗ nehmend Lahrſtein's Hand.

Halten Sie es nicht für Hartherzigkeit; ich thue nur meine Pflicht! ſagte er.Kommen Sie morgen! Laſſen Sie ſich mir melden, ſo will ich verſuchen, ob Sie den Ver⸗ wundeten vielleicht von ihm unbemerkt werden ſehen können. Er darf nicht erfahren, daß Sie hier ſind!

Lahrſtein begriff, was der Arzt zu ihm ſprach. Er ging, das troſtreiche, ſchöne Bewußtſein davon tragend, daß der Sohn wenigſtens gerettet werde.

Fünf Tage und Nächte hindurch verweilte Lahrſtein in dem kleinen Orte, auf einer Streu unter einem Dache ſchla⸗ fend, da ein anderes Obdach nicht zu finden war.

Tagtäglich erſchien er, um anzufragen, und immer mußte er ſich in Geduld faſſen. Dennoch nahm er ſtets den Troſt mity daß Leopold's Geneſung vorſchreite.

Wie pochte Lahrſtein's Herz, wenn er an den Moment dachte, in welchem er endlich den Sohn in ſeine Arme ſchließen könne.

Und dieſer Moment kam, nachdem Leopold durch den Arzt langſam auf die Ankunft ſeines Vaters vorbereitet worden.

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