Jahrgang 
1867
Seite
430
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denn der Leſer muß wiſſen(und wenn er es nicht weiß, ſo ſoll es ihm wiſſenswerth ſein) daß er bei den Reſtaurants der franzöſiſchen Bahnhöfe Alles findet, was ſeinem Magen und ſeinen Gewohnheiten nicht zuſagen wird.

Haſt Du Appetit auf ein Beefſteak oder eine Omelette, ſo findeſt Du in dieſen Reſtaurants eine ganze Auswahl ſüßer Törtchen, ja ſogar Parfüms und vielleicht ſogar eine Auswahl an Pomadetöpfen. Haſt Du Durſt nach einem Glaſe Bier oder Wein, ſo ſetzt man Dir eine Portion Bouillon in einer kleinen Porzellan⸗Badewanne vor. Fragſt Du nach einer Taſſe Kaffee, ſo iſt er nicht zu haben, denn es iſt jetzt die Zeit Bouillon, nicht aber Kaffee zu trinken. Der Wirth muß das am beſten wiſſen.

So gibt es die ganze Nacht hindurch Bouillon und wieder Bouillon. Sie ſchmeckt ſtark nach Talg oder Hammelfett, aber das ſchadet nicht. Du bekommſt ſogar eine Schnitte geröſtete Semmel, die du hinein brocken kannſt, aber genießen kannſt du ſie ſchwerlich.

In mir ruft dieſe Bouillon, wenn ich mit Widerwillen vor dem großen Porzellan⸗Napf ſitze, ſtets eine Erinnerung aus dem Krim⸗ Kriege wach.

Die Türken hatten eine Anzahl Koſacken abgefangen. Um dieſen eine Wohlthat zu erweiſen, nahm Jeder die kleinen Talglichte, welche in den Zelten hingen, und vertheilte ſie unter die Koſacken, welche eben beim Abkochen waren. Begierig griffen ſie nach den Talg⸗ lichtern, rührten ſie in dem ſiedenden Waſſer ihres Samovar herum, bis der Talg ſich aufgelöſt, und zogen dann den übrig bleibenden Docht durch die Lippen, damit nur ja nichts verloren gehe.

Iſt nun die Nacht mit ihrer internationalen Bouillon vorüber, und kommt die Morgenſtation, ſo erſcheinen wiederum dieſelben kleinen Badewannen. Es iſt die Zeit des Café au lait. Du biſt einge⸗ laden, lieber Leſer, etwa ein kleines Quart ſchlechten Kaffees mit übermäßig viel Milch in deinen Magen zu gießen; gibſt Du nicht Acht, ſo miſcht Dir der Garcon den Kaffee ſo weiß, wie man ihn bei uns in der Kinderſtube trinkt. Iſt aber das Unglück geſchehen und Du haſt die große Schale geleert, weil Du ſie doch bezahlt haſt, ſo ſiehe Dich rechtzeitig am Buffet nach einem petit verre, einem Gläschen Cognac, um, ſofern Du nicht mit argem Leibſchneiden in Paris eintreffen willſt.

Auf der belgiſchen und franzöſiſchen Grenze, in Verviers und Jeumont, beginnt das Prüfen der Herzen und Nieren durch die Douane. Finſter ſtehen die Douanewächter am Eingange vom Perron aufge⸗ pflanzt; ernſte und prüfende Blicke muſtern jeden Reiſenden, denn er könnte im Stande ſein, Cigarren oder dergleichen bei ſich zu tragen.

Man ladet Dich jetzt zu einem Spaziergang durch die Schranken der Douane ein. In einem Gänſemarſch, geprüft von dem wach⸗ ſamen Auge der Douane, bewegen ſich die Paſſagiere durch dieſe Schranken und werden in den Warteſaal geführt, ſofern ſie nicht unterwegs erſt ihr Handgepäck einer Durchſicht zu unterwerfen haben, indeß iſt man gern bereit, eine internationale Complaiſance zu üben, namentlich jetzt zur Zeit der Ausſtellung.

International lieber Leſer iſt nämlich Alles, was du auf dem Wege von Deutſchland nach Frankreich zu leiſten und zu empfangen haſt. Das Reiſebuch, welches man dir als Billet für die Tour nach Paris gibt, nennt ſichinternational, jeder Coupon in demſelben trägt die Bezeichnunginternational, der Gepäckſchein heißtinter⸗ national, welchen Ausdruck ich mir dahin überſetze: an den Kaſſen und bei den Reſtaurants werdet Ihr Alle über einen Kamm ge⸗ ſchoren. Und doch wollen die Directionen der verſchiedenen Eiſen⸗ bahnen damit vielleicht die internationale Artigkeit der Zollbehörden anerkennen, welche den Reiſenden jetzt wenigſtens nicht größeren Scheerereien unterwerfen, als ſie dringend nothwendig ſind, indem ſie jedes direct bis Paris übergebene Gepäck nicht auch noch zudring licher Weiſe an den Grenzen durchſchnüffeln.

Es will mir überhaupt ſcheinen, als ſei man ſehr artig jetzt, da es ſich darum handelt, Gäſte ſo viel als möglich herbei zu ziehen. Die Conducteure erſchöpfen ſich in Ertheilung der liebenswürdigſten Rathſchläge an jeden Fremden, der dieſe verlangt. Ob das aber auch ſpäter ſo ſein wird, wenn man ſieht, daß ſie von ſelbſt kommen? Bis jetzt ſpürt man noch großen Mangel an Beſuch, und doch iſt die Eröffnung der Ausſtellung vor der Thür; ja derFigaro fürchtet ſogar ſchon, man werde die Fremden wie die Statiſten vorn über die Bühne und hinten wieder herum über dieſelbe führen müſſen, damit ſie nur als rechtviele erſcheinen.

Gegen 11 Uhr Vormittags trifft man in Paris ein, wenn man notabene nicht mit dem Abend⸗Schnellzuge um 10 Uhr anlangt.

Unſer Nachbar⸗Coupé entließ ein halbes Dutzend reizender ſtumpf⸗ näſſiger Engländerinnen, Eine ſchöner als die Andere, blondlockig, mit großen ſentimentalen Augen hinter den dunklen Schleiern. Sie hatten von Köln aus die ganze Nacht hindur b geſchwatzt, ſie trugen Jede ihr großes korbgeflochtenes Flacon voll Eau⸗de⸗Cologne in der Hand, das ich ſie in Köln von dem Reſtaurant kaufen ſah, und hüpften wie die Amſeln auf dem Perron umher, fanden es aber very shocking, als man ſie zwiſchen den hölzernen Bänken der Wartehalle ſo lange auf ihr Gepäck warten ließ, was Alle mit einem indead! bekräftigten. Endlich hüpften ſie Alle in einen einzigen Wagen, der ſie zum Hoͤtel⸗de⸗Bade fuhr.

Frühling war's ſchon mehrere Stunden vor Paris geworden. Frühling lachte es in allen Straßen, als ich vom Embarcadère in

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die Stadt ſuhr. Frühling ſteckte ganz plötzlich in allen Gliedern, und die zierlichen Pariſerinnen, die hoch aufgeſchürzt durch den Schmuz tanzten, welchen Schnee und Froſt der letzten Tage zurück⸗ gelaſſen, ſie ſetzten die zierlichen Füßchen noch einmal ſo luſtig auf das Pflaſter. Es war ja Frühling geworden!

Die Tochter des Concierge blickte mich mit großen Augen an, als ich im wärmſten Sonnenſchein in das Hotel trat, als komme ich direct aus Grönland. Als ich nach dem Preiſe meines Zimmers fragte, antwortete die Wirthin des Hotels, den Blick gen Himmel richtend, als rufe ſie ihn zum Zeugen ihrer Uneigennützigkeit:Mon Pieu, Mousieur, unter hundert und funfzig Franes iſt es in einer Zeit wie der jetzigen unmöglich! Sie hatte alſo gerade funfzig Franes mehr gefordert als ſonſt, und dies wird denn auch der Preis für jedes anſtändige Zimmer während der ganzen Ausſtellung ſein, ſofern man nicht in einem Käfig wohnen will.

Mittag war vorüber, als ich auf dem Boulevard ſtand. Auch hier iſt's plötzlich Frühling geworden. Die Cafés haben ihren gelben Sand vor die Thüren geſtreut und ihre Stühle hinaus geſetzt. Da ſitzen die Pariſer ſchon und trinken ihr petit verre, ihre demi tasse, ihren Abſynth. Unaufhaltſam wie immer bewegt ſich der Strom der Paſſirenden, aber gruppenweiſe ſtehen ſie hier und dort vor den Cafés, am Eingang der Paſſage, geſticulirend mit ernſten und wichti⸗ gen Mienen.

Wer Paris kennt, der weiß auch mit ſeinem Pulſe Beſcheid. Was gibt's? Iſt die Ausſtellung abgeſagt, iſt der kleine Prinz geſtorben? Hat Girardin einen neuen Senſations⸗Artikel geſchrieben? Sind die Preußen über die franzöſiſche Grenze gerückt?

Nichts von Allem, Jules Favre und Thiers haben ſoeben im Corps législatif ihre fulminanten Reden gehalten. Im geſetzgeben⸗ den Körper hat ſich ein parlamentariſcher Sturm erhoben, wie⸗er ſeit der neuen Kaiſerzeit nicht getobt hat. Der alte Stamm des tiers-parti hat neue und wilde Schößlinge getrieben, Napoleon hat Dinge zu hören bekommen, die bis dahin unerhört geweſen; er hat die Regierung des Kaiſers, das Miniſterium in der europäiſchen Politik des vorigen Jahres der größten Unfähigkeit angeklagt, hat auf ihr Haupt die untilgbare Schuld gewälzt, daß Frankreich nicht mehr an der Spitze der europäiſchen Politik und Civiliſation marſchire, daß Italien dem Kaiſerreich einen Poſſen geſpielt, daß Bismarck, dieſer ſo verwegene und gefürchtete Miniſter, die ganze franzöſiſche Regierung dupirt und angeſichts Frankreichs ganz Deutſchland in die Taſche geſteckt habe.

Und Frankreich? Und Paris? Zum erſten Male ſeit 1815 hat es im vorigen Jahre Preußen, ja Deutſchland ſeiner politiſchen Auf⸗ merkſamkeit gewürdigt; was bisher dort paſſirte, konnte eben ſo gut in Hinter-Indien paſſirt ſein. Da plötzlich donnert der Name Sadowa über die Grenze und durch die Welt. Preußens Siege verdunkeln jene von Magenta und Solferino in einem ſiebentägigen Feldzuge. Niemand ſpricht mehr von Frankreich, Alles blickt auf den jungen und kühnen Staat, der die Verwegenheit hat, Frankreichs Gloire ver⸗ dunkeln zu wollen!

Verſchmerzt hatte das der Pariſer, wenn auch nicht vergeſſen. Jetzt kommt Thiers und rührt den ganzen Schmerz wieder auf. Ein Schrei durch ganz Paris. Bismarck und Preußen! ſtöhnt es aus jedem Munde. Wo war Frankreich, als Unerhörte geſchehen konnte? O, Thiers kennt ja ſeine Pariſer! D üthigung und Schmach der franzöſiſchen Eitelkeit durch eine Regierung, die ſich von Preußen die Zügel ſogleich aus der Hand reißen ließ! Das iſt die Parole, welche heute die Redner dem Volke zugerufen, der Vorwurf, welchen ſie dem Miniſterium ins Geſicht geſchleudert.

Und die Pariſer? Stünden die Preußen ſchon an der Grenze, nicht größer könnte die Aufregung ſein. Und dazu hat der Miniſter noch die Ungeſchicklichkeit gehabt, Frankreich an den 2. December, den Tag des kaiſerlichen Staatsſtreiches zu erinnern.

Ich trete in ein Kaffeehaus. Gruppen und heftige Discurſe überall. Bismarck und Preußen heißt es rings umher. Da ſitzen auch meine alten Freunde, Pariſer vom reinſten Seine-Waſſer, politiſche Fanatiker, denen mein Vaterland ſtets nur als ein Dorf erſchienen iſt.

Mit einem ironiſchen Lächeln trete ich zu ihnen. Sie ſehen mich an wie ein aus ihrer Zeitungs⸗Lectüre vor ihnen aufſteigendes preußi⸗ ſches Geſenſt.

Tiens, c'est vous! heißt es überraſcht. Man fragt mich: wie geht es in Berlin? Vortrefflich! Ganz Deutſchland unter einem Hut? Habt Ihr nicht die Depeſche geleſen? Ein Hurrah für Bis marck!

Der Abſynth ſchmeckte den Armen wie Galle, und ich bin über⸗ zeugt, er hat ihnen diesmal den Appetit zum Diner nicht rege gemacht.

Es war ein Tag des Aergers, denn zum Ueberfluß mußte gerade die heutige Abendzeitung auch die telegraphiſche Meldung noch bringen, daß der Süden Deutſchlands ſeine Conventionen mit Preußen ge⸗ ſchloſſen.

Hätte man dem Pariſer in dieſem Augenblicke die Nachricht ge⸗ bracht, die Preußen ſeien in Straßburg eingerückt, er würde nicht daran gezweifelt haben. Ich aber ſaß heute zum erſten Male in einem Pariſer Kaffeehauſe mit einem nationalen Hochgefühl, das ich nie gekannt, und lachte mir ins Fäuſtchen. Es wird fünf Uhr. Die