Jahrgang 
1867
Seite
427
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es um ihre weißen Schultern und ſchmiegte ſich in zierlichen Wellen auf den ruhig athmenden Buſen.

Ein ſanfter lieblicher Ausdruck lag auf des Mädchens Zügen. Sie blickte in milder Ruhe auf ein vor ihr ruhendes Heiligenbild. Ihre Gedanken weilten bei dem fernen Gelieb⸗ ten, und bei der Vorſtellung, daß ſie in kürzeſter Zeit in ſeine treuen Augen blicken und beglückt an ſeine Bruſt ſinken werde, verklärte ſich ihr Angeſicht mit einem himmliſchen Lächeln. Sie vergaß alle überſtandenen Leiden und freute ſich nun der Opfer, die ſie ihm gebracht. Da rauſchte es auf der Schwelle. Marie erſchrak.

Sie erbleichte, denn vor ihr ſtand Simon. ſtreckte ſie beide Hände gegen ihn aus.

Was fürchteſt du dich vor mir, ſprach Simon, heuch leriſch grinſend, und trat näher.Jch bin nicht gekommen, dich zu kränken; ich komme, Abſchied von dir zu nehmen, denn ich verlaſſe mit deinem Vater die Gegend, um in die Fremde zu ziehen. Dieſe Augen, die an dir ſo viel Gefallen ſunden, ſagte er hämiſch,wollten dich noch einmal ſchauen, trotzdem du mich verachtet, trotzdem du deinen Vater ver rathen; ſie wollten dich, die Abtrünnige, noch einmal ſehen, ehe du glücklichen Chriſten, dem der arme Jude Platz machen mußte, auf immer angehören wirſt. Ich werde dich verlaſſen, wenn ich dir noch einmal den Fluch deines Vaters wiederholt, ſeinen Jammer und ſein Elend beſchrieben und ſeine Verzweiflung werde geſchildert haben ſagte er und ſeine Hand, in der er feſt geſchloſſen ein kleines Fläſchchen hielt, zitterte krampfhaft. Die Furien der Eiferſucht und Rache erwachten mächtiger von ei ſeit er den Gegenſtand ſeiner Liebe wieder vor ſich ſah. Die letzte warnende Stimme er ſtarb in ſeinem Innern. Daß er ihr gleichgültig, das hätte er ertragen können, daß er ihr widerwärtig, das ertrug er nicht.

So verfalle denn deinem Schickſal, murmelte er vor ſich hin. Der Entſchluß ſtand feſt; es war entſchieden.

Er ſuchte noch eine Weile nach einer glücklichen Wendung zur Ausführung ſeiner Gräuelthat, die das Vorhaben des Böſewichts begünſtigen mußte. Vor dem Bette auf einem Tiſchchen ſtand ein Glas mit kühlendem Tranke; da hinein durfte er nur die todbringenden Tropfen fallen laſſen.

Fort, fort von mir! ſtöhnte Marie, als er ſich näher wagte, und wandte das Antlitz ab, um den Abſcheulichen nicht zu ſehen.

Der günſtig, der böſe Dämon flüſterte

Abwehrend

Vernichte! Gewiſſen ſchwieg. Schnell öffnete ſich ſeine Hand die tööbringenden Tropfen glitten in das Glas. Simon war zum Verbrecher geworden.

Marie blickte tiefathmend um ſich. Das Gemach war leer. Eine Ohnmacht wandelte ſie an; ſie griff nach dem Trank, um ſich zu ſtärken, und führte ihn an die Lippen; doch ein fremdartiger, abſtoßender Geſchmack ließ ſie das Glas bald wieder abſetzen.

Sie ſchauerte zuſammen, als habe ſie eine Ahnung, und ſank in die Kiſſen. Unbeweglich lag ſie da, die Augen ge ſchloſſen, gänzlich ermattet. Der Tag entfloh, der Abend ſank hernieder; das Abendroth ſtahl ſich durch die kleinen Fenſter in das Gemach Judith's, doch ſein ſcheidender Purpur beleuchtete nur noch eine Sterbende.

Die Doſis, welche Simon in den Trank gethan, für Fünf hingereicht.

Voll langer Erwartung ſtanden die Hausgenoſſen um das Schmerzenslager der armen, in fürchterlichen Krämpfen ſich windenden Judith. Der Arzt zuckte rathlos die Achſeln und erklärte, Menſchenhülfe ſei bei dieſem heftigen und ſchnell wirkenden Gifte, deſſen Symptome mit verheerender Kraft ſich kundgaben, vergebens.

Sorgfältig prüfte er den Inhalt des Glaſes und wies den Umſtehenden einen grünlichen Satz, der am Boden haftete.

Judith hatte gerade noch ſo viel Zeit und Beſinnung, um Denjenigen zu nennen, der in der Abweſenheit der Haus⸗ leute ſich in ihr Zimmer geſchlichen, und den ſie als den Urheber der gräulichen That vermuthete.

hätte

Die Wirkung des Giftes war eine ſehr ſchnelle. Schon lagerten die Schatten des Todes um die bleiche Stirne, ſchon brach ſich der Strahl des von unbeſchreiblichen Qualen zucken⸗ den Auges, die Bruſt hob ſich arbeitend, und der Athem war keuchend.

Da auf einmal wurde ſie ſtiller, die wüthenden Schmer⸗ zen hatten nachgelaſſen. Der Buſen flog nicht mehr ſo heftig, der Athem wurde leiſer, eine ſanfte Ruhe breitete ſich über dieſe im letzten Kampfe noch herrlichen Züge.

Man reichte ihr ein Cruzifix, ſie empfing es ergeben und preßte es mit gefalteten Händen an das in den letzten Lebensgluten zuckende Herz.

Jetzt wandte ſie plötzlich ihr brechendes Auge mit dem Ausdruck unausſprechlicher Sehnſucht nach det Thür, als ob ſie noch Jemanden erwartete, ehe ſie ihre Augenlider zum ewigen Schlafe ſchließen ſollte.

Als habe ihre ſcheidende Seele die Nähe des Geliebten geahnt, als wäre ſie frei umherſchwebend dem Theuerſten begegnet und hätte ihm zugelispelt, ſeine Schritte zu beflügeln, öffnete ſich raſch die Thür, und mit Staub bedeckt, im Reiſe⸗ kleid, trat Benda herein, mit erſchrockenem Auge die Scene überblickend.

Ein ſchwaches Lächeln, dem Mondenlichte gleich, das durch zarte Wölkchen ſchimmernd auf dem Blatte der geknick⸗ ten Lilie leuchtet, glitt über ihre todtbleichen Züge. Voll Entſetzen eilte Benda an das Sterbelager der Geliebten.

Sie reichte ihm mit letztem Kraftaufwand die ſchon er ſtarrende Hand und bedeutete ihm, daß ſie in ſeinen Armen ſterben wolle. Benda hob ſie an ſeine Bruſt, drückte ſeine Lippen an den Mund der Sterbenden und empfing mit dieſem Kuß ihren letzten Seufzer.

Ihre Seele war entflohen, in ſeinen Armen hielt er eine Leiche. Eine früh verwelkte Blume, eine Knospe für ein künftiges Daſein.

Die Dämmerung ſenkte ſich allmälich herab, tiefere Schat⸗ ten verbreiteten ſich im Gemach. Nur das laute Schluchzen des am Lager der früh entſchlummerten Geliebten knieenden Benda und das Gemurmel des betenden F unterbrachen die Stille des Ortes, wo ein treues, in Liebe ſich opferndes Herz aſht hatte zu ſchlagen.

Im Ausbruche ſeines unſäglichen Schmerzes verharrte er hier, bis auch der Prieſter ſich entfernt hatte und die Nacht herabſank mit ihren undurchdringlichen Schatten.

In ſeiner Verzweiflung ſtürzte er immer wieder auf die Leiche und klagte und jammerte im maßloſen Schmerze. Immer wieder preßte er die ſtarre Judith an ſein Herz und küßte ihre Lippen, die noch im Tode lächelten.

So blieb er zwei Tage und zwei Nächte, und als man endlich kam, um den Sarg zu ſchließen, ſie hinaus zu tragen und ins kühle traurige Grab zu betten, da wollte ſein Jammer kein Ende finden.

Schon waren die letzten Schollen auf ihren i ge⸗ fallen, heiße Srinen fielen aus ſeinen Augen auf d das friſche Grab. Die Freunde und die ganze Gemeinde, die dem Trauer⸗ zug des frühverblühten Kindes cheilnahmsvoll gefolgt waren, hatten ſich ſchon längſt zertheilt, nur er ſtand noch einſam gaued über dem Hügel, wo man ſein Einziges geborgen.

Da rauſchte es in den Zweigen der der Kirchhofs⸗ mauer nahe ſtehenden Bäume; ein Mann mit verwirrtem Haare, mit vor ſich ſtarrenden gläſernen Augen und wilden Geberden ſtürmte heran und ſtürzte ſich auf das Grab, die Erde mit ſeinen Händen aufſcharrend. Benda ſchauderte zu⸗ ſammen; er erkannte Simon, aber in welchem Zuſtande?

Wenige Minuten genügten, um zu erkennen, daß er

einen Wahnſinnigen vor ſich habe. Er raffte ſich zuſammen, mit einem letzten Blick den Hüger ſegnend, unter dem ein Engel ſchlummerte, und ſchritt von dannen, um ſeinen Schmerz in die weite Welt zu tragen.

Löbl überlebte die über ihn hereinſtürzenden Schläge nicht lange. Bald wurde auch er zur Ruhe getragen, und er vergab jenſeits, was er hier nie vergeben hatte.