Jahrgang 
1867
Seite
428
Einzelbild herunterladen

,

Die Weisſagung der Zigeunerin ging in Erfüllung. Franz Benda wurde der Glücksſtern ſeiner Familie. Er trat als Kammermuſiker in den Dienſt des Grafen Uhlfeld, dann wurde er bei dem Staroſten Suchaczewski in Warſchau Kapell⸗ meiſter und zuletzt im Jahre 1771, nach dem Tode Graun's, Concertmeiſter bei Friedrich dem Großen. Dieſer war Benda ſehr geneigt, und wenn Friedrich II. die Flöte blies, pflegte ihn Benda mit der Violine zu begleiten. Er war zu ſeiner Zeit der erſte Künſtler auf ſeinem Inſtrumente und gründete eine eigene Violinſchule.

Seine Aeltern, die er zu ſich nahm, unterſtützte er, ebenſo ſeine Brüder Johann, Joſef und Georg, die er zu tüchtigen Muſikern heranbildete.

128

Benda's Ruhm drang durch ganz Deutſchland und wurde nur durch das geniale Melodram ſeines Bruders Georg: Ariadne auf Naxos, geſchmälert.

Er vermählte ſich ſpäter mit einem böhmiſchen Mädchen. Von ſeinen ſechs Kindern wurden die beiden Töchter Sänge⸗ rinnen und zwei ſeiner Söhne Mitglieder der königlichen Ka⸗ pelle. Trotz ſeiner glücklichen Umſtände erloſch die Erinnerung an Judith und Löbl nie in ſeinem Herzen, und er war im Stillen immer noch dem Meiſter dankbar, der den Grund zu ſeinem nachmaligen Ruhme gelegt. Und als er nach vielen Jahren ſeine Heimat beſuchte, ließ er einen ſchönen Denkſtein auf das Grab ſetzen, das ſeine Jugendliebe barg.

Ein Künſtler im Harze.

Wer kennt nicht Mägdeſprung inmitten des lieblichen Selkethales, dieſe Idylle und Induſtrieſtätte zugleich inmitten waldbegrenzter, hoher Berge? Nur wenige der Touriſten gehen durch den Ort, ohne ſich den impoſanten gußeiſernen Obelisken auf ſeinem gewaltigen Sockel anzuſchauen, der hier zu Ehren des Fürſten Friedrich Albert von Bernburg errichtet iſt, des Gründers der Eiſenwerke von Mägdeſprung, deren Ruf heute weithin in Europa verbreitet iſt. Dieſer Obelisk von faſt ſechzig Fuß Höhe iſt zugleich ein Zeuge der Bedeutung, welche die Kunſteiſengießerei auf dem Mägdeſprung ſeit langer Zeit in Anſpruch nehmen darf. Harzer Reiſende bringen gern zum Andenken dieſe kleinen zierlichen, bronzirten Eiſen⸗ arbeiten mit, welche in der Factorei zu Mägdeſprung verkauft werden; es ſind oftmals Sachen von überraſchender Eleganz, von genialer Erfindung, von meiſterhafter Zierlichkeit. Nie⸗ mand wird anſtehen, zu ſagen, ſie müſſen einer begabten Künſtlerhand ihre Form verdanken.

Und nun fragt Ihr vielleicht:Wer macht denn dieſe Schreibzeuge, Tintefäſſer, Briefbeſchwerer, dieſe originellen Stiefelknechte, Schalen, Körbe, dieſe kleinen eiſernen Hirſche und Hunde, Jagd⸗ und Thierſtücke?

Wer ſie modellirt? fragt Euch gleichzeitig der Beamte der Factorei zurück.Unſer Former Kureck da drüben, ſetzt er hinzu, indem er auf ein Häuschen ſchrägüber weiſt. Wenn Sie ihn beſuchen wollen, können Sie noch eine Menge anderer Modelle ſehen.

Nun, denkt Ihr,beſuchen wir einmal dieſen Herrn Kureck, der ſo allerliebſte Kunſtſachen macht, es mag ſich wol der Mühe verlohnen, ſeine Modellkammer zu beſichtigen.

So geht Ihr nun hinüber, tretet in das offene Haus, wo in allen Ecken und Winkeln gypſene Medaillons und Platten ſtehen, klettert die ſteile Treppe hinauf und öffnet die nächſte Thür. Da ſeht Ihr Euch nun mitten drinnen in dem Atelier dieſes Formers der Mägdeſprung⸗Eiſengießerei, oben und unten, an der Decke und auf der Erde allerlei Gypsfiguren, auf den Tiſchen, zwiſchen denen Ihr Euch kaum durchklemmen könnt, bunt durcheinander Modelle der ver⸗ ſchiedenſten Art, zu Ofenplatten, Geſimſen, zur Burg Falken⸗ ſtein und zu Fontainen, zu Drachen und Gnomen, zu Hirſchen und nachgemachten Denkmälern, zu Blumenkörben und Frucht⸗ ſchalen. Und an einem Fenſter findet Ihr den Meiſter, den Ihr ſuchen wolltet, einen kleinen, unterſetzten Mann, in Mitte der Vierziger, mit hübſchem, treuherzigem, mit ſchwarzem Schnurrbart gezierten Geſicht, in weißleinener Blouſe und die Hände voller Formthon. Das iſt Meiſter Kureck, und er begrüßt Euch in biederer deutſcher Art, legt das Schabmeſſer neben das noch unfertige Modell, an dem er eben arbeitet, und fragt nach Eurem Begehr.

Ihr ſagt's ihm, und er iſt gern bereit, Euch ſeine Modelle

Geſchmack und die Originalität des Künſtlers aus dieſen Arbeiten anerkennen. Da blickt Ihr nun noch, ſchon im Gehen, durch die offene Thür in ein kleines Nebengemach auf eine mächtige Thiergruppe. Erſtaunt tretet Ihr näher, und fragend blickt Ihr Meiſter Kureck an.

Ja, ſagt dieſer,dies ſind meine außerordentlichen Vergnügungsarbeiten; ich habe deren noch mehrere im untern Zimmer, wo Sie dieſe Gruppe auch noch einmal finden wer⸗ den, wenn Sie ſie ſehen wollen.

Nit einem ganz anderen Reſpect folgt Ihr nun Meiſter Kureck nach ſeiner Kammer für die Modelle zu ſeinem Ver⸗ gnügen; der Blick auf die ſtattliche Thiergruppe hat Euch hinlänglich belehrt, daß Ihr mit einem Künſtler von größerem Talent und Schaffensdrang zu thun habt, als nach den aller⸗ liebſten Eiſengußarbeiten anzunehmen war. Und unten, in⸗ mitten der privaten Arbeiten, die Euch Kureck zeigt, findet Ihr bei näherer Prüfung, daß er ein Bildhauer, ein Künſtler von genialen Anlagen iſt. Wie bei allen Naturaliſten, iſt auch bei ihm nicht Alles in der Ausführung der Arbeit correct; man ſieht, keine Schule hat die natürlichen Anlagen gezogen, aber auch nicht verkünſtelt. Dieſe Thiergruppen tragen den Stempel des Friſch⸗Urſprünglichen an ſich; ſie ſind naturwahr, wenn auch rein künſtleriſchen Auſprüchen im Ein⸗ zelnen nicht immer genügend. Dieſer Hipſch, den die Hunde ſtellen, dieſer Schmerz und dieſer Zor Blick, in dem Ausdruck, in deren Haltung des edlen, Feinen Tod ahnenden Thieres wie prächtig hat der Künſtler es nicht gebildet, wie ſpricht aus all dieſen Thieren und ihrer Gruppirung eine geniale Kraft, ein ſchöpferiſches Talent, eine künſtleriſche Liebe! Iſt es nicht natürlich, daß Ihr Meiſter Kureck fragt, ob er mit dieſen Werken auch an die Heffent⸗ lichkeit getreten ſei?

Doch, doch, antwortet er Euch;im herzoglichen Schloß und Park zu Bernburg und Deſſau ſind mehrere von dieſen meinen Privatarbeiten; der Herzog ſelbſt hat viel Theil⸗ nahme dafür gezeigt, und der frühere anhaltiniſche Miniſter von Schätzel munterte mich zuerſt durch mehrere Beſtellungen auf, in meinen Mußeſtunden ſolche Arbeiten zu machen. Auch ſandte ich meine erſte größere Arbeit dieſer Art, einen lebens⸗ großen Hirſch, 1860 nach der Berliner Kunſtausſtellung, wo⸗ für mir das Prädicat eines akademiſchen Künſtlers verliehen wurde. Ich kann alſo wol zufrieden ſein.

So haben Sie eigentlich gar keine Anleitung erhalten, um ſolche große Kunſtwerke zu ſchaffen?

Nein, ich lernte durch die Naturbeobachtung, zu welcher ſich hier vollauf Gelegenheit bietet. Mein Vater war Form⸗ meiſter in Sayn bei Coblenz, und dort wurde ich 1821 ge⸗ boren, erhielt dann beim Hüttenverwalter, ſpäter bei einem

zu zeigen. Ihr ſeht ſie ja ringsum ſtehen und glaubt es wol, was er Euch ſagt, daß die meiſten längſt nur noch in Eiſenguß da ſind. Und doch müßt Ihr die Vielſeitigkeit, den

Sahn Modelliren, vervollkommnete mich dann durch die Praxis

in andern Eiſengießereien und bin ſeit 1843 in meiner jetzigen

Stellung, als Modelleur der Eiſengießerei zu Mägdeſprung.

Ingenieur, Zeichenunterricht, erlernte bei meinem Bruder in