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herbeiſchleppte, damit er ſich von der Wahrheit des Gerüchtes, das ſich blitzſchnell verbreitet, ſelbſt überzeuge und den Act der heiligen Handlung womöglich noch verhindere.
Doch zu ſpät! Die Taufe war bereits vollzogen. Die Pathin empfing aus den Händen des Prieſters die Ge⸗ taufte.
„Wehe dir, unwürdige Tochter Iſraels“, rief in ver⸗ zweiflungsvollem Schmerz der blinde Vater, als er vernommen, daß bereits Alles vorüber.„Fluch dir, daß du abgefallen vom wahren Glauben deiner Väter! Im Grabe wird ſich deine Mutter umdrehen und um Rache rufen zu Jehovah! Fluch dir, daß du verrathen und geſchändet die grauen Haare deines alten Vaters! Wie du dich losgeſagt vom Glauben, ſo ſage ich mich los von dir! Mein Fluch folge dir überall, kein erquickender Schlummer ſenke ſich auf deine müden Lider, kein froher Augenblick ſei dir vergönnt, nur die Seufzer deines Vaters ſollen in dein Ohr tönen, gleich Grabgeſang. Einſam magſt du verrathen leben, wie ich einſam und verlaſſen bin! Höre meinen Fluch und räche mich, Jehovah!“
Nach dieſen Worten rang der Greis verzweiflungsvoll die Hände, raufte ſich die ſpärlichen Haare ſeines Bartes und zerriß ſein Gewand zum Zeichen der Trauer über eine Todte.
„Und nun komm und laß uns gehen, Simon, ſchließe du meine blinden Augen, wenn der letzte Seufzer dieſes armen verlaſſenen Vaterherzens verhallt ſein wird, denn ich habe kein Kind, du haſt keine Braut mehr!“
Darauf ſtützte er ſich müde und erſchöpft auf die Schulter des ſtaar vor ſich hinblickenden Simon und wankte zur Kirche hinaus!
Marie, die Getaufte, ſtand bebend vor der erſchrockenen Menge, die mit Abſcheu den Weggehenden nachblickte und Drohungen ihnen nachmurmelte.
Manches Herz war erſchüttert von dem Schmerze des Greiſes, Manchem ſchauderte es in der tiefſten Seele vor dem ſchrecklichen Fluche des fanatiſchen Alten, insgemein aber hatte man Mitleid mit dem armen, nun verlaſſenen und verſtoßenen Mädchen.
Judith⸗Marie, die in der letzten Zeit ſo viele Kämpfe mit ſich ſelbſt, ſo viele Verfolgungen von Seiten Simons, ſo viele bange Sorgen und Vorwürfe ihres Gewiſſens zu be⸗ ſchwichtigen hatte, deren Geiſt unaufhörlich mit verzehrender Unruhe und Ungewißheit rang, hatte nicht mehr Kraft genug, auch dies noch zu ertragen.
Wie ſie auch auf dieſen Augenblick mit Muth und Aus⸗ dauer gerüſtet, wie ſie ſich auch anſtrengte, den Zornesaus⸗ bruch gefaßt zu ertragen: ſein Fluch vernichtete ſie.
Erſchöpft waren ihre Kräfte, erſchöpft Geiſt und Körper; ſie brach zuſammen gleich einer vom Sturm geknickten Blume. Sie hatte erwartet, Benda werde ſie gewiß ſchützen, leichter hätte ſie in ſeiner Gegenwart dem Sturme widerſtanden; doch er kam nicht, und ihr von Zweifel und Angſt gefoltertes Herz erlag der peinigenden Ungewißheit.
Voll aufrichtiger Beſorgniß nahm man ſich der Armen an.
Im Hauſe ihrer Pathin wurde ſie liebevoll aufgenommen. Arm und Reich wetteiferte in Sorgfalt für Judith⸗Marie; ſie war nicht verlaſſen, denn eine ganze Gemeinde nahm ſich ihrer an, eine ganze Gemeinde erkannte ſie als Tochter an und trug gemeinſchaftlich Sorge für ſie. Kein Mangel war an Geld noch ſonſtigen Gegenſtänden; von allen Seiten wurde freudig beigeſteuert, der Verlaſſenen einen neuen Herd zu gründen.
Doch Judith⸗-Marie konnte für das Alles nicht danken, denn ſie wußte von Allem nichts. Eine ſchwere Krankheit umhüllte ihren Geiſt mit den wirrſten Phantaſiegebilden. Im heftigſten Delirium rief ſie unaufhörlich den Namen des Ge— liebten, verwünſchte Simon und beſchwor ihren Vater, den ent⸗ ſetzlichen Fluch von ihrem Haupte zu nehmen.
Lange wollte es trotz aller Pflege nicht gelingen, die Macht der Krankheit zu brechen. Hartnäckig hatte ſich das Uebel der innerſten Fibern und Nerven bemächtigt und wollte nicht weichen, bis es endlich doch dem geſunden Organismus gelang, die Oberhand zu erlangen.
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Langſam kehrte das Bewußtſein zurück, allmälich erholte ſich Geiſt und Körper, und die Geneſung ward zur Ge— wißheit.
Kaum waren ihre Sinne von den Fieberbanden befreit, kaum konnte ſie wieder denken, ſo war ihre erſte Frage nach Benda. Doch zum Glück waren gute Nachrichten von ihm eingegangen, mit denen man die vom Tode Gerettete erfreuen konnte.
Seine baldige Ankunft ſtand in Ausſicht.
Unmöglich war es ihm geweſen, bei der Taufe zu er⸗ ſcheinen, da er von Prag nicht fortkommen konnte, und wäre er dennoch gegangen, ſo hätte er dadurch ſeinen Aufenthalt in Prag wenigſtens um ein Jahr verlängern müſſen.
Voll Sehnſucht und Liebe lauteten ſeine Grüße an Judith. Solche Nachrichten waren natürlich geeignet, auf den Zuſtand Mariens wohlthätig einzuwirken.
Eifrig war die Nachfrage nach dem Befinden der Ge— neſenden, am eifrigſten aber bekümmerte ſich um ſie ihr ge⸗ weſener Bräutigam Simon. Kein Tag verging, daß er nicht die ausgedehnteſten Ausforſchungen über den Zuſtand ihrer Krankheit eingeholt hätte. Je mehr man ſich der Hoffnung hingab, daß ſie geneſen werde, deſto trüber, deſto bleicher und eingefallener wurden ſeine Wangen, deſto düſterer und hohler ſein Blick.
Er ſchien an dieſer Geneſung keinen Gefallen, keine Freude zu haben. Und ſo war es auch. Seit Judith Chriſtin geworden, ſeit die volle Gewißheit, daß ſie ihm für immer entriſſen ſei, klar vor ſeinen Geiſt trat, wünſchte er nichts ſehnlicher als ihren Tod; denn er gehörte zu jenen Charakteren, die lieber einen geliebten Gegenſtand vernichtet als in den Hän⸗ den eines Anderen ſehen wollen.
Wie ein böſer Geiſt ſchlich er um das Haus, in dem Marie wohnte, bei Nacht und Nebel herum. Ein finſterer, rachſüchtiger Gedanke bemächtigte ſich ſeiner und wurzelte immer tiefer in ſeinem feindſeligen Herzen.
Als er erfuhr, daß die Ankunft Benda's gewiß und keine Macht der Welt das Bündniß der Liebenden mehr zu trennen im Stande ſei, wuchs ſein Haß aufs Höchſte.„
Er ſann und dachte nichts mehr als Rache. Tag und Nacht irrte er umher wie ein Verzweifelnder. Am liebſten hätte er ſie Beide vernichtet.
„Er ſoll ſie nicht haben, und wenn ich ſie mit eigenen Händen umbringen ſollte!“ 2
Umbringen!— Entſetzen, welch teufliſcher Gedanke! Und dennoch konnte er ſeiner nicht mehr los werden. Er ver⸗ folgte ihn; gleich einer Harpie krallte er ſich in ſeinem Innerſten feſt, belebte jeden Athemzug, durchzuckte jeden Pulsſchlag.
Keine Raſt noch Ruhe, wie Feuer brannte ſein Hirn, wie von giftigen Geißeln gepeitſcht ſchäumte ſein Blut, jede Nerve zuckte, jede Muskel tobte.
Rache! Gekühlt mußte ſie werden, dieſe Glut, gelindert dieſe Pein! In ſeinem grenzenloſen Haß wußte er nicht ein⸗ mal, wen von Beiden früher zu zermalmen.
So gräßlich ihm auch im Anfange die Ausübung eines Mordes vorkam, ſo ſehr er bemüht war, ſich von dem grinſen⸗ den Bilde des zerſtörenden Todes abzukehren, ſo gewöhnte er ſich nach und nach doch daran und wurde allmälich dem ſchaurigen Verbrechen zugänglicher und vertrauter.
„Ein Stäubchen Gift!“ murmelte er vor ſich hin,„und der Chriſt mag ſie dann hinnehmen, die kalte, ſtarre Judith; mag ſich ergötzen an ihren eiſigen Küſſen! Aber wie? da⸗ mit kein Verdacht auf dich fällt, Simon, damit du ſicher und ohne Zeugen das falſche abtrünnige Herz zu ewigem Schweigen bringſt? Sei auf der Hut, es muß gelingen! Judith iſt ja oft genug allein!
Er hatte recht. Judith⸗Marie, die nun raſch der Ge⸗ neſung zuſchritt, konnte ſchon ohne ihre Hüterin bleiben, die min ihrer Arbeit nachgehen mußte.
So ſaß ſie eines Tages matt auf ihrem Lager und dankte freudig Gott für die Rückkehr ihrer Lebenskraft. Sie hatte ihr reiches Haar aufgeflochten und war bemüht, es in die gewohnte Ordnung zu bringen. Wie ein Mantel hing
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