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Träumereien verſunken;
Wachenhuſen's Hausfreund. X. 9.
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er ſie und drückte einen glühenden Kuß auf ihre zitternden Lippen.
Entſetzt wand ſie ſich aus ſeiner Umarmung, ſtieß ihn mit Anwendung aller ihrer Kräfte von ſich und ahndete ſeine Zudringlichkeit durch einen derben Schlag auf die Wange. Bleich und bebend ertrug Simon dieſe Beleidigung der Ent— rüſteten, und ſeinen Zorn bemeiſternd ſprach er:„Warte, ich werde dich ſchon zähmen, biſt du nur erſt mein Weib. Der Tag, wo ich dein Herr werde, iſt nicht mehr fern, bis dahin will ich gedul⸗ dig deine Launen ertra⸗ gen.“ Darauf entfernte er ſich und ließ Judith allein. Dieſe war froh, daß er ſie verlaſſen, Ab⸗ ſcheu erfüllte ihr Herz, mit Sehnſucht wünſchte ſie die Stunde herbei, wo ſie in die Gemeinde aufgenommen und ſo zwi— ſchen ihr und Simon eine unüberſteigbare Schranke ſich erheben werde.
So ſaß ſie da, in
denn morgen ſchon ſollte ſie in die Kirche und zur Taufe geführt werden, die im nahen Städtchen von dem Pfarrer vollzo— gen werden ſollte, ohne daß in ihrem Dorfe Jemand eine Ahnung da— von hatte.
Benda wußte um Alles und verkündete ihr durch ein Schreiben, ſie möge ihn erwarten, er werde gewiß zur Feier⸗ lichkeit erſcheinen. Sie ſaß voll Erwartung; beim Geräuſch der Schritte ei⸗ nes jeden Vorübergehen⸗ den ſprang ſie auf. Doch vergebens. Zum letzten Male ſank die Sonne hinter den Ber⸗ gen zur Ruhe, am Tage, wo Judith noch ihrem alten Glauben angehörte. Feierliche Stille herrſchte rings umher, rein prangte der Himmel über ihrem Haupte, freundlich nickte der Abendſtern durch die grünen Nußbäume, und die Blumen wiegten ſich träumeriſch.
Die Abendglocke tönte friedlich vom nahen Kirchthurme, Judith erinnernd, wie viel neue Bedeutung ſie nun auch für ſie habe. Noch einmal zogen an ihrem Blicke die Tage der Vergangenheit vorüber. Die zahlloſen ungetrübten Stunden ihrer Jugend und die ſeligen Augenblicke, die ſie verlebt an Benda's Herz.
Doch warum war er nicht da, warum kam er nicht, um am entſcheidenden Tage ihr zur Seite zu ſtehen?
Ihr Herz ſchlug bange. Wie, wenn er ſie verlaſſen ſollte? Nun, da ſie im Begriffe war, ihm ſo ein großes Opfer zu bringen, wo ſie ſich abwendete vom greiſen Vater, wo ſie ſich losſagte von ihrem Volke und es ihr nicht mehr gegönnt ſein ſollte, das Grab ihrer, Mutter zu beſuchen und
Eine Elſafſerin.
ſich Beiſtand und Rath bei ihr zu erholen? Ihr Herz ſehnte ſich nach Beruhigung. Und wo konnte ſie dieſe in der ſchwerſten Stunde ihres Lebens ſich holen als im Gebet!
Sie ſank, vom mächtigen Einfluß des feierlichen Augen⸗ blickes beherrſcht, auf ihre Kniee, um zu dem Gotte zu beten, dem ſie morgen ihr Gelübde ablegen ſollte. Ihre Hände falteten ſich inbrünſtig; ihre Augen waren dem tiefen Abend⸗ himmel zugekehrt:„Allmächtiger Gott, der du dein Herz gleich⸗ gültig öffneſt den Juden wie den Chriſten“, flehte ſie,„vergib mir, aber ich kann den Willen meines Vaters nicht erfüllen! O, führe du ihn, den ich ſo innig liebe, in meine Arme, damit er mir helfe, meines Vaters Zorn zu beſchwören! Gott der Liebe und Gnade, ſegne mich und den blinden Greis!“
S ieie ſi in tiefes Gebet verſunken, und ihr Herz hatte Ruhe gefunden.
Inzwiſchen war Löbl, der ſein Haus ſo gut kannte, daß er tappend darin herumgehen konnte, aufderSchwelle erſchienen, hatte die letzten leiſe ge⸗ ſprochenen Worte ver⸗ nommen und ſegnete ſie im Geiſte.
Jetzt ſtand Judith auf und erblickte den Greis. Mit einem tiefen Seufzer eilte ſie ihm ent⸗ gegen, um ihn vielleicht zum letzten Male zu um⸗ armen.
Feierlich tönten die Glocken, die Kirche war geſchmückt. Das Volk ſtrömte neugierig in die Gotteshalle.„Eine Jüdin wird getauft, eine Toch⸗ ter der Iſraeliten legt das katholiſche Glaubens⸗ bekenntniß ab! Kommt, laßt uns ſie anſehen!“ So tönte es von allen Seiten. Voller und vol⸗ ler wurde das Gottes⸗ haus. Hell flackerten die Kerzen am Altare, und zitternd, in weiße Gewänder gehüllt, kniete mit gefalteten Händen der Täufling vor dem Kreuze des Erlöſers auf den geweihten Stufen. Voll des heiligſten Eifers glühten ihre Augen, voll Demuth war ihr Haupt auf die Bruſt geneigt; um Gnade flehend, waren ihre Hände gefaltet. Jetzt reichteihr der Prieſter die brennende Kerze, ſalbte ihre Stirne und goß das geweihte Waſſer über ihr Haupt. Die letzten Worte ihres Bekenntniſſes waren verklungen. Schon war ſie gezeichnet mit dem heiligen Kreuze und als Chriſtin aufge⸗ nommen in den Verband der Gemeinde. 3
Da erhob ſich ein Geräuſch, das Volk trat zur Seite, um zwei heranſtürmenden Männern Platz zu machen. Jeder blickte verwundert und beſtürzt nach den eindringenden Ruhe⸗ ſtörern. Simon war es, der den blinden, ſtöhnenden Greis 54
(Siehe S. 431.)


