ſollte ſogar— ein Advocat, der 1848 Präſident der mecklen⸗ burgiſchen Nationalverſammlung war— ſchuſtern lernen. Da er dafür dankte, ließen ſie ihn tüchtig fromme Tractätlein abſchreiben.“
„Nun, das hat auch nichts geholfen, wovon ſich der mecklenburgiſche Bundescommiſſar Dr. Wetzel wol überzeugt haben wird.“
„Uebrigens ſaß Wiggers kein Jahr lang— der Groß⸗ herzog begnadigte ihn. Er hatte auch, wie Sie wiſſen wer⸗ den, vorher die Flucht von Kinkel aus Spandau gefördert.“
„Und ſeit ſeiner Entlaſſung?“
„Iſt er Privatmann. Sein Bruder Julius iſt ebenfalls im Reichstag; er iſt Profeſſor der Theologie und als ſolcher in ewigem Hader und Proceß mit den mecklenburgiſchen Teufelsbeſchwörern. Natürlich auch abgeſetzt, hat auch außer⸗ dem, wie ſein Bruder, wegen Hochverraths im Gefängniß ge⸗ ſeſſen— auch auf Feſtung. Uebrigens freuen Sie ſich, es iſt ſchon auf Schluß angetragen.“
„Da ſpricht ja noch ein Herr Salzmann?“
„Ein Rechtsanwalt aus dem Weimariſchen, der hier die liberalen Unterthanen der berühmten Fürſtin Karoline von Reuß älterer Linie vertritt.“
„Berühmt? Warum iſt ſie berühmt?“
„Erſtens durch den Kladderadatſch; zweitens hat ſie doch Krieg mit Preußen geführt, wenn es auch nicht zum Schießen kam; drittens legt ſie jetzt die Regentſchaft nieder.“
„Aber hören Sie doch dieſen Herrn Salzmann! Das iſt ja herrlich, prächtig! Dieſer Humor!“
„Und auch dieſes ſtürmiſche Gelächter! Die edlen Herren haben ſich lange nicht ſo gut amüſirt!“
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„Der Mann hat die Zunge anf dem rechten Fleck. Herr Gott, wie nimmt der die arme reußiſche Regierung und Herrlichkeit mit!“
„Nun, Ende gut, Alles gut! Der Schluß wird ange⸗ nommen, lieber Freund. Schon mahnt der ſtarke Simſon wieder, daß Keiner aus der Art mit den perſönlichen Be⸗ merkungen ſchlage. Er meiſtert gern, der große Simſon.“
Die Sitzung war zu Ende; wir gingen. Beim Verlaſſen des Hauſes fragte ich den Eiſenbahn⸗Bauunternehmerr, wie er ſich amüſirt habe.
„O, vortrefflich“, erwiderte er,„ich habe alle Hoffnung, daß Deutſchland in den Sattel gehoben wird und daß es dann reitet, wie Graf Bismarck ſagte.“
„Hopp, hopp, hopp!“„Mein Schatz iſt a Reiter— a Reiter muß ſein.“
„Wie ſagte doch der Naſſauer Braun?“ fragte er.
„Mit einem lateiniſchen Stoßſeufzer, wie gewöhnlich, citirte er deutſch:
Sind wir unterm ſichern Dach Glücklich erſt geborgen,
Läßt für wohnliches Gemach Sich ſchon weiter ſorgen!“
„Sehen Sie— der Mann denkt praktiſch; er ſteht auf dem Boden der Thatſachen. Ja, ja, mein Lieber!“
Und ſelbſtzufrieden verabſchiedete er ſich, und ich, ich weiß nicht wie es kam, ſummte nach einer neuen Melodie:
„Freiheit die ich meine, Die mein Herz erfüllt,“ u. ſ. w.
Jum Schutze der nützlichen Vögel.
Von Karl Müller.
Radicale Heilmittel gegen die culturfeindlichen Inſekten und andere Thiere können, nach dem Vorhergehenden, nur darin gefunden werden, daß man die Vögel im Allgemeinen ſchont und ihre Verbreitung fördert, daß man aber auch An⸗ ſtalten trifft, gewiſſe Vogelarten, die ſich am meiſten in frag— licher Hinſicht auszeichnen, ganz beſonders zu ſchützen. Wie? Das iſt eben die Frage, auf welche unſere Denkſchrift tiefer eingeht, ſowie auch das preußiſche Landesökonomie-Collegium neuerdings befliſſen ſein ſoll, der Antwort einen Boden zu bereiten.
Offenbar nämlich hat die Maſſe unſrer Vögel abge⸗ nommen. Wodurch? Das ſoll uns zunächſt die Denkſchrift ſelbſt ſagen. Der größte Theil der Inſekten freſſenden Vö⸗ gel beſteht aus Zugvögeln, die uns im Herbſt verlaſſen, um nach dem Süden zu ziehen. Auf dieſer Reiſe paſſiren ſie be— kanntlich die ſüdlichen Küſtenländer; allein, die Bewohner der⸗ ſelben ſind ſeit uralter Zeit, und ſicher nur hervorgerufen durch das maſſenhafte Erſcheinen dieſer Zugvögel, wahre Or— nithophagen. die Wachteln herfielen, ebenſo fallen noch heute z. B. die
Italiener über jeden Vogel her, der ſich in ihrem Geſichts⸗
kreiſe blicken läßt, als ob es gälte, die Welt von einem Unthier zu befreien. Es iſt bereits viel über dieſe Unſitte der Südeuropäer geſchrieben worden, und beſonders ſind es v. Tſchudi und Gloger, deren Angaben in der Regel nach— geſchrieben werden. So auch von unſerer Denkſchrift. Um gerecht zu ſein gegen eine Nation, welche uns in dieſem Augenblicke politiſch ſo nahe ſteht und auch ſonſt Anſpruch hat auf unſere beſondere Achtung, müſſen wir auch einmal die andere Seite hören, und dieſe vertritt der berühmte Zoo⸗ log Karl Vogt, ein Mann, der ſich in den Mittelmeer⸗ ländern perſönlich bewegte, während die beiden Genannten nur nach Hörenſagen und Literatur ſchrieben. Nach Vogt
Wie die Juden in der Wüſte hungrig über
(vgl. deſſen„Vorleſungen über nützliche und ſchädliche, ver⸗ kannte und verleumdete Thiere“, Leipzig, 1864)„ſind die Italiener im Herbſte vollkommen in ihrem Rechte, wenn ſie vertilgen was ſie können; denn dann fallen alle dieſe Vögel, die ſich bei uns im Frühjahr und Sommer von Inſekten nähren, die Grasmücken und Dünnſchnäbler ſowol wie die Finken und Droſſeln, mit einer durch die Reiſe geſchärften unerſättlichen Freßgier über die ſüßen Früchte des Südens her und ſtopfen ſich dergeſtalt mit Trauben, Feigen und Oliven, daß ſie kaum mehr im Stande ſind, einige Schritte weit zu fliegen.“ Daher kommt auch an der ganzen pro⸗ vencaliſchen Küſte, von Nizza bis Marſeille, das Sprich⸗ wort:„Beſoffen wie ein Krammetsvogel“, weil man den unſichern Flug der gefräßigen Vögel der Trunkenheit zu⸗ ſchreibt, welche der Genuß der Trauben bewirken ſoll, wäh⸗ rend Vogt das leugnet und es nur dem übermäßigen Fraße zuſchreibt. Er dürfte jedoch darin irren; denn auch in den ſüdlichen Vereinigten Staaten kommt derſelbe Fall und die⸗ ſelbe Erklärung vor, obſchon ſich dort die Vögel nicht über⸗ freſſen, da ſie keine Veranlaſſung dazu haben, wie die aus⸗ gehungerten Zugvögel der Mittelmeerküſten. Dies jedoch bei Seite geſetzt, iſt es wichtiger zu wiſſen, daß zu dieſer Zeit die Krammetsvögel einen faſt fingerdicken öligen Speck auf dem ganzen Leibe haben und die Grasmücken ausſehen, als ſeien ſie in Butter gewickelt.„Die Feinſchmecker kennen auf den erſten Blick diejenigen Vögel, die ſich mit Oliven gemäſtet haben und begreiflicherweiſe im Geſchmacke den aus dem Waldgebirge ſtammenden Vögeln, welche würzige Beeren verſchlingen, weit nachſtehen. Wie kann man nun vernünftiger⸗ weiſe den Italienern zumuthen, die Vögel, welche ihre Ernten zerſtören, deshalb zu ſchonen, weil dieſelben im Norden, wo andere Culturbedingungen herrſchen, im Frühjahre die In⸗ ſekten wegfreſſen!“ So Vogt, und ſicher mit Recht. Daß
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