Jahrgang 
1867
Seite
421
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übernächtig ausſieht. Offenbar choleriſchen Temperaments, wird es ihm wol an die Galle gegangen ſein, als Graf Bis⸗ marck die trockene Bemerkung fallen ließ, jeder Däne in Nord⸗ ſchleswig würde Dänemark ſechzig Thaler koſten. Das iſt doch am Ende ein bischen theuer. Herrn Kryger, dem anderen Dänen im Norddeutſchen Reichstage, wird dieſe Mit theilung wol weniger ſchaden; er macht den Eindruck eines echten, gutgenährten, rothbäckigen Amtmanns, dem es wohl bekommt und der ſich die Verdauung nicht leicht ſtören läßt.

Jetzt wurde die Sitzung eröffnet; die Abgeordneten nahmen ihre Plätze ein, das Geſumme verſchwand nach und nach. Mein Freund machte mich auf die Inſaſſen der Hof loge aufmerkſam. Der Kronprinz war dort nebſt einigen anderen Herren.

Ja, bemerkte ich,das iſt noch nie dageweſen! Der Reichstag iſt hoffähig.

Der Kronprinz erwiderte der Eiſenbahn⸗Bauunter nehmer,iſt ſehr oft hier und ſcheint ſich Notizen während der Debatten zu machen. Der Militär neben ihm iſt der Herzog von Meiningen; er hat einen hübſchen Schnurrbart. Und der andere Herr in Civil, monologiſirte mein Freund weiter,iſt der Prinz von Naſſau; er trägt eine Brille merlwürdig! Warum iſt der eigentlich hier bei Hofe, da er doch wegen der Annexion Naſſau's bitterböſe ſein müßte?

Er will vielleicht Herrn Braun reden hören, ſagte ich lakoniſch.In ſeinem Vaterlande galt der Prophet wenigſtens für den Hof von Naſſau nicht ſo viel wie hier. Doch, hören Sie, ob Sie etwas Schönes, Begeiſterndes in den Reden der Herren finden, die ſich da um des Göttinger Staatsrechts⸗ profeſſors Zachariae, eines guten Hannoveraners, Zankapfel ſtreiten, den er mit ſeinem Amendement für die Conſervi⸗ rung der kleinſtaatlichen Souveränetäten hingeworfen. Herr Schwarze ſpricht, der Generalſtaatsanwalt aus Dresden, der auch bei den Juriſtentagen mehrfach präſidirte.

Aha, gloſſirte mein Freund,ſtellt ſich auch auf den Boden der gegebenen Thatſachen glaubt auch nicht parti⸗ culariſtiſch zu ſprechen, will aber berechtigte Sonderintereſſen ſchonen, keine Gleichmacherei.

Nun, hat er da nicht Recht? Soll denn Alles gleich in das Prokruſtesbett gepreßt werden?

Immer rrein damit! brummte dieſer ſchonungsloſe Eiſenbahn⸗Bauunternehmer.Schrader fragte er dann, ſagen Sie, wer iſt Schrader?

Wie Sie hören, ein Schleswig⸗Holſteiner, ein Auguſten burger, der vor Kurzem von der preußiſchen Regierung aus dem Amt geſetzt wurde. Er war Paſtor in Kiel, ein warmer Streiter für Schleswig⸗Holſteins Recht.

Ach ein Idealiſt! Hören Sie doch: er will nicht glauben machen, daß er in ſchleswigeholſteinſchem Particularis⸗ mus befangen ſei und kein Herz für Deutſchland habe dieſer graue Auguſtenburger!

Grau ſind die Meiſten hier, Beſter, d. h. die Köpfe; lauter Mentors! Wie ſelten ſehen Sie eine junge Haarfülle, unter der ein junges Herz ſchlägt! Dieſer brave Herr Schrader kann gut reden, daß ohne den Grund der Freiheit für den Norddeutſchen Bund kein dauernder Boden gewonnen werde wo iſt die Jugend, die dies verſteht?

Phraſen, Phraſen! rief der Eiſenbahn⸗Bauunternehmer.

Halten wir uns an die Thatſachen! Gut denn da ſehen Sie Herrn Schraps, einen ſächſiſchen Advocaten, der iſt noch jungblütig, feurig hören Sie doch, wie die Zunge mit dieſem kleinen Mann, mit dieſer ſchmächtigen Figur davon rennt. Aber ſeine energiſchen Züge drücken angenehm die Begeiſterung für die liberale Sache aus. Und was noch für ein dichtes, ſtarres, ungegrautes Haarpolſter auf dem Kopfe!

Warum intereſſiren Sie die Haare ſo ſehr?

Weil man oft an den Haaren den Mann erkennt.

So? Was ſagen Sie alsdann zu des Hrn. v. Hammer⸗ ſtein Haaren?

Sein Graukopf auf dem dicken Rumpfe inmitten ſteifer Vatermörder verſpricht, da er einem hannöverſchen Exminiſter

gehört, viel Verdrießliches. Es ſoll übrigens ein ſehr gut herziger Mann ſein, der die Annexion ergeben wie ein Ge ſchenk des Himmels hinnehmen wird.

Herr Grumbrecht! Ah, darnach wollte ich Sie ſchon fragen.

Grumbrecht iſt auch ein Hannoveraner, Bürgermeiſter

von Harburg, ein ſehr liberaler, entſchiedener Mann, der froh iſt, daß es ſo gekommen, und der noch froher wäre, wenn's noch beſſer käme. Der alte, knurrige Mann ſaß ſchon im Frankfurter Parlament, dann in der hannöverſchen Kammer, gehörte auch ſeit 1863 zum volkswirthſchaftlichen Congreß. Er ſchilt genug auf die Lauheit nnd Kühle, die über die Herzen gekommen iſt; aber was kann Tom dafür, wenn Tom friert? Warum kauft ihm ſein Vater keine Handſchuhe! Da geht er hin mit dem Seufzer, daß das Streben nach Einheit gegenwärtig ſo groß ſei, um darüber leider auch die Freiheit manchmal zu vergeſſen. Allzu viel iſt auch nicht geſund immer Eile mit Weile, mein Lieber! Wenn wir nur erſt etwas haben! Hören Sie mal dieſen Dr. Jäger, der iſt ſo ein Mann nach meinem Herzen. Alle Kleinſtaaten ſchließlich mit Preußen vereinigt, auch Sachſen. Hören Sie nur, wie die Sachſen darüber brummen und ohohen! Das iſt doch noch ein praktiſcher Standpunkt eines Demokraten. Wer iſt Pr. Jäger?

Bürgermeiſter in Hirſchberg und Abgeordneter für Reuß jüngere Linie, erwiderte ich und fuhr dann fort:Nun, da wird Ihnen auch der Abgeordnete von Wächter gefallen, der gelehrte Herr dort, welcher keine Zeit zu einer längeren Dis⸗ cuſſion über Grundrechte des Volkes verlieren kann. Auch cein alter Frankfurter!! Wenigſtens tagte er, damals Pro feſſor in Tübingen und Präſident der würtembergiſchen Kammer, mit im Profeſſoren Vorparlament von 1848. Der rüſtige Greis er iſt wol ſiebzig Jahre iſt ſeit lange ſchon wieder Profeſſor in Leipzig und auch Mitglied des ſächſiſchen Staatsraths. Der Mann iſt aus dem vorigen Jahrhundert und daher conſervativ.

Sehen Sie den kleinen, hageren Herrn dort, der eben ein Glas Waſſer nimmt? Mit dem hab' ich einmal vor mehreren Jahren zu thun gehabt: es iſt Herr Erxleben, der Finanzminiſter in Hannover unter Windthorſt war. Ein ent⸗ ſchiedener Hannoveraner, conſervativ und den Preußen gewiß nicht freundlich, aber ſonſt wol ein harmloſer Politiker.

Mein Gott, rief ich jetzt,hören Sie doch den mecklen⸗ burgiſchen Schmerzensſchrei! Dieſer edle Graf Baſſewitz! Es wird Einem ordentlich wohl, wenn man die reine Sprache der Natur wieder hört! Wie ſchmerzt es den edlen Junker aus dem Obotritenland, daß ein ſo ehrbar⸗conſervativer Mann wie Wagener den mecklenburgiſchen Fürſten ſo gut wie an⸗ deren die Stellung des Lords Palmerſton und Derby als Muſter vorzuhalten gewagt! Und dieſe Naturangſt vor der freien Concurrenz, die in das feudale Mecklenburg brechen könnte!

Es dauert diesmal recht lange, finde ich, ehe die Dis⸗ cuſſion geſchloſſen wird. Es iſt doch am Ende ſchon genug geſprochen!

Ja wohl, mein lieber Herr Eiſenbahn⸗Bauunternehmer. Wie viel wird auch gerade jetzt nicht in der Welt geſprochen. Ueberall Parlamentsreden!

Ah, da tritt Wiggers auf, der« Beſtrafte», den ſie doch aber als ereinlich und zweifelsohne anerkannt haben. Wunderbar genug hätt's nicht geglaubt! Da macht er eine gute Schilderung von Mecklenburg, wovon die Rechte nichts hören mag. Es iſt ein gewiſſer Comment dabei, wie ſie einen ihr misliebigen Redner unterbricht! Aber der alte Wiggers gibt nichts darauf; es thut ihm ſehr leid hahaha! aber er hat 16 Jahre lang in Mecklenburg ſchweigen müſſen! wiederholte mein Freund lachend Moritz Wiggers Worte und ſetzte dann hinzuNa, er ſoll nur hier reden, dem Grafen Baſſewitz antworten ganz recht! Sagen Sie mal, hat er denn wirklich im Zuchthaus geſeſſen?

Freilich, in der Strafanſtalt Dreibergen, wo er als

gemeiner Züchtling behandelt wurde à la Kinkel! Er