Jahrgang 
1867
Seite
420
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Arzt die Frage und klopfte ſich mit dem Finger an die Stirn, um an ſein ſehr beanſpruchtes Gedächtniß zu pochen.Ja, ich erinnere mich des Namens... Er iſt hierher geſchafft worden, aber beim beſten Willen bin ich nicht im Stande... Lahrſtein! wiederholte er.Ganz recht! Gehen Sie in jenes Haus, aus welchem Sie ſoeben die Leiche heraustragen ſehen. Dort werden Sie Auskunft erhalten!

Lahrſtein war zu Muthe, als müſſe er in die Erde ſinken. Seine Kraft, ſeine Zähigkeit waren bereits auf der Reiſe hierher und am Platze ſelbſt auf die ſchwerſten Proben geſtellt worden; der Gedanke aber, daß eine Leiche aus dem⸗ ſelben Hauſe geſchafft ward, in welchem er ſeinen Sohn unter denen wußte, die dem Tode geweiht waren, dieſer Gedanke machte ſeine Glieder erzittern. Mühſam gelang es ihm, ſich aufrecht zu erhalten.

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Der Arzt grüßte ihn inzwiſchen höflich und folgte ſeiner Pflicht. Lahrſtein ſtand da und ſuchte ſich zu faſſen. Da plötzlich packte ihn die Angſt; mit Anſtrengung ſeiner letzten Kräfte eilte er die ſchmale Straße entlang, auf das ihm be⸗ zeichnete Haus zu.

Wenn es Leopold... wenn es ſeine Leiche, wenn er zu ſpät gekommen war!

Dieſe Vorſtellung betäubte ihn. Er mußte ſich an eins der Häuſer ſtützen, um nicht zuſammen zu ſinken; ein Schleier legte ſich vor ſeine Augen.

Aber wiederum packte ihn der Gedanke, er komme viel leicht zu ſpät. Wieder raffte er den Reſt ſeiner Kräfte zu⸗ ſammen und ſtürzte weiter.

(Fortſetzung folgt.)

Reichstags-viſiten.

Von Schmidt⸗Weißenfels.

Mein Freund, der Eiſenbahn⸗Bauunternehmer von außer⸗ halb, holte mich zu einer neuen Sitzung des Reichstages, Leipzigerſtraße Nr. 3, neben der Porzellanmanufactur, ab. Man war bei der Specialdiscuſſion über die einzelnen Ab⸗ ſchnitte der Verfaſſung bei welchem, kann ich nicht mehr ſagen: das Abſtimmen, En-bloe⸗Annehmen geht ja mit der Schnelligkeit der Miquel'ſchen Locomotive, die ſich am Main nur mit Kohlen und Waſſer verſorgt.

Die Sitzung war noch nicht angegangen, und ſo ver fielen wir wieder in die Unterhaltung über Dies und Jenes, was vom Reichstage zu ſagen und zu denken, und kam eine

der neuerdings bekannter gewordenen Perſönlichkeiten da unten

in unſren Focus, ſo gedachten wir ihrer mit großer Theil nahme, er oder ich gab einen flüchtige Silhouette davon. Uebereinſtimmend waren wir darin, daß bisher als be⸗ deutendſter parlamentariſcher Kraftzuwachs die annectirten Advocaten Miquèl, Bürgermeiſter in Osnabrück, und Braun aus Wiesbaden anzuſehen ſeien, zwei Nationalliberale, die in dem glücklichen Fahrwaſſer mit ihrer ganzen National⸗ vereins⸗Schleppe dahin ſchwimmen.*

Auch Herr Michaelis tritt ſehr bedeutend hervor, bemerkte mein Freund;er iſt ſo ein rechter Praktiker, für's Reelle Eiſenbahnen, Paßweſen, Fiſcherei, Zölle. Er iſt ja wol ein Altpreuße und auch Mitglied des Abgeordneten⸗ hauſes?

Ganz recht dort auf dem Eckplatz der fünften Bank der Linken können Sie ihn ſehen, jener hagere Mann mit dem nüchternen Ausſehen, flachsblondem Kopf. Er iſt geborener Weſtfale und Mitredacteur derNationalzeitung. Er ge⸗ hört zu den Volkswirthen, und kann man ſich auch nicht er wehren, darunter alles Mögliche zu verſtehen, manchen Hum⸗ bug, auch der politiſchen Geſinnung, hinter dieſem leicht zu beſchaffenden Schild zu wittern, ſo iſt doch Michaelis in Wahrheit ein tüchtiger Volkswirth, ein Mann von gediegenen Kenntniſſen, anſpruchslos und ohne die gewöhnliche nativnal ökonomiſchen Flauſen. Er hat ſich durch dieſe Gediegenheit ſeit fünf Jahren als Abgeordneter zu Anſehen und beſonderer Autorität emporgebracht, und wahrſcheinlich, obwol er liberal iſt, ſteht ihm noch eine Carrière bevor. Von Hauſe aus war er Juriſt, wurde aber wegen eines Preßvergehens 1849 aus dem Juſtizdienſt entlaſſen und iſt ſeitdem einer der tüchtigſten Mitarbeiter und Redacteure der Nationalzeitung.

Es gibt auch einen anderen Michaelis, nicht ſo?

Einen Michelis, Verehrteſter, auch Mitglied des Ab⸗ geordnetenhauſes ſeit Kurzem, einen radicalen Katholiken, der nicht immer Glück mit ſeinen herzhaften demokratiſchen Ideen macht, aber doch allerhand Achtung verdient. Er iſt, glaub' ich, Pfarrer im Münſterſchen, ſitzt aber nicht mehr im Reichs⸗

tage, weil ihm der Präſident Simſon kränkenoe Zurecht⸗ weiſungen ertheilte, die wol zu denken gaben.

Haben Sie wol bemerkt, wie ſich die Schlagworte bei den Debatten ſeit deren Beginn verändert haben?

Wie meinen Sie dies? Der Reichstag hat ja nur Ein Schlagwort, dünkt mich. Ein Orcheſter ſtreicht nach Einem Takt. Die ganze Compoſition läßt verzweifelt kalt, mein Beſter; nicht einmal eine zündende Melodie!

Laſſen Sie nur! Es geht nüchtern zu, aber deſto praktiſcher. Nun will ich Ihnen die Schlagwörter ſagen: Bei der Generaldiscuſſion Einheit und Freiheit; bei der erſten Specialdiscuſſion Deutſch und National; bei der folgenden Einheitsſtaat und Bundesſtaat. Die Summe, die bis jetzt addirt wurde, beſteht aus den erſten Factoren; macht: Deutſcher Einheitsſtaat. Die andern addiren ſich jetzt nicht.

Die Freiheit bleibt alſo übrig.

Ich habe mir einige Namen von Rednern notirt, ſagte er, nun abbrechend und langte ſein Notizbuch hervor.Sie ſind in den letzten Sitzungen aufgetreten. Vielleicht können Sie mir den Einen oder den Andern zeigen und etwas charakteriſiren. Wollen Sie?

O, bitte, mit Vergnügen! Sagen Sie nur immer die Namen.

Er nannte zuerſt Herrn Kantak.

Kantak iſt ein altes polniſches Mitglied des Abgeord⸗ netenhauſes, und ſeitdem der kleine Fledermausgraf Cies⸗ kowski nicht mehr da iſt, hat er das Amt des Sprechers. Zufällig tritt er dort in die Thür, ein Mann in mittleren Jahren, ſchlank, mit blondem Haar und einer zerſtörten Naſen⸗ ſpitze, er trägt gewöhnlich einen polniſchen Rock. Uebrigens ein ſeltener Redner, aber gut, klar, beſtimmt, voller Energie, Pole mit Ueberzeugung und geachtet im Hauſe wegen ſeiner Mäßigung. Nun, Sie wiſſen, er ſtieß den polniſchen Schmerzens⸗ ſchrei aus, auf den Graf Bismarck wieder ſo entſchieden ant⸗ wortete, daß er alle Hoffnung der Polen zu vernichten ſuchte. Eben drückt er ſehen Sie einem kleinen, beweglichen Herrn mit leidendem Geſichtsausdrucke die Hand. Es iſt ſein Landsmann, von Niegolewski, ein leidenſchaftlicher Geiſt, wie Sie an ſeinem lebhaften Augenſpiel bemerken können, der auch in der letzten preußiſch-polniſchen, freilich ſehr harmloſen (Verſchwörung? mit verwickelt war. Er gibt Polen nicht verloren, wie er auch dem Grafen Bismarck geſagt hat, ohne daß es dieſen ärgerte.

Ahlemann, der däniſche Abgeordnete, der den Schmerzensſchrei der Nordſchleswiger, oder richtiger der Süd⸗ dänen ausſtieß und ſeine Rede ablas?

Ja, ich habe nicht die Ehre! Er iſt eben Däne und zufällig preußiſch geworden, ein langer, hagerer Herr, der wie

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