—
———
—
— 419„—
Zweifel in ihr auf.„Sag' mir Alles, Lahrſtein!“ bat ſie inſtändig.„Sieh, die ſchlimmſte Gewißheit kann ja nicht ärger ſein als dieſe Todesangſt!“
„Beruhige dich“, antwortete Lahrſtein.„Er hat einen leichten Streiſſchuß am Kopf bekommen und iſt ins Lazareth geſchafft worden. Ich laſſe dieſe Nacht noch anſpannen, um zu ihm zu reiſen. Um 5 Uhr Morgens geht der Zug.“
„Ich begleite dich!“ rief die Mutter.
„Unmöglich! Ein Weib in dem Kriegsgetümmel! Es iſt genügend, wenn ich bei ihm bin!“
Lahrſtein ſprach dies ſo beſtimmt, daß die Mutter ſchwieg. Sie warf ſich auf den Seſſel zurück. Troſt war's ihr aller— dings, den Sohn am Leben zu wiſſen; aber verwundet war er, und wer konnte wiſſen...
Lahrſtein hatte ſeine Gattin geſchont, indem er ihr eine Nachricht gab, an deren Tröſtlichkeit er ſelbſt nicht glaubte. Frau Lahrſtein ſchonte die Kränklichkeit ihrer Tochter, indem ſie ihr die Nachricht ebenfalls in möglichſt gutem Lichte gab. Marie pries den Himmel für Leopold's Erhaltung. Jetzt lag er im Lazareth, er war alſo nach ihrer Ueberzeugung vor ferneren Kugeln geſchützt, und dieſer Gedanke hatte nament⸗ lich für die Frauen viel Troſt in ſich.
Lahrſtein reiſte noch in der Nacht, um ſeinen Sohn zu pflegen und ihn, wenn er ihn noch am Leben finde und ſo— bald ſeine Wunde es geſtatte, in die Heimat zu führen.
Im Dorfe hieß es, Leopold Lahrſtein ſei in der Schlacht gefallen.
13. Ein Vaterherz.
Der Feſtung Königgrätz gegenüber, auf dem anderen ufer der Elbe, auf dem äußerſten rechten Flügel des Schlacht⸗ feldes, erhebt ſich das Schloß Hradeck, unter den vielen feu⸗ dalen Schlöſſern Böhmens eins der modernſten und inter⸗ eſſanteſten.
Man erzählte den König im Jahre 1865 für das kommende Jahr hierher zur Jagd geladen.
Er kam und es ward eine fürchterliche, blutige Jagd.
Schloß Hradek aber, der ſtolze, ſchöne Bau, ward am Abend des ſchweren Tages noch zum ſchweren preußiſchen Lazareth umgeſchaffen; die ſchönen Säle, in denen ſonſt die fürſtlichen und gräflichen Gäſte ſich bewegten, ſie beherberg— ten jetzt für lange Wochen die noch lebenden Opfer des Tages, und raſtlos thätig waren die Aerzte, von ihnen zu retten, was dem Tode noch zu entreißen war.
Die Preußen waren weiter gezogen; ein Theil der Oeſterreicher hatte ſich nach Olmütz geworfen, ein anderer war in der Richtung auf Wien nach Pardubitz abgezogen.
Es war vorauszuſehen, daß erſt vor den Donau⸗Schanzen von Floridsdorf eine zweite, große Entſcheidung geſchehen könne, wenn nicht vorher die Vermittelung der Cabinete einen Friedensſchluß zu Stande brachte.
Faſt acht Tage waren ſeit jener denkwürdigen Schlacht verfloſſen. Schloß Hradeck war ein Trauerhaus geworden, aus welchem täglich eine Anzahl Unglücklicher hinaus und in die kühle Erde getragen wurde, an denen Menſchenkunſt ſich umſonſt verſucht hatte.
Viel, unendlich viel geſchah, um durch die Sammlungen der Wohlthätigkeit den Braven die Schmerzen zu erleichtern: nur die Zeugen aber der herzzerreißenden Scenen in den den Schlachtplatz umliegenden Lazarethen kannten den ganzen Umfang der Marter, welche jenes blutige Spiel hinter den vorwärts marſchirenden Truppen zurückgelaſſen.
Es war bereits Abend geworden. Die letzten Strahlen der niedergehenden Sonne vergoldeten die Thürme von König⸗ grätz, den romantiſch gelegenen Johannesberg und umſpielten die ſchlichten Kreuze, welche die letzte Ruheſtätte der Helden bezeichneten.
Mit trauerndem Blick ſehen wir einen uns bekannten ſtattlichen Herrn an der Seite eines Arztes durch die Kranken⸗
ſich, der Beſitzer deſſelben, Graf H. habe
In ganzen Reihen ſtanden die Betten der Schwerver— wundeten an den Wänden entlang. An einzelnen derſelben waren die Aerzte, die Krankenpfleger, die barmherzigen Schweſtern beſchäftigt; an anderen ſaßen mit kummervollem Antlitz und thränenfeuchtem Blick Angehörige des Unglück⸗ lichen, die zu ſeiner Pflege herbeigeeilt waren und deren Schmerz das tief eingeſunkene Auge, das bleiche, leidende Geſicht des Kriegers vergeblichen Troſt einzuflößen ſuchte, einen Troſt, an den das ſo matt und bange klopfende Herz vielleicht ſelbſt nicht glaubte.
Eine feierliche Stille herrſchte in allen Gemächern des Schloſſes, nur unterbrochen zuweilen durch einen Schmerzens— laut, den die brennende Wunde erpreßte, oder durch den leiſen Tritt der ſich von einer Stätte zur anderen bewegenden Aerzte und Chirurgen.
„Sie überzeugen ſich, Herr Lahrſtein, daß Ihr Sohn nicht in dieſem Lazareth liegt“, ſagte der den Fremden begleitende Arzt, während ein Seufzer des Erſteren die Wahr— heit dieſer Worte beſtätigte.„Ich rathe Ihnen, noch heute den Weg nach Nechanitz hinab zu machen. Sie werden den Ort noch vor Einbruch der Dunkelheit leicht erreichen, wenn Sie den Spuren der Colonnen geradeaus folgen. Ich zweifle nicht, daß Sie den Verwundeten dort finden werden.“
Lahrſtein, der alle ſich ihm unterwegs entgegenſtellenden Hinderniſſe überwunden und nach mühevollen Tagen, ſchlaf⸗ loſen Nächten das Schloß erreicht hatte, in welchem er den Theuren finden ſollte, wenn ihn der Tod ihm nicht ſchon inzwiſchen für immer entriſſen hatte, Lahrſtein, der trotz der Ausſage der Aerzte noch immer die Hoffnung gehegt, Leopold unter den Opfern hier zu finden und mit Angſt in jedes aller dieſer abgezehrten Geſichter geblickt hatte, er reichte dem Arzt mit aufrichtigem Danke die Hande
„Nehmen Sie den herzlichſten Dank für Ihre Mühe, Herr Doctor“, ſagte er, während ſein Auge ſich feuchtete, „und verzeihen Sie es einem Vaterherzen, wenn es in Ihre Worte den geringſten Zweifel zu ſetzen wagte.“
„Wir ſind bereits daran gewöhnt, Herr Lahrſtein“, ant⸗ wortete der Arzt.„Obgleich unſere Aufgabe hier eine ſchwierige, unſere Kräfte faſt überſteigende iſt, wiſſen wir doch, was wir denen ſchuldig ſind, deren Angehörige den Triumph des Vaterlandes mit ihrem Blut erkauften. Ich wünſchte wohl, ich könnte Ihnen ferner zu Dienſten ſein, doch die Pflicht ruft und“...
Lahrſtein ſah, daß er die koſtbare Zeit des Arztes nicht länger beanſpruchen dürfe, daß dieſelbe denen gehöre, die ſchon beim Anblick des Arztes Troſt und Hoffnung empfinden. Mit ſchwerem Herzen ſchied er und ſchlug den Weg die An⸗ höhe hinab nach dem Orte ein, der unter einem waldigen Hintergrund zu ſeinen Füßen am Ufer des Flüßchens lag, das in der Schlacht eine ſo bedeutſame Rolle geſpielt.
Vorüber an niedergebrannten Gehöften, über zertretene Kornfelder und Aeccker, durch welche ſich die Colonnen ihren Weg gebahnt und in welche die Geſchütze ihre tiefen Spuren eingeſchnitten; über hingeſtreute Armaturſtücke, Granatſplitter, zerſchlagene Laffetten und die Spuren verlaſſener und ver⸗ wüſteter Bivouakplätze, erreichte Lahrſtein endlich das Biſtritz⸗ Thal, die rohe Brücke, welche von den vordringenden Preußen über den Fluß geſchlagen war, und betrat hinter derſelben den kleinen Ort, in welchem ſich ihm der ganze Wirrwarr entgegenſtellte, den der Krieg hier mit all ſeinem Elend zurück⸗ gelaſſen.
Es gelang ihm, zwiſchen den Sanitäts⸗ und Bagage⸗ wagen eines Lazarethgehülfen, den ihm die Armbinde kennt⸗ lich machte, habhaft zu werden. Dieſer war mit all der Pietät, welche den Verwandten der Unglücklichen gewidmet ward, gern bereit, den Fremden in die Lazareth⸗Häuſer zu führen und übergab ihn einem der dirigirenden Aerzte, der ihnen in der Straße begegnete.
Mit von bangſter Ahnung gepreßter Stimme wagte Lahrſtein an dieſen eine Frage nach ſeinem Sohne zu richten.
ſäle des Schloſſes gehen.
Athemlos hing ſein Auge an den Lippen des Mannes. „Lahrſtein... Lieutenant Lahrſtein!“ wiederholte der
53


