Jahrgang 
1867
Seite
418
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ſchwieg den ganzen Tag hindurch und mehrte dadurch auch die Angſt der Uebrigen, und während der Nacht lag ſie ſchlaf⸗ los, oder ſie ſchreckte aus böſen Traumbildern auf, wenn ſie wirklich vor Ermattung das Auge einmal geſchloſſen.

Lahrſtein hatte gute Hoffnung und ſah finſter auf das ſeiner Meinung nach thörichte Benehmen der Gattin.

Ach, Lahrſtein, zürne mir nicht! rief ſie dann.Es liegt mir ja wie ein Alp auf der Bruſt; ich werde von Viſionen verfolgt, die...

Schaudernd barg ſie das Antlitz in den Händen.

Lahrſtein ging dann hinaus in die Luft, ins freie Feld, um ſich den Kopf klar zu erhalten.

Uebermorgen muß ja ein Brief von dem Jungen kommen! murmelte er ſich tröſtend, und ſo ſagten ſich Alle.

Der Uebermorgen kam. Mit ſchwer belaſteter Bruſt ging man im Hauſe umher, der Stunde harrend, welche dieſe Angſt verbannen ſollte.

Der Mittag kam. Die Geſchäftsbriefe kamen. Von Leopold kein Schreiben. Lahrſtein erblaßte. Seine Zuverſicht ſank. Er war

nicht im Stande, die Briefe zu öffnen; er hatte keinen Sinn für ihren Inhalt.

Nur die Zeitungen ergriff er mit fieberartiger Haſt und überflog ſie, als müſſe er darin eine Nachricht über ſeinen Sohn finden.

Alle die Siegesbotſchaften las er faſt bewußtlos, dann ließ er das letzte Blatt auf das Pult ſinken und ſtützte die Stirn in ſeine Hand.

Da trat Eugenie wider ihre Gewohnheit ins Bureau.

Haſt du den Brief, Papa? fragte ſie, zum Pulte eilend.

Aber ein Blick auf das faſſungsloſe Antlitz des Vaters ſagte ihr Alles. Schwach wie ſie war, taumelte ſie zurück und klammerte ſich an den Rand des Pultes.

Kein... Brief! hauchte es troſtlos über ihre bleichen Lippen.

Er wird wol morgen erſt kommen! ſagte der Vater, den Arm um das ſchwächliche Kind legend.Es war Thor⸗ heit, ſchon heute ein Schreiben zu erwarten! Bei dem Wirr warr nach einer ſolchen Schlacht iſt es ja unmöglich, daß heute ſchon Briefe von dort hier ſein können.

Glaubſt du... Papa? ſagte Eugenie matt und klein⸗ laut, aber doch eſo gern geneigt, Vertrauen in des Vaters Worte zu ſetzen.

Ich glaube es nicht nur, ich bin davon überzeugt, antwortete dieſer.Denke dir doch nur, Kind, die Confuſion, welche nach einem ſolchen Tage in der Armee herrſchen muß. Unmöglich kann die Feldpoſt abgefertigt worden ſein.

Aber die Mutter! wandte Eugenie ein, als wolle ſie ſagen, daß dieſe ſich ſchwerlich mit ſolchen allerdings vernünf tigen und ſachgemäßen Gründen werde beſchwichtigen laſſen.

Die Mutter wird warten wie wir und auf Gottes Beiſtand hoffen, der unſern Leopold beſchützt, ſagte der Vater ernſt und nachdrücklich, in der Ueberzeugung, er müſſe einen Trumpf ausſpielen, um die Weiber in Raiſon zu halten.

Eugenie hatte nicht den Muth, allein nach Hauſe zu gehen; ſie wagte es nicht, der Mutter die Mittheilung zu machen, daß kein Brief gekommen ſei.

Mit ſtummer Bitte klammerte ſie ſich an den Vater.

Dieſer verſtand, was in dem Kinde vorging. Verdrieß⸗ lich ſetzte er die Mütze aufs Haupt und trat mit Eugenie den Weg zur Wohnung an.

Als die Mutter, am Fenſter ſtehend, Beide betrübt daher kommen ſah, wußte ſie, was man ihr bringen werde. Mit einem Seufzer ſank ſie auf den Stuhl.

Wer die Angſt eines Mutterherzens kennt, das den Sohn in Gefahr weiß, der ſtellt ſich vor, was Frau Lahrſtein litt.

Der Tag verſtrich, die Nacht verſtrich. Auch der nächſte Tag brachte keinen Brief. Wer ſchildert den Schmerz, die Thränen! Mutter und Tochter waren ein Raub der Ver⸗ zweiflung, Marie wankte wie ein Schatten durch das Haus, und mit zitternden Gliedern verrichtete ſie, was ihr jetzt doppelt oblag.

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Da gegen Abend, als es bereits zu dunkeln begann, kam ein alter Mann aus dem Dorfe auf den Hof und be⸗ gehrte, Herrn Lahrſtein zu ſprechen.

Mismuthig trat ihm dieſer entgegen, als der Arbeiter, ein Greis, ſeine Mütze unter dem Arm, reſpectvoll über die Schwelle ſchritt und an der Thür ſtehen blieb.

Verzeihen Sie, Herr Lahrſtein, begann er mit beweg⸗ ter Stimme;ich habe mir die Freiheit genommen, weil ich hörte, daß Sie noch keine Nachricht von Ihrem Herrn Sohn

Lahrſtein ließ ihn nicht zu Ende kommen. Er legte haſtig ſeine Hand auf die Schulter des Greiſes und blickte ihm forſchend ins Geſicht.

Was bringt Ihr? fragte er mit zitternder Stimme.

Dann ſchaute er ängſtlich im Zimmer umher.

Schnell, habt Ihr Nachricht? ſetzte er hinzu, als er ſah, daß er mit dem Alten allein ſei.

Dieſer zog mit ſeiner zitternden Hand einen Brief hervor.

Mein Sohn ſteht in demſelben Bataillon... ſagte er mit Anſtrengung.

Lahrſtein hörte nicht mehr auf ihn, denn er wußte ja, was der Alte ſagte. Mit bebenden Händen öffnete er das grobe, ſchon ſtark geknitterte Papier.

Nit fieberhaft glühendem Auge arbeitete er ſich durch die unorthographiſch und mit plumper Hand geſchriebenen Zeilen, in welchen der Sohn ſeinem Vater Nachricht gab, daß er noch am Leben und unverſehrt ſei.

Schon zog die Hoffnung wieder in ſein Herz, da kam er an die Zeilen:

.. dem Pentz ſind beide Beine von einer Granate weggeſchoſſen; er ſoll noch am Abend amputirt ſein und iſt wol ſchon todt. Schröder hat dieſelbe Granate den Knöchel über dem Fuß zerſchmettert. Er liegt im Hospital. Lieutenant Lahrſtein hat einen lebensgefährlichen Schuß in den Kopf be⸗ kommen und liegt...

Der Brief entſank Lahrſtein's Hand. laut entrang ſich ſeiner Bruſt.

Ein Schmerzens⸗

Mitleidig ſchaute der glückliche Vater auf den unglück⸗

lichen.

Seien Sie nicht böſe, Herr Lahrſtein, wenn ich Sie er⸗ ſchreckt habe, ſagte er mit furchtſamer Stimme, während er den Brief aufhob und ihn wieder zu ſich ſtecken wollte.

Lahrſtein hatte ſich aber inzwiſchen geſammelt. Ein ent⸗ ſchloſſener Charakter, wie er war, hatte er ſich ſchnell in die Situation gefunden, wie traurig ſie auch war.

Er entriß dem Arbeiter nochmals den Brief, vielleicht ſtand noch ein Troſt in demſelben.

Abermals las er:

.. und liegt in Nechanitz oder Hradek. Ich kann nichts weiter über ihn erfahren, denn wir marſchiren in dieſem Augenblick.

Das war Alles.

Geht, ſagte er.

Ich danke Euch. Laßt Niemand

hier erfahren, was Ihr mir gebracht habt! 5

Der Arbeiter ging.

Lahrſtein warf ſich in einen Seſſel und barg das Ant⸗ litz in den Händen.

Mein Sohn! Mein armer, armer Sohn! ſtöhnte er.

Aber über ſich ſelbſt erſchreckend, ſprang er auf, blickte

umher, um ſich zu überzeugen, ob ihn Jemand gehört habe,

und ſchritt in das Zimmer ſeiner Gattin, in welchem dieſe

in ſtillem Schmerz und mit thränenſchweren Augen daſaß. Nachricht von Leopold! rief er ihr zu.

Er lebt? rief ſie ihm aufſpringend entgegen und er⸗

faßte ſeinen Arm. Er lebt! Gottes Gnade ſei geprieſen! klang es aus dem angſt⸗ bedrängten Herzen. Er lebt, iſt aber leicht verwundet!

hinzu.

ſetzte Lahrſtein

Verwundet! wiederholte ſie und wieder ſtiegen .

die .